Doppeltes Exil

Die Dramen von Max Zweig liegen in einer neuen Werkausgabe vor

Von Axel SchmittRSS-Newsfeed neuer Artikel von Axel Schmitt

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Max Zweig, 1892 im mährischen Proßnitz geboren und 1992 in Jerusalem gestorben, hinterließ ohne Frage ein weitestgehend unbekanntes Œuvre. Das hat einen doppelten Grund: Zum einen wurden lediglich neun seiner zweiundzwanzig Dramen mit eher geringem Erfolg aufgeführt, zum anderen fanden die Dramen auch in gedruckter Form nur eine verschwindend geringe Resonanz: Die Ausgabe der Dramen im Ernst Deutsch Verlag wurde Mitte der 60-er Jahre eingestellt; die fotomechanische Reproduktion der übrigen Dramen, Essays, Novellen und Gedichte durch Freunde unter der Federführung von Elazar Benyoetz in den Jahren 1976 und 1979 war nicht für den Verkauf bestimmt und gelangte nur durch hartnäckige Bemühungen und gute Beziehungen in vereinzelte Bibliotheken.

Umso verdienstvoller ist die nun im Igel-Verlag von der Germanistin Eva Reichmann besorgte Ausgabe der Werke Zweigs, von der bislang drei Bände im Druck vorliegen. Die ersten beiden Bände ("Dramen", 1997; "Die Dritte-Reich-Dramen", 1999) wurden von Eva Reichmann, die zugleich Nachlassverwalterin Zweigs ist, der dritte Band ("Die jüdischen Dramen", 1999) von Armin A. Wallas sorgsam ediert und mit einem lesenswerten Nachwort versehen, das einen ersten Zugang zu Biographie und Werk Max Zweigs ermöglicht. Beiden Herausgebern gebührt auch das Verdienst, die wissenschaftliche Beschäftigung mit Zweig seit einigen Jahren durch kenntnisreiche Publikationen befördert zu haben. Ob diese Unternehmungen dazu beitragen können, den Dramen Zweigs den Weg auf deutsche Theaterbühnen zu ebnen, scheint jedoch fraglich. Zweig bezeichnet sich in seinen "Lebenserinnerungen" (1987) explizit als Dramatiker, dessen Texte vor allem gelesen werden sollten, die aber nicht zwingend für ein Theater geschrieben seien. Zurecht konstatiert Eva Reichmann in diesem Zusammenhang, dass vielen Dramen Zweigs alles das fehle, "was sie für eine heutige Bühne und unser Verständnis von Schauspielkunst aufführbar machen würde". Die kunstvoll gedrechselte Sprache seiner Figuren, der erhaben, bisweilen pathetisch wirkende Stil und die strenge Architektonik der Dramen verweisen auf das von Zweig bewunderte Wiener Burgtheater. Diese Wohlgeformtheit von Sprache und Form erweckt jedoch nicht selten den Eindruck des Antiquierten und Überholten, das heutiger Bühnenwirklichkeit diametral entgegengesetzt ist.

Die poetische und humanistische Verwurzelung Zweigs im 19. Jahrhundert steht -wie ich im Gegensatz zu den Herausgebern bemerken möchte - in deutlichem Gegensatz zu Aktualität und Brisanz der gewählten Themen. Zweig setzte sich recht früh mit den politischen Verhältnissen des Nationalsozialismus und der unmittelbaren Nachkriegszeit in Deutschland auseinander. Er schrieb bereits 1934 ein Drama mit dem vielsagenden Titel "1933", in dem mit beeindruckender Klarsicht und bedrückender Schärfe die Genese der Machtergreifung Hitlers und eine Anatomie des NS-Staates entworfen wird. Zweig gestaltete unter anderem in seinem 1947 entstandenen Drama den Aufstand im Warschauer Ghetto, verarbeitete die Ermordung von SA-Chef Röhm in der "Deutschen Bartholomäusnacht" (1940), schilderte die Verfolgung einer jüdischen Familie in Holland ("Aufruhr des Herzens", 1956 - ein Stück, das sich gegen den Bestseller "Das Tagebuch der Anne Frank" auf dem literarischen Markt nicht durchsetzen konnte), griff in seinem Drama "Die Verdammten" erste Anzeichen eines Weiterlebens der faschistischen Ideologie im Nachkriegsdeutschland auf und beschrieb die Konflikte jüdischer Einwanderer in Palästina ("Davidia", 1939).

Sichtbar werden hier Figuren, die um moralisch verantwortbare Entscheidungen ringen, auch wenn sie dadurch ihr Leben riskieren. Zweig führt Menschen vor, deren Tragik in einem nicht zu hintergehenden Konflikt zwischen eigenen Idealen und praktischen Zwängen begründet liegt. Das hängt nicht unwesentlich auch mit seinem eigenen Schicksal zusammen. 1933 musste er Deutschland verlassen, 1938 emigrierte er gegen seinen Willen von tschechischem Boden aus nach Palästina, was ihm - im Gegensatz zu seiner Familie - vor dem Holocaust bewahrte. Dennoch lehnte es Zweig entschieden ab, sich politisch und kulturell in Palästina und auch im späteren Israel zu integrieren. "Als Jude bin ich aus Deutschland weggegangen, aber in meiner Arbeit, in einer sehr starken Bindung an die deutsche Sprache, kehre ich immer wieder zurück". Barbara Honigmanns Feststellungen aus dem "Selbstporträt als Jüdin" (in dem Sammelband "Damals, dann und danach" von 1999) formuliert präzise, was auch auf Max Zweig und viele andere emigrierte deutsche Juden zutrifft: Seine Heimat blieb bis zuletzt die deutsche Sprache. Hebräisch hat Zweig nie gelernt, aus Angst, die Fähigkeit zu schreiben wieder zu verlernen. Damit ist Max Zweig zusätzlich zum politischen auch noch in ein sprachliches Exil gegangen und hat implizit die Vermutung seines berühmteren Cousins Stefan Zweig bestätigt: "Zweifellos eine starke Begabung, aber eine unzeitgemäße; er wird es im Leben sehr schwer haben."

Titelbild

Max Zweig: Bd. 1: Dramen. Mit einem Nachwort hrsg. von Eva Reichmann.
Igel Verlag, Paderborn 1997.
200 Seiten, 22,50 EUR.
ISBN-10: 3896210483

Weitere Informationen zum Buch

Titelbild

Eva Reichmann: Max Zweig: Die Dritte Reich Dramen. Gesammelte Werke Bd.2.
Igel Verlag, Oldenburg 1999.
357 Seiten, 24,50 EUR.
ISBN-10: 3896210920

Weitere Informationen zum Buch

Titelbild

Eva Reichmann: Max Zweig: Die jüdischen Dramen. Gesammelte Werke 3.
Igel Verlag, Oldenburg 1999.
354 Seiten, 24,50 EUR.
ISBN-10: 3896210939

Weitere Informationen zum Buch





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