Blockflötenunterricht und Cowboystiefel

Moritz von Uslars "100 Fragen an..." als Sammelband

Von André SchwarzRSS-Newsfeed neuer Artikel von André Schwarz

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Ein Interview ist an sich so eine Sache, meistens kommt dabei nicht mehr als vorgefertigte Antworten auf ebenso vorgefertigte Fragen heraus. Dies gilt besonders dann, wenn der Befragte einer aus der oberen Liga der Stars ist. Diese "Interview-Roboter" wollen ihre Produkte bewerben, sei es der neue Film, das neue Buch oder die neue CD, ein tieferer Sinngehalt des Gespräches ist weder vorhanden noch erwünscht.

Moritz von Uslar drehte für das Magazin der Süddeutschen Zeitung diesen Spieß einfach mal um. Er stellte den Prominenten unter dem Motto "So schnell wie möglich, denn wir haben ja nicht ewig Zeit" 100 teils stupide und belanglose, teils präzise und geschickte Fragen, um diese schlichtweg aus der Reserve zu locken. Diese Interviews hat der Verlag Kiepenheuer & Witsch in einem schlicht "100 Fragen an..." betitelten Buch versammelt, 25 Interviews, von denen einige wenige zwar mäßig sind, der Großteil aber von außerordentlicher Qualität zeugt. Die Befragten von Mick Jagger über Heidi Klum bis hin zu Hillary Clinton reagieren höchst unterschiedlich auf den "hinterhältigen" Angriff und in den besten Momenten bricht die Fassade der unnahbaren Profis merklich in sich zusammen.

Aber immerhin halten alle die 100 Fragen durch, mit Ausnahme von Omar Sharif - ausgerechnet -, dessen souveräne Art schon nach wenigen Fragen gefährlich ins Wanken gerät. Er brüllt Moritz von Uslar an: "Das ist keine Frage! Das ist...ein Nichts! Ich hasse die Sorte Interview! Und alle Menschen, die ich kenne, hassen diese Sorte Interview [...] O ja, die Leser Ihrer Zeitschrift verabscheuen diese Sorte Interview! Ich kenne die Leser! Sie verachten die Leere [...] Ihrer Fragen. Sie wollen Ihren Eindruck von mir, nicht Ihre dummen Fragen!" Die restlichen 19 Fragen dienen dann nur dazu, "sich nicht mit ihm [Sharif] zu prügeln".

Manche der Prominenten sind dagegen im eher übertragenen Sinn schlagfertig. Woody Allen etwa kontert selbst die unverschämtesten Fragen ("Kennen Sie etwas Originelleres, als ,Uh, Baby!' zu stöhnen beim Orgasmus?") mit einer unglaublichen Gelassenheit, Michel Friedman zieht sich ungemein souverän aus der Affäre und das Interview mit Harald Schmidt ist zweifelsohne einer der Höhepunkte des Buches, wenn auch der Respekt vor Schmidt deutlich spürbar ist.

Erstaunlich offen geben sich Gregor Gysi und Elton John, der sich auch bei den heikelsten Themen nicht um eine Antwort drückt, im Gegensatz etwa zu Heidi Klum, die beim nachträglichen Lesen die eine oder andere Antwort etwas relativierte. Böse sein kann man ihr deswegen kaum, auch der sich knallhart gebende Interviewer erliegt doch deutlich ihrem Charme, wie er in seinem Kommentar zugibt: "Sie (Frau) lächelt, er (Mann) denkt allen Ernstes, er sei gemeint. Sie lächelt ja auch mit ihrem Busen. Das geht." Aha!

Eine Freakshow der ganz besonderen Art liefert Lemmy Kilmister, der - nett ausgedrückt - etwas obskure Sänger der Metal-Band Motörhead ab, gegenüber dessen kruder Weltsicht selbst ein ausgemachter Exzentriker wie Karl Lagerfeld als Otto Normalbürger erscheint.

Weniger interessant sind dagegen die Gespräche mit den Politikern Angela Merkel, die tatsächlich derartig langweilig und nichts sagend ist, wie man immer schon ahnte, mit Hillary Clinton und mit Hans Eichel, dessen biederes Auftreten keinesfalls Schauspielerei ist, der aber immerhin zwei bis drei Pointen liefert.

Aber insgesamt ist der Band ein überaus gelungenes Zeugnis eines unkonventionellen Versuches und man wünschte sich, dass das Magazin der Süddeutschen Zeitung auch weiterhin den Mut hätte, solche Experimente zu starten.

Titelbild

Moritz von Uslar: 100 Fragen an.... So schnell wie möglich, denn wir haben ja nicht ewig Zeit.
Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2004.
256 Seiten, 12,90 EUR.
ISBN-10: 3462033921

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