Aufklärer mit Doppelleben

Urte von Bergs kleine Biografie des Politikers und Autors Theodor Gottlieb von Hippel

Von Jochen StrobelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Jochen Strobel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Was spricht dafür, das biografische Porträt eines mittlerweile so gut wie gänzlich vergessenen Autors des 18. Jahrhunderts zu lesen? Eines Schriftstellers, dessen Bücher so gut wie vollständig vom Markt verschwunden sind? Dessen umfangreiche Romane kaum auf eine Neuentdeckung hoffen dürfen (und den noch nicht einmal Arno Schmidt in seinem europäischen Anti-Klassiker-Kanon zu installieren suchte)? Dies vorab: dem Spezialisten dürfte kaum etwas geboten werden, was er aus Joseph Kohnens Büchern nicht schon kennt. Obgleich das Bändchen in einer wissenschaftlichen Reihe erscheint, zielt es auf ein breiteres Publikum ab; die Autorin betont, sie wolle nicht den Forschungsstand vorantreiben. Wäre Hippel kein beinahe Unbekannter und ließe sich folglich mit dem Buch ein Geschäft machen, so fände es sich vielleicht in Reihen wie "dtv porträt" oder "rowohlts monographien". Zumindest erreicht es spielend deren Niveau, und es gelingt dieser knappen, gut lesbaren Einführung tatsächlich, auf Leben und Werk eines Politikers und Autors neugierig zu machen, der an jener Grenze angesiedelt ist, die gemeinhin mit der Jahreszahl 1789 bezeichnet wird. Als Grenzgänger dieser Epochenschwelle wird Hippel dem Leser schnell zu einer durchaus exemplarischen und damit interessanten Figur, eben zu einem Aufklärer, der auf die Moderne vorausweist, einem Zeitgenossen, der als Königsberger mit den drei polnischen Teilungen wesentliche Schritte preußischer Expansionspolitik wie überhaupt europäischer Großmachtpolitik miterlebt, einem Romancier, der immerhin als Vermittler zwischen Laurence Sterne und Jean Paul in der deutschen Literatur gelten darf, einem Juristen, der an der Ausarbeitung des wegweisenden preußischen "Allgemeinen Landrechts" beteiligt ist und einem Autor, der mit dem Buch "Über die bürgerliche Verbesserung der Weiber" ein frühes Plädoyer zugunsten der Gleichberechtigung der Geschlechter liefert.

Unternimmt man Streifzüge durch das 18. Jahrhundert, dann begegnet bei genauerem Hinsehen Hippel nicht einmal selten: als Tischgenosse Kants, Gesprächspartner Hamanns, als Onkel von E. T. A. Hoffmanns Jugendfreund gleichen Namens - in jedem Fall als Protagonist einer Königsberger Aufklärung, deren Prämissen, bestehend etwa in Austauschprozessen mit Russland oder auch mit dem räumlich nahen deutsch-baltischen Adel, allerdings in diesem Buch nicht wirklich deutlich werden. Jürgen Mantheys neues Königsberg-Buch dürfte hier Abhilfe schaffen. Nachvollziehbar ist die enge lokale Begrenzung, bedingt durch die 700 Kilometer Entfernung der preußischen Residenz- und Krönungsstadt von der eigentlichen Hauptstadt Berlin.

Zu Hippels Lebzeiten erfahren Roman wie (Auto-) Biografie in der entstehenden bürgerlichen Öffentlichkeit zunehmende Aufmerksamkeit; die Biografin zehrt daher, nicht ohne quellenkritischen Sinn für Fiktionalität, von Hippels "Selbstbiographie", aber auch von seinem literarischen Hauptwerk, dem Roman "Lebensläufe nach aufsteigender Linie". Ähnlich wie die biografischen Fiktionen des Jahrhunderts weicht Hippels eigene Biografie von der Normativität des Vorhersehbaren ab: der "typischen" Vita des bürgerlichen Intellektuellen aus Theologiestudium und Hofmeister-Dasein entkommt Hippel mit seiner Entscheidung zugunsten einer Juristenkarriere, die ihn zum Kriminalrichter und schließlich hochangesehenen Stadtpräsidenten von Königsberg werden lässt. Hippels Lebensdaten (1741-1796) stimmen beinahe mit der Regierungszeit Friedrichs des Großen überein; er ist also Kind und Profiteur des beispiellosen politischen Aufstiegs Preußens zur europäischen Großmacht, die vor allem auf einem territorialen Ausgreifen nach Osten beruhte. Berufswahl und Wohnort erweisen sich als günstig. Dabei liegt Hippel an einer traditionsgemäßen sozialen Rahmung seines Aufstiegs: just 1790, also bereits nach Ausbruch der Revolution in Frankreich, lässt er sich seinen Familienadel bestätigen. Damit gelingt ihm die Bewahrung einer genealogischen Ordnung, die sich von den Vorfahren, "nach aufsteigender Linie", herschreibt, einem Prinzip also, das sein mehrbändiger, anonym erschienener 'komischer' Roman ebenfalls verfolgt, indem er zumindest vorgibt, Adelsbiografien 'nach rückwärts' zu konstruieren. Die Individualität der Biografie gerät hier ins Visier, auch wenn der Adelige sich gerade weniger als Individuum denn durch seine familialen Beziehungen definiert. Die Begründung von unverwechselbarer 'Biografie' aus dem sich langsam vollziehenden Bruch mit genealogisch begründbaren, standestypischen Mustern zeigt sich in Hippels Texten und auch in den Texten über sein eigenes Leben, wie Urte von Bergs Buch sehr eindrucksvoll und geradezu leitmotivartig bestätigt: Mehrfach zitiert sie aus Adolf Heinrich Friedrich Schlichtegrolls Nekrolog auf Hippel und rekurriert damit auf eine damals innovative, im 19. Jahrhundert dann sehr populäre Textsorte, die sich der Frage nach dem Einzigartigen, aber auch nach dem Authentischen im Leben des jeweiligen Verstorbenen zu stellen hat. Hippel als Übergangsfigur lässt sich einerseits noch in die bürgerlichen Karrieremuster seines Jahrhunderts einordnen; gleichwohl stellt sich bereits die Frage, wer dieser Mann nun wirklich war und wo wir nur mit den Masken konfrontiert sind, die sich ein Aufklärer mit Doppelleben übergestreift hat. Zweifellos war er als Politiker und öffentliche Person ein anerkannter Mann - doch er machte sich selbst zum Rätsel, indem er seine Autorschaft nicht ganz offen seinen 'Nebenstunden' anvertraute, sondern vielmehr aus seiner Anonymität niemals heraustreten wollte oder konnte, wohl gerade aufgrund seiner öffentlichen Funktionen. Spärlich fließen die (brieflichen) Quellen über das heimliche Leiden des Künstlers an seiner bürgerlichen Lebenspraxis. Daneben aber weiß bereits der Nekrolog von geheimer Amoralität zu berichten, ohne indessen entscheiden zu können, ob es sich bei diesen Gerüchten nur um die üble Nachrede der Nachwelt handelte. Zu Hippels Rätselhaftigkeit gehört eine Palette kaum zu vereinbarender Charakterzüge: er erscheint als empfindsamer Pietist, als Melancholiker, daneben aber als herrschsüchtiger bürgerlicher Karrierist und gleichzeitig als traditionsbewusstes adeliges Familienoberhaupt, schließlich als königstreuer preußischer Beamter. Es scheint, die Vielfalt der Lebensrollen und -szenarien mache eine Bewertung dieser Persönlichkeit unmöglich, trotz des überschaubaren Soziotops, trotz der festgefügten Bahnen dieses Lebenslaufs. Nicht zufällig stellt sich der Vergleich mit E. T. A. Hoffmann ein: noch vor der Erfindung der Romantik lebt Hippel das Wagnis des 'zerrissenen' Künstlers, der offenbar nicht mehr Beruf und Neigung harmonisch in Einklang zu bringen weiß und dessen 'wahre' Persönlichkeit allenfalls detektivisch zu ermitteln wäre.

Hippels Hauptwerk, die "Lebensläufe", nimmt die Verwirrung seiner Biografen vorweg: zwar ist auch hier der rote Faden die Genealogie, als Kontinuum über Generationen hinweg, doch gerät, dazu gegenstrebig, die 'humoristische' Ironisierung des jeweiligen Lebenslaufs im Geist Sternes zur Durchleuchtung und Durchlöcherung der alteuropäischen Ordnungsstruktur 'Großfamilie'. Wenngleich auch Hippels Roman noch mitunter Lebensregeln vermitteln will und sogar das Wissen seiner Zeit in Form von Exkursen in die Handlung einflicht, so liegt der Fokus doch bereits auf dem Ich und seinen Inkonsistenzen. Was der Erzähler noch spielerisch erprobt, dürfte dem Autor bereits zur unverbrüchlichen Erfahrung geworden sein.

Titelbild

Urte von Berg: Theodor Gottlieb von Hippel. Stadtpräsident und Schriftsteller in Königsberg. 1741-1796.
Wallstein Verlag, Göttingen 2004.
140 Seiten, 24,00 EUR.
ISBN-10: 3892448159

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