Hermann Bahr - ein Nebenakteur?

Über einen Sammelband zu Hermann Bahr und seinem Verhältnis zur Moderne

Von Thomas NeumannRSS-Newsfeed neuer Artikel von Thomas Neumann

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Der vorliegende, um einige editorische Beigaben ergänzte Sammelband ist das Ergebnis eines deutsch-französischen Kooperationsprojekts und geht aus einer 2003 in Wien veranstalteten interdisziplinären Konferenz hervor. Programmatisch festlegend und gleichzeitig problematisch ist der Titel, lenkt er den Blick doch auf eine Gegenmoderne, eine "andere Moderne", die, wenn man es recht betrachtet, eben doch "nur" die Moderne ist. Dass man an dieser Stelle vielleicht zurückhaltender ans Werk gegangen wäre, darauf scheint der Band als ganzes zu verweisen. Merkwürdig disparat kommen die Abschnitte daher, trotz einer Themenbreite, die sich dem Schriftsteller Hermann Bahr von verschiedenen Seiten zu nähern versucht.

Der Band gliedert sich in fünf Abschnitte: "Diskurs und Modernität - 'Ein moderner Diskurs'", "Das Österreich-Bild - Einfacher Bürger und (Halb-Politologe)", "Öffentlichkeit - Ästhetische Perzeption und Transformation", "Der Beziehungsmensch - Zwischen Hass und Liebe" und "Frankreich-Rezeption und -Vermittlung". Man ringt um ein Bild Hermann Bahrs, greift die alten Kontroversen auf und verkehrt die Vorwürfe, die in der Rezeptionsgeschichte Bahrs dem Autor und seinem Werk gemacht wurden, in ihr Gegenteil, um sie Bahr als Verdienst anzurechnen. In fast jedem Abschnitt des Buchs bemüht man sich, die jeweiligen Problembereiche erschöpfend zu behandeln. Aber es fehlt eine Linie, die die Beiträge zusammenhält, die einzelnen Aspekte fokussiert und diese in eine Gesamtanalyse zu dem im Titel des Bandes avisierten Themenrahmen einbettet.

Die mitten im Buch als Anhang eingeschobenen Briefe Peter Altenbergs an Hermann Bahr, als Ergänzung zum Aufsatz "Peter Altenberg und Hermann Bahr" gedacht, steigern auch nicht gerade den Eindruck der Geschlossenheit. Dies wird ebenso bei der eingeschobenen Erzählung "Lenke" von Hermann Bahr deutlich, die als Textbeigabe zu einer "Strukturanalyse" der Bahr-Erzählung abgedruckt wurde. Man konnte sich offenbar nicht entscheiden, was für ein Buch man machen wollte. Es bleibt der Eindruck, als ob es sich um einen "irgendwie" aus Tagungsergebnissen zusammengestellten Sammelband handelt, von dem man bei dem vielversprechenden Titel und Thema mehr erwartet hätte. Lohnenswert ist die Anschaffung des Bands allenfalls, um sich in dem einen oder anderen Aufsatz über Einzelaspekte des Werks von Bahr zu informieren. Schade eigentlich, da gerade Bahr mit der Vielschichtigkeit und immer noch ungebrochen dastehenden Polyvalenz seines Lebens und seines Werks zu einem der interessantesten Vertreter der Moderne gehört.

Titelbild

Jeanne Benay / Alfred Pfabigan (Hg.): Hermann Bahr - Für eine andere Moderne.
Peter Lang Verlag, Frankfurt a. M. 2004.
415 Seiten, 68,50 EUR.
ISBN-10: 303910425X

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