Architektur lehren

Zur 15-jährigen Lehrtätigkeit des Architekten Hans Kollhoff in Zürich und Berlin

Von Jörg SeifertRSS-Newsfeed neuer Artikel von Jörg Seifert

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

"Hans Kollhoff gehört zurzeit wohl zu jenen Architekten Europas, deren Werk - wie auch deren Veröffentlichungen - am kontroversesten diskutiert werden." Mit diesem oder ähnlichen Sätzen leiten die Klappentexte mehrerer aktueller Publikationen über Hans Kollhoff, darunter auch das beim Schweizer Verlag Niggli erschienene Buch "Architekturlehre Hans Kollhoff" ein. Dass der Berliner Architekt, der seit 1987 an der Eidgenössischen Technische Hochschule in Zürich lehrt, in der Tat alles andere als unumstritten ist, zeigen am deutlichsten die Reaktionen seiner Kollegen. Für einen Teil von ihnen scheint pauschale Kritik leichter zu sein als eine sachliche Auseinandersetzung oder zumindest auch das schlichte Ignorieren. Letzteres wäre zumindest einfacher, würden die Kollhoff'schen Entwürfe keine Qualität zeigen. Zumindest für viele seine Bauten lässt sich aber keineswegs sagen, dass sie etwa eine Beleidigung für das Auge darstellten. Im Gegenteil: Hätte Kollhoff beispielsweise zu Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts gelebt und gebaut, würde man ihm heute mit Sicherheit unbestritten Respekt zollen und seinen Namen vielleicht in einem Atemzug mit Fritz Höger, Peter Behrens oder auch Frank Lloyd Wright nennen.

Was spricht eigentlich - sachlich betrachtet - gegen Kollhoffs Positionen wie die Verweigerung gegenüber dem "Wettlauf der Aufmerksamkeit", dem Spektakulären, dem Bilbaoeffekt? Was spricht dagegen, dass ein Haus "nur" ein Haus ist, was gegen die Auffassung, der Architekt habe in erster Linie Dienstleister, nicht Künstler, zu sein? Was ist also der eigentliche Stein des Anstoßes? Gewiss ist es nicht etwa eine "minderwertige" Architektur, sondern offensichtlich vielmehr das dezidierte Bekenntnis Hans Kollhoffs zum Wertekonservativismus in der Architektur, was sowohl in seinen Bauten als auch in seinen Äußerungen zum Ausdruck kommt. Dies provoziert, und es wäre mit Sicherheit zu kurz gegriffen, würde man allen Architekten, die sich vor ein paar Jahren auf dem elitären Architektursymposium in Pontresina dazu hinreißen ließen, in den "Hier-irren-Sie-Herr-Kollhoff!"-Chor einzustimmen, pauschal Establishment und Angst, selbst als konservativ zu gelten, vorzuwerfen.

Hans Kollhoff provoziert, das zeigte überdeutlich u. a. sein Beitrag zum geladenen Wettbewerb des Berliner Kunstsammlers und Kurators Heiner Bastian für ein privates Galeriehaus in direkter Nachbarschaft zur Berliner Museumsinsel, der einen klassizistischen Tempel darstellte und - wen hätte es gewundert - eine breite Diskussion ausgelöst hat. Entschieden wurde ohne klassische Jury, beraten durften die Bauherrenfamilie, aber neben Berlins Senatsbaudirektor Hans Stimmann vor allem Künstler wie Anselm Kiefer, Cy Twombly und Mark Alexander. Im Gegensatz zu Stimmann sprachen sich die Künstler nicht für Kollhoffs Tempel aus, sondern für einen Entwurf David Chipperfields, den Kollhoff vermutlich zur Kategorie "Container für die Kunst" zählt. Hat Kollhoff in diesem Fall also seine Dienstleistungsverpflichtung zu eng auf den Bauherrn bezogen, statt sie auf die Künstler auszuweiten und darauf spekuliert, dass für Heiner Bastian das, was ihm an seinem Wohnhaus lieb ist, auch Hinter dem Gießhaus als passende Kulisse erscheinen mag? Man darf in der Tat fragen, was das für ein Bauherr ist, der sich in Berlin-Dahlem seine Villa "verklassifizieren" lässt und in Berlin-Mitte fordert, dass sich "jedes zeitgenössische Projekt an der Zukunft [zu] messen" habe, der also Wasser predigt, Wein trinkt und Kollhoff schließlich - auf Mies van der Rohe verweisend - tiefsten Kulturpessimismus vorwirft. Und dennoch: ein Tempel für die Kunst? Hier irrt Herr Kollhoff offensichtlich doch, denn im Tempel wäre schließlich nur Platz für eine auratische Kunst, die allerdings schon Walter Benjamin - wenngleich nicht ohne Bedauern - vor einigen Jahrzehnten verabschiedet hat. Dies dürfte Herrn Kollhoff, der sich u. a. auch in seiner Lehre auf Walter Benjamin bezieht, nicht entgangen sein. War der Entwurf in Berlin also auch gegenüber dem Bauherrn eine Provokation? Darüber ließe sich spekulieren. Auffällig ist jedenfalls, dass die Wortwahl Kollhoffs in einem Interview zu seinem Entwurf von 2003 nahezu identisch ist mit einer Beschreibung der Villa Heiner Bastians in der Architekturzeitschrift Baumeister von 1999. In beiden Fällen gehe es darum, einen zerrissenen Faden wieder aufzunehmen. Im Gegensatz zur Baubeschreibung des Hauses Bastian versucht Kollhoff stets, Grundsatzdebatten zum Verhältnis von moderner und historischer Architektur auszulösen. Dies mag eine wesentliche - wenn nicht die eigentliche - Motivation für den Entwurf der Berliner Galeriehauses sowie generell für das Schaffen Hans Kollhoffs sein.

Vor dieser Folie ist auch das 2004 erschienene Buch "Architekturlehre Hans Kollhoff" zu sehen. Dass ein ganzes Buch der Lehre eines einzelnen Professors gewidmet ist, überrascht zunächst, ist doch an den Architekturschulen eher die lehrstuhlübergreifende Zusammenstellung unterschiedlicher Projekte in Semester- oder Jahrbüchern üblich, wie etwa - um nur ein Beispiel zu nennen - dem vom Berlage Institut Rotterdam herausgegebenen "HUNCH". Im Rahmen der Buchvernissage im Dezember an der ETH Zürich hinterfragte denn auch der Kunsthistoriker Werner Oechslin provokant den Sinn, und damit die Intention dieser Publikation. Während jener Veranstaltung, auf der innerhalb der "Familie" von Kollhoff-Assistenten die vergangen Jahre dieser Architekturlehre ausgiebig diskutiert wurden, erfuhr aber der "Nicht-Eingeweihte" u. a. auch, dass Kollhoff dem ETH-Campus mittlerweile den Rücken gekehrt hat und seine Architekturprinzipien nunmehr in einem innerstädtischen Haus in Form einer "Meisterschule" vermittelt, in der die Studenten keine Einzelveranstaltungen besuchen können, sondern ein "Gesamtprogramm" absolvieren müssen. Insofern passt das Buchkonzept durchaus zum generellen Anspruch von Hans Kollhoff, der auch seiner Verpflichtung gegenüber architektonischen Traditionen Ausdruck verleiht.

Aus besagtem Wertekonservativismus heraus, der besonders an den jüngeren Bauten Kollhoffs offen zutage tritt, folgen logischerweise auch die Ansichten, die seine eigenen Entwürfe ebenso wie seine Auffassungen über die Architekturlehre prägen. Was hat er nun den Studenten mit auf den Weg zu geben? Was auch immer Hans Kollhoff seinen zukünftigen Kollegen vermittelt, er tut es ohne Zweifel mit intellektuellem Anspruch und rhetorischer Erfahrung. Das zeigt sich bereits in seiner Einleitung, in der er zur Klärung der Frage "Was ist Architektur?" auf den Popper'schen Falsifikationismus rekurriert. Demnach sei alles Gebaute - jeder Entwurf - Architektur, so lange bis "etwas anders Geartetes" - also ein überlegenerer Entwurf den "Gegenbeweis" erbringe, Ersteren falsifiziere und sich seinerseits selbst als Architektur erweise. Indem Kollhoff keine externen Falsifikationskriterien benennt, impliziert er, dass der architektonische Diskurs (und damit der ästhetische) den gleichen Regeln folge, wie der wissenschaftliche, auf den sich Popper bezieht und der die Unterscheidbarkeit in wahr und falsch ermöglicht. Dieser gezielte Einsatz einer wissenschaftstheoretischen Terminologie wirkt wie eine subtile Untermauerungsstrategie der eigenen Position: die Kollhoff'sche Architektur falsifiziert posthum die Moderne - das scheint zumindest Anspruch und tiefste Überzeugung Hans Kollhoffs zu sein zu sein.

Die Arbeiten der insgesamt etwa fünfzig Studienprojekte zeigen eine Bandbreite von Aufgabenstellungen aus dem Zeitraum von Kollhoffs Lehrtätigkeit in Berlin und Zürich - vom Entwurf eines Stuhles über diverse Wohnungs-, Geschäfts- und Hochhausbauten bis hin zu städtebaulichen Ensembles. Eine gute Einführung hierzu gibt Johannes Brunner mit seiner "Entwicklung einer Architekturlehre", in deren Rahmen er auch auf den Werdegang des praktizierenden und lehrenden Architekten sowie auf die Querbezüge zwischen den studentischen Entwurfsaufgaben und den eigenen, im Büro Kollhoff und Timmermann realisierten Projekten eingeht. Angesichts der Frage Kollhoffs, was denn das wohl für eine Lehre sei, die ihren Schülern keine Orientierung biete, nimmt es nicht Wunder, dass die Entwurfsaufgaben eine Reihe Auffassungen und Anliegen des ETH-Professors transportieren.

Eines dieser Prinzipien - "Architektur = Masse" - verdeutlicht bereits der obere Teil des zweigeteilten Titelbildes, der in seiner solitärhaften Expressivität gleichsam für die frühen Jahre dieser speziellen Architekturlehre steht, während sich Kollhoff in späteren Jahren zunehmend schärfer und zuweilen auch polemisch gegen eine Architektur der Großplastik ausspricht. Demgegenüber zeigt der untere Teil des Titelbildes Ergebnisse einer der aktuellsten Aufgabenstellungen, der "Baukunst der Schatten". Hierfür haben die Studierenden zunächst einen monolithischen Kubus aus Gipsplatten "von 1 Kubikmeter Rauminhalt mit liegender Breitseite und stehender Schmalseite" anzufertigen, den es dann in mehreren Schritten "durch die bewusste Ausbildung eines unteren Abschlusses [sowie durch] einen charakteristischen oberen Abschluss" "fest auf die Erde" zu stellen und mittels "Portalnischen, Türen, Fenster, Loggien" zu profilieren gilt. Ein anderes, zahlreiche Arbeiten beherrschendes Thema ist das konsequent in den Kontext sich einfügende Weiterbauen eines bestehenden Stadtgefüges, das sich auch in den Diplomarbeiten, wie z.B. bei der Stadterweiterung auf dem Güterbahnhofsareal in Basel (1994/95), der Bebauung am Kreuzplatz in Zürich (1999), dem Entwurf des Schauspielhauses in Lugano (2000/01) vor allem aber auch der Entwicklung des Stadtraumes "Sihl-City" in Zürich (2001) widerspiegelt.

Die beiden Entwurfsprojekte "Wohnen" und "Häuser" aus den Jahren 1998-2000, die in gleichnamigen, gesonderten Publikationen - ebenfalls bei Niggli erschienen - umfassender dokumentiert sind, lassen sich in dieser oder ähnlicher Form wahrscheinlich bei kaum einem Kollegen einer europäischen Architekturschule wieder finden. Im ersten Fall ging es darum, "eine Wohnung in einem alten Haus einzurichten", dabei "die vielfältigen Sehnsüchte der Menschen als Grundlage für die Architektur zurückzugewinnen" und auch "keine abschreckendere Vorstellung für den modernen Architekten als die der Gemütlichkeit" zuzulassen. Mit dem Projekt "Häuser" stellte Kollhoff eine "ganz gewöhnliche Aufgabe [...], die selbstverständlichste überhaupt": Zu entwerfen war ein Einfamilienhaus "irgendwo in der Agglomeration Zürichs, [das] den Bedürfnissen und Sehnsüchten [einer fiktiven] Familie entspricht, [...] die Anforderungen des Gestaltungsplanes für das Neubaugebiet einhält, vor allem aber nicht unangenehm auffällt." Dabei erinnern die meisten der studentischen Entwürfe mit ihren 60-Grad-Satteldächern an ein von Hans Kollhoff realisiertes Einfamilienhaus in Landau, bei dem die Auffassung vom Architekten als Dienstleister besonders zum Tragen kommt. Die beiden letztgenannten Aufgabenstellungen, bei denen auch CAD-Grafiken im Bemühen um einen größtmöglichen Realismus erstellt wurden, verdeutlichen aber gerade auch, dass für Hans Kollhoff Qualität und Tradition mehr als nur eine "Notgemeinschaft" bilden.

Überaus inspirierend wirken in vielen Fällen die Vorübungen. In den Aufgabenstellungen heißt es beispielsweise: "Es ist eine Reihe von Texten aus der Schrift ,Neu-Atlantis' gegeben, in denen Francis Bacon in visionärer Art Institutionen einer möglichen Zukunftsgesellschaft beschreibt. Ein daraus ausgewählter Text wird in ein funktionelles Szenario umgearbeitet und visualisiert."; "Baue einen monolithischen ,Turm' in Menschengrösse, dessen Haltung eine der folgenden Eigenschaften verkörpert: heiter, behäbig, stolz, traurig, leichtfüssig, gespannt,... Technik und Material sind konzeptabhängig."; "Formuliere ein möglichst von persönlichen Erfahrungen oder Träumen geprägtes Konzept des Reisens und übertrage es auf einen europäischen Eisenbahnwaggon."; "Interpretiere eine ausgewählte Szene oder Sequenz aus Fellinis ,Roma', die dich persönlich beeindruckt hat, architektonisch." oder "Konkretisiere mit malerischen Mitteln einen repräsentativen Standpunkt deines Stadtraums." Eine Zusammenstellung von Semesterplakaten mit den jeweiligen Aufgabenstellungen rundet schließlich die nahezu 370-seitige Publikation ab.

Wird das Buch weitere Kontroversen auslösen? Schließlich geht es ja nur um Studentenprojekte an der ETH Zürich, nicht um Kollhoffs eigene Arbeiten. Doch die Angst, sich am Wertekonservativismus "anstecken" zu können, die wie im Fall von Kollhoffs Entwurf am Potsdamer Platz schon einmal in einem "Faschismusvorwurf" kulminierte und damit auf ein typisch deutsches Problem im Umgang mit der Tradition verweist, könnte sich ja gerade in Bezug auf die nachfolgende Architektengeneration wieder einmal besonders deutlich artikulieren. Sie dürfte allerdings im Falle des vorliegenden Buches dennoch überzogen sein. Die insgesamt zurückhaltende graphische Gestaltung wirkt jedenfalls keineswegs anbiedernd und wird somit auch nicht unbedingt geeignet sein, einen am Pop niederländischer oder auch Londoner Provinienz orientierten Architekturstudenten "in Versuchung zu führen", sich einmal auf das Terrain traditionsbewusster Architektur zu begeben. Es darf auf jeden Fall mit Spannung erwartet werden, ob die vorliegende Publikation in einer Phase der Umstrukturierung der Curricula der bereits seit einigen Jahren geführten Diskussion über den Wandel des Berufsfeldes der Architekten und der damit verbundenen Reorganisation der Architekturlehre neue Impulse verleiht.

Titelbild

Hans Kollhoff (Hg.): Architekturlehre Hans Kollhoff.
Herausgegeben von der Professur Hans Kollhoff ETH Zürich.
Verlag Niggli, Sulgen 2004.
368 Seiten, 60,00 EUR.
ISBN-10: 3721204913

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