Liebe und Tod in sommerlichen Gärten

Erzählungen von Eduard von Keyserling in der Manesse Bibliothek

Von Alexandra PontzenRSS-Newsfeed neuer Artikel von Alexandra Pontzen

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Am 15. Mai 2005 jährte sich zum hundertfünfzigsten Mal der Geburtstag von Eduard Graf Keyserling. Das Gedenken war nicht lebhaft; nur hin wieder wurde in den Medien an einen Autor erinnert, der einem größeren Publikum so wenig vertraut ist, dass er zuweilen mit seinem entfernten Verwandten, dem eigenwilligen Philosophen Hermann Graf Keyserling, verwechselt wird. Dagegen erfreute er sich zu Lebzeiten keines geringen Ansehens, wofür sein von Lovis Corinth gemaltes Bildnis ein anschauliches Zeugnis ist. Nach seinem Tod (1918) widmete ihm Thomas Mann einen ehrenden Nachruf. Doch in der deutschen Literaturgeschichte wird ihm nur ein zweitrangiger Platz zugewiesen. Er gehört zu den poetae minores, die weder präsent noch völlig vergessen sind und deren Werke zwar einen kleinen Leserkreis und auch Anerkennung finden, selten jedoch Bewunderung.

Zu seinen literarischen Anfängen in Wien, die im Zeichen des Naturalismus standen, hat sich Keyserling nicht bekannt. Auch seine dramatischen Werke scheinen eine quantité négligeable zu sein. Was zählt, sind die seit 1903 erschienenen Erzählungen und kurzen Romane. Wegen ihrer stofflichen, gehaltlichen und formalen Gleichartigkeit, und weil auch ästhetische Qualitätsunterschiede kaum ins Gewicht fallen, ist jede Auswahl zu rechtfertigen und geeignet, einen Eindruck vom Erzähler Keyserling zu vermitteln. Der Manesse-Verlag hat sich für die vier folgenden Erzählungen entschieden: "Schwüle Tage" (1904/06), "Bunte Herzen" (1909), "Nicky" (1914) und "Am Südhang" (1914/16).

In "Schwüle Tage" darf der junge Graf Bill, der beim Abiturexamen durchgefallen ist, den Sommer nicht mit der Familie am Meer verbringen, sondern soll auf dem heimatlichen Landsitz für die Wiederholungsprüfung lernen. Die einzige Gesellschaft ist der wenig liebevolle Vater, unter dessen weltgewandter Überlegenheit Bill leidet. Mehr noch leidet er darunter, dass seine erotischen Sehnsüchte unerfüllt bleiben. Die Mädchen der ländlichen Unterschicht nehmen ihn nicht ernst, und als schließlich im nächtlichen Garten die Hausmagd mit ihm schläft, tut sie es aus Gutmütigkeit und nahezu teilnahmslos. Ebenfalls wenig Glück hat er bei den ihm gesellschaftlich gleichgestellten Damen. Von den zwei Schwestern auf einem Nachbargut ist die jüngere in einen Leutnant verliebt, obwohl er der Verlobte der älteren ist; und diese selbst hat ein heimliches Verhältnis mit Bills Vater. Wie der Sohn allmählich hinter das Geheimnis kommt, ist der entscheidende Handlungsstrang. Er entdeckt, dass der Vater ein Doppelleben führt: In der Gesellschaft ein Vertreter adeliger Werte und Lebensformen, im Kern seines Wesens jedoch ein lebenshungriger Erotiker. Der Alternde vergießt Tränen über den bevorstehenden Verlust der Geliebten und befürwortet trotzdem deren Verlobung. Bei der Feier hält er eine Tischrede, in der er die Ehen des Adels als Altäre preist, auf denen "unsere Frauen geschützt und heilig stehen". "Denn unsere Frauen sind die Blüte unserer adeligen Kultur, sie sind die Repräsentantinnen und Wahrerinnen von allem Guten und Edlen, das wir durch Jahrhunderte hindurch uns erkämpft." Die Geliebte, ihrem Liebhaber sonst weitgehend verfallen, fühlt sich durch diese Heuchelei beleidigt. Als er beim letzten Stelldichein noch einmal erregt die Arme ausbreitet, weist sie die Umarmung schroff zurück und hebt sogar die Reitgerte. Wenige Wochen später setzt er, von dem sich außerdem herausgestellt hat, dass er Morphinist ist, seinem Leben mit einer Überdosis ein Ende. Der Sohn empfindet mehr Erleichterung als Trauer.

Nicht in allen Punkten wirkt die Erzählung stimmig. Manches ist zu dick aufgetragen, und vom Zufall, der Bill Gelegenheit gibt, hinter die trügerische Fassade der väterlichen Existenz zu schauen, macht der Erzähler zu ungeniert Gebrauch. Gelungen dagegen ist die Perspektive des noch weitgehend unerfahrenen Jugendlichen insofern, als er die psychische Kompliziertheit dessen, was er beobachtet, bestenfalls erahnt, aber nicht eigentlich begreift und dem Leser so Deutungsspielräume lässt. Ihm bleibt es auch überlassen, die adelskritische Tendenz auszumachen: Es liegt nahe, in dem alternden und lediglich dem äußeren Anstand huldigenden Grafen den Repräsentanten eines aussterbenden Standes zu sehen, dem sein Lebensinhalt abhanden gekommen ist.

Für den Reiz, den "Schwüle Tage" noch heute ausüben kann, spricht das Interesse, das der Filmemacher Hans-Jürgen Syberberg für die Erzählung haben soll. Es dürfte nicht schwerfallen, etwas Niveauvolleres zu produzieren als die missglückte, ja in einigen Szenen alberne filmische Adaption von Keyserlings Roman "Wellen", die das ZDF am 5. Mai dieses Jahres gesendet hat

Das Personal von "Bunte Herzen" ist eine adelige Gesellschaft, die auf dem Gut des Grafen Hamilkar von Wandl-Dux ihre Sommerferien verbringt. Zu ihr gehören u. a. Billy, die siebzehnjährige Tochter des Grafen, und Boris, ein junger polnischer Verwandter, der ungewöhnlich gut aussieht. Billy empfindet eine leidenschaftliche Neigung zu Boris, die dieser zu erwidern scheint. Sicher ist das nicht, denn der "polnische Narziß" ist ein Poseur, der sich an seinen eigenen Worten und am eigenen Selbst berauscht und der glaubt, sich ein großes Gefühl schuldig zu sein. Außerdem hat er bereits einige Affären hinter sich. Als er beim Grafen um Billys Hand anhält, wird er zurückgewiesen. Darauf bewegt er Billy dazu, sich von ihm entführen zu lassen. Die Entführung endet in einer schmuddeligen Waldkneipe, aus der Billy wegläuft, weil sie in dieser Umgebung Ekel empfindet und Boris' sexuelle Annäherungsversuche ihr Angst einflößen. Als sie wieder zu Hause ist und alles glimpflich abgegangen zu sein scheint, kommt die Nachricht, dass sich Boris erschossen und damit sowohl Billy als auch ihre Familie mit dem Makel eines Skandals befleckt hat. Billy bricht zusammen, erholt sich jedoch nach längerer Krankheit. Doch während sie wieder erwartungsvoll in die Zukunft lächelt, stirbt Graf Hamilkar, wahrscheinlich an einem Herzversagen.

Graf Hamilkar ist so etwas wie der Räsonneur der Erzählung. Er äußert z. B. sein offenbar vom Erzähler geteiltes Unbehagen an menschlicher, hier in erster Linie männlicher Schönheit: "Glauben Sie, 'schön sein' sei bequem? Schönheit kompliziert das Schicksal, legt Verantwortungen auf, und vor allem: Es stört unsere Abgeschlossenheit. Denken Sie sich [...], Sie wären sehr schön. Mit jedem Menschen, der ihnen begegnet, bindet ihr Gesicht an, wirkt auf ihn, drängt sich ihm auf, spricht zu ihm, ob Sie wollen oder nicht. Schönheit ist eine ständige Indiskretion." Die Reflexion verbindet allgemeine Moral mit aristokratischem Bewusstsein, was für Graf Hamilkar charakteristisch ist. Seine konservative Haltung, die auf Kontinuität, Nüchternheit und Verantwortung setzt und nicht zugibt, dass Erlebtes einfach ausgestrichen werden kann, ist dem haltlosen Lebensgefühl von Boris, der den Rausch des Augenblicks genießen will und in Verfolgung dieses Ziels Rücksicht weder auf die eigene Zukunft noch auf die Befindlichkeit anderer nimmt, diametral entgegengesetzt. Boris ist Vertreter eines 'impressionistischen' Lebensgefühls, wie es in der Literatur um 1900 mehrfach thematisiert wird; zu denken ist etwa an Hugo von Hofmannsthal und Arthur Schnitzler. Allerdings ist es ein Schönheitsfehler der Erzählung, dass sie bei der Gestalt des 'Impressionisten' reichlich Gebrauch von Klischees macht, die über polnische Aristokraten in Umlauf waren: galant und elegant, ökonomisch und charakterlich unsolide, mit guten Manieren, aber mit wenig Gemüt. Dagegen klingt die Kritik an der Kultur des deutschen Landadels nur behutsam an, wenn sich Graf Hamilkar fragt: "War sie nicht vielleicht ein Mißverständnis; sein Mißverständnis, diese hübsche Kultur, die er sorgsam um sich und die Seinen eingehegt hatte? Konnte man hier leben lernen?" Auf die Fragen ist sein Tod keine zuversichtliche Antwort.

Reich an Klischees ist die Erzählung "Nicky". Die Titelheldin ist mit einem etwas hausbackenen adligen Ministerialbeamten verheiratet, der sie zu einer bequemen Ehefrau erziehen will. Sie aber träumt davon, der Gleichförmigkeit zu entrinnen, und wartet nach fünfjähriger Ehe immer noch auf das "ganze Leben", auf die "geheimnisvolle Zukunft". In der Sommerfrische lernt sie einen südländischen Pianisten kennen, der sie durch sein Klavierspiel und seine eigenwillige Persönlichkeit bezaubert und auch dadurch, dass er sie und sich selbst zu einsamen Ausnahmenschen stilisiert. Doch als der belletristisch geschulte Leser keinen Zweifel mehr hat, dass ein Ehebruch bevorsteht, kommt der Umschwung: Die weltenthobene Liebe wird gestört durch den Kriegsausbruch im Sommer 1914. Von heute auf morgen ziert den ins Feld ziehenden Ehemann ein heroischer Nimbus, und vor allem trägt das nationale Gemeinschaftsgefühl dazu bei, Nicky auf den rechten Weg zurückzubringen. Im Gegensatz zu dem Pianisten, der die Kriegsbegeisterung sinnlos und hässlich findet, erlebt sie die Aufbruchstimmung als etwas Schönes und hat das Gefühl "hundert Leben" zu leben. Doch ihr Sinneswandel ist psychologisch nicht überzeugend, und auch sonst liest man die Erzählung mit geringem ästhetischen Vergnügen. Als ein Beitrag Keyserlings zur nationalen Euphorie von 1914 vermag sie vielleicht einiges kritisches Interesse zu wecken.

Subtiler ist da schon die Erzählung "Am Südhang". Ihre Hauptperson ist der Leutnant Karl Erdmann von West-Wallbaum, der seinen Sommerurlaub im Schoße der Familie auf dem väterlichen Gut verbringt. Doch liegt ein Schatten auf dem Urlaub: Karl Erdmann steht kurz vor einem Duell. Ein Gast der Familie ist Daniela von Bardow, eine geschiedene Frau, die nicht ohne Koketterie alle Männer in ihren Bann zieht. Auch Karl Erdmann bemüht sich um sie und wird schließlich in der Nacht vor dem Aufbruch zum Duell erhört, wobei Danielas Motiv weniger Sinnlichkeit als Mitleid zu sein scheint. Das Duell endet unblutig, und bei Karl Erdmanns Rückkehr begegnet ihm Daniela mit sichtlicher Reserve. Für sie hat auch der Hauslehrer eine unglückliche Leidenschaft gefasst, und da ihm ihre Liebesstunde mit Karl Erdmann nicht verborgen geblieben ist und er das Glück des Rivalen auf die "Todesmöglichkeit als Dekoration" zurückführt, erschießt er sich. Damit hat er insofern Erfolg, als der glücklos Geliebten die Augen geöffnet werden für den Wert einer großen Liebe, die mehr war als eine noble Passion. Mit unverhohlener Trauer bekennt sich Daniela nachträglich zu ihm und reist ab, während der Rest der Gesellschaft beim Tod des bürgerlichen Bediensteten, der ohnehin ein Fremdkörper war, nur mäßige Teilnahme empfindet und das übliche Leben bald wieder aufnimmt.

Die Uneindeutigkeit des Erzählten fordert zur Interpretation heraus. Vor allem die Gestalt Danielas gibt Rätsel auf. Es wird zwar darauf hingewiesen, dass sie eine geschiedene Frau und deswegen übler Nachrede ausgesetzt sei, doch bleibt ihre Vorgeschichte im Dunkeln. Dass sie Koketterie und Mitleid miteinander vereinbaren kann, mag hingehen, doch unheimlich wird sie durch ihr Verhalten bei einer Entenjagd: Um ihre Lippen zuckt ein "seltsames, fast leidenschaftliches Lächeln", und sie wird so erregt, dass sie zittert und "kleine schrille Schreie" ausstößt. Die sexuelle Konnotation ist schwerlich zu übersehen: Töten bereitet ihr Lust. An anderer Stelle wird sie den Frauen zugerechnet, "die nicht genug fünfte Akte erleben können". In Karl Erdmann liebt sie einen vom Tod Bedrohten, in dem Hauslehrer einen Toten. All das rückt sie in die Nähe einer femme fatale und ist ein Beleg für die Spuren, welche die Literatur der europäischen Dekadenz in Keyserlings Werk hinterlassen hat. Eindeutig jedoch lässt sich Daniela auf diese Rolle nicht festlegen. Ihre Abreise am Schluss mag Schuldeingeständnis sein, kann aber auch interpretiert werden als Absage an eine verweichlichende idyllische Welt, die Tragik nicht zulassen will und für die der Titel "Am Südhang" die Metapher abgibt.

Obwohl die Erzählungen reich an dramatischen Ereignissen und bemerkenswerten Charakteren sind, hinterlassen nicht Handlung und Personen den nachhaltigsten Eindruck, sondern das Ambiente, das keinen bloßen Geschehenshintergrund abgibt. Vielmehr ist es Ausdruck und Symbol einer Gesellschaft, die keinen Arbeitsalltag kennt: das Herrenhaus mit alten Möbeln und knarrendem Parkett, mit Veranda und Treppe zum Garten und vor allem der allmählich in einen Park übergehende Garten selbst mit seinen Malven und Zentifolien, mit Johannisbeersträuchern und Birnbäumen, mit Bohnenlaube und Buchsbaumhecken, mit Tennisplatz und weidenüberhangendem Teich. "Wenn es längst keinen einzigen Park mehr geben wird", so Mosebach im Nachwort, "wird man sich mit Hilfe von Keyserlings Schilderungen immer noch vorstellen können, welche Paradiesesverheißungen die alten europäischen Schloßgärten einmal enthielten." Hier herrscht entspannte Geselligkeit, hier flirtet und liebt man. Hier scheint das Wohlbehagen erblich. Doch der Schein trügt. Ein Keyserling'scher Garten beschwört nicht nur das Paradies, sondern zugleich dessen Gefährdung durch den Einbruch leidenschaftlichen Lebens, des Eros, mit dem Tod im Gefolge. In "Schwüle Tage" injiziert sich Bills Vater das tödliche Morphium unter der Linde, wo ihm die Geliebte die letzte Umarmung verweigert hat. In "Am Südhang" erschießt sich der Hauslehrer auf der Parkbank, auf der sich Daniela dem Leutnant hingegeben hat. In "Bunte Herzen" stirbt, etwas weniger dramatisch, Graf Hamilkar auf einer Bank seines Gartens. Keyserling lässt es an Symbolik nicht fehlen: Garten und Park werden nicht nur von Sonne und Mond beschienen und verklärt, oft drückt auch Schwüle, und am Horizont wetterleuchtet es.

Es wird oft behauptet, dass Keyserlings Erzählungen und Romane im Baltikum spielten. Von den Erzählungen des vorliegenden Bandes etwa spielt jedoch "Bunte Herzen" in Ostpreußen, "Nicky" in Süddeutschland, und in "Am Südhang" gibt es Hinweise, dass der Ort der Handlung gleichfalls auf dem Gebiet des Deutschen Reiches liegt. Lediglich für "Schwüle Tage" ist ein baltischer Schauplatz nicht auszuschließen. Die beiläufige Korrektur eines fortgesetzten kleinen Irrtums fällt natürlich für das Verständnis des Keyserling'schen Werks nicht ins Gewicht; denn zweifellos verarbeitet er bei der Ausgestaltung seiner fiktionalen Welten heimatliche Eindrücke und Erfahrungen. Das Ausweichen ins deutsche Ostelbien mag beim Autor biografisch, vielleicht politisch motiviert sein. Im Grunde genommen ist landadeliges Leben und seine literarische Darstellung jedoch ein allgemein europäischer Topos. Obschon es naheliegt, sich bei der Lektüre von Keyserling an Theodor Fontane zu erinnern, wäre es kaum weniger berechtigt, an Iwan Turgenjew oder gar Leo N. Tolstoi zu denken. Wie auch andere große Erzähler des 19. und frühen 20. Jahrhunderts ist Keyserling ein Vertreter des Genres, das Peter Demetz den "Roman der guten Gesellschaft" genannt hat - es muss erlaubt sein, unter diesen Begriff auch längere Erzählungen zu subsumieren. Eine solch illustre Tradition verleiht seinen Texten eine wohltuende Kultiviertheit und so etwas wie internationales Flair, das mit den Grenzen versöhnt, die dem Erzähler Keyserling gesetzt sind.

Titelbild

Eduard von Keyserling: Schwüle Tage. Erzählungen.
Manesse Verlag, München 2005.
440 Seiten, 22,90 EUR.
ISBN-10: 3717520628

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