Thomas Manns Psychoanalytiker Dr. Krokowski und Georg Groddeck

Dokumentation eines Mailwechsels und eine Einladung zur Spurensuche

Von Thomas AnzRSS-Newsfeed neuer Artikel von Thomas Anz und Wolfgang Martynkewicz

Vorbemerkung von Thomas Anz: Im Zusammenhang eines im März 2003 in literaturkritik.de erschienenen Essays über "Die Moral der Psychosomatik in ihrer Geschichte" mit einer Besprechung zur Neuausgabe der von Georg Groddeck herausgegebenen Zeitschrift "Die Arche" bin ich auf manche Ähnlichkeiten zwischen Groddecks psychosomatischen Aktivitäten in seinem Baden-Badener Sanatorium und Thomas Manns Figur Dr. Krokowski im "Zauberberg" aufmerksam geworden. In dem Essay steht der Passus:

"Die Arche" war etwa drei Jahre lang die Haus-Zeitschrift in Groddecks Baden-Badener Sanatorium mit dem irreführend frommen Namen "Marienhöhe". Die Patienten nannten es gerne "Satanarium". So hieß denn auch jene 1918 wöchentlich erscheinende Privatzeitschrift, die der "Arche" vorausging. Otto Jägersberg, der beide Zeitschriften im Rahmen der Werk-Ausgabe Groddecks herausgegeben hat, charakterisierte die Örtlichkeit als "ein Zauberberg im Schwarzwald". Es würde sich lohnen, dem Vergleich näher nachzugehen. Der Psychoanalytiker Dr. Krokowski in Thomas Manns Roman hat mit Groddeck manche Ähnlichkeiten...

Im Mai 2004 habe ich in anderen Zusammenhängen - es ging um Oscar A. H. Schmitz (siehe "Die Rückkehr der Manieren" in literaturkritik.de 07/2004) - einige Mails mit dem Groddeck-Biografen Wolfgang Martynkewicz gewechselt und die Gelegenheit genutzt, ihn beiläufig auf die Ähnlichkeiten anzusprechen. Seine ausführliche Antwort hat mich durch Detailkenntnisse und Hinweise frappiert, denen sich weiter nachzugehen lohnt. Hier Auszüge aus dem Mailwechsel:

Lieber Herr Martynkewicz,
[...]
Herzlich
Ihr Thomas Anz
P.S. Ich frage mich gelegentlich, ob Thomas Mann etwas über Groddeck wusste, weil der Dr. Krokowski im "Zauberberg" mit dem Groddeck in der "Marienhöhe" doch einiges gemeinsam hat.

Lieber Herr Anz,
in meiner Groddeck-Biographie habe ich auch über die Verbindungen zwischen dem Davoser Zauberberg und der Marienhöhe spekuliert (S. 155). Ich habe damals gefragt: Ob Groddeck "nicht eine Mischung aus Hofrat Behrens und Dr. Krokowski" sei? Die Bezüge sind dann leider nicht weiter ausgeführt worden, nur angedeutet. Aus meiner heutigen Perspektive ein paar Hinweise:

- In "Nasamesu" (1913) gibt es eine Stelle, wo Groddeck die Psychoanalyse als "Seelenzergliederung" (S. 108) bezeichnet. Wenn man die Passage und die entsprechenden Erklärungen im "Zauberberg" liest, dann fallen doch einige Parallen auf. Bei Groddeck heißt es: "Bei der Psychoanalyse, der Seelenzergliederung, handelt es sich im wesentlichen darum, Krankheitserscheinungen aller Art, seelisch und körperliche, durch genaues Durchforschen der Schlupfwinkel des innersten Herzens auf starke seelische Eindrücke zurückzuführen, die den Kranken meist schon in früher Kindheit betrafen und die fast stets geschlechtliche Erlebnisse waren. Diese Erlebnisse werden, darauf ungefähr kommt die Lehre hinaus, von dem Kinde in bewußtem oder unbewußtem Schamgefühl verschwiegen, ja die Erinnerung daran ist so quälend, daß der Mensch versucht, sie durch absichtliches Darüberhäufen andrer Gedankenbilder zu ersticken. Das gelingt jedoch nicht, vielmehr wird das Erlebnis nur verdrängt, sein Eindruck bleibt aber, wühlt im Inneren, Charakter, Gesundheit und Leben mit geheimnisvoller Gewalt gestaltend, und bricht immer und immer wieder in verwandelter Form hervor...".

Ganz ähnlich ist dann das Verständnis der "Seelenzergliederung" im "Zauberberg". Krokowski spricht im Kapitel "Analyse" davon, daß "die unterdrückte Liebe (..) nicht tot" sei, "sie durchbreche den Keuschheitsbann und erscheine wieder, wenn auch in verwandelter, unkenntlicher Gestalt..." (174).

"Nasamecu" erschien als Buch 1913. Die Vorträge wurden 1912 in Baden-Baden gehalten und sind auszugs- und passagenweise im Badener Tagblatt abgedruckt worden. 1912/13: also genau zu der Zeit, als Thomas Mann mit seinen Recherchen zum "Zauberberg" beginnt.

- Mit "Nasamesu" könnte auch einiges in Verbindung stehen, was Krokowski über Gesundheit und Krankheit sagt. Zum Beispiel der Satz ganz am Anfang des Romans: "Mir ist nämlich ein gesunder Mensch noch nicht vorgekommen," findet sich auch irgendwo bei Groddeck (muß ich noch mal nachschauen).

- Krokowskis Vortrag "Die Liebe als krankheitsbildende Macht" könnte in Zusammenhang mit den Vorträgen stehen, die Groddeck von 1916 an auf der Marienhöhe gehalten hat (Zum Beispiel: 12. Vortrag: "Ein Kranker erkrankt immer an seinen Phantasien", S. 79 ff.).

- Verblüffende Ähnlichkeiten gibt es natürlich, wenn man sich die Szenen anschaut: die Inszenierung der Krokowski Vorträge, sein Verhältnis zu den Damen Stöhr, Iltis, Levi etc., und Groddecks Inszenierungen auf der Marienhöhe, vor einem ganz ähnlichen Personal, vor allem was die Damen anbetrifft, die heißen Anna und Elie de Bruyn und Margarethe Fellinger (durch die Groddeck auf die Psychoanalyse gekommen sein will - 'Fräulein G'!).

- Eine Verbindung Thomas Mann - Groddeck, könnte über Georg Hirzel gelaufen sein. Hirzel kannte Thomas Mann und war der Verleger Groddecks bis 1917. Es gibt im Groddeck-Nachlaß einen umfangreichen Briefwechsel mit Hirzel, da taucht nicht nur sehr früh der Name Sigmund Freud auf, sondern auch Thomas Mann. Hirzel hatte Groddeck schon um die Jahrhundertwende über Schweninger kennengelernt. 1905 erscheint bei Hirzel Groddecks zweibändiger Roman "Ein Kind der Erde".

- Ich denke noch über eine andere Einflußquelle nach - : Schmitz! Kennen Sie die Tagebucheintragung von Thomas Mann, 5. März 1920? - : "Um 7 in die Stadt gegangen, im Luitpold Rendevous mit Oscar Schmitz und mit ihm zu Abend gegessen. Zuerst Astrologisches, mein u. Heinrichs Horoskop. Dann Philosophie, Lebensweisheit, Medizinisches, Physiologisches, Psychoanalytisches. Er begleitet mich nach Haus und ich ihn wieder die Alle zurück. Sympathischer, hell und bewegt redender, gescheiter Mensch" (S. 392). Schmitz kannte Groddeck und war auch Patient auf der Marienhöhe! Er berichtet im Tagebuch darüber und in seiner Autobiographie "Ergo Sum". Übrigens eine wunderbare Geschichte, denn Groddeck 'heilt' ihn mit dem "Struwwelpeter".

Entschuldigen Sie die lange Mail....
Schöne Grüße
Ihr Wolfgang Martynkewicz

Lieber Herr Martynkewicz,
als Nachtrag zu meiner gestrigen Mail schicke ich Ihnen noch einen neueren Aufsatz von mir, der, wenn auch unter einer eingeschränkten Fragestellung, auf einigen Seiten auf die Psychoanalyse im "Zauberberg" eingeht. Vielleicht fallen Ihnen dabei noch weitere Affinitäten zu Groddeck ein...
Herzlich
Ihr Thomas Anz

Anmerkung von Thomas Anz: Auszüge aus dem Aufsatz, die Thomas Manns Auseinandersetzung mit der Psychoanalyse und Dr. Krokowski im "Zauberberg" betreffen, stehen im Internet hier.

Lieber Herr Anz,
über Beziehungen zum Groddeck denke ich noch nach. Vor allem müßte ich nach langer Abstinenz mal wieder einen Blick in den "Zauberberg" werfen.

[Es folgen Hinweise auf Italo Svevos Auseinandersetzung mit Freud, Groddeck und Stekel].

Juli 2005:

Lieber Herr Martynkewicz,
erinnern Sie sich an unseren Mailwechsel vom Mai letzten Jahres über Groddeck und Dr. Krokowski? Inzwischen habe ich natürlich die "Große kommentierte Frankfurter Ausgabe" konsultiert, aber dort keinen Hinweis auf Groddeck gefunden. Hätten Sie etwas dagegen, wenn wir unseren Mailwechsel im Thomas Mann-Schwerpunkt der August-Ausgabe von literaturkritik.de veröffentlichen? Vielleicht finden sich Leser, die uns dazu weitere Hinweise geben können? Haben Sie inzwischen neue Spuren gefunden?
Herzlich
Ihr Thomas Anz

Lieber Herr Anz,
ich habe mich für 2-3 Wochen mit den Schmitz-Tagebuchblättern in die Bergwelt Andalusiens abgesetzt und arbeite unter den schönsten und - für mich! - produktivsten Bedingungen, d. h., beflügelnde 35 Grad und wunderbar weite Horizonte. Die nächste Online-Verbindung ist allerdings ein paar Kilometer entfernt - trotz Klimaanlage ist der Trubel im Ciber-Cafe nicht sehr verlockend, so verschiebe ich den Abruf meiner Mails gerne um einige Tage...: mañana!

Ihre Idee, unseren kleinen Gedankenaustausch ins Netz zu stellen, finde ich ganz prima. Vielleicht kommen ja weitere Anregungen, Indizien und Spuren hinzu.... Ich bin jedenfalls weiter am sammeln und zusammentragen, im Moment allerdings aus dem Blickwinkel meiner Schmitz-Recherchen. Und da bin ich unter anderem auf die schöne Charakterisierung Groddecks als "vorzeitlichen Zauberer" gestoßen. Schmitz beschreibt Groddecks Vorträge über Psychoanalyse als Einführung in eine Art "Geheimlehre", die um den "dämonischen Urgrund des Lebens" kreise. Auch bei Krokowski ist die Seelenzergliederung ja ein Geheimwissen, es geht nicht um Erkenntnis, sondern um Erleuchtung. Daraus resultiert die tendenziell verschwörerische Dimension der Zusammenkünfte im Sanatorium in Baden-Baden und auf dem Davoser Zauberberg.
¡Hasta pronto!
Ihr Wolfgang Martynkewicz

Anmerkung der Verfasser: Sachdienliche Hinweise zu dieser Angelegenheit nehmen wir mit Interesse und Dank entgegen. Klicken Sie dazu unten auf das Feld "Leserbrief schreiben"!