Was nach der Sexualität kommt

Volkmar Sigusch fasst seine Gedanken "Über den kulturellen Wandel von Liebe und Perversion" in einem klugen Buch zusammen

Von Stefan NeuhausRSS-Newsfeed neuer Artikel von Stefan Neuhaus

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Neosexualität ist für Volkmar Sigusch "eine sich neu etablierende Sexual-, Intim- oder Geschlechtsform, die sich den alten Ängsten, Vorurteilen und Theorien entzieht." Charakteristisch seien "neue Freiräume" und "zugleich neue Zwänge". Sigusch ist Direktor des Instituts für Sexualwissenschaft in Frankfurt am Main, er hat über die vergangenen Jahrzehnte zahlreiche Publikationen zum Thema vorgelegt und weiß, wovon er spricht. Der jetzt im Campus-Verlag erschienene Band vereint in Zeitschriften veröffentlichte und neu geschriebene Beiträge, die in der Auseinandersetzung mit theoretischen Ansätzen, mit der Geschichte und Praxis der Sexualität oder an Beispielen den konstatierten Wandel beschreibbar zu machen suchen.

Sexualität in der Praxis interessiert den Sexualwissenschaftler nur bedingt, denn "der Sexualtrieb will nur Befriedigung, das heißt Kopulation. Der Trieb ist selbstsüchtig und will den Anderen verschlingen. Insofern muss das Sexuelle in irgendeiner Form diszipliniert werden." Sigusch argumentiert in einer doppelten Optik als Soziologe und als Psychologe, er will wissen,was drumherum geschieht, in den Köpfen der Menschen und in den gesellschaftlichen Prozessen, mit denen Sexualität reguliert wird. Sigmund Freuds Postulat "Wo Es war, soll Ich werden" ist ebenso Grundlage seines Ansatzes wie Michel Foucaults Konzept der Macht, die sich in Diskursen manifestiert und an der wir als Subjekt teilhaben, passiv wie aktiv. Wie Foucault, der in seiner Trilogie "Sexualität und Wahrheit" beinahe sehnsüchtig nach Asien schaute, beklagt Sigusch, dass sich "in unserer Kultur keine Ars erotica, sondern eine Scientia sexualis entwickelt" habe. Solchermaßen ausgerüstet, lässt sich der "Abgrund zwischen unseren Wünschen und ihrer Befriedigung" ausloten.

Schon im ersten Kapitel macht Sigusch die Grundtendenz des Buches deutlich: "Kapitalismus und Liebe gehören zusammen." Das "Kreuz des Warenfetischs" führt zum "Diktat des Tauschprinzips" und fördert egoistisches Verhalten, damit die Selbstbezüglichkeit der oder des Liebenden. "Die Utopie der wirklichen Liebe setzt den Menschen im emphatischen Sinn als Menschen und sein Verhältnis zur Welt als ein menschliches im emphatischen Sinn voraus." Hier wie überhaupt steht Sigusch in der Tradition einer kritisch reflektierten Aufklärung. Das Grundproblem besteht für ihn in der doppelten Identität des Menschen als Individuum und gesellschaftliches Subjekt: "Wir wollen alle mit einem Menschen glücklich sein." Wie lassen sich das Streben nach Selbstverwirklichung und nach Geborgenheit in einer Beziehung miteinander vereinbaren?

Die gute Nachricht zuerst: "Heute ist Sexualität selbstverständlicher, ja banaler." Junge Menschen streben (wieder?) danach, sich in einer festen Beziehung "angenommen und aufgehoben" zu fühlen. Dagegen stehen die Perspektivlosigkeit der Jugend einerseits und ihre Fetischisierung etwa durch Werbung andererseits. "Wirklich ernstgenommen werden Jugendliche nur als Konsumenten." Das führt zu einer "übertriebenen kulturellen Inszenierung", die "offenbar wirksamer als alle Repressionen das Begehren zerstreut". Bestimmte sexuelle Orientierungen oder Praktiken, öffentliche Darstellung von Sexualität (etwa bei der Love Parade), Partnerwechsel und vieles mehr waren früher mit (gesetzlichen) Verboten belegt und sind heute Bestandteile alltäglichen Verhaltens geworden. Dabei geht der Trend zur virtuellen Befriedigung (etwa beim Telefon- oder Cybersex). Wenn es für ihn darauf ankommt, Farbe zu bekennen, scheut Sigusch nicht vor klaren Worten zurück; Telefonsex etwa findet er schlicht "zum Heulen".

Erstaunlich drastisch ist Siguschs Interpretation des Mensch-Tier-Verhältnisses. Haustierhaltung rubriziert er unter "sodomitischen Lebenspartnerschaften", die angebliche Tierliebe entpuppt sich beim näheren Hinsehen als Tierquälerei: "Zur Bewegungslosigkeit verdammt, warten sie den ganzen Tag auf ihre Kerkermeister, bis ihre Muskulatur vertrocknet ist." Hunde sind "maßgeschneiderte Liebesobjekte", weil sie kritiklos an ihrem Frauchen oder Herrchen hängen und ihr oder sein Bedürfnis nach Zärtlichkeit befriedigen. "Ohne ihre Hunde und Katzen würden heute Millionen Menschen verzweifeln. Eine andere Liebe fanden sie nicht." Das Tier ist zugleich Partner- und Kindersatz, denn Kinder sind "anstrengend, beängstigend, aufsässig und kostspielig", während das Tier "nicht so viel Arbeit macht wie ein Kind und vor allem nicht so viele Sorgen bereitet". Kritisch bewertet er denn auch den Umgang mit Kindern in unserer Gesellschaft: "Viele Kinder leben familiär nicht in Paradiesen, sondern in Höllen." Geradezu genüsslich spießt Sigusch Stellungnahmen von Tierschützern auf seine satirische Feder, die Aussage "Käse ist Folter" quittiert er summarisch mit: "Gute Nacht, arme Menschenwelt".

Unter der gesellschaftlichen Oberfläche macht Sigusch einen andauernden "Patriarchalismus" aus; nicht bei dem sexuellen Verhalten der Partner (so bestimmten heute eher die Mädchen oder Frauen, wann sie mit einem Jungen oder Mann schlafen wollen), sondern bei der Machtverteilung innerhalb einer immer stärker durch die Wirtschaft gelenkten Gesellschaft. Folge der Entwicklungen ist eine "Vervielfältigung der Beziehungs- und Lebensformen", die Freiheit suggeriert und oftmals Unfreiheit produziert, etwa in Form des von Sigusch so genannten "Selfsex", der Fokussierung sexueller Energien auf das narzisstische Ich. Die von Sigusch behandelten medizinischen Neuerungen, beispielsweise Viagra, haben weniger medizinische Gründe und stehen vielmehr unter dem Leistungszwang des Sichbeweisenwollens.

Wer aufgrund seiner kulturkritischen Aussagen in Sigusch einen Neokonservativen vermutet, wird spätestens in den Kapiteln zu "normaler und perverser Sexualität" eines Besseren belehrt. Normalität ist relativ und Perversion erst recht, als essentielles Ingrediens einer dauerhaften Beziehung vermutet Sigusch sogar ein gewisses, für beide geltendes und in der Regel unbewusstes Maß an perverser Energie. "Kurzum: wir haben alle Scheuklappen, Vorlieben, Obsessionen." Bei der gesteigerten Perversion indes, die Menschen zu Vergewaltigern oder gar zu Mördern macht, plädiert Sigusch für die Therapie als einzige Möglichkeit.

Die ausgezeichnete Kenntnis eines Forschungsbereichs führt bei vielen Wissenschaftlern zu Scheuklappen; auch Sigusch ist nicht ganz frei davon, etwa wenn er unterstellt: "Heute aber wird das Lob der Peitsche unbehelligt und öffentlich gesungen und erörtert, wie die Prozeduren hygienisch ohne bleibende Verletzungen über die Bühne gebracht werden können." Tatsächlich dürfte die alltägliche Sexualität viel banaler sein und es werden weiterhin nur wenige zu den von Sigusch hier als übliche Gebrauchsgegenstände bezeichneten Utensilien greifen. Man könnte sogar noch weiter gehen und fragen, ob das Auftauchen solcher Praktiken in Fernsehserien nicht gegen Siguschs These der öffentlichen Anerkennung spricht, denn hier werden Peitsche & Co. entweder ins Lächerliche gezogen oder sie dienen als Requisiten von Tätern oder Opfern in Mordfällen. Zweitens: Siguschs Verwurf einer "anhaltenden Kriminalisierung" von sexuellen Sehnsüchten "im Umgang mit einem Kind" könnte eine gefährliche Gradwanderung sein. Dass es eine kindliche Sexualität gibt, ist seit Freud ein Gemeinplatz; doch sollte man alles tun, um den sexuellen Missbrauch von Kindern nicht zu verharmlosen. Drittens: Siguschs Thesen scheinen nicht immer bruchfrei aneinander gefügt zu sein, denn er spricht sich einerseits gegen eine Stigmatisierung von Perversionen aus und prophezeit andererseits, dass "nach der Sexualität" die "Gewalt" kommen wird - sollte dann nicht die sozio- und psychologisch argumentierende Sexualwissenschaft Konzepte entwickeln, wie sich dagegen steuern lässt?

Uneingeschränkt zustimmen kann man der gesellschaftlichen Bilanz, die Sigusch zieht und die in der öffentlichen Diskussion (wie er zu Recht fordert) viel breiter diskutiert werden müsste. Die heutige Suche nach (in der Regel materieller) Selbstverwirklichung geht nicht ohne Opfer vonstatten: "Tatsächlich kommt nur der Egoismus voran. In vier von fünf Haushalten leben überhaupt keine Kinder mehr. Offenbar gelten sie als Behinderung." In solchen Beobachtungen liegt die eigentliche Sprengkraft des Buchs, das vorführt, wie abhängig von gesellschaftlichen Kontexten und wie problematisch vertraute Denkmuster sind und welche Folgen sie zeitigen können - Auswirkungen, die sich zum größten Teil erst in der Zukunft zeigen werden und von denen man, wie bei einem Eisberg, die Spitze bedrohlich aus dem Wasser ragen sieht. Es bleibt zu hoffen, dass Siguschs Buch einen Beitrag zu einem notwendigen Diskurs- und Kurswechsel leisten kann.

Titelbild

Volkmar Sigusch: Neosexualitäten. Über den kulturellen Wandel von Liebe und Perversion.
Campus Verlag, Frankfurt a. M. 2005.
223 Seiten, 24,90 EUR.
ISBN-10: 3593377241

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