Das Leben als eine Chronik des Scheiterns

Chuck Palahniuks neuer Roman "Das letzte Protokoll" besticht durch seine bedrückende Atmosphäre

Von Micha WischniewskiRSS-Newsfeed neuer Artikel von Micha Wischniewski

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Misty Wilmot hatte allen Grund, mit Zuversicht in die Zukunft zu blicken: Jung, schön und mit einer lebhaften Fantasie begabt lernte die talentierte Malerin ihren zukünftigen Mann Peter an der Kunstakademie kennen und folgte ihm auf seine abgelegene Insel Waytansea, um ihn dort zu heiraten - mit dem festen Vorsatz, weiter an ihrer Karriere als Künstlerin zu arbeiten. Doch die ausgemalte Idylle lässt auf sich warten: Mistys Schönheit welkt dahin, sie hängt jede kreative Betätigung an den Nagel und widmet sich ausschließlich ihrem Kellnerinnendasein im einzigen Hotel Waytanseas, das wiedereröffnet wurde, um den Bankrott der Insulaner abzuwenden. Der gesamte Frust ihrer Existenz bricht sich Bahn, als Peter nach einem misslungenen Selbstmordversuch ins Koma fällt und sie ihm ein Tagebuch zu schreiben beginnt, in dem sie minutiös die Begebenheiten während seiner Bewusstlosigkeit aufzeichnet und mit ihrem Gatten abrechnet. Die Droh- und Schmähbotschaften, die Peter in den Wohnungen von Sommerurlaubern hinterließ und in denen seine Frau alles andere als gut wegkommt, notiert Misty genauso wie das geradezu mitleidlose Bemühen der gesamten Inselbevölkerung (ihrer eigenen Tochter eingeschlossen), sie dazu zu bewegen, das Malen wiederaufzunehmen - selbst wenn ihr mittlerweile jegliches Künstlertum zutiefst widerstrebt. Erst als sie erkennt, dass durch das Malen die mysteriösen Kopfschmerzen verschwinden, von denen sie seit einer vermeintlichen Lebensmittelvergiftung geplagt wird, nimmt sie den Pinsel wieder in die Hand. Und als sie schließlich ein rätselhafter Unfall ans Bett fesselt, ist sie in einem solchen Maße von ihrem Schaffen besessen, dass sie nicht einmal mehr den Tod ihrer im Meer ertrunkenen Tochter bewusst zu verarbeiten vermag. Mistys gesamtes Sein konzentriert sich auf das Malen neuer Bilder, genau so, wie die Inselbewohner es sich von ihr wünschen. Wieso ihnen allerdings so viel an Mistys Werken liegt, vermag sie lange nicht herauszufinden - zu lange.

Zeigte Chuck Palahniuk mit seinen bisherigen Romanen, dass er mehr als eine literarische Eintagsfliege ist, so beweist er mit "Das letzte Protokoll", dass er auch langfristig die hohe Qualität zu halten vermag, die bereits sein Debüt, "Fight Club", auszeichnete. Stilistisch wie inhaltlich orientiert sich der Autor an seinem Erstlingswerk: Knappe Sätze, denen durch motivische Wiederholungen Rhythmik verliehen wird, kennzeichnen Palahniuks Sprache, und auch auf der Handlungsebene fühlt man sich an die Vorlage zum gleichnamigen Hollywoodfilm erinnert, wird der Leser doch einmal mehr mit einem Hauptcharakter konfrontiert, der gegen eine ihm feindlich gesonnene Umwelt anzukämpfen hat, die nur darauf abzielt, ihn zu vereinnahmen und letztlich in seiner Individualität auszulöschen. Während jedoch "Fight Club" durch ein (wenn auch misanthropisches) Aufbegehren des Erzählers wenigstens eine potenzielle Befreiung des Einzelnen nicht prinzipiell ausschließt, ergibt sich Misty gänzlich der Passivität und der Opferrolle, in die gedrängt sie sich wiederfindet. Nie agiert sie, nie wehrt sie sich, befindet sich stets in der Reaktion und ergreift nicht einmal die Initiative - und wenn sie glaubt, eben dies zu tun, erweist sich eine solche Wahrnehmung über kurz oder lang als Illusion. Die Wut und das aufbrausende Moment, die in "Fight Club" noch omnipräsent waren, sind in "Das letzte Protokoll" gänzlich der Resignation und der nihilistischen Einsicht gewichen, dass jedes Bemühen, eine Veränderung herbeizuführen, schlussendlich scheitern muss; wenn es keine Stagnation gibt, liegt dies nur daran, dass alles den Bach runtergeht, das Individuum genauso wie seine Umgebung. Hoffnungslosigkeit, Desillusion und die Gewissheit, dass sich nie irgendetwas ändern wird, prägen "Das letzte Protokoll" und lassen es zu einem so beklemmenden wie großartigen Roman werden. Es ist wohl nicht vermessen, Chuck Palahniuk in die Riege der großen Chronisten des Untergangs einzureihen, die die amerikanische Literatur hervorgebracht hat; neben einem F. Scott Fitzgerald und einem Bret Easton Ellis macht er eine ausgesprochen gute Figur.

Titelbild

Chuck Palahniuk: Das letzte Protokoll. Roman.
Übersetzt aus dem Amerikanischen von Werner Schmitz.
Goldmann Verlag, München 2005.
284 Seiten, 19,90 EUR.
ISBN-10: 3442545935

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