Das 'Prinzip Schlüssel'

Matthias N. Lorenz entdeckt antisemitische Ressentiments in Martin Walsers Gesamtwerk

Von Andrea GeierRSS-Newsfeed neuer Artikel von Andrea Geier

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

"'Tod eines Kritikers' ist kein Roman, in dem Antisemitismus als Thema vorkommt oder der lediglich missverständliche Stellen hätte, sondern ein moderner antisemitischer Roman." Matthias N. Lorenz fällt in seiner Dissertation "'Auschwitz drängt uns auf einen Fleck'. Judendarstellung und Auschwitzdiskurs bei Martin Walser" nicht nur über "Tod eines Kritikers" deutliche Urteile. Denn der versuchte Nachweis, dass dieser Text ein "geradezu archetypisch antisemitisches Stück Literatur" darstelle, bildet nur ein Etappenziel: Lorenz will mit seinen Interpretationen von Walsers literarischen und essayistischen Texten nämlich zeigen, dass 'Tod eines Kritikers' lediglich der Kulminationspunkt von Auffassungen ist, die Walsers Werk insgesamt prägen. Dass der Autor nur den Kopf schütteln kann darüber, dass die Walser-Philologie diesen 'roten Faden' des Gesamtwerks bisher angeblich übersah, vermittelt sich dabei auf fast jeder Seite.

Ist Walser - und zwar schon seit den 1960er Jahren - ein Antisemit? Es ist diese Frage, die die Dissertation eines Kulturwissenschaftlers für das Feuilleton interessant macht. Dabei beschäftigen sich Besprechungen des Werks jedoch meistens - wenn die Rezension nicht schlicht zum Anlass genommen wird, an persönliche Erfahrungen mit Walser oder eigene Erinnerungen an die Walser-Bubis-Debatte anzuknüpfen - nur mit den Antworten von Lorenz. Walsers Werk sei, meint Lorenz, ein "Beispiel für literarischen Antisemitismus". Walser verwende antisemitische Stereotype, aber er tue dies nicht, um Judenhass zu verbreiten; sie seien vielmehr ein "'Mittel zum Zweck' bei dem Versuch [...], die negative Stigmatisierung des 'Tätervolks' zu überwinden." Walser ist also, lautet Lorenz' Fazit, kein genuiner Feind von Juden. Aber er bediene aufgrund seiner "nationalistischen Bestrebungen", also seines Versuchs, ein positives deutsches Selbstbild zu schaffen, antisemitische Ressentiments. Das deutsche Volk finde nach Walser gerade in Auschwitz eine Gemeinsamkeit stiftende Grundlage, das jedoch die Opfer aus der Gemeinschaft des Erinnerns ausschließe und diesen darüber hinaus den Opferstatus neide. Dies zeige sich an einer deutlichen Tendenz zur Schuldumkehr zwischen Tätern und Opfern, einem klassischen antisemitischen Topos. Dieses herausgearbeitete Muster entspricht, worauf Lorenz auch hinweist, dem Mechanismus von Selbst- und Fremdbild in der Konstruktion eines nationalen Antisemitismus, wie es Klaus Holz in seiner verdienstvollen Studie "Nationaler Antisemitismus" dargestellt hat: Walsers Antisemitismus ist also ein Antisemitismus nicht trotz, sondern wegen Auschwitz. Und tatsächlich findet sich dieses paranoide Denkmuster in der Walser-Bubis-Debatte ebenso wie in Figurenzeichnungen in Walsers Roman 'Tod eines Kritikers'. Doch wie sieht es mit Walsers Gesamtwerk aus? Gibt es in diesem Punkt eine beängstigende Werkkontinuität? Und warum wurden die laut Lorenz so vielfältigen und klaren Beweise dafür übersehen?

Werkkontinuität als Verschwörungstheorie

Die Antwort auf diese Frage sowie die methodischen Prämissen, die zu ihr führen, geben den Leser/innen der Studie einigen Anlass zum Kopfschütteln - aber eben nicht mit, sondern über Lorenz. Lorenz behauptet, bei Walsers antisemitischen Ressentiments handele es sich um einen "konsequent angelegten Subtext" beziehungsweise um "Subtexte, die sich allmählich verdichten und schließlich nicht mehr unter der Oberfläche der Haupthandlung 'versteckt' sind, sondern zum eigentlichen Thema des jeweiligen Textes werden." Dieser Subtext sei "auf Entdeckung angelegt" und "planvoll konstruiert". Übersetzt heißt dies nicht weniger als: Walser hat seine Texte seit den 1960er Jahren mit geheimen Botschaften unterlegt, die unabhängig vom eigentlichen Thema eines Textes den Leser/innen immer wieder dieselben nationalistischen Auffassungen und antisemitischen Ressentiments vermitteln sollten. Wir sollen uns Walser also als einen Autor vorstellen, der seit seinen Anfängen eine äsopische Sprache verwendet, wie man sie der DDR-Literatur unter Zensurbedingungen zuschrieb, und seinen Leser/innen verschlüsselte Botschaften anbietet, die er, älter geworden, schließlich offen literarisch und publizistisch verarbeitet. Das klingt nach Verschwörungstheorie, und genau dieser verfällt Lorenz' Buch.

Der Fehler liegt in der Annahme, dass ein einziger Generalschlüssel für alle Texte Walsers ausreichen könne. Ausgehend von seiner Lektüre des Romans 'Tod eines Kritikers' als 'Schlüsselroman' verallgemeinert Lorenz schlicht und einfach das 'Prinzip Schlüssel' und behauptet, Walser selbst habe durchgängig im Laufe seines Werks einen von antisemitischen Ressentiments durchzogenen, das heißt stets gleichgerichteten Subtext konstruiert, der auf 'Entschlüsselung' angelegt sei.

Fehlende Kontextualisierungen

Dass auffälliges Knirschen in so manchem Schloss übertönt werden muss, an dem Lorenz diesen vermeintlichen Generalschlüssel versucht, hätte den Autor selbst oder zumindest die Gutachter der Dissertation ins Grübeln bringen müssen - zumal die auf der Hand liegenden Kritikpunkte in der Arbeit selbst genannt werden. So erwähnt Lorenz mindestens zwei Mal, dass insbesondere die essayistischen, aber auch die literarischen Texte Walsers als Reaktionen auf jeweils zeitspezifische Diskussionen und die Reaktionen der Umwelt auf Walser und seine Äußerungen gelesen werden müssten. Abgesehen davon, dass eine konsequente Kontextualisierung in einer solchen Arbeit selbstverständlich sein sollte, müsste spätestens das bereits selbstgenannte Argument dazu führen. Innerhalb der chronologischen Bearbeitung des Werks wird aber eben dies kaum einmal geleistet. Stattdessen dürfen die Leser/innen beobachten, wie Lorenz seine Argumentation dem unbedingten Willen unterordnet, die angenommene Werkkontinuität zu beweisen. Das zeitigt einige amüsante Effekte, wenn etwa der Autor sich selbst ins Wort fällt und mehrere Male "Wandlung" sofort in "Perspektivwechsel" verbessert. Kurios mutet auch an, dass Lorenz Walsers Dissertation über Kafka (1951; ersch. 1963) ganz nebenbei vorwirft, sie erörtere nicht, dass Kafka Jude war: "Walser entledigt (!) sich der zeithistorischen und biografischen Kontexte". Obwohl das Interesse an der jüdischen Tradition in Kafkas Werk weit jüngeren Datums ist und Lorenz selbst erklärt, dass die textimmanente Methode damals gängiger Praxis entsprach, scheint er auf seine Schelte einfach nicht verzichten zu können. In solchen Anmerkungen zeichnet sich bereits ab, dass der Autor vielfach weit davon entfernt ist, seinen Untersuchungsgegenstand, wie behauptet, gründlich und vor allem sine ira et studio anblicken zu wollen. Wichtiger noch aber ist das zur Schau gestellte eigene Desinteresse an historischen Kontextualisierungen. Dies wirkt sich an anderen Stellen fatal aus: Damit Lorenz Walsers Essay "Unser Auschwitz" (1965) als bislang unerkannten Vorläufer der Friedenspreisrede entlarven kann, werden wichtige zeithistorische Kontexte ausgeblendet oder in Halbsätzen nebenbei abgetan: Der Gegensatz vom 'Hinsehenmüssen' und 'Wegsehendürfen', der beide Texte unterscheidet und ein zentrales Motiv ist, an dem sich eine Wandlung Walsers in Bezug auf die deutsche Vergangenheit festmachen lässt, wird erst gar nicht erwähnt. Dass Walser in "Unser Auschwitz" angesichts der Prozesse von Frankfurt und Nürnberg dafür plädiert, dass das deutsche Volk sich seiner Verantwortung bewusst werden müsse und einzusehen habe, dass neben Goethe eben auch Goebbels zur deutschen Geschichte gehöre und dass man die Schuld nicht auf einzelne, als Monster gezeichnete Täter abschieben dürfe, wird für unwichtig erklärt; dass er davon spricht, dass die Lagererfahrung für diejenigen, die sie nicht erlebt haben, kaum nachvollziehbar sei und es kaum möglich sei, sich einzufühlen, und dass er davon ausgehend für einen dokumentarischen Zugang zu Auschwitz plädiert, der die primären jüdischen Zeugen zu Wort kommen lässt, wird keineswegs unter dem Gesichtspunkt 'Darstellungsproblematik von Auschwitz' diskutiert, sondern dem Autor zum Vorwurf gemacht. Dass Walser dafür eintritt, nach den Strukturen zu fragen, die den Massenmord ermöglichten, wird ihm als "Verdrängung der tatsächlich begangenen Quälereien" ausgelegt. Dass sich schon in "Unser Auschwitz" die Abwehrmechanismen der deutschen Nachkriegsgesellschaft fänden, erweist sich für Lorenz darin, dass sich Walser keine Gemeinschaft des Erinnerns von deutschen Tätern und deutsch-jüdischen Opfern vorstellen könne - eine nun wirklich erstaunliche Forderung angesichts der Debatte in den 1960er Jahren, die sich zunächst einmal darum drehte, wann endlich und wie das deutsche Volk überhaupt seine Schuld annehmen würde. Solche Interpretationen zeigen, dass die Kontinuitätsthese ebenso wie die These des 'Subtextes' keine Sehhilfen sind, mit denen eine Facette des Werks besser in den Blick kommt. Sie wirken vielmehr als optische Verzerrer.

Fehlende Theoriediskussion

Die methodischen Probleme des Buches treten jedoch nicht erst an einzelnen Interpretationen zutage. So zieht Lorenz das Modell des 'impliziten Autors' von Wayne Booth heran, um von den literarischen Texten auf Walsers Intentionen zu schließen, soll heißen: auf die eigentlichen, wahren, im Text (zumindest des Frühwerks noch) versteckten Intentionen. Obwohl Lorenz dem Modell nur die letzten 1 1/2 Seiten seines Methodik-Kapitels widmet, ist es für seine Argumentation von zentraler Bedeutung: Die Suche nach der so genannten "dezidierte[n] Textabsicht" ist Dreh- und Angelpunkt der Studie. Dass das Modell von Booth in der Forschung umstritten ist, erwähnt Lorenz in einem Halbsatz, ohne auf die Gründe einzugehen. Ansgar Nünning hat mehrfach hervorgehoben, dass der implizite Autor ein paradoxes Modell ist, weil unklar ist, ob es eher auf der Produktions- oder der Rezeptionsseite angesiedelt ist. Doch dies bleibt undiskutiert, der betreffende Forschungsstand scheint dem Verfasser nicht bekannt zu sein. Es macht aber einigen Unterschied, ob man wie Lorenz behauptet, das Konstrukt des impliziten Autors sei ein vom empirischen Autor erschaffener und gezielt einsetzbarer 'Subtext' - wohlgemerkt jenseits der narrativen Instanz (!), der 'Stimme' des Textes -, der Wertvorstellungen des empirischen Autors im Text vermittele, oder ob man unter dem 'impliziten Autor' ein Konstrukt des Lesers versteht, der sich in der Lektüre eines bestimmten Textes jeweils ein Bild des empirischen Autors (und dessen Einstellungen etc.) erschafft. Lorenz legt weder über diese wichtige Debatte noch über die Vorwürfe, das Konzept tendiere zur Anthropomorphisierung und zum Biografismus, Rechenschaft ab. Vielmehr scheint er der Idee anzuhängen, das Modell rette ihn vor dem Verdacht eines naiven Kurzschlusses von Figurenrede auf Autormeinung, während er es gleichzeitig eben dazu verwendet, einen 'versteckten Diskurs' des Gesamtwerks zu entschlüsseln, der sich direkt dem Autor Walser zuschreiben ließe. Dies fußt darüber hinaus noch auf Lorenz' Ansicht, dass es sich "bei allen Texten Walsers um ästhetisierte Erfahrung handelt, bei denen das Roman-, Novellen- oder Theaterhafte unübersehbar ist." Auch dies gilt dem Autor als eine Einsicht, die "ein zu kurz greifendes Verständnis von Autobiografischem" 'vermeiden' soll. Das Vorgehen sei legitim, da "Walsers Prosa den Eindruck höchst autobiografischen Schreibens vermittelt." Dass in dieser methodischen Grundlegung der Unterschied von Autor und Erzähler zu verschwinden droht, verwundert da kaum mehr; so erklärt Lorenz, es sei "jeweils am konkreten Text zu überprüfen [...], inwiefern und in welcher Form der Autor [!] Position bezieht." Solche Auslassungen zur Methodik, die, wie gezeigt, kein einmaliger Ausrutscher sind, lassen keinen anderen Schluss zu, als dass Lorenz die in den letzten Jahren vielzitierte Rede von der 'Wiederkehr des Autors' (Fotis Jannidis et al.), auf die er sich explizit stützt, grundlegend falsch verstanden hat. Die Folge ist, dass die Arbeit mit Vergleichen literarischer und essayistischer Texte Walsers sowie mit einem Kapitel über "Walsers Juden", das heißt öffentlichen Auseinandersetzungen Walsers etwa mit Ignatz Bubis und Ruth Klüger, aufwartet, von denen ausgehend sowohl literarischen Figuren direkter 'Walser-Text' 'nachgewiesen' als auch mittels der Figurenrede, -zeichnungen und dargestellten Handlungen wiederum auf Walsers Einstellung rückgeschlossen wird. Es werden, so Lorenz, "alle Figuren als Teilelemente einer Textintentionalität begriffen." Gleichzeitig rügt er an anderen Interpreten, sie interessierten sich lediglich für die Figurenrede, nicht aber für deren "Ausstaffierung, von der die Intentionen des Schriftstellers weniger leicht zu trennen sind". Solch dunkle Stellen kann man nur mit einem "sic!" kommentieren, das Lorenz selbst übrigens oft und keineswegs immer nachvollziehbar verwendet.

Nochmals zu "Tod eines Kritikers"

Angesichts von Sätzen wie: "So bietet sich auch eine autobiografische Lesart für die folgende Romanpassage an:", die sich auf 'Tod eines Kritikers' bezieht, ist man fast versucht, diese Studie als Variante einer fixen Idee zu lesen, die in eben diesem Roman karikiert wird: Das Leitmotiv ist, dass fast alle Personen, die mit dem Mordverdächtigen Hans Lach zu tun haben, ob Kommissar, Schriftsteller/in oder Kritiker, Lachs literarisches Werk völlig naiv autobiografisch und als Vorausdeutungen seines späteren Handelns lesen - das, wie die Leser/innen schließlich erfahren, aber gar nicht stattgefunden hat. Das bedeutet umgekehrt nicht, dass Walsers Literaturbetriebssatire eine Rettung verdiente. Liest man wie Lorenz 'Tod eines Kritikers' als einen Schlüsselroman, der er zweifellos auch ist, gibt es Fiktionalisierungen von lebenden Personen, die für sich genommen tatsächlich nicht nur unappetitlich sind, sondern der inkriminierten Logik einer Täter-Opfer-Umkehr folgen: Dies bezieht sich vor allem auf die erfundenen Familiengeschichten des Kritikers André Ehrl-König und seiner Frau Nancy (Marcel und Teofila Reich-Ranicki). Das Problem liegt nun allerdings darin, dass Lorenz einen logischen Fehlschluss begeht, indem er den Roman als Spiegelung der Realität liest und vor dem Hintergrund allein dieser zu 'entschlüsselnden' Aspekte interpretiert. So spricht er etwa von den 'jüdischen Nebenfiguren' des Romans, die im Text allerdings keineswegs alle als 'jüdisch' gekennzeichnet sind: "[...] es tauchen sechs weitere Personen auf, die in der Realität Juden sind." Auf diese Weise kann die Figur Julia Pelz, die, so Lorenz, "als Romanfigur [...] vordergründig keine Jüdin ist", für Lorenz das antisemitische Klischee der 'schönen Jüdin' erfüllen, weil sie als rätselhaft-verführerisch beschrieben wird und als reales Vorbild auf Ulla Berkéwicz verweist. Dass im Roman der Verleger Ludwig Pilgrim (reales Vorbild: Siegfried Unseld) wiederum mit der 'jüdischen' Julia Pelz verheiratet ist, gilt für Lorenz dann wiederum als Beweis, dass er im Roman "als Fremder konstruiert" sei. Auf diese Weise werden Pilgrim, der Kritiker und die Figur Martha Friday, die die Kritikerin Susan Sontag (und damit wiederum eine Jüdin) meine, für Lorenz zu einem mächtigen 'jüdischen Literaturkartell', dem Lach ausgesetzt sei. Richtig an Lorenz' Darstellung ist, dass das Personal von "Tod eines Kritikers", als Schlüsselroman gelesen, natürlich ganz bewusst mit realen Vorbildern spielt, dass dabei auf eine gefährliche und überaus problematische Weise antisemitische Klischees verwendet werden und dass es darüber hinaus einschlägige intertextuelle Anspielungen gibt. Doch eine Interpretation muss hier ansetzen und weitere Fragen beantworten: Ob eine Figurencharakterisierung vom Erzähler oder von einer Figur beziehungsweise von welcher Figur geäußert wird - wie ist diese wiederum charakterisiert, wie glaubwürdig sind ihre Aussagen, welche Motive werden dabei sichtbar etc. -, inwiefern sich dabei Widersprüche ergeben; warum manche Figuren im Text explizit als jüdisch markiert sind und andere nicht und ob dies nicht einen Unterschied in verschiedenen Lesarten des Textes macht: Denn die Tatsache, dass jüdische Konnotationen als Anspielungspotential im Verweis auf reale Vorbilder entstehen können, ist etwas anderes als Lorenz' Fazit: "Die Häufung jüdischer Figuren im Roman und ihre antisemitische Verzeichnung wird umso problematischer, als dass ihr Auftauchen als Juden auf der Handlungsebene überhaupt keinen Sinn ergibt, zu dieser vordergründigen Geschichte über einen verwerflichen Fernsehkritiker jedenfalls nichts beitragen kann."

Und was bedeutet es, dass eigentlich alle Interviewpartner Lachs (ob 'jüdisch' oder ,nichtjüdisch') Ehrl-König hassen und verunglimpfen (und dass also gerade auch Julia Pelz, in Lorenz' Lesart eine 'jüdische' Figur, seine Feindin ist); dass das 'jüdische Kartell' in der genannten Konstellation nur für eine Literatursendung funktioniert; dass die Macht Ehrl-Königs als eine ständig überschätzte dargestellt wird; dass die inkriminierten Gerüchte über Ehrl-Königs Herkunft und Werdegang wiederum von seinem nicht-jüdischen Mentor Professor Silbenfuchs (reales Vorbild: Joachim Kaiser) in die Welt gesetzt worden sein sollen usw. All diese Fragen spielen für Lorenz' Interpretation nicht wirklich eine Rolle, ebenso wenig wird ernsthaft diskutiert, in welcher Weise die problematischen Figurencharakterisierungen als Effekt der Verdächtigungen und einer heimtückischen 'Gerüchteküche' eines karikierten Literaturbetriebs entstehen, in den die Romanfigur Hans Lach selbst verstrickt ist. Trotz mehrfach wiederholter anderslautender Behauptungen von Lorenz beherrschen letztlich absolut gesetzte Figurencharakterisierungen statt der Textstrukturen seine Deutung; die 'Ankündigungsrhetorik' der Arbeit - welche Fragen gestellt werden sollen und welche Textbefunde es erlauben, Schlüsse zu ziehen - ist dabei zum Teil durchaus gut; die folgenden Analysen lösen diese jedoch nicht ein. Lorenz schließt konkurrierende Sinnpotentiale des Textes konsequent aus und versucht gleichzeitig, den Anschein einer zu reduktionistischen Lesart zu vermeiden, um sich etwa von Frank Schirrmachers Schlüsselroman-Interpretation absetzen zu können. Daher holt er weit aus und erklärt 'Tod eines Kritikers' zur radikalsten aller Walser'schen Abrechnungen: "Die Intention, die hinter der fiktionalen Ebene des Schlüsselromans aufscheint, ist die Aufkündigung der ,negativen Symbiose' (Dan Diner) von Täter- und Opferkollektiv nach 1945, die Rehabilitierung der Täter und damit einhergehend die zielgerichtete moralische Demontage der Opfer." Das macht es selbst Leser/innen, die der Ansicht sind, dass der Roman antisemitische Klischees ins Spiel bringt und deshalb als äußerst problematisch anzusehen ist, schwer, Lorenz' Deutungen zu folgen.

Erzwungene Kontinuität

Die eigentliche Frage ist, was den Autor bewogen hat, sich für seine Kontinuitätsthese zu entscheiden. Viel einleuchtender klingt eine modifizierte Entwicklungsthese: Aus dem Rückblick zeigt sich, dass Walsers Interesse für die Frage, was Deutschsein nach Auschwitz bedeuten könne, bereits Potentiale zu positiven Selbst- und negativen Fremdzuschreibungen in sich barg, die im Alterswerk schließlich offen auch antisemitische Ressentiments einschloss. Um dies feststellen zu können, muss man 1. Walsers Beschäftigung mit Auschwitz nicht von vornherein als nationalistisches Projekt verunglimpfen, 2. die historischen Kontexte nicht vernachlässigen, in denen Walsers Essayistik über Auschwitz und die 'deutsche Frage' jeweils stand, 3. weder die Ansicht vertreten, Walser instrumentalisiere sein Werk 'immer schon', um versteckte antisemitische Botschaften zu transportieren, noch 4. ihm ein entsprechendes "ästhetisch-operatives Programm" unterstellen, und 5. die Geschichte von Walsers Beziehungen zu (deutsch-)jüdischen Autoren nicht auf die Zerwürfnisse der letzten Jahre reduzieren. Niemand vergibt sich etwas, der anerkennt, dass sich Walser für die Publikation von Ruth Klügers Autobiografie eingesetzt und ein Vorwort zu Elie Wiesels Roman "Die Nacht" verfasst hat, eben weil er auf Auschwitz als unabwendbaren Teil der deutschen Geschichte insistierte. Das "Paradox" Walser, das Lorenz aus dem Zugleich dieses Engagements für Klüger und der negativen Zeichnung jüdischer Figuren in Walsers Werk konstruiert, ist keineswegs zwingend.

Eine überzeugende Darstellung von Walsers Entwicklung der letzten 40 Jahre hinsichtlich der deutschen Vergangenheit und des deutsch-jüdischen Verhältnisses, die den Unterschied zwischen literarischen und essayistischen Texten ernst nimmt und diese sorgfältig kontextualisiert, steht also immer noch aus.

Die Rezensentin fühlt sich weder zugehörig zu der von Lorenz so ausgiebig und nicht gerade mit Samthandschuhen angefassten 'konservativen' Walser-Philologie, deren Anhängern er eine falsche Solidarität mit ihrem Untersuchungsobjekt unterstellt, nicht zu den vor allem 'linken Publizisten', die allein politisch motiviert seien und kein rechtes literaturwissenschaftliches Instrumentarium hätten, noch zu den "Wissenschaftler[n], denen aufgrund ihrer emotionalen Engagiertheit beim Thema Walser das Handwerkzeug abhanden gekommen ist". Gleichwohl würde Lorenz wohl auch ihr die Kompetenz zum Urteil über seine Studie absprechen, schlicht weil sie bisher "gar nicht als Walser-Forscher in Erscheinung getreten" ist, wie er gegen angeblich apologetische Positionen von gestandenen Literaturwissenschaftlern einwendet. Über diese Vorstellung von Philologie wäre noch einiges zu sagen. Für den Moment genügt es, darauf hinzuweisen, dass Lorenz erst mit diesem Buch ein Walser-Forscher werden will.

Titelbild

Matthias N. Lorenz: "Auschwitz drängt uns auf einen Fleck". Judendarstellung und Auschwitzdiskurs bei Martin Walser.
Mit einem Vorwort von Wolfgang Benz.
J. B. Metzler Verlag, Stuttgart 2005.
560 Seiten, 49,95 EUR.
ISBN-10: 347602119X

Weitere Informationen zum Buch

Leserbriefe

Astrid Schwabe, Universität Flensburg: Egal wie man zu den Thesen von Lorenz stehen mag (ich will nicht verheimlichen, dass ich dazu anders stehe als die Rezensentin): es verwundert schon, dass in dieser „Debatte“ kaum noch ...





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