Die verleugnete Identität

Ellen Feldman erfindet für Anne Franks Geliebten Peter van Pels ein anderes Leben

Von Liliane StuderRSS-Newsfeed neuer Artikel von Liliane Studer

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Dieser Roman wurzelt in einer Fehlinformation: Als die amerikanische Autorin Ellen Feldman während eines Zwischenhaltes in Amsterdam eher gegen ihren Willen das Anne Frank-Haus besuchte, erklärte ihr eine Museumsangestellte, dass man nur das Schicksal von sieben der acht seinerzeit im Haus versteckten Menschen kennen würde. Der einzige Überlebende war Anne Franks Vater Otto - und von Peter van Pels, der Junge, den Anne zuerst nicht leiden konnte, in den sie sich dann jedoch verliebte, wusste man nichts. Feldmans Recherchen ergaben bald, dass die Museumsangestellte falsch informiert war: Peter starb am 5. Mai 1945 im Konzentrationslager Mauthausen, drei Tage vor der Befreiung. Doch der Gedanke, den Ellen Feldman spontan in Amsterdam hatte, ließ sie nicht mehr los: Was wäre, wenn Peter überlebt hätte, in die USA ausgewandert wäre und sich dort eine neue Identität geschaffen hätte?

Es ist die Geschichte von diesem anderen Peter van Pels, die Feldmann in ihrem neuen Roman "Der Junge, der Anne Frank liebte" erzählt. Und es ist eine Geschichte der Verleugnung. Denn Peter van Pels setzt hier alles daran, nicht mehr der zu sein, der er war. Er negiert seine jüdische Herkunft - und heiratet eine Jüdin. Er arbeitet bei einem Antisemiten - und leidet unter dessen abfälligen Bemerkungen. Er will nichts mit seiner Religion zu tun haben - und fühlt sich von einem jüdischen Geistlichen verstanden. Seine ,Welt' bricht zusammen, als seine Frau das "Tagebuch der Anne Frank" liest. Peter verliert die Stimme, und weil keine Besserung eintritt, sucht er Hilfe bei einem Psychiater, auch wenn er überzeugt ist, dass ihm eine Therapie nicht helfen kann, ja, dass er doch kerngesund sei und also auch keine ärztliche, geschweige denn psychiatrische Hilfe benötige. So erzählt er dem Arzt mit dem ungarischen Namen Gabor denn auch nichts Wesentliches und realisiert nicht, dass der Psychiater spezialisiert ist auf die Arbeit mit Überlebenden aus Konzentrationslagern, also längst sehr viel mehr weiß als er selber denkt.

Peter van Pels verstrickt sich in ein unglaubliches Lügengebäude: gegenüber seiner Frau, seinen Kindern, seinen Berufskollegen und letztlich auch gegenüber seinem Psychiater. Gleichzeitig übt diese abgestoßene Vergangenheit eine unglaubliche Faszination auf ihn aus. Mit dem Tagebuch von Anne Frank, das in der Wohnung herumliegt und worin er täglich seine eigene Geschichte nachlesen kann beziehungsweise könnte - was seine Umgebung tut, nur ohne zu wissen, dass Peter neben ihnen, mit ihnen lebt - wird ein Prozess in Gang gesetzt, den er mit keinen Mitteln mehr aufhalten kann, auch wenn er sich noch so sehr bemüht. Seine Geschichte holt ihn ein, er muss feststellen, dass er seine Identität nicht einfach so abstreifen kann - und dies letztlich auch gar nicht will.

Ellen Feldman legt uns mit "Der Junge, der Anne Frank liebte" einen durchweg spannenden Roman vor. Und der Aussage der Übersetzerin Mirjam Pressler, dass es sich um ein Buch handele, das einen augenblicklich in seinen Bann ziehe, ist sicher zuzustimmen. Der Roman entwickelt tatsächlich einen Sog "aus der Balance von realen und fiktiven Ereignissen", wie Pressler meint (die elegante Übersetzung trägt das Ihre zur Sogwirkung für die deutschsprachigen Leserinnen und Leser bei).

Trotz all des Lobes bleibt ein schales Gefühl zurück: Wir lesen den Roman über diesen Peter van Pals, doch wir wissen, dass Annes Peter im KZ umgebracht wurde. Das schafft eine Distanz zur erfundenen Geschichte, die beim Lesen immer mitgetragen wird. So bleibt der erwachsene Peter, der sich in Amerika ein neues Leben gestaltet, sich an seiner selbstgeschaffenen Identität festhält und die alte doch nicht los wird, letztlich eine Figur auf dem Papier. Die Frage, wie es gewesen sein könnte, ist von untergeordneter Bedeutung, denn wir wissen, wie es war.

Titelbild

Ellen Feldmann: Der Junge, der Anne Frank liebte. Roman.
Übersetzt aus dem Amerikanischen von Mirjam Pressler.
Deutsche Verlags-Anstalt, München 2005.
308 Seiten, 19,90 EUR.
ISBN-10: 3421058784

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