Wer wagt es, Rittersmann oder Knapp?

Über Jan-Frederik Bandels neuen Versuch, dem Spätwerk Arno Schmidts auf die Schliche zu kommen

Von Timm Menke

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

In Arno Schmidts Radio-Essay über Stifters "Witiko"mit dem Titel "... und dann die Herren Leutnants!" urteilt Sprecher A. über das Werk Goethes: "20% des Œuvre, höchstens, sind gut". Eine Provokation Schmidts, mit der er der Gefahr eines unreflektierten Goethe-Kults entgegenwirken wollte - im Jahr 1963 sicherlich nicht ganz zu Unrecht.

Wäre es nicht langsam an der Zeit, die Frage nach der Bewertung des Gesamtwerks auch für Arno Schmidt zu stellen, liegt doch das literarische Werk in der Bargfelder Ausgabe nun geschlossen vor? Es steht zwar noch die gesetzte Ausgabe von "Zettel's Traum" aus, aber auch die ist längst in Arbeit. Die Frage könnte also lauten: welche Teile von Schmidts Œuvre gehören denn zu seinen literarischen Glanzstücken? Und welche Arbeiten scheinen ästhetisch-künstlerisch weniger gelungen, selbst wenn diese dennoch eine Forschung beschäftigen, die an autobiografischen Aspekten oder an Untersuchungen zur Werkprogression interessiert ist.

Bei einer flüchtigen Sichtung der Sekundärliteratur fällt auf, wie stiefmütterlich das Spätwerk Schmidts von älteren Forschern behandelt worden ist, obwohl es ja - sieht man von der posthum erschienenen "Julia" ab - bereits seit 1975 vorlag. Man wagte sich an die dicken Buchklumpen einfach nur zögernd heran: möglicherweise aus Unsicherheit bei Bewertung seiner literarischen Qualität.

In diese Lücke springen nun seit ungefähr zehn Jahren Mitglieder einer jüngeren Seminaristengeneration, die sich als Kinder postmodernistischer Literaturtheorien unbefangener und manchmal auch ein wenig naiv der dicken Büchern angenommen haben. Seminaristen daher, weil seither an mehreren Hochschulen führende Schmidt-Forscher immer wieder Seminare zum Thema angeboten haben (so Horst Denkler an der FU Berlin oder Bettina Clausen an der Universität Hamburg). Die in diesem Umkreis entstandenen Sammelbände und Einzelarbeiten haben stellenweise schöne Ergebnisse gezeitigt.

Solch ein Produkt liegt auch hier vor: das kleinformatige Büchlein aus einem Aachener Kleinstverlag ist eine für den Druck überarbeitete Magisterarbeit aus dem Umkreis der Hamburger Clausen-Seminare. Von dort stammt auch eine der erhellendsten Arbeiten zu den Juvenilia Schmidts. In dem bei der Arno Schmidt Stiftung erschienenen Heft zur Forschung Nr. 5 ("Ein erloschener Leuchtturm", 2001) weist Maike Bartl nach, dass Schmidts Jugendwerke einen gemeinsamen Nenner aufweisen: die Texte laufen ihr zufolge sämtlich auf eine "Methodik des Entkommens" heraus und können als literarische Fluchtbestrebungen des Autors Schmidt aus seiner (nationalsozialistischen) Gegenwart verstanden werden.

Diese These nimmt Jan-Frederik Bandel auf und versucht nun in einem Brückenschlag zum Spätwerk zu zeigen, wie dort ganz ähnliche Strategien des Entkommens des Autors Schmidt aus der empirischen Realität seine Texte grundieren, ja sie bestimmen.

Die literarischen Manöver Schmidts als "Generalschlüssel" zu seinem Werk zu verstehen, lehnt Bandel freilich vorsichtig ab: er weiß, das wäre bei der Voluminösität des Spätwerks unangemessen, er versteht sie daher als einen "programmatisch bebilderten Impuls", dem er im "Spätestwerk" Schmidts nachspürt.

Und so entdeckt Bandel dann auch Phänome von Entkommensstrategien in "Zettel's Traum", in der "Schule der Atheisten", in "Abend mit Goldrand" und in der "Julia", wie z.B. den "Buchstaben-Zauber" der Etymistik und die "Puppenwelten", die Entwicklung einer Schmidt'schen Privatmythologie als auch dessen Intention von gegenseitiger Durchdringung von empirischer Realität ("Real-Welt") mit einem artistischen Kunstuniversum ("Text-Welt"). Die autobiografisch orientierte These Bandels ließe sich wohl so zusammenfassen: Schmidt setzt im Spätwerk die Entkommensstrategien seiner Juvenilia fort, geht freilich über die Methodik des Frühwerks hinaus, indem er seine privaten Kunstwelten nicht isoliert als neue Utopie konstituiert, sondern diese neue Welt viel differenzierter mit den Dimensionen der gesellschaftlichen Wirklichkeit verschränkt und ein Amalgam zweier Welten produziert.

Diese These ist freilich so neu nicht, wird von Bandel allerdings detaillierter, kenntnisreicher und umfassender belegt, als das bisher in der Forschung geschehen ist. Darin liegt das Verdienst des Buches. Leserfreundlichkeit ist allerdings nicht gerade einer seiner Vorzüge. Bandels überzeugender Argumentationsgang und die durchaus einleuchtenden literaturkritischen Ergebnisse werden doch recht empfindlich gestört durch den sprachlichen Duktus der Arbeit. Die überbordende hypotaktische und elliptische Syntax und die verquaste, selbstverliebte Zitatierlust des Verfassers (ja, er kennt seinen Schmidt, keine Frage!) bringen Satzungetüme hervor, die der Transmission der Argumente eher abträglich sind und den Inhalt der Arbeit regelrecht unterminieren. Einige Beispiele solcher den Inhalt implodierenden Sätze anzuführen, die oft über 20 und mehr Zeilen laufen, würde den Rahmen dieser Rezension sprengen. Kurz: der pseudo-wissenschaftliche Stil der Arbeit verselbständigt sich und transportiert seinen Inhalt nicht mehr angemessen.

Erlaubt sei eine weitere Beckmesserei, die nicht nur auf den vorliegenden Band, sondern auf große Teile der jüngeren Sekundärliteratur zum Spätwerk zutrifft: hinter der Entdeckerfreude der Forscher, rote Fäden, Strukturprinzipien oder biografische Schlüssel zum Verständnis des Schmidt'schen Werkes gefunden zu haben, bleibt stets die - für ein literarisches Kunstwerk wohl entscheidende - Frage nach der ästhethischen Qualität im Raum stehen: wie gut ist es wirklich? Sie bleibt auch hier wie in zahlreichen Untersuchungen zu Schmidts Spätwerk unbeantwortet, zu sehr sind die Autoren noch im Auffinden von Material involviert, im positivistischen Sichern der Bestände.

Doch die hier geäußerte Kritik soll nicht die brauchbaren Ergebnisse Bandels in Frage stellen. Sicher hat er mit dem hier Vorgelegten nicht das gebäudetragende Gerüst, wohl aber Bausteine zu einer künftigen Gesamtinterpretation von Schmidts Spätwerk geliefert, diesen babylonischen Türmen.

Titelbild

Jan-Frederik Bandel: Signierte Wirklichkeit. Zum Spätwerk Arno Schmidts.
Rimbaud Verlagsgesellschaft, Aachen 2005.
223 Seiten, 25,00 EUR.
ISBN-10: 389086631X

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