Ein kannibalischer Roman

Über eine Neuausgabe von Gustave Flauberts "Salambo"

Von Christine Ott

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Gerd Haffmanns hat Flauberts "historischen Haschisch" in der schönen, sehr flüssigen Neuübersetzung von Petra-Susanne Räbel herausgebracht. Der mit einem schönen Umschlagbild, historischen Illustrationen und einem sehr nützlichen Glossar ausgestattete Band ist auch optisch ansprechend. Als Bildungslektüre und Lesegenuß gleichermaßen geeignet.

Flauberts historischer Roman "Salambo" ist in Karthago um die Zeit des ersten punischen Kriegs angesiedelt. Kern der Handlung ist eine durch barbarische Söldnertruppen angestachelte politische Rebellion gegen die Herrschaft Karthagos. Sie gipfelt im Versuch der Barbaren, die Stadt zu erobern und endet mit ihrer blutigen Niederlage. Dazwischen liegt eine, wie es Victor Brombert bezeichnet hat, "Anthologie von Grausamkeiten", eine nicht enden wollende Kette von Tabubrüchen, sakrilegischen Handlungen, Schlachten, Vampirismus, Belagerungen und Menschenopfern. Und - wie könnte es anders sein - die Geschichte einer unerfüllten Liebe.

Alles beginnt im Palast des karthagischen Heerführers Hamilkar Barkas, wo dessen Söldnertruppen in Abwesenheit des Hausherrn ein Siegesmahl feiern. Die betrunkenen Soldaten, gereizt, weil Hamilkar sie aus undurchsichtigen Gründen verlassen hat, beginnen den Palast zu zerstören und zu plündern. Sie gehen so weit, die heiligen Fische der Barkas-Familie zu töten. Da erscheint Hamilkars Tochter, Salambo, die jungfräuliche Priesterin der Göttin Tanit. Sie reicht dem lybischen Soldaten Matho einen Kelch voll Wein - eine Geste, die dieser gründlich mißversteht. So verliebt sich Matho in die schöne Salambo; doch auch der numidische Stammesfürst Naravas begehrt sie. Zwei Tage später ziehen die Söldner aus der Stadt aus, nachdem die Karthager sie überredet haben, ihr Lager außerhalb aufzuschlagen. Allmählich wird ihnen klar, daß die Karthager den ihnen versprochenen Lohn nicht auszuzahlen gedenken. Sie beginnen, sich mit den Karthago unterworfenen Provinzen gegen die Stadt zu verbünden.

Matho, Naravas und der Grieche Spendius führen das rebellische Heer an. Sie belagern und erobern zwei Städte, die sich Karthago gegenüber solidarisch gezeigt haben. Matho, den die Liebe zu Salambo nach Karthago zurücktreibt, gelingt es, in die Stadt einzudringen und den heiligen Schleier der Tanit zu entwenden. Er sucht ihn Salambo zu schenken, doch sie weist den Barbaren entsetzt ab. Der Verlust des Schleiers erschüttert die Zuversicht der Karthager merklich. Indessen kehrt Hamilkar zurück und macht sich daran, die rebellischen Barbaren zu bekämpfen. Er stellt ein Heer auf und schlägt sie in der Ebene vor Utica. Der Schleier der Tanit ist aber noch in Mathos Besitz - für die fromme Salambo eine unerträgliche Vorstellung. Verkleidet sucht sie Mathos in seinem Zelt auf und bietet sich ihm an. Als er schläft, flieht sie mit dem Schleier ins karthagische Lager. Von da an scheint der Untergang der Barbaren besiegelt. Naravas läuft zu über Hamilkar, der ihm die Hand seiner Tochter verspricht. Doch dann belagern die Barbaren Karthago, der Regen bleibt aus, die Stadt beginnt Durst zu leiden. Um den erzürnten Gott Moloch zu besänftigen und den Regen herbeizuflehen, beschließen die Ältesten, ihm ihre Kinder zu opfern. Die Zeremonie endet in einem kollektiven Rausch, Männer im Opferwahn schneiden sich gegenseitig die Kehle durch. Die belagernden Barbaren beobachten das Schaupiel, "starr vor Entsetzen". Der Regen fällt, das Schicksal wendet sich zu Gunsten der Karthager. Eine Armee von vierzigtausend Barbaren wird in einen Engpaß getrieben; die Paßöffnung versperrt. Nach neun Tagen beginnen die ausgehungerten Barbaren, die Leichen ihrer Kameraden zu essen. Die übrigen Söldner werden gefangengenommen und zu Tode gefoltert. Für den Tag von Salambos Hochzeit mit Naravas ist eine großartige Hinrichtungszeremonie vorgesehen, in der Matho zum Ergötzen aller Karthager den Tod finden soll. Salambo und Matho, der nur noch ein blutiges Bündel Fleisch ist, begegnen einander ein letztes Mal: "Salambo hatte sich über die Brüstung gebeugt; diese entsetzlichen Pupillen betrachteten sie, und mit einem Schlage wurde ihr bewußt, was dieser Mann alles für sie erlitten hatte. Obwohl er im Sterben war, sah sie ihn wieder vor sich, in seinem Zelt, auf den Knien, die Arme um ihre Taille geschlungen und zärtliche Worte murmelnd; es dürstete sie danach, sie noch einmal zu spüren; sie wollte nicht, daß er starb!" In diesem Augenblick fällt Matho tot zu Boden, ein Molochpriester reißt ihm das Herz aus der Brust und bietet es der Sonne dar. Wenige Augenblicke später erhebt sich Salambo "wie ihr Bräutigam mit einem Kelch in der Hand, um ebenfalls zu trinken. Sie fiel, den Kopf über die Lehne des Throns zurückgeworfen, bleich, steif, die Lippen geöffnet, ihr gelöstes Haar reichte bis zum Boden. So starb die Tochter Hamilkars, weil sie den Mantel der Tanit berührt hatte". Ein äußerst romantisches Ende für eine Liebesgeschichte, die eigentlich auf einem beiderseitigen totalen Unverständnis beruht.

Flauberts historischer Roman "Salambo" hatte nach seinem Erscheinen 1862 großen Erfolg und verursachte zugleich eine Schockwirkung, die sich in etwa mit jener vergleichen ließe, die heute die Romane Michel Houellebecqs auslösen. Flaubert hatte damit gerechnet: "je fais du style cannibale" - "ich schreibe wie ein Kannibale" - stellte er befriedigt fest. Das Verstörende des Romans hatte vor allem zwei Gründe. Zum einen die pausenlose Reihung immer entsetzlicherer Gräueltaten. Zum anderen die geradezu unheimliche Teilnahmslosigkeit des Erzählers, der all diese schrecklichen Ereignisse gleichsam ohne ein Wimpernzucken wiedergibt. Sein Fokus gleitet beständig von den Barbaren zu den Karthagern und umgekehrt, ohne daß jemals auch nur die leiseste Kritik an den haarsträubenden Vorfällen hörbar würde. Er zeigt aber auch keine Präferenzen, so daß der Leser gar nicht weiß, auf wessen Seite er 'mitfiebern' soll. Das damalige Publikum, noch an moralisierende Erzähler à la Balzac gewöhnt, war durch eine solche Erzählhaltung entschieden überfordert. Noch beunruhigender war aber die unterschwellige Botschaft dieses Romans, dessen unparteiische Erzählhaltung jegliche Differenz zwischen Zivilisation und Barbarei, Religiosität und Götzenkult, Liebe und Haß in sich zusammenfallen ließ. Der Mensch, so ließe sich die desillusionierte Aussage in Kurzform wiedergeben, ist am Ende doch nur ein Kannibale - auch wenn er seinen Kannibalismus, wie die dem Moloch opfernden Karthager - oder wie die besitzenden Klassen des Empire -, auf allerhöchstem zivilisatorischen Niveau betreibt. Kratzt man ein wenig am Lack der Kultur, so zeigt sich der Mensch mit seinen brutalen, egoistischen Trieben. Alle Figuren des Romans vollbringen ihre - grausamen, tollkühnen, unerhört mutigen - Handlungen letztlich nur, um ihre eigenen Sehnsüchte und Instinkte zu befriedigen: Hamilkar treibt der Wille zur Macht, Matho die Liebe zu Salambo; Salambo schließlich, die Matho skrupellos für ihre Zwecke benutzt, steht ganz im Bann ihrer religiösen Inbrunst. Weder Patriotismus, Solidarität oder echte zwischenmenschliche Liebe sind also die treibenden Kräfte, sondern irrationale Obsessionen, umso zwingender, als sie gänzlich unreflektiert sind. Während seine Schriftstellerkollegen Victor Hugo und George Sand sozialutopische Romane veröffentlichten, hielt Flaubert (der selbst zur besitzenden Klasse gehörte und politisch konservativ war) seinen zivilisierten Zeitgenossen einen kannibalischen (Zerr-)Spiegel vor.

Titelbild

Gustave Flaubert: Salambo.
Übersetzt aus dem Französischen von Petra Susanne Räbel.
Zweitausendeins, Frankfurt a. M. 2005.
435 Seiten, 14,90 EUR.
ISBN-10: 386150555X

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