Besser leben mit Knigge

Der Boom der Benimmbücher

Von Maik Söhler

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Benimmbücher, die so unterschiedlichen Personengruppen wie Manager/innen, Hausfrauen, Wanderern, Internet-User/innen und selbst Kindern "Stilsicherheit in allen Lebenslagen" versprechen, sind seit Jahren aus den Programmen der größeren Verlage nicht mehr wegzudenken. Schauen wir uns einen Titel mal genauer an: "Unsere Umgangsformen - Die Welt der guten Sitten von A bis Z" von Gloria von Thurn und Taxis und Alessandra Borghese ist seit seiner ersten Auflage 2000 ein Bestseller.

Im Vorwort, verfasst von Glorias jüngerem Bruder Alexander Graf von Schönburg, der neulich mit "Die Kunst des stilvollen Verarmens" selbst ein snobistisches Buch zum Benimmboom beisteuerte, ist von der "Demokratisierung der Vornehmheit" die Rede. Darüber könnte man sich freuen: Weil da, wo Demokratie ist, die Freiheit ja nicht weit sein sollte. Damit gemeint ist aber nur "preiswertes Silberbesteck bei Tchibo" und "H&M-Smokingjacken". Solche Produkte haben mit Demokratie oder gar Freiheit ungefähr so viel zu tun wie der Adel mit der Armut. Und die hier vorgestellte "Welt der guten Sitten" ist kaum mehr als eine Ansammlung von Beschränktheit und Adelsprotzerei.

Auch Sybil Gräfin Schönfeldt verknüpft in ihrem seit Jahren immer wieder neu aufgelegten "Einmaleins des guten Tons" Benimmregeln mit Fragen der Demokratie - plaudert dann aber, statt auch mal Antworten zu geben, lieber über Statussymbole, die Bibel, das Fernsehen und die Rücksichtslosigkeit Helmut Kohls gegenüber einem japanischen Staatsmann. Mit Freiheit hat das alles nur dann zu tun, wenn man Schönfeldts Themenhopping großzügig dem Bereich der Gedankenfreiheit zuschlägt.

Wohin man auch sieht bei all diesen Benimmbüchern, überall begegnen einem die gleichen alten Werte. Mal besser, mal schlechter in die Form des Etikette-Ratschlags gepresst. Und noch eine Gemeinsamkeit haben sie: Im Klappentext der meisten aktuellen Benimmbücher findet man Präzisierungen: "Manager-Knigge", "Kulinarischer Knigge", "Anti-Blamier-Knigge", "Kinderknigge". Kurz: Es geht um das Buch "Über den Umgang mit Menschen" von Adolph Freiherr von Knigge.

Was vielen lediglich als erstes Benimmbuch der Neuzeit gilt, ist in Wahrheit ein Manifest der bürgerlichen Freiheiten in Zeiten von Absolutismus und Feudalherrschaft. Knigge war einer der ersten deutschen Aufklärer seiner Zeit. Außerdem aber bekleidete er in Bremen ein Amt im Dienste des Königs von England, der zugleich Kurfürst von Hannover war. In dieser Funktion war es ihm untersagt, sich für die bürgerlichen Freiheitsrechte einzusetzen, die ja die feudale Gesellschaftsordnung in Frage stellten. Diesen Widerspruch überwand Knigge in seinem erstmals im Jahr 1788, also ein Jahr vor der französischen Revolution, erschienenen Buch, indem er seinen Zeitgenossen formal nur ein Regelwerk mit dem Titel "Über den Umgang mit Menschen" vorlegte, ihnen damit aber indirekt den Weg zur Freiheit wies.

Denn sein Buch hat es in sich. Unterteilt in die Kapitel "Allgemeine Bemerkungen und Vorschriften über den Umgang mit Menschen", "Über den Umgang mit sich selber" und "Über den Umgang mit Leuten von verschiedenen Gemütsarten, Temperamenten und Stimmungen des Geistes und Herzens" erfolgen Attacken auf die meisten Berufs- und Standesgruppen der höheren Gesellschaft. Egal ob Theologen, Militärs oder Fürsten - Knigge bezichtigt sie unter eleganter Wahrung der Ratgeberform in Sachen Umgang wahlweise der "Schurkerei", "Niedertracht", "Habsucht", "Gefühllosigkeit" oder gar der "Windbeutelei". Er beklagt das Schicksal der Bauern, denen noch nicht einmal ein "Schatten von Freiheit" gewährt wird, und findet unter Handwerkern Menschen von edeler Gesinnung - während ihm einige Juristen seiner Zeit als "privilegierte Diebe" gelten.

Doch nicht nur um versteckte Gesellschaftskritik ging es ihm. Knigges Wahl fiel auch deshalb auf die Umgangsformen, weil der Mensch durch ihr Erlernen das Bewusstsein seiner Menschenwürde schärfen und somit den "Großen dieser Erde, Fürsten, Vornehmen und Reichen" etwas entgegensetzen könne. Das ist das Erbe des Adolph Freiherr Knigge, von dem leider kaum eines der vielen aktuellen Benimmbücher etwas wissen will. Der Politologe Iring Fetscher schrieb bereits vor Jahren, dass Knigge "den gemeinsamen Aufstieg des moralisch und bildungsmäßig zur Führung der Gesellschaft berufenen Bürgertums anstrebte, während die Autoren zeitgenössischer Etikette-Bücher einzelnen Parvenus die Anpassung an eine vermeintlich noch existierende Upper-Class ermöglichen wollen".

Anders gesagt: Knigge empfahl die Aneignung alter Regeln, um eine neue Welt zu erreichen. In der neuen Welt von heute aber werden uns nur wieder die alten Werte empfohlen. Das ist der Unterschied zwischen Aufklärung und Restauration.

Benutzte Literatur:
"Adolph Freiherr von Knigge: Über den Umgang mit Menschen" (Insel Verlag 1977)

Anmerkung der Redaktion: Der Text ist bereits am 1. Juli 2005 bei fluter.de erschienen. Wir danken Autor und Verlag für die Veröffentlichungsgenehmigung.

Titelbild

Gloria von Thurn und Taxis / Alessandra Borghese: Unsere Umgangsformen. Die Welt der guten Sitten von A bis Z.
Goldmann Verlag, München 2004.
300 Seiten, 8,95 EUR.
ISBN-10: 3442166691

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch

Titelbild

Alexander von Schönburg: Die Kunst des stilvollen Verarmens. Wie man ohne Geld reich wird.
Rowohlt Berlin Verlag, Berlin 2005.
240 Seiten, 17,90 EUR.
ISBN-10: 3871345202

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Titelbild

Alexander Knigge / Claudia Cornelsen: Expedition Knigge oder Das Geheimnis eines alten Buches.
Illustriert von Stefani Kampmann.
Campus Verlag, Frankfurt a. M. 2005.
208 Seiten, 19,90 EUR.
ISBN-10: 3593376482

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