Schönheit und Geschlecht

Konstruktionen von Weiblichkeit und Männlichkeit in ästhetischen Theorien

Von Thomas AnzRSS-Newsfeed neuer Artikel von Thomas Anz

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Die Geschichten, die historische Wissenschaften in den letzten Jahrzehnten über die kulturelle Entwicklung von kollektiven Vorstellungen über die Unterschiede zwischen den Geschlechtern, also von Vorstellungen über typisch männliche und typisch weibliche Eigenschaften erzählten, weisen dem 18. Jahrhundert eine einschneidende Bedeutung zu. Vor gut zweihundert Jahren, so rekonstruierte 1976 ein ungemein einflussreicher Aufsatz der Sozialwissenschaftlerin Karin Hausen, haben sich die noch heute weit verbreiteten Stereotypen über charakterliche Unterschiede von Männern und Frauen herausgebildet. Der Titel des Aufsatzes enthielt bereits die Essenz der Thesen: "Die Polarisierung der 'Geschlechtscharaktere' - Eine Spiegelung der Dissoziation von Erwerbs- und Familienleben". Als die Kleinfamilie die Großfamilie ablöste, der Mann zum ökonomischen Erhalt der Familie außer Haus ging und die Frau sich auf die familiären Belange konzentrierte, hatte diese Dissoziation von Erwerbs- und Familienleben erhebliche Auswirkungen auf die Vorstellungen von unterschiedlichen Qualitäten der Geschlechter. Den Anforderungen im öffentlichen Erwerbsleben entsprachen Tugenden, die bald als spezifisch männlich galten: Aktivität, Rationalität und Zielstrebigkeit. Im Familienleben wiederum, der Domäne der Frau, waren Tugenden eher passiver, bescheidener, anpassungsbereiter, gütiger, emotionsgelenkter und anmutiger Weiblichkeit gefragt.

Wohl nicht zufällig zur gleichen Zeit, in der sich diese Polarisierung von Geschlechtscharakteren herausbildete, in der Mitte des 18. Jahrhunderts, etablierte sich eine eigene wissenschaftlich-philosophische Disziplin, die sich insbesondere für das Schöne zuständig erklärt: die Ästhetik. 1750 und 1758 erschien in zwei Teilbänden mit insgesamt 624 Seiten und 904 logisch aufeinander aufbauenden Paragrafen in lateinischer Sprache jene Abhandlung, die als Gründungswerk dieser neuen Disziplin gilt: Alexander Gottlieb Baumgartens "Aesthetica". "Aisthesis" heißt Wahrnehmung. Der von Baumgarten eingeführte Begriff "Ästhetik" bedeutete wörtlich "Wahrnehmungslehre" und meinte dabei, so ist zu ergänzen, eine Lehre der sinnlichen Wahrnehmung bzw. Erkenntnis. Der Logik als einer Wissenschaft der theoretischen Erkenntnis wird damit die Ästhetik als eine "Wissenschaft der sinnlichen Erkenntnis" ergänzend zur Seite gestellt. Sinnliche Erkenntnisse sind dabei solche, mit denen psychische Fähigkeiten gewonnen werden, die außerhalb der Vernunft existieren: Empfindungen, Fantasien, Erinnerungen und Wünsche. Mehrfach variiert hat Kant eine seiner zentralen Aussagen, schön sei, was "ohne Begriff" gefällt. Und gleich zu Beginn erklären seine beiden wichtigsten Schriften zur Theorie des Schönen unmissverständlich, dass sie vor allem die Theorie eines subjektiven Gefühls entwickeln. Die erste erschien 1764 und trägt den dafür bezeichnenden Titel "Beobachtungen über das Gefühl [!] des Schönen und Erhabenen". Insofern diese psychischen Potenzen besonders in den Künsten aktiviert werden, ist die Ästhetik vor allem eine Theorie dieser Künste. Zugleich jedoch versteht sie sich selbst als eine Kunst, als eine "Kunst des schönen Denkens" (Baumgarten), die die Kunst des schönen Schreibens und Redens mit einschließt.

Im System der philosophisch-wissenschaftlichen Disziplinen nehmen die Ästhetik wie ihre schönen Gegenstände gleichsam eine weibliche Position ein, insofern sie nicht zur Domäne der mit Männlichkeit assoziierten Rationalität, sondern zur Domäne der mit Weiblichkeit assoziierten Emotionalität gehören. Das Attribut "schön" ist schon vor dem 18. Jahrhundert mit Zweckfreiheit eng assoziiert. Als schön gilt, was, wie das Spiel, nicht an Nützlichkeitserwägungen gebunden ist, wie sie im Bereich der Arbeitswelt und Erwerbstätigkeit gefordert sind. Dem Schönen und seiner Wahrnehmung werden Merkmale zugeschrieben, die zur gleichen Zeit und noch weit über diese Zeit hinaus ganz ähnlich als Charakteristika des Weiblichen gelten.

Mit der Verortung des Schönen, der ästhetischen Wahrnehmung und des Weiblichen in Bereichen des Prä-, Para- oder Irrationalen geht das Stereotyp der Undefinierbarkeit, des rational und begrifflich nicht Fassbaren und Festlegbaren einher. Die Rede vom "Rätsel der Weiblichkeit" in der 33. Vorlesung Sigmund Freuds über Psychoanalyse, die "das Geschlechtsleben des erwachsenen Weibes" zu einem "dark continent für die Psychologie" mystifizierte, findet sich ganz ähnlich in vielen Abhandlungen über das Schöne. Das Weibliche wie das Schöne ist etwas, was sich der Rationalität entzieht, der männlichen wie der wissenschaftlichen bzw. der als männlich geltenden Wissenschaftlichkeit.

Seit über das "Wesen" und den Begriff der Schönheit reflektiert wird, existiert der Topos ihrer Unbegreiflichkeit, ihrer begrifflichen und rationalen Unfassbarkeit. Neben den Versuchen, das Schöne zu begreifen, finden sich immer wieder die Zurückweisungen solcher Versuche oder sogar der Spott über sie. "Ich muß über die Ästhetiker lachen", soll Goethe laut Eckermann gesagt haben, "welche sich abquälen, dasjenige Unaussprechliche, wofür wir den Ausdruck 'schön' gebrauchen, durch einige abstrakte Worte in einen Begriff zu bringen." Weniger spöttisch, aber sinngemäß ähnlich konstatierte Goethes Zeitgenosse Karl Philipp Moritz, Mitbegründer der empirischen Psychologie in Deutschland: "Die Natur des Schönen besteht ja eben darinn, daß sein innres Wesen außer den Grenzen der Denkkraft, in seiner Entstehung, in seinem eigenen Werden liegt. Eben darum, weil die Denkkraft beim Schönen nicht mehr fragen kann, warum es schön sey, ist es schön. [...] Das Schöne kann daher nicht erkannt, es muß hervorgebracht - oder empfunden werden." Alles Unzugängliche hat freilich seit jeher eine besondere Anziehungskraft. Das sinnliche Begehren nach dem Schönen geht einher mit dem intellektuellen Begehren, es begreiflich zu machen. Den Anstrengungen der Ästhetik im 18. Jahrhundert, dem Schönen zumindest ansatzweise begrifflich auf die Spur zu kommen, entspricht bei Freud das Bemühen, den 'dunklen Kontinent' des Weiblichen mit der aufklärerischen Erkenntniskraft der Psychoanalyse doch ein wenig zu erhellen.

Die Ästhetiktheorien der Aufklärung im 18. Jahrhundert sind Theorien von Männern aus kulturell geprägt männlicher Perspektive, und wo diese den Hauptgegenstand der ästhetischen Theorie, eben das Schöne, in seinen charakteristischen Merkmalen zu beschreiben versuchen, ist kaum übersehbar, was sie da im Sinn oder im Blick haben: das Weibliche. Die signifikantesten Beispiele dafür lieferte Edmund Burke.

Im Kontrast zum "Erhabenen" hatte Burke 1757, etwa zeitgleich mit Baumgartens "Aesthetica", in einer der bedeutendsten und einflussreichsten (und darüber hinaus vergnüglich zu lesenden) Schriften zur Ästhetik eine Liste von Schönheitsmerkmalen zu erstellen und zu begründen versucht. In den "Philosophischen Untersuchungen über den Ursprung unserer Ideen vom Erhabenen und Schönen" entwirft er seine Vorstellungen über die "wahren" Merkmale und Ursachen der Schönheit. Schöne Objekte sind nach Burke zum einen "verhältnismäßig klein". Diese Merkmalsbestimmung ist wie die folgenden abhängig von den empfindsamen Gefühlswerten, die Burke mit der Wahrnehmung des Schönen verbunden sieht. Es sind keine überwältigenden Leidenschaften ("desire"), sondern sanftere Gefühle zärtlicher Liebe ("love"). Dafür, dass schöne Dinge eher klein sind, spreche, "daß man in den meisten Sprachen von den Objekten der Liebe mit Diminutiven, also mit Wörtern spricht, die einen verkleinernden Zusatz enthalten". Diminutiv-Endungen sind häufig "Zeichen der Zuneigung und Zärtlichkeit". In der englischen Umgangssprache sei es "üblich, allen Dingen, die wir lieben, das Zärtlichkeitswort 'little' (klein) hinzuzufügen." Dinge, die als schön empfunden werden, sind nach Burke weiterhin eher zierlich, zart, weich, glatt und glänzend. Schöne Farben sind rein und hell (nicht trüb und düster), schöne Töne klar, ruhig, sanft und leise. Und wie schöne, anmutige Bewegungen und schöne Färbungen gehen sie fließend ineinander über. Den fließenden statt abrupten Wechsel von Eindrücken visueller, akustischer und auch haptischer Art fasst Burke unter dem abstrakteren Schönheitsmerkmal "Allmähliche Änderung" zusammen: "Aber wie die vollkommen schönen Körper nicht aus winkeligen Teilen zusammengesetzt sein können, so bewegen sich ihre Teile auch nicht lange in derselben geraden Linie. Sie ändern ihre Richtung jeden Augenblick - und ändern sie unter dem Auge des Beobachters durch eine ununterbrochen fortschreitende Abweichung".

Liest man Burkes Explikationen von Schönheitsmerkmalen und deren Illustrationen, so kann man den Eindruck gewinnen, dass Schönheit ein androzentrisches Konstrukt ist. Zwar setzt Burke nicht den Mann als Maß vollkommener Schönheit, aber seine Schönheitsbeschreibungen scheinen vom Begehren des Mannes deutlich geprägt zu sein, vom Begehren des Mannes nach der Frau. In kaum einer seiner Illustrationen für Schönheitsmerkmale versäumt es Burke, die Schönheit der Frau als Beispiel anzuführen. Im Hinblick auf das Merkmal Glätte weist er auf die "glatte Haut" einer "hübschen Frau"; in den Erläuterungen zum Merkmal "allmähliche Änderung" schreibt er: "Man betrachte den Teil einer schönen Frau, der vielleicht der schönste ist - den um Hals und Brust: die Glätte, die Weichheit, das leichte, unmerkliche Anschwellen; die wechselnde Oberfläche, die sich niemals auch nur an der kleinsten Stelle gleichbleibt". In dem Abschnitt, der mit "Zartheit" betitelt ist, heißt es: "Die Schönheit der Frauen ist in beträchtlichem Maße ihrer Schwäche oder Zartheit zuzuschreiben und wird noch durch Schüchternheit erhöht - eine Qualität des Gemüts, die der Zartheit analog ist." Und zur Veranschaulichung der These "Vollkommenheit ist nicht die Ursache der Schönheit" dient wiederum das "weibliche Geschlecht", das "fast immer eine Idee von Schwäche und Unvollkommenheit mit sich führt." In diesem Zusammenhang gelesen, wirft die folgende Formulierung ein bezeichnendes Licht auf das Verhältnis zwischen Mann und Frau im 18. Jahrhundert: "Liebe betrifft kleine, angenehme Objekte; wir unterwerfen uns dem, was wir bewundern, aber wir lieben das, was sich uns unterwirft".

Sind die Beschreibungen von Schönheitsmerkmalen, wie sie die Ästhetiker der Aufklärung vorgelegt haben, also mehr oder weniger verdeckter Ausdruck erotischer Männerwünsche? Dafür finden sich viele Anzeichen. Die Konstrukte ästhetischer Theorien des 18. Jahrhunderts, die alle durch eine Hochschätzung des Schönen und des Weiblichen zugleich gekennzeichnet sind, enthalten jedoch Bausteine, die eine sublime Abwertung des Weiblichen zugunsten von Männlichkeit erhalten. Diese Bausteine sind vor allem dort zu entdecken, wo diese Theorien neben dem Schönen vom "Erhabenen" handeln, und dieses vom Schönen abgrenzen.

Die ästhetischen Theorien setzen dem schönen, weiblichen Geschlecht das starke, erhabene, männliche Geschlecht gegenüber. Als erhabene oder Gefühle des Erhabenen auslösende Objekte werden solche beschrieben, die das wahrnehmende Subjekt in irgendwie auch angsterregender Weise zu überwältigen drohen: Gewitter, Nacht, Sturm, gewaltige Gebirgsmassive, tiefe Schluchten, aber auch alle starken Affekte wie vor allem Todesängste oder starke Schmerzen. Die Fähigkeit, solchen überwältigenden Eindrücken, mögen sie nun von außen oder auch aus dem eigenen Inneren kommen, standhalten zu können, sich über sie zu erheben, sich über sie erhaben zu fühlen, diese Fähigkeiten werden in den ästhetischen Theorien dem Mann zugeschrieben. Das Gefühl des Erhabenen ist eine Mischung von Stolz und Genugtuung, Zuwachs an Selbstbewusstsein, Genuss der eigenen Willensstärke; und wo man an anderen diese Fähigkeit, überwältigenden Eindrücken standzuhalten, beobachtet, bewundert man ihn, zeigt sie sich einem als Würde und damit einer Qualität, die ebenfalls vorrangig dem Mann zugeschrieben wird.

Solche geschlechterspezifischen Zuschreibungen liegen inzwischen zweihundert Jahre zurück, und man könnte vermuten, die Theorien über das Schöne hätten sich von ihnen mittlerweile befreit. Dies ist aber selbst da nicht der Fall, wo sich Untersuchungen mit Berufung auf ihre empirische Fundierung besonders vorurteilsfrei gerieren.

Psychologie der Schönheit

In Untersuchungen der empirischen Psychologie zur Schönheit geht es in der Regel um "Attraktivitätsforschung". Die Frage ist: Welche Merkmale einer Person sind bei der Partnerwahl von dominanter Bedeutung. Das Ergebnis solcher Forschungen fasst ein jüngerer Aufsatz mit dem Titel "Welche Rolle spielt für Frauen die physische Attraktivität ihres Partners" (der Beitrag ist von 5 Frauen verfasst) in dem von Andreas Hergovich herausgegebenen Band "Psychologie der Schönheit" so zusammen: "Physische Attraktivität spielt als Kriterium der Partnerwahl bei heterosexuellen Frauen nur eine sehr untergeordnete Rolle. Frauen legen bei der Auswahl eines geeigneten Partners viel mehr Wert auf finanziellen und gesellschaftlichen Status, Beruf, Gesundheit, Alter, Kinderwunsch, Treue oder Zuneigung." Der Partnerwahl liege das Bestreben der Frau zugrunde, "Ressourcen und einen Beschützer an sich zu binden. [...] Als physisch attraktiv nimmt die Frau an einem Mann in erster Linie solche Merkmale wahr, die als Hinweisreiz auf vorhandene Ressourcen und Schutzfunktionen dienen. Lesbierinnen zeigen z. T. andere Präferenzmuster. Sie bevorzugen bei der Partnerwahl ebenso wie Männer visuelle Merkmale und sexuelle Stimulationen." Die Biologin Nancy Etcoff (sie lehrt an der Harvard Medical Scool) resümiert in ihrem Buch "Nur die Schönsten überleben" die Ergebnisse der Forschung ähnlich. Fast in allen Kulturen, in denen empirische Befragungen vorgenommen wurden, "legen die Männer mehr Wert auf das Aussehen als die Frauen. [...] 1990 kam David Buss zu dem Ergebnis, dass in 34 der 37 von ihm untersuchten Kulturen die Männer mehr Wert auf körperliche Attraktivität und Aussehen des Partners legten als die Frauen. In Indien, Polen und Schweden ergab sich bezüglich der Fragen des guten Aussehens kein Unterschied zwischen den Geschlechtern." Es schließen sich Beobachtungen über den Markt für Bilder nackter Körper an. Hier sind die Konsumenten, was nackte Männerkörper betrifft, hauptsächlich homosexuelle Männer, nicht Frauen. Versuche von Frauenzeitschriften, durch Abbildungen nackter Männer an Attraktivität für Leserinnen zu gewinnen, scheinen weitgehend gescheitert zu sein. "Die Frauenzeitschrift Viva präsentierte in den 70er Jahren großformatige Photos nackter Männer, stellte diese Praxis jedoch wieder ein. Playgirl veranstaltete eine eigene Umfrage um festzustellen, wie gut Nacktphotos von Männern bei den weiblichen Lesern des Blattes ankamen; nur ein Viertel der Leserinnen gab an, die Centerfolds sehr zu schätzen. Gerüchten zufolge spricht Playgirl hauptsächlich Homosexuelle an, was die Zeitschrift jedoch ableugnet."

Insbesondere die ästhetische Attraktivität der männlichen Geschlechtsorgane für Frauen scheint gegen Null zu tendieren. In ästhetischen Theorien muss der männliche Penis gelegentlich sogar dafür herhalten, die ungleiche geschlechtsspezifische Verteilung von Schönheitsmerkmalen zu belegen. Winfried Menninghaus bestätigt in einem der wichtigsten Bücher, die in jüngster Zeit zum Thema Schönheit erschienen sind, mit Blick auf zahlreiche historische Zeugnisse den "Konflikt von Schönheit und Phallus" und zitiert dabei u. a. Johann Joachim Winckelmann. Der Archäologe und Kunstgelehrte, der im 18. Jahrhundert die Vorstellungen über die klassische Schönheit der antiken Kunst maßgeblich prägte, beobachtete an Statuen des Apollo und Bacchus, dass dort das "Gewächs", wie er sich ausdrückte, "eine mittlere Gestalt" zwischen männlichen und weiblichen Formen habe. Es sind Männer mit weiblichen Hüften, Rücken und Beinen. Und die antiken Künstler reduzierten an ihnen, so Menninghaus mit der ihm eigenen Formulierungskunst, "den Phallus auf ein Maß, das einer ästhetischen Betrachtung eines schönen männlichen Körpers nicht mehr abträglich ist. Ein schönheitskonformer Phallus ist demnach generell einer, der seine Phallizität sei's deutlich herabsetzt, sei's imaginär oder wirklich ausstreicht." Das steht in merkwürdigem Kontrast zu der Beobachtung, dass eine der dominanten männlichen Sorgen heute der Größe ihres Geschlechtsteils zu gelten scheint, ablesbar u. a. an den zahllosen Spams, die per Email an männliche Adressaten der ganzen Welt verbreitet werden, um ihnen diverse Methoden zur Vergrößerung ihres Geschlechtsteils anzupreisen.

Biologie der Schönheit

In der jüngeren ästhetischen Theoriebildung haben Konzepte der Evolutionsbiologie in der Tradition von Charles Darwin eine anhaltende Konjunktur. Schon der Titel "Nur die Schönsten überleben" ist dafür symptomatisch. Die Abhandlung von Menninghaus rückt Darwin in ihr Zentrum. Als 1859 sein grundlegendes Werk "On the origin of species by means of natural selection" ("Über den Ursprung der Arten durch natürliche Selektion"; auch nur kurz als "Die Entstehung der Arten" betitelt) erschien, war dies der Beginn eines Wendepunkts in der Geschichte der Biologie und Medizin. Zusammen mit seinen Behauptungen über die tierische Abstammung des Menschen beschrieb er die natürliche Zuchtwahl und das Überleben des Stärkeren als Naturprinzip der Lebensentwicklung. Sein zweites großes Werk, "The descent of man, and selection in relation of sex", 1870 erschienen, enthielt eine systematische Darstellung über die Abstammung des Menschen auch durch sexuelle Auslese. Die "natürliche Selektion" entscheidet nach Darwin direkt über Tod und Überleben eines Individuums, die "sexuelle Selektion" über sein Fortleben in Nachkommen. In der sexuellen Selektion spielt die Attraktivität eines Gattungsindividuums für den Geschlechtspartner eine entscheidende Rolle. 500 Seiten dieses Werkes gelten beinahe ausschließlich ästhetischen Körperornamenten und der Selektionsfunktion von Geschmack bzw. Schönheitssinn. Dieses Buch ist Darwins "Ästhetik". Besonders der Federschmuck männlicher Vögel hatte es ihm angetan.

In der Tierwelt scheint das schöne Geschlecht das männliche zu sein. Und es ist jenes Geschlecht, das im Paarungsverhalten gewählt wird; das weniger schöne, das weibliche, hingegen jenes, das auswählt, was am attraktivsten wirkt. Die Menschenwelt erscheint demgegenüber als ziemlich 'unnatürlich', gilt hier doch das schöne Geschlecht als das weibliche und der Mann als derjenige, der bei der Partnerwahl dominiert. Diese Irritation hat allerdings bei vielen Schönheitstheorien, die an evolutionsbiologischen Mustern orientiert sind, nicht zu der nahe liegenden Konsequenz geführt, dass die prinzipielle Wandel- und Veränderbarkeit der menschlichen Kultur Spielräume lässt für unterschiedlichste Konzepte, Muster und Rollenverteilungen im Umgang der Geschlechter miteinander und dabei auch im Umgang mit ästhetischen Phänomenen.

Zu den innovativen Ansätzen in dem Buch von Menninghaus gehört, dass es Einsichten von Darwins Ästhetik mit Sigmund Freuds marginalen, doch bemerkenswerten Äußerungen über Schönheit vergleicht und mit Freud die Evolutionsbiologie kulturtheoretisch ergänzt. Zwar scheint, so Menninghaus, durch Freuds Schönheitskonzept "letztlich überall das bürgerliche Modell weiblicher Schönheit und männlicher Objektwahl als eine vermeintliche 'Naturtatsache' hindurch", doch war es gerade Freud, dem es bei aller Nähe zu Darwins "Ableitung" des Schönen "aus dem Gebiet des Sexualempfindens" (so Freud zustimmend über Darwin) gelang, eine plausible Konzeption der kulturellen Genese des menschlichen Schönheitsempfindens zu entwickeln. Während bei Tieren sexuelle Attraktivitätsmerkmale stets offen sichtbar und riechbar sind, wird die Präsentation und Wahrnehmung des Schönen durch die Bedeckung der menschlichen Haut in kulturgenerierende Bahnen gelenkt: durch kreative Bekleidungsmaßnahmen einerseits, durch imaginäre Ergänzungen des Körpers, den der potenzielle Geschlechtspartner verhüllt, andererseits. Die Denudierung setzt weiterhin einen Prozess in Gang, in dem die ästhetische Anziehung von der direkten Verfolgung sexuellen Begehrens abgelenkt wird und damit jene kulturproduktiven Energien hervorbringt, die Freud mit dem Begriff der 'Sublimierung' belegt hat.

"Bausteine" einer "biologischen Kultur- und Literaturtheorie", die ebenfalls an Darwin anknüpft, darwinistische Theorien weiterentwickelt und im letzten Kapitel in eine Theorie des Schönen einmündet, hat kürzlich Karl Eibl unter dem Titel "Animal Poeta" vorgelegt (siehe auch seine Rezension des Buches von Menninghaus in dieser Ausgabe). Es ist in der noch jungen Buchreihe "Poetogenesis" erschienen, die "Studien und Texte zur empirischen Anthropologie der Literatur" publiziert. Eibls Titel, der den Dichter und die Literatur aus der Höhe geistiger Sphären in die Realität tierischer und menschlicher Lebewesen herunterholt, entspricht den antiidealistischen Impulsen, die sein wissenschaftliches Selbstverständnis prägen. Sie schaffen sich gleich zu Beginn des Buches in einer Polemik gegen einen ungenannten germanistischen Kulturwissenschaftler Luft, dem er einen neoidealistischen Kulturalismus unterstellt. Der sei typisch "für den gegenwärtigen Mainstream in den Kulturwissenschaften". Ein von Eibl gezielt nicht belegtes Zitat soll dies demonstrieren. Es ist, wie ein Literaturwissenschaftler leicht ermitteln kann, Walter Erharts Habilitationsschrift "Familienmänner" entnommen (siehe die Rezension in literaturkritik.de 11/2004) und lautet: "Die Familie ist ebenso wenig wie Männlichkeit eine biologische Tatsache oder eine gesellschaftlich festgelegte Institution, sondern eine kulturelle Erfindung, die sich erst nachträglich als naturgegeben oder gesellschaftlich notwendig ausgibt." Dass Eibl sich gerade diesen Satz zum Stein des Anstoßes gemacht hat, obwohl er ihn wenig später wohl durchaus im Sinne des Verfassers paraphrasiert und ihn in dieser Paraphrase selbst durchaus akzeptabel findet, hat wohl mehrere Gründe. Einer dürfte mit etlichen Idiosynkrasien zusammenhängen, die sein Buch prägen. Neben der Psychoanalyse sind von ihnen die Gender Studies betroffen, denen Erharts Rekonstruktionen kultureller Männlichkeitskonstrukte im 19. und frühen 20. Jahrhundert verbunden sind. Man kann jedoch die Psychoanalyse, die Gender Studies und Erharts Kulturanalysen achten, ohne Eibls Bausteine biologischer Kulturtheorie zu missachten. Das Buch zu lesen ist für Kulturwissenschaftler ein Gewinn. Neben dem oft saloppen, unkonventionellen Ton, dem Witz und der Anschaulichkeit der Darstellung, neben der Vielfalt von Ideen und Kenntnissen, neben der theoretischen Neugier gegenüber einer naturwissenschaftlichen Kultur, die Geisteswissenschaften in der Regel immer noch relativ fremd ist, sowie der Fähigkeit, komplexe Sachverhalte auf einen einfachen Nenner zu bringen, sind es nicht zuletzt die vielen polemischen Seitenhiebe, die die Lektüre zum Vergnügen machen. Wer so viele deutliche Werturteile von sich gibt wie Eibl, mit dem lässt sich wunderbar streiten. Dabei geben die drei Kernthesen, von denen Eibls biologische Bausteine zusammengehalten werden, auch Kulturalisten zum Streiten wenig Anlass, eher zum Überdenken ihrer oft allzu entschiedenen Vorbehalte gegenüber der Biologie. Und an seiner Schönheitstheorie hätte mancher deutscher Idealist des 18. Jahrhunderts, wenn er denn noch lebte, seine Freude.

In Anknüpfung an Konzepte des Evolutionsbiologen Ernst Mayr versteht Eibl Kultur als ein standardisiertes und zugleich wandlungsfähiges Informationsangebot, das von offenen biologischen Programmen abgesucht wird, damit diese funktionsfähig bleiben. Kultur kann damit als 'zweite Natur' menschliches Verhalten stabilisieren und ist doch so flexibel, dass sie sich dem Druck wechselnder Umwelten relativ rasch anzupassen vermag. Die ästhetische Kultur wiederum definiert Eibl als den "Teil der Kultur, der einfach Freude macht." Schönheit ist also hedonistischen Prinzipien unterworfen. Freuds Begriff des "Lustprinzips" meidet Eibl. Utilitaristische Schönheitstheorien, die in evolutionsbiologischen Schönheitstheorien dominieren und zu denen auch das Konzept der sexuellen Attraktivität gehört, lehnt Eibl nicht ab, er vermisst in ihnen jedoch eine Erklärung für das Vergnügen am Schönen. Warum aber sollen biologische Programme die kulturelle Umwelt nach Informationen darüber absuchen, was Lust und Vergnügen bereitet? Lust sei kein "Letztbegriff", erklärt Eibl, sondern müsse der evolutionsbiologischen Bewährungsfrage ausgesetzt werden: "Wofür ist Lust gut?" Die Antwort lautet: Das ästhetische Vergnügen am Schönen verschafft den dauergestressten menschlichen Organismen eine Entlastung und Erholung, die ihrer Überlebensfähigkeit dienlich ist.

Ob Lust, sexuelle wie ästhetische, nicht auch eine List der Natur sein kann, Lebewesen dazu zu veranlassen, überlebenswichtige Dinge zu tun, die sie ohne Lockungen der Lust nicht tun würden, sei hier dahingestellt. Etwas anderes sei abschließend angemerkt: die Nähe von Eibls Schönheitsvorstellungen zu denen der klassisch-idealistischen Ästhetik. Phänomene der ästhetischen Moderne tut er gelegentlich zu Randerscheinungen ab. Und das letzte Wort hat bei ihm Goethe. Die klassische Ästhetik, die den Zwängen und Belastungen in der ausdifferenzierten Moderne die Welt des Schönen als Möglichkeit harmonischer Entlastung entgegensetzte, begründet Eibl zwar mit neuen, evolutionsbiologischen Argumenten, aber in dem Konzept scheint immer noch etwas von dem alten Bild des im arbeitsteilig und zweckrational organisierten Erwerbsleben gestressten Mannes durch, der in der schönen Kunst wie in der schönen Frau und in der weiblichen Sphäre der Familie das sucht, was ihm fehlt und was er zur Regeneration seiner Arbeitskraft dringend braucht.


Titelbild

Nancy Etcoff: Nur die Schönsten überleben. Die Ästhetik des Menschen.
Übersetzt aus dem Amerikanischen von Heinz Tophinke.
Heinrich Hugendubel Verlag, Kreuzlingen 2001.
392 Seiten, 22,50 EUR.
ISBN-10: 3720522229

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Andreas Hergovich (Hg.): Psychologie der Schönheit. Physische Attraktivität aus wissenschaftlicher Perspektive.
WUV Universitätsverlag, Wien 2002.
311 Seiten, 21,80 EUR.
ISBN-10: 3851147057

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Winfried Menninghaus: Das Versprechen der Schönheit.
Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2003.
386 Seiten, 24,90 EUR.
ISBN-10: 3518583808

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Karl Eibl: Animal Poeta. Bausteine der biologischen Kultur- und Literaturtheorie.
Mentis Verlag, Paderborn 2004.
419 Seiten, 46,00 EUR.
ISBN-10: 3897854503

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