Eros der Ferne

Toni Tholen über die Reflexion von Männlichkeit in der Literatur

Von Rolf LöchelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Rolf Löchel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

In den letzten Jahren sind Konstruktionen von Männlichkeit zunehmend in den Blick der Literaturwissenschaft geraten. Seither ist so manches luzide Werk auf den Markt gekommen. Man denke nur an Walter Erhards "Familienmänner" (2001). Auch Toni Tholen reflektiert in seiner Habilitationsschrift "Verlust der Nähe" über "Männlichkeit in der Literatur". Namentlich in Goethes "Faust" und in Hermann Brochs Romantrilogie "Der Schlafwandler", denen die beiden umfangreichsten Abschnitte seines Buchs gewidmet sind. Weniger Raum nimmt die abschließende Betrachtung zu Rilke ein, bei dem sich Tholen auf die "Suche nach einem anderen Eros" begibt. Den Hauptteilen eingeflochten sind Exkurse zu Sigmund Freud, Otto Weininger und Hans Blüher sowie einige Überlegungen zu weiteren Texten der Literaturgeschichte. Diese können sich zwar schon über einige Seiten hinziehen, sind dabei jedoch oft so beiläufig, fast lustlos, ausgeführt, dass Tholen es nicht einmal der Mühe wert befindet, die einschlägige Sekundärliteratur zu Rate zu ziehen. So widmet er sich etwa Franz Kafkas kurzem Text "Das Urteil", ohne die Modelanalyse "Differente Männlichkeit. Kafkas 'Das Urteil' aus gendertheoretischer Perspektive" (2002) von Christine Kanz zu berücksichtigen.

Als Folie nicht nur seiner Lektüren, sondern seiner Interpretation männlicher Begegnungen überhaupt dient Tholen die biblische Hiobsgeschichte, in der ihm zufolge mit Gott, Satan und Hiob drei relevante, sämtlich männliche Figuren auftreten, von denen sich bei näherer Betrachtung herausstelle, dass es sich eigentlich nur um zwei handelt, da Satan eine "Bewegung der Verkehrung" darstelle, "die an Gott selbst stattfindet". Eine der Theologie durchaus nicht unbekannte Interpretation. Das Verhältnis der beiden Protagonisten Gott und Hiob, so Tholen weiter, sei prototypisch für das Verhältnis zwischen Personen männlichen Geschlechts. Der eine Mann - in der biblischen Geschichte Gott - sei dem anderen - Hiob - nur "in der unermeßlichen Ferne seiner Größe" nahe. Es sei dies eine Größe, die spezifisch an das männliche Geschlecht gebunden sei. Hiobs Auflehnung gegen Gott bedeute "die äußerste Möglichkeit männlichen Einspruchs innerhalb einer unerschütterten patriarchalischen Ordnung", die Gottes "hegemoniale Männlichkeit" (ein Terminus, mit dem Tholen ein Konzept R. W. Connells aufgreift) nicht in Frage stelle. In Hiobs Empörung habe Gott "die heroische Stärke seines Knechts" erkannt, weshalb er ihn zu einem Disput bestellt. Damit Hiob für ihn gerüstet sei, fordert Gott ihn mit deutlich sexualisierter Konnotation auf, "seine Lenden wie ein Mann zu gürten". Denn nur als "als gepanzerter Mann", erklärt Tholen, sei es Hiob möglich, "Gott in seiner Potenz zu begegnen", sodass "eine Versöhnung auf höchster und höchst männlicher Ebene" stattfinden könne. Trotz und in dieser Versöhnung bleibe jedoch die spezifisch männliche Hierarchie und somit die "unermessliche Entfernung" zwischen beiden bestehen, handele es sich bei ihr doch um eine "gegenläufigen Bewegung von Erhöhung und Erniedrigung". So entpuppe sich an Hiob die "Dialektik" des auf Herrschaft gegründeten "männlichen Eros". Ein Prozess, in dem Tholen das "Auslöschen der möglichen Wirklichkeit eines männlichen Genießens" sieht, das seinen Ort in einem "Eros der Nähe" fände.

Die von Gott in der Hiobsgeschichte vertretene "hegemoniale Männlichkeit", so lassen sich Tholens weitere Ausführungen kurz zusammenfassen, tritt auch in Goethes "Faust" und in Brochs "Schlafwandler" "prägnant" zu Tage, in denen sie nicht nur die Beziehungen zwischen männlichen und weiblichen Figuren, sondern ebenso die "Konfigurationen mann-männlicher Existenz- und Handlungsweisen" hierarchisch strukturiert.

Doch nicht die beiden umfänglichen Goethe- und Broch-Kapitel bilden das eigentliche Kernstück des vorliegenden Buchs, sondern Tholens einleitende "Überlegungen zu einer kritischen Hermeneutik des Mannes", die zugleich Proömion und auch theoretisches Zentrum sind. Zunächst bestimmt Tholen sein Verhältnis zur feministischen Wissenschaft. Zwar beklagt er, dass sie "im Bereich der männlich dominierten Wissenschafts- und Kulturproduktion" weithin ignoriert wird, doch lehnt er eine "unreflektierte Übernahme feministischer Kritik am patriarchalischen Denken" ab. Vielmehr betont er, dass er keine feministische oder Gender-Theorie betreibt, sondern "(Selbst)-Reflexion von Männlichkeit" anstrebt. Erst wenn diese geleistet sei, "könnte ein Gespräch zwischen Frauen und Männern stattfinden". Nun wird Tholen allerdings wohl kaum ernsthaft behaupten wollen, dass gegenwärtig Schweigen zwischen den Geschlechtern herrsche. Ein Blick etwa in die Literaturliste eines beliebigen Werks der Gender Studies oder auch in Tholens eigenes Buch zeigt, dass seit geraumer Zeit ein fruchtbarer Dialog zwischen beiden stattfindet, wenn auch durchaus noch nicht in dem wünschenswerten Umfang.

Obwohl Tholen seinen Ansatz dezidiert außerhalb des feministischen Diskurses verortet, bekennt er doch seine Nähe zur feministischen Differenztheorie Lucy Irigarays und der ebenfalls feministischen Philosophinnen-Gruppe Diotima aus Mailand. Die "von Butler inaugurierte Aufhebung der Geschlechterdifferenz" berge hingegen die Gefahr in sich, "in die phallogozentrische Setzungs- und Diskursmaschinerie" zurückzutreiben.

Tholens Arbeit an einer "Selbstreflexion von Männlichkeit" zielt nicht auf bloßen Erkenntnisgewinn, sondern möchte "eine verändernde Praxis an[...]stoßen". Hierzu will er "die Strukturkategorie 'hegemoniale Männlichkeit' in den Prozeß einer De-theoretisierung [...] verstricken". Gleichwohl bleiben seine "Überlegungen zu einer kritischen Hermeneutik des Mannes" hoch abstrakt und hoch theoretisch.

Das bewahrt ihn allerdings nicht davor, eine verbreitete Fehlinterpretation einer der bekanntesten Textstellen der Literaturgeschichte fortzusetzen und somit einen Mythos über einen Mythos zu tradieren. Die Rede ist von der ebenso be- wie gerühmten, aber auch kritisierten List des Odysseus, die dem weitgereisten Helden half, die "Satzung der mythischen Gottheiten" zu erfüllen, "um sie gleichzeitig zu überwinden", indem er sich an einen Schiffsmast binden ließ, sodass er gefahrlos den Sirenen lauschen konnte. Odysseus spielt in Tholens Männlichkeitstheorie zwar keine zentrale, aber auch keine geringe Rolle. Jedenfalls aber verkennt der Autor - und damit befindet er sich in durchaus prominenter Gesellschaft -, dass nicht Odysseus selbst die rettende List ersann. Kirke war es, die den weitgereisten Helden nicht nur auf die Gefahr hinwies, sondern ihn auch detailliert instruierte, wie er dem Gesang lauschen könne, ohne sich ihm hinzugeben. "Verklebe die Ohren der Freunde / mit geschmolzenem Wachs der Honigscheibe" rät sie im 12. Gesang der Odyssee und fährt fort: "doch willst Du selber sie hören; / Siehe, dann binde man dich an Händen und Füßen im Schiffe, / Aufrecht stehend am Maste, mit fest umschlungenen Seilen".

Für Textinterpretationen bedeutet Tholens Unternehmen, dem "Verlust der Nähe" nachzuspüren, "die Verlustgeschichten in der Tradition männlichen Schreibens in ihrer erotischen Dynamik von Nähe und Ferne zu beschreiben", um so herauszuarbeiten, in welchen "Bewegungen der Ent-fernung" der männliche Eros seine Hegemonialität perpetuiert. Unter Bezugnahme auf Sigrid Weigels Konzept des "schielenden Blicks" entwickelt er für die "Rückwendung auf die eigene männliche Tradition" ein Interpretationsverfahren der "doppelten Optik". So will er nicht nur Strukturen "hegemonialer Männlichkeit" aufdecken, sondern zugleich einen Subtext des Verlusts an die Oberfläche bringen, der die "Möglichkeit eines anderen Mannseins" eröffnet. Erst dieses andere Mannsein sei sich der eigenen männlichen "Kreatürlichkeit" und "Abhängigkeit" bewusst. Zudem können Männer Tholen zufolge nur mit Hilfe seines Verfahrens der doppelten Optik in von Frauen verfassten Texten den "Spuren einer anderen Subjektivität" folgen.

Trotz des anvisierten anderen Mannseins, gilt Tholen die Geschlechterdifferenz als unhintergehbar. Gelegentlich klingen gar essenzialistische Töne an, wie etwa in seiner Reden von den "notwendig differenten Perspektiven" der Geschlechter. Doch erklärt er andererseits auch, dass es sich bei Männlichkeit nicht um eine "natürliche Gegebenheit" handele, "die es als Quelle männlicher Sinnschöpfung nur wieder aufzufinden gälte". Vielmehr sei sie ein "Entwurf der historischen und gesellschaftlichen Codes". Tholen changiert so nicht nur zwischen Essenzialismus und Konstruktivismus, sondern kann das Spannungsverhältnis zwischen der Veränderbarkeit des Mannseins (und vermutlich auch des Frauseins) und der vermeintlich notwendig differenten Perspektive zwischen beiden nicht wirklich auflösen.

"Spuren eines anderen Mannseins" findet er in den Werken Rilkes. Ihnen gilt das abschließende Kapitel. Fündig wird er namentlich in den "Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge" und mehr noch im "Brief des jungen Arbeiters", in dem sich eine "erotische Annäherung" zwischen Männern "entfalte", die bei Rilke "für das Verhältnis zwischen Mann und Frau nicht in gleicher Weise aufzufinden" sei. In Rilkes - inzwischen immerhin ein Dezennium alten - Texten erweise sich, "wie fern sich Mann und Frau (immer noch) sind und welch' weite Wege zurückzulegen wären, um einen anderen Eros zu denken und zu leben", in dem die Geschlechter einander begegnen könnten "wie in einem Dritten".

Unter Anspielung auf den von Irigaray aufgegriffenen Platonischen Begriff chóra bezeichnet Tholen dieses Dritte als "Zwischenraum" oder "Zwischenräumlichkeit". Die Spuren dieser Zwischenräumlichkeit seien von einem "zukünftige[n] Denken des Geschlechterverhältnisses" weiter zu verfolgen. Zuvor jedoch müsse 'der Mann' - wie er Irigaray zitierend - sagt "den Zyklus seiner Einsamkeit [...] vollenden". Bevor dies nicht geschehe, sei "wirkliche Nähe" zwischen Männern und Frauen unmöglich.


Titelbild

Toni Tholen: Verlust der Nähe. Reflexion von Männlichkeit in der Literatur.
Universitätsverlag Winter, Heidelberg 2005.
247 Seiten, 42,00 EUR.
ISBN-10: 3825350738

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