Regengeschichten

Gert Loschütz lässt die Dunkelmänner loslaufen und nicht ankommen

Von Walter DelabarRSS-Newsfeed neuer Artikel von Walter Delabar

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Gutes Novemberwetter, zumal in Niedersachsen, hier hängen die Wolken tief und regnen sich aus, bis das Wasser steigt. Um das Land zu überfluten, braucht es nicht viel, außer Wasser, das vom Himmel fällt. Dann verschwinden die trockenen Wege in Fluten, die aus dem Boden aufzusteigen scheinen. Straßen werden zu schmalen Dämmen durch riesige Wasserflächen, beständig bedroht, nie ganz sicher. Das Licht bleibt dann grau, es wird nie richtig hell, nicht einmal, wenn es zu regnen aufhört. Das Beste, was zu haben ist, ist ein fahles Gelb.

Atmosphärisches gehört zu den Stärken von Literatur, wie sie Gert Loschütz schreibt. Das klare Licht der Vernunft trübt er nachhaltig ein. Kein Wunder also, wenn auch die Menschen zu merkwürdigen Taten schreiten: Gesellschaften, die eine Frau auspeitschen, Matinees in schlecht beleuchteten Gaststätten, die darin münden, dass junge Männer dicke Frauen beschlafen, junge Frauen, die um die Wette rennen, Nachbarinnen, die ihren Mann dabei zusehen lassen, wenn sie mit dem Zugezogenen schlafen, Züge, die landesweit um 2.03 Uhr für zwanzig Minuten Halt machen, seltsame nächtliche Begegnungen und geheimnisvolle Brandmale.

Warum das alles? Sind das die Schattenseiten, die surrealen Seiten der modernen Welt? Sind das die Entfremdungssymptome einer mehr und mehr verfallenden Kultur, die sich ihrer nicht mehr gewiss ist und es nie mehr sein wird? Sind das die letzten Reste des mythischen Zeitalters, von dem ja germanophile Leutchen gern schwadroniert haben. Wo sind wir? Jedenfalls nicht im Wachen, im Hellen, im Trockenen. Wo dann? Im Schlaf? Vielleicht sogar der Vernunft? Immerhin gebiert der mehr als nur Monstren, zum Beispiel eben auch Geschichten.

"Roman in zehn Regennächten" hat Loschütz sein neues Buch genannt, und die gedrückte Atmosphäre, die die zehn lose verbundenen Erzählungen ausstrahlen, ist nicht ohne Grund bedeutungsschwanger und bedrohlich zugleich. Als Mystery, im TV-Deutsch, ließe sich so etwas eben auch bezeichnen, wenn das nicht dazu verführen würde, hinter dem Bedeutungsschwangeren am Ende auch noch Bedeutung zu suchen. Fernsehserien und Kinos sind voll von solch kurzschlüssigem Stochern im Jenseits von Vernunft und Verstand. Wo es aber nichts zu erklären gibt, lassen sich Erklärungsgebäude vortrefflich errichten, auch ohne dass sie auf haltbarem Grund fußen. Wer wollte dem etwas entgegen setzen? Wenn es keinen sechsten Sinn gibt, wer könnte der Behauptung widersprechen, dass er die Erkenntnis einer anderen Welt ermöglicht, dass es da, jenseits des Bekannten und Erklärbaren, etwas gibt, das genauso eine Welt ist wie unsere, nur mit anderen Gesetzen. Dass es dort merkwürdiges Volk gibt, das anders denkt und anders handelt als alles, was wir erkennen und für vernünftig oder auch nur normal halten würden. Bis hin zur Bedrohung.

Was aber, wenn wir hier nicht von den Schattenseiten menschlicher Existenz reden? Sondern schlicht von nichts? Loschütz' Erzählungen weisen einen entscheidenden Unterschied zu den Mysteries auf, die vor allem über den großen Teich geschwemmt werden. Zwar taucht hier eine dunkle Gesellschaft auf, merkwürdige Gestalten sind das, die vorgeblich denkwürdige Dinge tun, die der Erzähler nicht versteht und auch seinen Lesern nicht verständlich machen kann. Aber die zahlreichen Rückblenden und Erinnerungen an unerklärte Geschehnisse laufen ins Leere. Sie erklären nichts und werden nicht erklärt. Nicht einmal ein einigermaßen zusammenhängender Gegenkosmos des Bösen etwa wird hier erzählt. Stattdessen werden die Geschichten lediglich atmosphärisch, durch den stetig fallenden Regen und die fortschreitende Nacht zusammengehalten. Der Erzähler, ein Binnenschiffer, der vom Fluss kommt, geht ins Binnenland, wo ihm das Wasser zum beständigen Regen mutiert ist. Auch der fließt unaufhörlich. Aber er fließt über 200 Seiten lang nicht ab. Bis dann am Ende der Kanzler kommt und der Rest dann rasch erzählt ist, wie die letzte Seite wortwörtlich startet. All die Verfolgungen und Verletzungen, die Fragezeichen und Andeutungen, die niemand klärt, müssen am Ende auch nicht weiter behandelt werden. Sie sind lediglich geschehen, und das ohne erkennbaren Grund und ohne erkennbare Folgen. Der Junge, der den Ankömmling beschuldigt, sein Vater zu sein, wird mit einem Holzscheit davon gejagt. Für weiter reichende Erklärungen hätte sich aber auch irgendjemand auf den Weg dorthin machen müssen, wo Zusammenhänge zu finden, Ursprünge auszumachen wären. Aber solche Operationen sind vielleicht zu sehr von der detektivischen Variante des Mysteries geprägt, als dass sie hier greifen könnten und greifen sollten. Hier gibt es nichts aufzudecken, keine Spuren zu verfolgen, kein Geheimnis zu lüften, nicht einmal in den Abgründen des Subjekts. Es wird nur eine Reihe von Geschehnissen aufgefädelt, mehr nicht. Anfang und Ende hängen lose in der Luft, selbst der Ratschlag des Großvaters zu Beginn, "Hüte dich vor den Dunklen, den Starren!", ist im Großen und Ganzen zu nichts nutze. Er ist keine Prophezeiung, er hat keine Nutzanwendung, er ist lediglich ein stimmungsschwangerer Satz, der vielleicht Erwartungen schürt. Aber dann kommt nichts, außer weiteren stimmungsschwangeren Szenen und Sätzen.

Die gesamten Geschichten, ihre Figuren und Aktionen nehmen das Atmosphärische als Selbstzweck. Das Absurde und Abseitige, ja Surreale der Aktionen ist dabei ebenso Kulisse wie die gesamte Ausstattung des Textes. Dabei ließe sich daraus ohne weiteres eine annehmbare Vernunftkritik, ein metaphorisches Literatur-Kunststückchen machen, in dem jede Andeutung, jeder atmosphärische Baustein auf etwas anderes verweist. Damit geriete Loschütz seine Erzählfolge freilich unter der Hand zu einem weiteren Stück territorialisierter Literatur, die zwar vorgibt, das Niemandsland jenseits der Vernunft zu entwässern, dabei aber so erfolglos ist wie alle ihre Vorgänger. So hingegen ist das, was Loschütz zwischen zwei Buchdeckel hat fassen lassen, wesentlich unangenehmer, aber eben auch belangloser. Denn wo es nichts aufzuklären gibt, bleibt es einfach nur dabei, dass es, wenn`s regnet wie im norddeutschen Binnenland, nicht eben angenehm und heimelig ist, sondern bedrohlich. Wenn das lange dauert, treten sogar Flüsse und Flüsslein wie die Leine, die Aller oder die Meiße über die Ufer, und alles kriegt einen muffigen Geruch. Aber wenn dann der Kanzler kommt, dann können die Medien darüber berichten, und die ganze Sauerei ist bald behoben. Da hilft nur eins: nicht deuten, sondern hinnehmen.


Titelbild

Gert Loschütz: Dunkle Gesellschaft. Roman in zehn Regennächten.
Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt a. M. 2005.
220 Seiten, 19,90 EUR.
ISBN-10: 362700129X

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