"You can be me when I`m gone."

Kenzaburo Oe literarisiert in "Tagame Berlin - Tokyo" den Selbstmord seines Schwagers

Von Stefan MeschRSS-Newsfeed neuer Artikel von Stefan Mesch

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

"Ich erinnere mich an die Nacht, als Kogito noch ein Junge war und mit Gorô, der etwa sein Alter hatte, in das outside over there fuhr, das dort draußen, an einen Ort, an dem etwas Schreckliches geschah, und dass sie, als sie zurückkamen, etwas Schreckliches erlebt hatten. Wenn ich jetzt daran denke, bin ich sicher, dass sich Gorô schon vor dieser Nacht langsam verändert hat. Doch in jener Nacht ist er an einen Punkt gelangt, an dem es kein Zurück mehr gab."

Kenzaburo Oes Ruhm speist sich aus zwei Quellen: Er ist einer der großen Heroen der Kreuzworträtselindustrie ("jap. Schriftst., Nachn., 2 Buchst."), und er erhielt 1994 den Literaturnobelpreis. Eine nette kleine Auszeichnung, die offenbar vorrangig Autoren zugesprochen wird, die a) hochpolitisch sind und b) es mit konventionellen Erzähltechniken nicht allzu genau nehmen. Auf den 1935 geborenen Kenzaburo Oe trifft beides zu. Seine Romane sind sperriger, anspruchsvoller und "erdiger" als die bonbonbunte, surreale Welt der next generation um Haruki Murakami und Banana Yoshimoto. Bei Oe gibt es keine flippigen Transvestiten, keine sprechenden Katzen, keine wirren Vorahnungen. Sondern nur ein paar Intellektuelle, die nicht mehr wissen, wohin mit sich.

Der Schriftsteller Kogito ist um die 60. Seit Jahren veröffentlicht er verkopfte, etwas freudlose Romane. Alle sind autobiografisch. So autobiografisch, dass seine Frau irgendwann aufhört, sie zu lesen, und Kogito - eine direkte Konsequenz? - mittlerweile auf einem Feldbett in der Bibliothek schläft. Und alle sind sie politisch. So politisch, dass Kogito in regelmäßigen Abständen Besuch von der Yakuza bekommt. Sie zertrümmern ihm die Zehen, indem sie eine schwere Eisenkugel auf seinen Fuß fallen lassen. Immer, wenn die Verletzung gerade verheilt ist und Kogito einen neuen Roman veröffentlich hat, beginnt das Spiel von neuem. Vor allem jedoch sind Kogitos Romane extrem selbstreferenziell. Gorô, sein Schwager und bester Freund, wirft ihm vor, zunehmend auszutrocknen: "Zunächst erstellst du eine erste Fassung, und dann schreibst du tagelang, zehn Stunden hintereinander, alles noch einmal völlig um, nicht? Das macht deine Texte natürlich schwer lesbar. Klar sind sie ausgefeilt, aber sie sind wie künstliche Musik, der der natürliche Atem fehlt. Die meisten Leser werden kein weiteres Buch von dir lesen wollen, wenn sie Seite für Seite fremden Bildern begegnen."

Freund Gorô ist erfolgreicher Filmemacher. Sein künstlerisches Selbstverständnis ist um einiges schlichter. Er will Werke schaffen, die man auf den ersten Blick begreifen kann. Vor allem ein Thema liegt ihm dabei am Herzen: "DIESE SACHE", die den beiden Freunden kurz nach Kriegsende passiert ist, in einem Dojo in den Bergen. Gorô und Kogito haben nie wieder darüber gesprochen, aber beide wissen, dass ihr bisheriges Werk nur die Vorbereitung war, um endlich von "DIESER SACHE" erzählen zu können. Während Kogito noch mit seinen Dämonen ringt, reist Gorô zur Berlinale, um die Finanzierung des Films in die Wege zu leiten. Kurze Zeit später stürzt er sich von einem Hochhausdach.

"Tagame" heißt "Schildblattkäfer" und ist Kogitos Spitzname für den altmodischen Kassettenrecorder, den Gorô ihm geschenkt hat. Zusammen mit 40 Kassetten, mit denen sich Kogito nach dem Selbstmord seines Freundes in der Bibliothek verbarrikadiert. Er glaubt, dass die Tonbänder eine Erklärung liefern können und verbringt ganze Nächte damit, imaginäre Gespräche mit Gorô zu führen. Um den Kopf frei zu kriegen, nimmt Kogito schließlich eine Gastprofessur in Berlin an. Doch auch dort trifft er immer wieder auf Gorôs Spuren.

Kenzaburo Oes "Tagame" ist ein Puzzle, bestehend aus einer Unzahl disparater Teile. Das macht den Roman spannend, denn Seite für Seite bleibt es fast völlig ungewiss, was als nächstes passieren wird. Doch es macht ihn auch anstrengend: Weder Kogito noch Gorô scheinen reliable narrators zu sein, und auch die übergeordnete Erzählstimme macht sich einen Spaß daraus, wichtige Grundinformationen zurückzuhalten. Ein Kunstgriff, der an Kogitos schriftstellerische Verfremdungstaktiken erinnert: Dadurch werden alle Motive, Figuren und Ereignisse extrem mit Bedeutung aufgeladen. Das Aquarell beispielsweise, das Gorô aus dem winterlichen Berlin an seine Schwester schickt. Eine Buntstiftzeichnung, die er danach mit dem Pinsel verwischt hat. Genau dieses Verwischen zelebriert auch Oe selbst. Alle Farben laufen ineinander - doch was wird eigentlich gezeigt?

Regelrecht manisch zimmern die Beteiligten - Gorô, Kogito und im letzten Kapitel dann auch noch seine ihm entfremdete, bisher eher blass charakterisierte Frau - an ihrer eigenen kleinen Welt. Rimbaud, Musil, ein obskures Kinderbuch namens "Outside over there", alles wird mit Selbst- und Fremdeinschätzungen, Politik und privater Erfahrung vermengt, psychologisch aufgeladen und schließlich zum Grundpfeiler des persönlichen Lebensbewältigungssystems hochstilisiert. Alle drei Hauptfiguren haben ein solches System, und Oe schildert - das wird erst allmählich deutlich - in erster Linie die Differenzen und Schnittmengen dieser Privatmythologien. Der Selbstmord wird zum Katalysator für narzisstische Identitätskonflikte. Und das künstlerische Selbstverständnis zum einzigen Mittel, den Alltag zu meistern. Klingt komplex? Ist es aber leider nicht: "Tagame Berlin - Tokyo" kommt über Klischees nicht hinaus. Denn einerseits verpasst es Oe, gut ausgespielte Einzelszenen wie Kogitos Kampf mit einer Suppenschildkröte sinnvoll in den Gesamtkontext einzufügen, andererseits ist vor allem die Vorgeschichte kaum mehr als eine heillos konstruierte Aufzählung historischer und psychologischer Signalwörter. Politisch? Ja. Komplex erzählt? Auch das. Aber leider vollkommen selbstzweckhaft.

Brisanterweise ist Oes Durcheinander auch noch hochgradig autobiografisch: Auch Oe hatte eine Gastprofessur in Berlin, auch sein Schwager war Filmemacher, auch jener beging Selbstmord. Das wirft nicht nur die Frage auf, wie es eigentlich den Fußzehen des Nobelpreisträgers geht und wie es um seine Ehe bestellt ist, es erinnert auch äußerst ungut an Siri Hustvedts überfrachtetes Vehikel "Was ich liebte". Eine Geschichte, die ebenso faszinierend begann und dann - vermutlich ein Zugeständnis an die realen Hintergründe - in völliger Beliebigkeit versuppte. Oes Bezüge zur eigenen Biografie (bis hin zu Film- und Buchtiteln, die eins zu eins für die fiktiven Figuren übernommen wurden) sind wenig hilfreich. Denn sie erhellen weder den Menschen Oe noch seine zerrüttete Figurenriege. "Tagame Berlin - Tokyo" ist ein virtuoses Spiel um Identität und Selbstverständnis. Nur leider verrät man uns die Regeln nicht.

Keine Frage, auch in der jungen japanischen Literatur bleibt einiges im Dunkeln: Murakami oder Yoshimoto stellen harmlose Jedermanns vor ein Panorama, das aussieht, als hätten Freud und Kafka unter Drogen mit vielen, vielen bunten Wachsmalstiften gespielt. Was dabei herauskommt, ist selten wirklich schlüssig. Aber immer schön bunt. Oe macht, wie sich im Lauf seines Romans zeigt, nichts grundlegend anderes. Außer, dass er seine Überlegungen trocken niederschreibt, statt sie in Handlung umzusetzen. Um den Plot anschließend durch willkürlich anmutende Zeitsprünge zu verwässern. Das Resultat: Alles zerläuft zu einem schmuddligen Braun. Und oben, auf dieser sich in alle Richtungen verzweigenden Brühe, schwimmt ein Privatfoto. Beides bleibt unbegreiflich.


Titelbild

Kenzaburo Oe: Berlin - Tokyo Tagame. Roman.
Übersetzt aus dem Japanischen von Nora Bierich.
S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2005.
285 Seiten, 19,90 EUR.
ISBN-10: 3100552121

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