Unser Mann in Strasbourg

Der Übersetzer Claude Riehl ist gestorben

Von Jörg Drews

"Sein Tod ist ein Unglück, dessen Tragweite noch gar nicht abzuschätzen ist", sagte Bernd Rauschenbach von der Arno Schmidt-Stiftung in Bargfeld zur Nachricht vom Tod Claude Riehls. Und man muss gleich hinzusetzen, dass dies nicht nur für die Zukunft von Arno Schmidts Büchern in Frankreich gilt, sondern auch für andere deutsche Autoren und Titel fast gleichermaßen. Denn Claude Riehl war ein Besessener: ein Besessener der deutschen Literatur und für die deutsche Literatur, vor allem aber war er ein inspirierter Botschafter und Streiter für das Werk Schmidts.

Die Begegnung mit der Prosa Arno Schmidts Ende der 70er-Jahre war gewiss der entscheidende Moment im Leben Claude Riehls, aber ein für die deutsche Sprache Entflammter war er schon vorher: kein Wunder bei jemand, der in Strasbourg in dem Viertel aufwuchs, welches auch das Viertel Johann Fischarts war, der Rabelais' "Gargantua und Pantagruel" so "übermänniglich lustig" in ein "teutsches Model", nämlich die "GeschichtKlitterung" vergossen hat, wie's auf der Titelseite dieses "affentheurlichen und naupengeheurlichen" Buches heißt - das klingt doch schier schon nach den wildesten Seiten von "Zettel's Traum", nach den kühnsten Passagen von Arno Schmidts Versuch, Joyces "Finnegans Wake" in ein "teutsches Model" zu "vergießen".

Zunächst aber studierte der am 11. Dezember 1953 geborene Claude Riehl Jules Verne in privater Leidenschaft und die Philosophie in akademischer Intention - er lebte im Kopf, er reiste im Kopf, liebte Jean Paul, übersetzte schon früh die geniale expressionistische Prosa von Melchior Vischer in "Sekunde durch Hirn" und erhielt dann seine große Chance, als Ernst Krawehl, der Verleger und Lektor Arno Schmidts in den 50er- bis 70er-Jahren, ihn selbstlos mäzenatisch (aus einem in den späten Lebensjahren Krawehls durchaus nicht unbegrenzten Fundus) unterstützte, damit "Abend mit Goldrand" ins Französische übersetzt werden konnte. 1991 erschien "Soir bordé d'or" in einer dem Original ähnelnden Faksimile-Ausgabe bei Maurice Nadeau in Paris, und damit begann die zweite, so erstaunliche und außerordentliche Erfolgswelle Schmidts in Frankreich.
In den Jahren 1962 bis 1964 waren ja "Aus dem Leben eines Fauns", "Leviathan" und "Die Gelehrtenrepublik" in Frankreich in der Übersetzung Jean-Claude Hémerys erschienen (z. T. in Zusammenarbeit mit Martine Vallette), und schon damals war der Erfolg dieser Bücher - nun, nicht riesig, aber doch ganz erstaunlich solide, und die Kritik (wie man so sagt:) "merkte auf". In den dazwischen liegenden Jahren, fast bis zu "Soir borde d'or", gab es zwar diese und jene weitere Edition und Übersetzung in Frankreich, aber wohl vor allem aufgrund von Pariser Verlags- und Personalqueleren ging es nicht systematischer vorwärts, wurden viele Chancen nicht konsequent genutzt bei den Verlagen Flammarion und später Bourgois.

Das änderte sich, als Claude Riehl sich konsequent daran machte, vorhandene Übersetzungen zu überarbeiten und sich dann selbst ein Buch Schmidts nach dem anderen vorzunehmen. Heute nun gibt es eine ganze Handvoll Paperbacks, alle erschienen in dem rührigen kleinen Verlag Editions Tristram, angesiedelt in dem südwestfranzösischen Städtchen Auch - Verleger und Verlegerin: "Warum muß man unbedingt in Paris sein? In Auch sind die Mieten niedriger und man kann ungestört arbeiten!" -, ein Verlag also, der nun wirklich wusste, was er wollte. Und Claude Riehl war eben ein Entflammter und zugleich ein großer Arbeiter, dem dann auch die Unterstützung durch die Arno-Schmidt-Stiftung in Bargfeld weiterhalf.

Einen großen öffentlichen Erfolg errang Riehl durch seine Übersetzung von "Kaff auch Mare Crisium", französisch "On a marché sur la Lande", die im Frühjahr 2005 erschien und Riehl den renommierten Gérard-de-Nerval"-Übersetzerpreis einbrachte sowie viele Rezensionen und ausführliche Radio-Gespräche. Eben stellte Claude Riehl die Übersetzungen von "Goethe und einer seiner Bewunderer" und von der in der Spätantike spielenden Erzählung "Kosmas oder vom Berge des Nordens" fertig, die im April erscheinen werden: "Cosmas ou de la Montagne du Nord" sowie "Goethe et un de ses admirateurs" werden die schmalen Bände bei Editions Tristram heißen. Doch wir werden ansonsten an Neuem nur lesen können, wie seine erste große Übersetzerarbeit, nämlich "Soir bordé d'or", sich in einer von ihm überarbieteten Fassung liest. Diese kommt demnächst abermals als großformatiger Faksimile-Band heraus, und auch die ersten fünfzig Seiten der "Schule der Atheisten" von Arno Schmidt soll es bald in einer ersten französischen Fassung Riehls schon geben. Doch das Gesamt-Projekt einer Übersetzung dieses Buches, dessen Komik Riehl schon zu begeistert-lachenden Kommentaren getrieben hatte, bleibt nun liegen, ebenso wie eine Übersetzung von Johann Gottfried Seumes "Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802", woran Riehl auch schon die Hand geübt hatte.
Es steht ja insgesamt nicht so sonderlich gut und intensiv um die literarischen Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich; das beruht auf Gegenseitigkeit. Nicht nur, daß viel zu wenige Schüler dazu angehalten werden, Französisch zu lernen - viele der besten neuen Sachen beider Literaturen werden nicht übersetzt oder kommen nicht so gut an, wie eigentlich zu wünschen wäre. Das pure Kommerzdenken fordert seinen Tribut. Hinzu kommt, dass in beiden Ländern mehr Aufmerksamkeit für die angloamerikanische Literatur festzustellen ist, und diese ist nun wieder - der Fall Arno Schmidt zeigt es - der Kenntnisnahme avancierter deutscher und deutschsprachiger Literatur gar nicht so sehr geneigt, auch wenn Übersetzer wie John E. Woods der dortigen Öffentlichkeit das Beste an Übersetzungen bieten.

Claude Riehls Tod ist also nicht nur für die weitere Übersetzung und adäquate Verbreitung des Werkes von Arno Schmidt ein schwerer Schlag, sondern in ihm hat die deutsche und deutschsprachige Literatur einen temperamentvollen und hartnäckigen Verfechter verloren; er war von kraftvoller Präsenz als Person, ein exzellenter Koch, ein großer Trinker und bei aller Melancholie, die ihn anwandeln konnte, doch jemand, der für die Komik des Weltgetriebes und die Wunder der Sprache immer ein offenes Ohr und Auge hatte. Sein Deutsch war glänzend und zugleich aufs menschlichste gefärbt durch seinen elsässischen und den leichten französischen Akzent. Solche Leute wie ihn braucht's, wenn Arno Schmidt übersetzt werden soll; die französische Kritik hat das gleich gespürt und seinen Tod in "Le Monde" und in der "Libération" bewegt beklagt. Wer einmal mit ihm zusammenarbeitete, wird dies als höchst glückhaftes Unternehmen im Gedächtnis behalten.