Was ist und was leistet Narratologie?

Anmerkungen zur Geschichte der Erzählforschung und ihrer Perspektiven

Von Jörg SchönertRSS-Newsfeed neuer Artikel von Jörg Schönert

I. Zur Allgegenwärtigkeit der Erzählungen

Es mag begrüßt oder beklagt werden, dass insbesondere in den Textwissenschaften seit einigen Jahren mit erheblicher Entdeckungslust die Omnipräsenz von Erzählungen im Alltagshandeln und in kulturellen Konstellationen herausgestellt wird. Erzählungen (Narrative) erscheinen dabei als prinzipielle Organisationsmuster für das Erzeugen und Vermitteln von Wissen, für Orientierungen in Gegenwart und Vergangenheit, für den Entwurf fiktiver Welten. Das Erzählen wäre also ein prinzipielles Bedürfnis des Menschen, und Erzählungen wären Grundmuster der kulturellen Gestaltung von Gesellschaft. Die ,Theorie des Erzählens' und die systematisch entwickelten Vorgaben zur Analyse von Erzählungen verbinden sich zu einer ,Wissenschaft vom Erzählen', zur Narratologie, die - über die Textwissenschaften hinaus - einen ihr gemäßen Gegenstands- und Aufgabenbereich in allen den Kommunikationen und kulturellen Manifestationen findet, die als ,Geschichten' (als verknüpfende Darstellung von Zustandsveränderungen) angesehen werden können oder solche ,Geschichten' einschließen.

So gesehen wären Narrative anthropologisch vorgegebene, kulturell entwickelte und diversifizierte Grundmuster, um sich in der Welt zu orientieren und Sinn zu erzeugen - beispielsweise mit Alltagserzählungen, mit Reportagen in Zeitung, Hörfunk und Fernsehen. Erzählt wird an vielen Orten, unter anderem vor Gericht und im Sprechzimmer des Arztes, beim Psychotherapeuten und in der Beichte. Wir kennen historiografische und literarische Erzählungen, doch auch in den bildenden Künsten oder in der Musik, in Comics und Filmen, in Videos und Computerspielen finden sich Muster des Narrativen.

Ausgehend von der Analyse literarischer und literaturnaher, mündlicher und schriftlicher Erzählungen stellte die 'klassische' Narratologie zunächst ein Wissenssystem für die Philologien, die Volkskunde und die Ethnologie dar. Erste Erweiterungen ergaben sich für alle Kunstwissenschaften, zudem für die Wissenschaften, die Texte analysieren, interpretieren und anwenden (wie beispielsweise Theologie, Philosophie, Jurisprudenz, Psychoanalyse) oder die ihre Wissensbestände auch in Texten mit erzählendem Charakter vermitteln (wie die Geschichtswissenschaft). Vor allem in den zurückliegenden zwanzig Jahren war die disziplinäre Karriere der Kulturwissenschaften sowohl mit besonderer Aufmerksamkeit für Formen und Funktionen des Performativen als auch für solche des Narrativen verbunden. In einem breiten interdisziplinärem Spektrum der Interessen, im Zeichen eines 'narrativist turn' war nicht mehr nur zu fragen, wie Erzählungen (bzw. Narrative) organisiert sind, sondern auch: "Was leisten sie? Welche Funktionen haben sie in Kontexten und Praxisbezügen? Welche unterschiedlichen Typen von Narrativen sind dabei zu unterscheiden? Welche Leistungen im Erzeugen und Vermitteln von ,Sinn' kommt ihnen zu? Warum also werden Narrative produziert, warum rezipiert? Welche kognitiven und emotionalen Abläufe sind dafür Voraussetzung?"

II. Arbeitsgebiete der Narratologie

Narratologie ist von Bedeutung für alle diejenigen, die im wissenschaftlichen Interesse (also systematisch und theoretisch kontrolliert) narrativ organisierte Texte analysieren und auslegen (zum Beispiel die Philologien oder die Theologie), narrative Texte zum Gewinn von disziplinärem Wissen nutzen (beispielsweise die Psychoanalyse, die Strafrechtswissenschaft oder die Geschichtswissenschaft) und/oder disziplinäres Wissen mit Hilfe von narrativen Texten vermitteln (beispielsweise die Geschichtswissenschaft). In narratologischer Perspektive werden dabei allgemeine texttheoretische Überlegungen und entsprechend begründete Kategorien und Verfahren der Analyse spezifiziert und akzentuiert.

In narratologisch ausgerichteten Textanalysen ist zum einen nach dem zu fragen, was der Text vermittelt (nach der histoire). Als abgeleitete Kategorien der histoire können für die ,strukturierte Handlung' (plot) gelten: Gegebenheiten, Geschehenselemente, Ereignisse, Sequenzen (als abgeschlossene Veränderung einer Ausgangssituation). Zum anderen ist danach zu fragen, wie der Text vermittelt wird (récit bzw. discours). Dafür relevante Kategorien sind die zeitliche Organisation (beispielsweise mit Zurück- und Vorausblicken, Analepsen und Prolepsen), der Modus (im Sinne von Wahrnehmungsweisen bzw. Blicklenkungen im Zusammenhang mit der Vergabe von Informationen), die mögliche Differenzierung und Staffelung sowie die Markierungen der Vermittlungsinstanzen, der Stimmen (beispielsweise in Erzählerrede und Figurenrede), die unterschiedlichen Vermittlungsweisen für Figurenrede (die Gedankenrede eingeschlossen) wie direkte und indirekte Rede, Erlebte Rede oder Innerer Monolog. Histoire und récit sind schließlich gebunden an einen konkreten oder fingierten Sprechakt (eine narratio), für den nach Ort, Zeitpunkt und Zeitdauer des Sprechens zu fragen ist.

Im Anschluss an diese texttheoretischen Überlegungen wäre der wissenschaftliche Status der Narratologie zu bedenken. Narratologie kann für die interdisziplinäre Praxis gelten: (1.) als Teilaspekt einer umfassenden Texttheorie, (2.) als Heuristik und ,Werkzeug' zur Textanalyse und Textinterpretation; sie ließe sich dabei bis hin zu einer vorstrukturierenden Kasuistik erweitern, (3.) als systematisch entwickelter Deskriptionsmodus (der allerdings nicht frei von ,Interpretation' zu halten ist), (4.) als interdisziplinäres Wissenssystem.

Narratologie versteht sich nicht als eigenständige Disziplin, sie ist also nicht als ,die Wissenschaft von den Erzählungen' anzusehen. Sie lässt sich gegenüber anderen Disziplinen nicht systematisch abgrenzen; sie ist eher ein Wissenssystem, das unterschiedliche Disziplinen durchquert, eine ,Querschnitt-Disziplin'. So hat sie auch keinen institutionalisierten Ort in den Wissenschaften (es gibt kein ,Department of Narratology').

Der wichtigste Anwendungsbereich für Narratologie ergab sich bislang für die Philologien. Dabei lassen sich für Narratologie im engeren Sinne (als Erzählforschung/narrative studies), also primär für den Teil-Gegenstandsbereich ,literarische Texte', folgende Arbeitsgebiete abgrenzen: (1) Erzähltheorie/narrative theory (hier eingeschlossen ist u. a. die Poetik des Romans): als theoretisch orientierte Narratologie - mit (möglichen) Basistheorien aus Philosophie, Anthropologie/Kulturtheorie, Kognitionstheorie, Kommunikationstheorie, Semiotik, Texttheorie, Linguistik; (2) Geschichte des Erzählens/history of narratives (insbesondere Gattungsgeschichte der Erzählprosa): als historisch orientierte Narratologie; (3) Erzähltextanalyse/analysis and interpretation of narratives: als angewandte Narratologie.

III. Zur Geschichte der Narratologie

Die Narratologie hat sich seit Beginn des 20. Jahrhunderts aus den gattungstheoretischen Diskussionen der Romantheorie in den Philologien und der Erzählforschung in der Volkskunde entwickelt. Sie erhält zwischen 1965 und 1975 als textheoretisches und textanalytisches System für fiktionale Erzählprosa ein deutliches Profil in der Literaturwissenschaft. Diese disziplinäre 'Engführung' wird in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts im Zuge der kultur- und medienwissenschaftlichen Erweiterungen der Literaturwissenschaft ebenso in Frage gestellt wie die universalistische Konzeption des narratologischen Beschreibungs-, Analyse- und Erkenntnismodells. Daraus resultieren die aktuellen Diskussionen zur interdisziplinären Relevanz der Narratologie und zur Historisierung ihres Erkenntnisanspruchs.

Rückblickend lassen sich für die Narratologie folgende Entwicklungsphasen abgrenzen:

(1.) In einem ersten Schritt (1910 bis 1965) werden bestimmte Problemfelder des Erzählens (K. Friedemann) und darüber hinaus der ,Romankunst' thematisiert (H. James, E. M. Forster, P. Lubbock), dann - verstärkt im Zeitraum 1955-1965 - entstehen (aus heutiger Sicht betrachtet) ,proto-narratologische' Konzepte in den unterschiedlichen Wissenschaftskulturen (J. Pouillon, W. C. Booth, G. Müller, E. Lämmert, K. Hamburger, F. Stanzel u.a.).

(2.) In der zweiten Phase (1965 bis ca. 1975/1985) wird zunächst die ,klassische' (weithin strukturalistische) Narratologie (für fiktionale Erzählprosa) entwickelt (R. Barthes, A. Greimas, C. Bremond, T. Todorov, G. Genette). Dann folgen (auch didaktisch orientierte) 'Pragmatisierungen' dieses Wissenssystems - vor allem in der angelsächsischen Wissenschaftskultur, unter Einschluss von Israel und den Niederlanden (M. Bal, Sh. Rimmon Kenan, D. Cohn, S. Chatman, G. Prince u.a.).

(3.) In einem dritten Schritt (1980-1995) formiert sich Kritik am engen (Wissenschafts-)Anspruch der Narratologie; es kommt zu ,Dekonstruktionen' der Narratologie, zugleich werden ,Narrative' für nicht-literarische Bereiche (u. a. Film, Historiografie, biblische Texte, Rechtspraxis) ,entdeckt', und es wird der Schritt von der ,Narratologie' hin zu den ,new narratologies' vollzogen.

(4.) In der vierten Phase (seit Mitte der 1990er Jahre)beginnt die ,Renaissance'(reconsideration) der Narratologie - zum einen als ,neoklassische Narratologie' (sie will die ,klassische' Narratologie präzisieren und differenzieren bzw. beweglicher machen), zum anderen im Sinne einer kulturtheoretisch gerechtfertigten Universalisierung (D. Herman, M. Fludernik u.a.). Im Zusammenhang mit neuen Entwicklungen geistes- und kulturwissenschaftlicher Forschung ändern sich Begründungen, Funktionen und Reichweite der Narratologie.

(4.1.) Neue Basistheorien für Narratologie werden herangezogen - in Abkehr von der strukturalistischen Textgrammatik und im Hinwenden zu kommunikations- und kognitionstheoretischen Begründungen.

(4.2.) Die Zuständigkeit der Narratologie wird auf faktuale Texte ausgeweitet (bis hin zum Alltagserzählen) - auch im Zuge der Postulate einer ,Allgemeinen Narratologie', einer ,natural narratology' und der ,kulturwissenschaftlichen Narratologie'. Die Narrative werden mit einem (gegenüber literarischen Texten) ,entlasteten' narratologischen Programm untersucht.

(4.3.) Innerhalb der literarischen (fiktionalen) Texte kommt es zu einer (über die Gattung 'Epik' hinaus) erweiterten, transgenerischen Zuständigkeit der Narratologie.

(4.4.) Über sprachliche Texte hinaus ergibt sich eine erweiterte, intermediale Zuständigkeit der Narratologie für textanaloge Gegenstandsbereiche wie Bilder, Bühnenaufführungen und Performances, Film, Musik, Videos, Computerspiele usf. Damit entsteht die Konstellation ,Interdisziplinarität I der Narratologie' für die Kunstwissenschaften (Kunstgeschichte, Musikwissenschaft, Theaterwissenschaft, Film- und Fernsehwissenschaft usf.).

(4.5.) Narrative Konstellationen in der Kulturpraxis werden von den ,zuständigen' Disziplinen systematisch mit Hilfe von Narratologie untersucht: ,Interdisziplinarität II der Narratologie' u. a. für Geschichtswissenschaft, Jurisprudenz, Theologie, Psychoanalyse.

(4.6.) Es entstehen methodologische Hybridisierungen beispielsweise durch das Kombinieren von narratologischen mit feministischen Ansätzen oder mit den ,Postcolonial Studies'.

(4.7.) Narratologie wird historisiert im Umgang mit unterschiedlichen historischen Korpora.

IV. Narratologie heute: transgenerisch, intermedial, interdiszplinär

Bislang galt, dass literarische Texte (fiktionale Texte bzw. Texte der ;schönen Literatur') ein besonders komplexer Gegenstand seien, an dem ein hochdifferenziertes Inventar von narratologischen Untersuchungsinteressen und Beschreibungsbegriffen entwickelt und erprobt werden kann. Nachdem dieses Inventar seit Beginn der 1980er Jahre zur Verfügung steht, ergeben sich heute vielfache Ausgriffe und neue Herausforderungen, um die Narratologie weiter zu entwickeln. Im Sinne einer ,transgenerischen Narratologie' umfasst der Objektbereich der Fiktionstexte nicht nur die Gattung ,Epik', auch Dramen und Gedichte sind in die narratologisch orientierte Analyse eingeschlossen, und diese Ausweitung beschränkt sich nicht auf das so genannte Epische Drama und auf erzählende Lyrik wie Balladen und Romanzen. Zudem sind schon seit längerem nicht nur fiktionale Texte, sondern auch faktuale Texte der Gegenstand narratologischer Analysen. Und über Schrifttexte hinausgehend bezieht sich die ,intermediale Narratologie' beispielsweise auf Bilderzählungen, Bild-Text-Erzählungen wie Comics, Erzählungen mit bewegten Bildern wie in Filmen und Videos oder auf narrativ organisierte Körperbewegungen im Raum wie in Tanz und Ballett.

Unter diesen Aspekten wird aus der bisherigen philologischen Praxis der Narratologie fortschreitend ein interdisziplinäres Unternehmen. Zudem wurden die Fragestellungen der ,klassischen' Narratologie zur Beschreibung von Texten und ihren Strukturen erweitert durch das Analysieren der Funktionen von narrativen Texten in Kontexten. Darüber hinaus werden die kognitiven und emotionalen Voraussetzungen für Produktion und Rezeption von Narrativen erforscht - gestützt auf Konzepte der Kognitionstheorie und der (weithin noch zu entwickelnden) - Emotionstheorie.

Die ,klassische' Narratologie erhob für ihre Aspekte und Begriffe einen generalisierenden Anspruch, derzeit wird dieses Instrumentarium differenziert: Unterschiedlichen historischen Zuständen des Narrativen werden modifizierte Untersuchungsperspektiven und Beschreibungsverfahren zugeordnet. Und schließlich kommt es auch zu Allianzen der Narratologie mit einer Reihe von methodologischen Programmen der Text- und Kulturwissenschaft: Es entstehen ,narratologische Hybride' wie etwa Feministische Narratologie oder Interkulturelle Narratologie.

V. Historiografie und Narratologie - eine neue Allianz?

Der um 1990 ausgerufene 'narrativist turn' hatte auch wissenschaftspolitische Implikationen: Wo in der Moderne der Wissenschaften zum Steigern von Wissenschaftlichkeit auf Zurückdrängen der erzählerischen Anteile gesetzt wurde, wird im Zeichen der Postmoderne dem vermeintlich Kreativ-Unregelhaftem der Narration, den nicht nur kausalen Verknüpfungen, Raum gegeben. Die entschiedene Trennung zwischen Wissenschaft und Literatur, zwischen 'facts' und 'fiction', wird perforiert. Davon ist insbesondere die Historiografie betroffen. Weithin akzeptiert ist die Annahme zum Konstruktcharakter der Historiografie: Geschichtswissenschaftler ,produzieren' historische Tatsachen, und sie deuten diese Tatsachen. Sie (re-)konstruieren nicht nur historische Konstellationen und Prozesse, sondern weisen ihnen auch ,Sinn' zu.

Das Herstellen von ,Geschichte' ist insbesondere gebunden an Sprachlichkeit und Textlichkeit. In den theoretischen Diskussionen der Geschichtswissenschaft erscheinen die Perspektiven des ,linguistic turn' und ,narrativist turn' als Modifikationen der grundlegenden erkenntnistheoretischen Frage nach dem Wahrheitsanspruch geschichtlicher Rekonstruktionen. Erzählungen, genauer historiografische Erzählungen, sind das wichtigste Verfahren solcher Rekonstruktionen - unabhängig davon, ob die Akzente auf Ereignis- oder Strukturgeschichte liegen.

Historiker nutzen Narratologie zur ,Gegenstandsbeobachtung', zur Analyse narrativer Quellen (,narrativ' im weiteren Sinn verstanden) und zur Selbstbeobachtung, also zur Analyse ihrer historiografischen Texte. Für historiografisches Erzählen ist bestimmend: Ereignishaftigkeit und Sequentialität (insbesondere in kausaler Verknüpfung). Dagegen haben Probleme der Vermitteltheit kaum Gewicht. In der Regel wird die Rede an einen empirisch-realen Autor gebunden (bzw. an zitierte Personen delegiert). Die Historiografie des 19. Jahrhunderts kennt vor allem den ,auktorialen Erzähler' mit uneingeschränkter Wahrnehmungskompetenz und Wissensvermittlung. Ein konkurrierendes Programm erhält im 20. Jahrhundert Gewicht: Der Erzähler wird zum Berichterstatter, der dokumentarisch vorgeht und auf den Gestus verzichtet, gleichsam ,allwissend' über Gedanken und Gefühle der Akteure des historischen Geschehens informieren zu können. Eher selten finden sich Erzählungen, die an Wahrnehmungen und Wertungen einer ,erzählten' (Reflektor-)Figur gebunden werden. Einen Sonderbereich am Rande der wissenschaftlichen Rekonstruktion stellen Ich-Erzählungen wie Autobiografien und Memoiren dar.

Der Status von historiografischen Texten lässt sich unter den Aspekten von Narration, Deskription, Argumentation sowie Statistik/Annalistik betrachten. Wenn in solchen Texten erzählt wird, können sich allerdings Interferenzen von Geschichtsschreibung mit Erzählformen der 'schönen Literatur' ergeben.

Geschichtsschreibung ließe sich somit kennzeichnen als ein besonderer narrativer Modus mit dem Ziel, Kenntnis über die Vergangenheit zu erlangen und sie im Rekonstruieren und Erklären zu verstehen. Neben der histoire (dem Was des Erzählten) wird Aufmerksamkeit auch auf den récit (das Wie des Erzählens), das ,emplotment' (H. White) gelenkt. Heute wird Historiografie weithin weder im Sinne eines dogmatischen Faktualismus noch eines bedingungslosen Fiktionalismus verstanden. Im Sinne der Sprachzeichen-Funktionen, die Roman Jakobson herausgearbeitet hat, dominiert bei historiografischen Texten die referentielle Funktion (der Bezug auf Sachverhalte). Womöglich werden appellative (auf das Verhalten der Adressaten bezogene) Funktionen, kaum jedoch emotive (auf den Träger der Rede bezogene) Funktionen und nur minimal poetische (auf das Kommunikat bezogene), metasprachliche (auf den sprachlichen Code bezogene) oder phatische (auf den Kommunikationsakt bezogene) Funktionen genutzt.

Grundlegend für Historiografie ist heute die Forderung, den realen Autor (in seiner Rolle als Historiograf) als Träger der Erzählerrede anzusehen. Eine - vom empirischen Autor zu unterscheidende - Erzählinstanz wird zumeist nicht eingeführt. Allerdings wäre aus textwissenschaftlicher Sicht zu bedenken, ob nicht aus methodologischen Gründen prinzipiell auch für historiografische Texte eine 'Historiografen-(Erzähler-)Instanz' anzunehmen wäre, die nicht von vornherein mit dem realen Verfasser ineins gesetzt wird. Wie auch immer - auf die darstellenden Texte der Historiografie lassen sich durchaus die Kategorien der philologisch entwickelten Narratologie anwenden, auch wenn für diese Texte nicht alle narratologischen Vorgaben relevant sind.

VI. Perspektiven für die Narratologie und die Forschergruppe Narratologie an der Universität Hamburg

Angesichts der gegenwärtigen ,Blüte' der Narratologie sehe ich es als wichtige aktuelle Aufgaben an, Narratologie in ihren theoretischen Begründungen zu überprüfen und weiter auszuarbeiten zu einer ,neoklassischen' (transstrukturalistisch aufgeklärten) Narratologie - zunächst im engeren Sinne für den komplexen Gegenstandsbereich der literarischen Texte. Entsprechende Ergebnisse bieten sich an für Exporte in die ,allgemeine (transliterarische) Narratologie' (die in erfolgversprechenden Konstellationen noch eingehender zu entwickeln ist); zugleich ergeben sich Möglichkeiten zu wechselseitigen Modifikationen. Dabei sollten bei den Erweiterungen und Modifikationen Genauigkeit und analytische Kraft als Leistungen aus der Begriffsbildung der ,klassischen' Narratologie nicht aufgegeben werden.

Ebendiesen (und weiteren) Aufgaben sieht sich die Forschergruppe Narratologie (FGN) an der Universität Hamburg in ihrer Arbeit verpflichtet. Sie wird mit überwiegend philologischen Projekten seit dem 1. April 2001 von der DFG gefördert, die Förderung läuft zum 31. März 2007 aus; ihr Sprecher ist der Slavist Wolf Schmid. Unter der Adresse http://www.narrport.uni-hamburg.de ist das Internet-Portal der Forschergruppe mit Projektbeschreibungen, Forschungsleistungen (u.a. mit Netz-Publikationen zum 'download') und Service-Angeboten (u.a. einer umfassenden Bibliografie zur Narratologie) zu erreichen. Um das Potential und die WWW-Präsenz der Forschergruppe auch nach dem Abschluß der sechsjährigen Förderung durch die DFG zu erhalten und auszubauen, wurde am 1. April 2005 das Interdisziplinäre Centrum für Narratologie (ICN) an der Universität Hamburg gegründet.

Im Rahmen der Forschergruppe Narratologie wurden bislang zehn Einzelprojekte bearbeitet mit Schwerpunkten in der Wissenschaftsgeschichte der Narratologie und ihrer wissenschaftskulturellen Diversifikation, in der forschungsgeschichtlichen Reflexion und Präzisierung von wichtigen narratologischen Begriffen, in der transgenerischen Erweiterung der 'klassischen' Narratologie (am Beispiel der narratologischen Analyse von Lyrik) sowie der Verbindungen von Narratologie und Computerphilologie und der computergestützten Simulation narrativer Kompetenz.

Die Forschergruppe Narratologie veranstaltet kontinuierlich projektbezogene Workshops und projektübergreifende Konferenzen: So findet vom 13. bis 15. Oktober 2006 in Hamburg ein internationales und interdisziplinäres Symposion statt - mit dem Thema: "Point of View, Perspective, Focalization: Modelling Mediacy" (zum Programm und zu den Vorträgen) Der Sprecher der FGN, Wolf Schmid, ist Mitherausgeber der erfolgreich begonnenen Reihe Narratologia im Verlag de Gruyter (Berlin und New York), die Bände in englischer und deutscher Sprache publiziert. Seit 2001 hat die Forschergruppe Narratologie ebenso vielfältige wie intensive nationale und internationale Kontakt aufgebaut, so dass sich das (ihr nachfolgende) Interdisziplinäre Centrum für Narratologie anschickt, zu einem 'center of excellence' für narratologische Forschung und Lehre zu werden.

Anmerkung der Redaktion: Teile dieses Textes wurden zuerst veröffentlicht in Jörg Schönert: Zum Status und zur disziplinären Reichweite von Narratologie. In: Vittoria Borsó/Christoph Kann (Hg.): Geschichtsdarstellung. Medien - Methoden - Strategien. Köln; Weimar; Wien 2004, S. 131-143.





LESERBRIEF SCHREIBEN
DIESEN BEITRAG WEITEREMPFEHLEN
DRUCKVERSION
NEWSLETTER BESTELLEN