Der Mensch - ein Homo Narrator

Von der Notwendigkeit und Schwierigkeit, die psychologische Narratologie als Grundlagenwissenschaft in eine handlungstheoretische Sozial- und Kulturforschung einzubeziehen

Von Harald Weilnböck

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Zwei Dinge müssen vorab gesagt werden. Erstens: Wer in einer Zeitschrift für Literatur und Kulturwissenschaft zum Thema Narratologie einen Beitrag über die Narrationsforschung aus den Bereichen der (Entwicklungs-)Psychologie, Psychotherapie-Wissenschaft und Psychoanalyse beisteuert, berührt damit nicht nur einen unter anderen Gesichtspunkten. Er thematisiert denjenigen Aspekt, der für eine wirklich interdisziplinäre Narratologie in grundlagentheoretischer Hinsicht unfraglich einer der wichtigsten ist - eines ihrer unentbehrlichen Fundamente. Zwar kann man Literatur- und Geisteswissenschaften heutzutage noch, zur Not, auch ohne Rücksicht auf die Tatsache betreiben, dass literarische Erzählungen nicht nur auf dem Papier stehen, sondern von Menschen, und das heißt: von menschlichen Psychen mit teils bewussten, teils unbewussten Absichten und Bedürfnissen hervorgebracht bzw. aufgenommen werden. Man kann zur Not, auch wenn dies im Grunde eine bedauerliche Verengung der epistemologischen Perspektive bedeutet, davon absehen, dass diese Texte erst im Moment der mentalen, psychischen Aktualisierung existent sind und erst dort zum Gegenstand von Erkenntnisbemühungen nicht nur in immanent-textdeskriptiver, sondern auch in handlungslogischer Hinsicht werden können. Jedenfalls wird seitens der Geistes- und Literaturwissenschaften gemeinhin von dieser psychologischen Grundvoraussetzung von Geist, Kunst und Erzählung weitgehend abgesehen.

Was man jedoch beim heutigen Stand der interdisziplinären Forschung eigentlich nicht mehr tun kann, ist: sich auf eine Narratologie, eine Wissenschaft vom Erzählen, zu berufen, gleichzeitig jedoch vorwiegend textimmanent und formal beschreibend oder hermeneutisch-bedeutungszuweisend in einem älteren Sinn zu bleiben und sich nicht auch systematisch in psycho- und handlungslogische Fragestellungen investieren zu wollen. Denn wer das menschliche Erzählen als komplexes Phänomen in seiner Gänze - und nicht nur in Form von ästhetischen und medialen Erzählungen im engeren Sinn, wie sie in Literatur und/oder Film erscheinen - erforschen will, kann an der psychischen Verfasstheit des Menschen bzw. an der zentralen psycho- und handlungslogischen Dimension von Erzählen und seinen psycho-affektiven Funktionen nicht vorbeisehen.

Zweitens aber, und dies macht die Sache brisant: Genau das ist es nämlich, was der überwiegende Teil auch der jüngeren Philologien zu tun versucht. Und dies heißt für uns: Systematisch auf Ressourcen der Psychologie - oder einer anderen Handlungswissenschaft - zu verweisen, bedeutet immer auch, einen neuralgischen Punkt des geisteswissenschaftlichen Mainstreams zu berühren. Dieser nämlich erkennt die hohe grundlagentheoretische Bedeutung nicht, die der Psychologie, genauer: der tiefenpsychologisch versierten Interaktionsforschung in der Tradition der so genannten Zwei-Personen-Psychologie, aus gegenstandslogischer Evidenz heraus beigemessen werden muss, wenn man den Weg zu einer wirklich interdisziplinären Erzähl- und Kulturforschung bahnen möchte, - mehr noch: die Geisteswissenschaften wollen davon auch nicht so recht etwas wissen! Sie scheinen sich, so mutmaßte die Linguistin Uta Quasthoff bereits 1980, fest darin eingerichtet zu haben, "den großen und wichtigen Bereich menschlicher Handlungen als wissenschaftlicher Erklärung nicht zugänglich zu deklarieren". Und da diese Haltung heute offensichtlich eher noch zu- als abnimmt, wird vereinzelt von einer Rephilologisierung der Geisteswissenschaften gesprochen.

Lediglich jene Spezialbereiche der Literaturwissenschaft, die, wie z.B. die Lesesozialisationsforschung oder auch die verschiedenen Didaktiken, aus innerer Notwendigkeit immer schon mit handlungstheoretischen Fragen über Literatur und Medien zu tun haben, nehmen jene schier unüberwindlich anmutende Spannung zwischen den theoretisch-methodologischen "Extrempolen der Literaturwissenschaft und der Psychologie", von denen z.B. Norbert Groeben oder Hartmut Eggert sprechen, mit angemessener Trennschärfe und dem entsprechenden Problembewusstsein wahr. Sie optieren für eine interdisziplinäre "Narrationsforschung" unter Einbezug der Psychologie und Linguistik, für eine "integrativ-kulturwissenschaftliche Methodologie", die, wie Eggert hervorkehrt, vor allem das "Verhältnissen zur Psychoanalyse" zu klären und die Theoriebildungen zum narrativen Zusammenhang "von Emotion, Kognition und Handlung" voranzutreiben habe.

Im Großteil der Geisteswissenschaften jenseits dieser Randbereiche ist es jedoch ein gemeinsames, verschiedene philologische Denkschulen übergreifendes und beinahe impulsiv zu nennendes Anliegen, im Zweifelsfall auf die Psychologie-Freiheit des autonomen ästhetischen Gegenstands zu insistieren. Es ist so fest verwurzelt, dass sporadische Appelle, wie der des Gießener Philosophieprofessors Martin Seel, ungehört verhallen, wenn sie die Philologien dazu zu drängen versuchen, "als Textwissenschaften [auch] Handlungswissenschaften zu sein". Oder wenn sie, wie der Marburger Germanist Thomas Anz, fordern, sich handlungstheoretisch "mit Texten und mit Menschen" zu befassen. Dem werden zumeist Glaubenssätze dergestalt entgegnet, dass der "Kunstcharakter" bzw. "der ästhetische Eigenwert der Literatur", deren "ästhetische Autonomie" eben, nicht verletzt werden dürfe, was - so die Implikation - durch psychologische Erkenntnisansprüche unfehlbar geschehe.

Dass dabei stets unklar bleibt, wie dieser "ästhetische Eigenwert" denn genauer zu begreifen wäre, unterstreicht die kunst-religiöse Latenz dieses Gegenstandsverständnisses, das, so resümiert jüngst der Kölner Psychotraumatologe Gottfried Fischer, der Kunst auch im 21. Jahrhundert noch eine im Grunde "sakrosankte Position" zumisst und einer Auffassung vom "Kunstwerk als Geheimnis" huldigt. Versuche zu dessen psychologischer Analyse würden rein intuitiv als "Sakrileg" und "Verrat" aufgefasst. Die Philologien laufen also Gefahr, dem zu entsprechen, was der Klagenfurter Wissenschaftstheoretiker Gerald Poscheschnik als "monoparadigmatische Normalwissenschaften" bezeichnet, die im Grunde vorrangig unter der von Paul Feyerabend formulierten Konsistenzbedingung agiert - was zur Folge hat, dass neue Theorien oder Hypothesen nicht deshalb abgelehnt werden, weil sie unsachgemäß sind bzw. den empirischen Tatsachen widersprechen, "sondern lediglich, weil sie ungewohnt sind und dem unausgesprochenen Recht auf Priorität der älteren Theorie widersprechen".

So also ist die Lage der institutions- und habitus-dynamischen Dinge beschaffen: Der narrative turn, den Psychologie und Gesellschaftswissenschaften in den letzten ein, zwei Jahrzehnten beschritten haben, trifft in den Geisteswissenschaften im Grunde auf einen anti-narrative turn, der nur deshalb nicht gleich als solcher zu erkennen ist, weil er sich im Wesentlichen gegen die tiefenpsychologischen und handlungswissenschaftlichen Narratologien richtet, und auch deshalb, weil er sich zumeist nicht offen artikuliert. Vielmehr scheint er manchmal auf komplizierte Weise in eine Ambition eingelassen, die durchaus die Fächergrenzen überschreiten will, dabei aber eine sozusagen ganz eigene, philologische Narratologie wieder neu aufleben lassen und auch als die 'eigentliche' beanspruchen möchte. Deshalb auch lässt sich dort - darauf will ich im letzten Teil noch ausführlicher eingehen - eindrücklich nachvollziehen, wie jene tief im geisteswissenschaftlichen Habitus verwurzelten Interdisziplinaritäts-Vorbehalte auch unter gesteigertem Innovationsdruck ihre Wirkungen entfalten.

Zur psychoanalytischen Entwicklungspsychologie als Grundlage für verschiedene narratologische Forschungs- und Anwendungsbereiche

Diese prekäre Lage der narratologischen Dinge gewinnt dadurch eine zusätzliche - geisteswissenschaftlicherseits noch gar nicht recht gesehene - Brisanz, dass im Grunde einzig die Psychologie es vermag, den Anspruch der Narratologie zu legimitieren, überhaupt ein eigenständiger Forschungsbereich zu sein, mehr noch: eine zentrale, mehrere Kultur- und Sozialwissenschaften betreffende Grundlagenkompetenz bereitzustellen. Und hier kommen wir zum eigentlichen Thema: Den Nachweis zu führen, dass der Mensch am angemessensten als Homo Narrator, als a priori erzählendes Wesen zu begreifen ist, weil die mentalen und interaktionalen Prozesse der Narration es sind, die die Grundeinheit des menschlichen Wahrnehmens, Denkens und Handelns überhaupt darstellen, und nicht etwa ein computeranalog oder sprachmorphologisch vorgestelltes Informations-Bit (!), - diesen Nachweis vermag lediglich die klinische und tiefenpsychologische Entwicklungs- und Kleinkindforschung zu führen. Dort nämlich konnte in den letzten ein, zwei Jahrzehnten in feinteiliger, video-analytisch gestützter Rekonstruktion und experimenteller Prüfung zunehmend abgesichert nachgewiesen werden, dass schon für Kinder vor dem Spracherwerb eine narrative Struktur der Psyche angenommen werden muss, weil schon sie in "proto-narrativen Hüllen", d.h. in einfachen narrationsähnlichen Denk- und Wahrnehmungsmustern handeln. Diese Hüllen enthalten vielfältiges prozedurales Erfahrungswissen und Mikropraktiken, die "weder symbolisch, noch verbal, noch verdrängt" sind, sondern von proto- oder prä-narrativer Natur.

Es ist also lange vor der Sprache schon alles da, was eine Erzählung ausmacht: ein Subjekt, eine (Ausdrucks-)Intention, eine Handlungszielrichtung, eine Ereignis- und Vorher-Nachher-Perspektive sowie eine kommunikative Orientierung auf den Anderen. Einer der Begründer dieser Forschungsrichtung ist der Psychoanalytiker, Säuglingsforscher und Entwicklungspsychologe Daniel Stern. Seine Arbeit wird in Deutschland u. a. von Martin Dornes und Klaus Grossmann vermittelt und weitergeführt. In seinem jüngsten Buch formuliert Stern den Begriff des Gegenwartsmoments, der oft kaum merklich in Alltag oder Psychotherapie auftaucht und in dem die proto-narrative Erlebnis- und Handlungsstruktur einer Person aufscheint. Ein solcher Gegenwartsmoment dauert in aller Regel nicht länger als etwa drei bis vier Sekunden, so lange wie eine durchschnittliche Phrase in natürlichen Dialogen, das Lesen einer Gedichtzeile oder ein Atemzyklus. Zum Beispiel: Zwei Personen sehen im städtischen Treiben eine ungewöhnliche, witzige Szene, ihre Augen treffen sich, sie schmunzeln, ziehen die Augenbrauen hoch oder legen den Kopf schräg, sagen ein zwei Worte, gehen auseinander - und beiden ist der erlebte Moment auch gewärtig, ohne dass jedoch dessen hohe persönlich-biografische Signifikanz ganz bewusst würde.

Ein Gegenwartsmoment ist die "gefühlte Erfahrung", eine "erlebte Mikrogeschichte"; sie hat einen "narrationsähnlichen Plot," ist "narrativ formatiert", aber kann (noch) nicht gleich erzählt werden, wird normalerweise auch nicht erzählt - und muss es auch nicht. Ein Gegenwartsmoment kristallisiert sich an den kleinen oder großen Besonderheiten des Alltags bzw. an besonderen Punkten des psychotherapeutischen Prozesses; er ist ein leibseelisches Geschehen und hat eine zeitliche und emotionale Verlaufsgestalt, ein dynamisches Gefühlsprofil wie auch eine kognitive Gestalt. Er ist im Grunde immer auch ein Begegnungsmoment mit einem Anderen, und er kann ein Jetztmoment sein, in dem in sekundenhafter Dynamik große Vertrauensfragen gestellt und entschieden werden, Therapien (miss-)glücken oder unvermerkt weitreichende Urteile gefällt werden. Jedenfalls haben diese Gegenwartsmomente spezifische psychische Funktionen, in denen unvermerkt ganz zentrale Kapitel und Konfliktpunkte der lebensgeschichtlichen Vergangenheit enthalten sein können. Sie sind aber ergebnisoffen und tragen die Möglichkeit in sich, eine bleibende Selbst-Veränderung für die Zukunft anzubahnen. Vor allem jedoch sind Gegenwartsmomente flüchtig, weil wir sie zumeist schnell normalisieren und ihre übergreifende lebensgeschichtliche Bedeutsamkeit nicht realisieren; sie wollen - in gemeinsamer narrativer Arbeit - erschlossen werden. Dann können sie manchmal zum Aha-Erlebnis werden, zur gefühlten Evidenz, dem Kairos und Heureka über das eigene Leben.

Es geht also bei diesen "erlebten Mirkogeschichten" um das aus den biografischen Lebensprägungen heraus bereits narrativ vorstrukturierte Wahrnehmen und Interagieren vor dem Darüber-Erzählen. Es geht darum, was die Biografieforschung, dem Titel von Gabriele Rosenthal folgend, als erlebte Lebensgeschichte bezeichnet und phänomenologisch begründet von der erzählten Lebensgeschichte unterscheidet - bei Stern nur eben auf kleinteiligster Ebene. Es geht um die Pole des Erlebens und Erzählens, die in der psychotherapeutischen Arbeit der Ko-Narration - aber sicher auch im kreativen, kulturellen Ausdruck - einander anzunähern versucht werden, auf dass sie zu einer besseren Passung finden. Haben doch entwicklungspsychologische Befunde erwiesen, dass die erlebnisgerechte Passung der - stets wohlfeilen - Erzählungen offensichtlich für das persönliche und gesellschaftliche Wohlbefinden von eminenter Bedeutung ist.

Die klinische und wissenschaftliche Konsequenz ist, dass für das Erzählen in der Therapie nicht nur auf die elaborierten Narrationen über Phasen und Erlebnisse der Lebensgeschichte, sondern verstärkt auch auf die kleinen Jetzt- und Begegnungsmomente des aktualen Erlebens mit der/m Therapeut/in geachtet wird, weshalb Stern das mikroanalytische Interview entwickelt hat. Denn auch die großen, ausgreifenden - und auch die literarischen - Erzählungen, die so genannten master narratives sind an ganz entscheidenden Stellen von diesen im Mikrologischen "erlebten", proto-narrativen Plots perforiert. Sie sind deren narrative "Grundbausteine" und geben ihnen ihre eigentümliche Form und interaktionale Dramaturgie.

Die literaturwissenschaftliche Konsequenz daraus mag sein, in analoger Weise die feinteilige und textnahe Analyse voranzutreiben - dies aber jedenfalls mit einer handlungs- und erlebnistheoretischen Leitfragestellung, denn hier wäre es darum zu tun, die interaktionalen Gegenwartsmomente und Brennpunkte von literarischer Kommunikation präziser fassen zu können. Sterns Votum für die Erlebnisebene und die im Erleben geleistete psychische Arbeit sowie seine Mahnung vor voreiligem Interpretieren in der Therapie könnte man analog auch den Geisteswissenschaften ins Stammbuch schreiben. Freilich ist es dort, genau besehen, längst verzeichnet: Man denke an das Plädoyer, das Wilhelm Dilthey schon 1909 gehalten hat, dass doch in den "Erlebnissen" der Menschen "die Quellen" zu erkennen sind, "aus denen jeder Teil eines dichterischen Werkes gespeist wird", ein Plädoyer, das später Hans Robert Jauß sinngemäß aufgenommen haben mag, als er mahnte, dass zu schnell "die primäre ästhetische Erfahrung des Kunstwerks übersprungen" würde, weil die Wissenschaft "dem Irrtum huldigt, der Text sei nicht für Leser, sondern eigens dafür geschaffen, um von Philologen interpretiert zu werden".

Bemerkenswert ist, wie Sterns narratologische Befunde über die in Gegenwartsmomenten "erlebten Mirkogeschichten" mit zeitgleich entwickelten Ergebnissen der nach-orthodoxen Psychoanalyse korrespondieren, insbesondere mit klinischen Studien über Psychosomatik, Psychotrauma, Suchterkrankungen und (selbst-)destruktives Verhalten. Die Herausgeberbände des Psychotrauma-Therapeuten Mathias Hirsch wie auch des analytischen Körperpsychotherapeuten Peter Geißler bieten hier reichhaltigen Einblick. In diesem Forschungsfeld wurde deutlich, wie wichtig es ist, verschiedene Entwicklungsstufen der menschlichen Fähigkeit zur Symbolisierung bzw. Mentalisierung von erlebter Erfahrung zu unterscheiden. Erst in der hoch entwickelten personalen Narration nämlich, so stellte sich heraus, erreicht die vor-sprachliche oder dissoziativ abgespaltene (Verletzungs-) Erfahrung überhaupt den Status eines mentalen, psychischen Inhalts. Und dies ist unerlässlich, wenn eine belastende und krankmachende Erfahrung, die sich als solche in der vor-symbolischen Körpererinnerung festgesetzt hat, von dem psychosomatischen Symptom abgezogen werden soll, an dem sie haftet. Erst die Mentalisierung und Narrativierung dieser Erfahrungen macht sie für die zwischenmenschlich bezogene Bearbeitung zugänglich und kann Linderung herbeiführen.

Von hieraus wird begreiflich, warum die von Vera Luif und anderen herausgegebene "Bestandsaufnahme der qualitativen Psychotherapieforschung" auf einer dezidiert narratologischen Basis erfolgt. Brigitte Boothe entwirft ein grundlagentheoretisches Konzept der narrativen Intelligenz, unterscheidet verschiedene Typen von narrativen Verlaufs- und Wirkungsmodi und erhellt mit deren Hilfe die Therapieerzählung einer depressiven Patientin in ihren spezifischen Abwehr- und Ermöglichungsmechanismen. Dabei dienen vielfach auch Narrations-Plots aus dem literarischen Gedächtnis der jeweiligen Kultur zur Orientierung. Jörg Frommer veranschaulicht das biografiewissenschaftliche Konzept der lebensgeschichtlichen Verlaufskurve an der Fallgeschichte einer depressiven Patientin und begreift "Symptomentwicklung" als proto-narrative Äußerung. Größenselbstbildung, Idealisierung, Entwertung anderer, bewusstseinsferne Beziehungsambivalenzen und symbiotische Bindungen bei gleichzeitiger Abwehr von aggressiven Impulsen werden in der psychotherapiewissenschaftlichen Interaktionsanalyse narrativ rekonstruiert. Vera Luif liest die über viele Jahre hinweg von einer an Schizophrenie erkrankten Person aufgezeichneten Tagebuchnotizen mittels narratologischer Positionierungs- und Textanalyse. Die Rekonstruktion des sehr zurückgezogenen Akteurstatus des Tagbucherzählers, das hoch projektive, mitunter halluzinative Affektgeschehen, das die eigenen Impulse im Außen wahrnimmt, und die von "unaufgelösten Setzungen" perforierte Kohärenz des Erzähltexts machen die "Dramaturgie" des psychotischen Erlebens empirisch nachvollziehbar.

Die narratologische Untersuchung der Interview-Erzählungen, die Nachkommen von an Psychosen erkrankten Eltern geben, steht im Kontext der so genannten Coping- und Resilienz-Forschung, die ermittelt, wie Menschen schwierige Lebensumstände durch die Mobilisierung von besonderen, "protektiven" Ressourcen bewältigen. Wenn Kinder mit psychosekranken Bezugspersonen Erfahrungen des Verrückt-Seins von existenziellen Orientierungen machen müssen, wenn Gewalterlebnisse, Suizid, Klinikeinweisung oder Betreuungsvernachlässigung tiefgreifende Loyalitätskonflikte sowie Schuld- und Schamgefühle entstehen lassen, ist auch bei den Nachkommen die erfolgreiche Herstellung von tragfähigen Identitäts- und Realitätskonstruktionen gefährdet. Dass und wie diese Gefährdung mittels narrativer Erlebniserschließung gebannt werden kann, ist insofern auch literaturwissenschaftlich interessant, als die schönen Künste dergleichen Themen nicht selten zum Gegenstand hatten und haben.

Aufgrund ihrer Stringenz, Überzeugungskraft und interdisziplinären Anwendbarkeit hervorzuheben ist das sprach- und literaturwissenschaftlich fundierte Verfahren, in dem Tatjana Jesch, Malte Stein und Rainer Richter exemplarisch eine Analyse zweier psychotherapeutischer Erstgespräche vollziehen. Vorausgesetzt wird dabei ein "interaktiver Textbegriff", der in einer Erzählung eine "durch zahlreiche Teilakte konstituierte kommunikative Handlung" erkennt und mit der "textuellen Mitarbeit des Rezipienten" rechnet; ferner ein differenzierter psychologischer Begriff des narrativen Anlasses bzw. der "Erzählwürdigkeit", der nicht nur in einem überraschenden Inhaltsmoment der Geschichte, sondern auch in formalen Darbietungsphänomenen wie z.B. unvermerkten Stilbrüchen, unerwarteten Sprechpausen etc. liegen kann und von bewusstseinsfernen Erlebensimpulsen herrühren mag.

Und schließlich - hier kann die psychologische von der linguistisch-literaturwissenschaftlichen Narratologie profitieren - wird der "Patienten als Kompositionssubjekt" vom aktualen Erzähler unterschieden, weil ein Autor, nicht nur ein literarischer, aufgrund der prinzipiellen Multiperspektivität und Konflikthaftigkeit des menschlichen Lebens immer "uno actu" mindestens "zweifach sendet". Mit bestechender Plausibilität vollziehen die Autor/innen einen Durchgang durch drei verschieden hohe Ebenen von narrativer Kohärenzbildung - (1) zeitliche/räumliche Geschehens- und Inhalts-Relationen (zuerst/dann; dort/dort), (2) korrelative Erwartbarkeitsrelationen (wenn/dann) sowie letztlich (3) finale, kausale und konsekutive Geschehensverknüpfungen (weil; damit; sodass). Damit können Inkohärenzen und Brüche von Implikationen und Erwartungshorizonten nicht nur gemutmaßt, sondern intersubjektiv prüfbar nachvollzogen und mit den Symptomen des psychischen Leidens bzw. mit Prozessen der Linderung in Zusammenhang gebracht werden.

Ausgerechnet also zwei junge Vertreter/innen aus den Literaturwissenschaften, wo doch dergleichen Ansätze gemeinhin so gar nicht wertgeschätzt werden, unterbreiten hier einen überzeugenden Lösungsvorschlag dafür, was die narratologische Therapiewissenschaft laut dem Handbuch von Angus & McLeod als die größte Herausforderungen der kommenden Jahre bezeichnet, nämlich "narrative Kohärenz und Inkohärenz zu beschreiben und erforschen" - eine wissenschaftsgeschichtliche Ironie, die eigentlich hoffnungsvoll ist.

Der klinische Psychologe Peter Kaiser stellt ein narratologisches Verfahren der "genographischen Mehrebenenanalyse" zur "qualitativen Familienforschung" vor. Ein Familiengenogramm und eine auf narrativen (Gruppen-)Interviews basierende umfassende "Lebensweltanalyse" geben Anhaltspunkte über die "Funktionstüchtigkeit" und "Lebensqualität" in Familien und die psychosozialen Ausgangsbedingungen der einzelnen Mitglieder. Aus dem Bereich der berufsweltlichen Anwendungen der psychologischen Narratologie sei Michael Dicks Befund erwähnt, dass allein das Erzählen die für Wirtschaftsbetriebe eminent wertvolle "informelle persönliche Praxiserfahrung" vermittelt und dass dies durch ein spezifisches Verfahren des "triadischen Gesprächs" zwischen dem Erfahrungsträger, dem Lerner und einem "methodischen Zuhörer" unterstützt werden kann.

Dass auch die Geschichtsschreibung mitunter auf vorsprachlichen, protonarrativen Erfahrungen und einer "vorsprachlichen Bereitschaft zu erzählen" basiert, wie der Psychohistoriker Jürgen Straub feststellt, dies macht ein kommunales Projekt der tiefenhermeneutischen Erzählanalyse deutlich, das sich auf den Personenkreis der "[ehemaligen] Anhänger und Unterstützer des Nationalsozialismus" konzentriert. Methodische Zeitzeugen-Interviews und mehrgenerationale Gesprächs- und Erzählkreise wurden mithilfe von klinischem und psychoanalytischem Wissen um Aggressions- und Spaltungsübertragungen rekonstruiert. Im Ergebnis bildete sich ein Arbeitsbegriff der Schamkultur bzw. Schamgesellschaft . Er wäre analytisch auf Formen des dissoziativen, übertragungs-intensiven Erzählens zu beziehen, das es vermag, im Selbst des Erzählers ausgeblendete Affekte im zuhörenden Gegenüber wieder auferstehen zu lassen. Wenn also die Historiografie keine "subtile Form von Legitimationswissenschaft", sondern vielmehr eine "kulturelle Praxis der Enttraumatisierung" sein will, wie der Psychohistoriker Alfred Krovoza nahe legt, wird sie die narratologischen Verfahren beherzigen müssen.

Auch für Fragen des religiösen Extremismus scheinen Befunde der Schamkultur erwartbar: Sie lägen im Arbeitsbereich der narratologischen Studien über "interkulturelle Kompetenz", die Cornelia Fischer und Jürgen Straub mithilfe des Begriffs der "transitorischen Identität" eruieren und mit bestimmten interaktionalen und narrativen Fähigkeiten korrelieren. Barbara Zielke erörtert die Interaktionsebene der "typischen Übertragungsszenen in interkulturellen Konstellationen" und die zentrale Bedeutung des "kulturspezifischen Gegenübertragungswissens", wobei es um die vielen kleinen und namenlosen, aber konfliktträchtigen Affektwirkungen auf der filigranen "Zug-um-Zug"-Ebene von menschlicher Interaktion und Ko-Narration geht.

Die breite Sammlung von Arbeitsproben, die Luif et al. zusammenführen, zeigt die vielfältigen Anwendungsfelder der narratologischen Psychologie und Interaktionsforschung. Der Band wird ergänzt durch das jüngste Sonderheft von "Psychotherapie und Sozialwissenschaft". Hier präsentieren Arnulf Deppermann und Gabriele Lucius-Hoene eine narratologische Untersuchung von Traumaerzählungen, die unangefordert im Kontext von extensiven narrativ-biografischen Interviews zum Ausdruck kommen. In der Präzision des gesprächslinguistischen und erzählanalytischen Vorgehens, das alle, auch die prosodischen und gestischen Phänomene genau transkribiert, schlägt sich auch die Tatsache nieder, dass die Autor/innen vor kurzem ein Arbeitsbuch zur "Rekonstruktion narrativer Identität" für die sozialwissenschaftliche Narrationsanalyse vorgelegt haben. Hier werden konzeptuelle Fundierungen in der linguistischen Sprach- und Erzähltheorie gelegt, das narrative Interview als Kommunikationsereignis gewürdigt und Textsortenbestimmungen des autobiografischen Erzählens vollzogen. Dies verbindet sich mit einer ausführlichen Methodenvermittlung in Interviewführung, Transkriptauswertung und Textinterpretation.

Die im Sonderheft gegebenen vier Traumanarrationen beziehen sich auf mehrjährig zurückliegende Erlebnisse (Kriegserfahrungen, politische Gewalt, schwere Unfälle) und werden ohne apriorischen Bezug auf klinische Störungsbilder entlang von vier Leitfragestellungen dargestellt: (1) inwiefern die Person das Erlebnis überhaupt zum Ausdruck bringen kann, (2) wie über die subjektive Beteiligung und verbleibende Handlungskompetenz in der traumatischen Situation gesprochen wird, (3) wie die emotionale Betroffenheit in der Erzählzeit und (4) die ethischen Aspekte des Geschehens vermittelt werden.

Die ausführlichen Interview-Transkripte geben Aufschluss über die Vielfältigkeit der individuellen Modi der erzählenden Bearbeitung, lassen dabei aber auch Möglichkeiten der Systematisierung erkennen: Formen des enttemporalisierten und summarisch-abstraktiven Erzählens, das emotions- und kontextlos verfährt, von Nominalisierungen und Euphemismen geprägt ist und dessen narrativer Spannungsbogen und Gestaltschließung nicht zustande kommen will, weil unmarkierte Zeitebenenverschiebungen erfolgen, zeigen eine noch relativ große posttraumatische Beeinträchtigung der Person an. Mit größerem Erfolg konnten diese Belastungen regelmäßig dann bearbeitet werden, wenn es der/m Betroffenen gelingt, verschiedene personale und zeitliche Perspektiven kontextuell aufeinander zu beziehen, Emotionen und Körperreaktionen zu beschreiben, eigene Handlungen zu erzählen und die unmissverständliche Täterschuld zu erkennen und nicht etwa per Täter-Opfer-Inversion selbst zu übernehmen. Gisela Thoma analysiert in nicht unähnlicher Weise kurze schriftliche Äußerungen von Frauen, die sexuelle Übergriffserfahrungen gemacht haben. Dabei versucht sie, die psychoanalytische Konflikt- mit der psychotraumatologischen Ereignisperspektive zu vermitteln.

Marius Neukom untersucht die Konstruktionsprinzipien des Erzählens über seelisch verletzende Ereignisse und nimmt die Eingangspassagen von Binjamin Wilkomirskis autobiografisch intendiertem Buch "Bruchstücke", das eine halluzinierte KZ-Kindheit als real entwirft, zum exemplarischen Studienobjekt. Die Frage ist, welche Mittel der narrativen Rezeptionssteuerung Verständnis und eine gemeinsame narrative Bearbeitung der mentalen Verletzung erzielen und welche andererseits moralischen Druck ausüben, um eine "soziale Immunisierung des Opferstatus" zu erwirken. Ferner: wie sich dabei wahrhaftiges und fantasmatisches Erzählen zueinander verhalten. Dies deckt sich mit dem Begriff der "narrativen Wahrheit", den Hannes Fricke in seinem Buch über "Trauma, Literatur und Empathie" für Wilkomirski geprägt hat.

In psychoanalytischer Hinsicht arbeitet Neukom im textnahen, induktiven Verfahren die Hinweise auf eine Spaltungsabwehr des Autors heraus, die freilich eine entsprechende Spaltungsübertragung auf den Leser erzeugt. Dadurch verengen sich die Distanzierungsmöglichkeiten, und der Leser wird dazu verleitet, die Opferposition zu idealisieren und gegenläufige affektive Reaktionen auf den Text dissoziativ abzuspalten. Insofern wird man den zuerst begeisterten und dann beleidigten öffentlichen Umgang mit dem Text tatsächlich als "eine gesellschaftliche Fehlleistung" betrachten können. Dies gilt freilich analog auch für Bruno Dössekker, alias Wilkomirski, der noch heute an seinem illusionistischen Biografie-Fantasma festhält. Denn sein Roman - und seine gleichzeitige Psychotherapie - sind Dössekker nicht deshalb nicht gut bekommen, weil er sich eines Verstoßes gegen die vergangenheitspolitische Etikette schuldig gemacht hätte, sondern weil er einer weit reichenden dissoziativen Verdeckung seiner eigenen, tatsächlichen Traumageschichte aufgesessen ist.

In seiner Monografie stellt Neukom einen innovativen Modus empirisch-narratologischer und psychologischer Literaturforschung vor. Er legte einen kurzen Erzähltext Robert Walsers vierzehn LeserInnen vor und befragte sie anschließend im narrativen Interview. Die systematische Typisierung der Lesereaktionen dient als heuristischer Ausgangspunkt, um Hypothesen über die interaktionalen Mechanismen der Rezeptionssteuerung des Erzählers zu bilden. Diese werden dann jedoch mit dem in der Züricher Narratologie entwickelten Verfahren der strukturellen Erzählanalyse (JAKOB) genau am Text geprüft, wodurch Neukom das notorische methodologische Transparenz-Defizit der Tiefenhermeneutik überwindet. Der psychoanalytische Befund hebt auf eine Doppelbindungsstruktur nach dem Modus der narzisstischen Selbstobjektbeziehung ab, was bedeutet, dass der Erzähler die Leser/innen in einem Hin-und-Her von thematischen Verführungen und Erzählverweigerungen für sich einzunehmen versucht und dabei mit abgespaltenen Fragmentierungsängste befrachtet.

Narration in Gruppenverfahren und Psychotherapieforschung

Einen guten Überblick insbesondere über die englischsprachige narratologische Psychotherapie-Forschung, die untersucht, inwiefern das Erzählen in den verschiedenen Methoden therapeutisch wirkt, gibt "The Handbook of Narrative and Psychotherapy" von Lynne Angus und John McLeod, ferner die Website www.narrativepsych.com und die Seiten der "Society for Psychotherapy Research". Die durchaus heterogenen Ansätze des Handbuchs sind sich einig darin, dass günstige Persönlichkeitsveränderungen mit bestimmten Vollzügen des Erzählens und Umerzählens von Lebensgeschichten einhergehen und dass narrationsorientierte Zugänge auch dem ethischen Gesichtspunkt des Respekts vor der Lebensgestaltung der/s Patient/in Rechnung tragen, den frühere klinische Zugänge manchmal vermissen ließen. Die Grundlagenbeiträge von Jerome Bruner, Donald Polkinghorne und Michael White unterstreichen die Notwendigkeit der interdisziplinären Vernetzung, während Polkinghorne den stark philosophisch unterlegten Formen der so genannten dekonstruktivistischen oder postmodernen Narrationstherapie attestiert, über den Diskurs die Bedeutung des individuellen Subjekts zu sehr unterschätzt - und Foucaults späte Schriften übersehen zu haben.

Tatsächlich arbeiten dekonstruktivistische Ansätze mit einem Fokus auf - auch gesellschaftliche - Makroerzählungen, und die therapeutischen Interventionen scheinen mitunter stark theoriegeleitet und eventuell sogar suggestiv, insofern sie die persönlichen Ressourcen der Person manchmal aufkosten der unentbehrlichen Vertiefung des Problem- und Konfliktbewusstseins erschließen zu wollen scheinen. Sie lassen sich kaum darauf ein, was Stern als narrativ formatiertes Erleben bezeichnet oder was allgemein in therapeutischen Ansätzen der Gegen-/Übertragungs-Interaktion unternommen wird: ein zusammen-erlebendes Sich-Verstricken in und Lösen aus abträglichen Interaktionsmustern.

Psychodynamische Ansätze suchen deshalb mehr das Erzählen über bewusstseinsfernes und konflikthaftes Erleben auf, und erschließen es aus den zumeist zahlreichen Beziehungsnarrativen, die Klient/innen geben. Daraus ermittelt eine überzeugende und weithin praktizierte psychodynamische Diagnosemethode vorab das Zentrale Beziehungskonflikt-Thema der Person, also die wiederkehrende Verhaltens- und Erlebensdynamik in der Begegnung mit Anderen. Weil dieses Verfahren hinreichend objektiv, d.h. unabhängig von der diagnosestellenden Person ist, konnte hieraus auch ein empirischer Nachweis von Freuds Übertragungstheorem gewonnen werden.

Die im Handbuch verzeichneten Ansätze sind in unterschiedlicher Weise relational und folgen also nicht mehr der orthodoxen ein-Personen-psychologischen Sicht auf das Innerpsychische, die Gottfried Fischer als intrapsychistische Verengung bezeichnet hat. Während einige Ansätze wie der des Zentralen Beziehungskonflikt-Themas ausdrücklich mit Beziehungsnarrativen arbeiten, sind andere vermittelt relational, indem sie ihr Augenmerk zwar auf die individuelle Psyche richten, aber angesichts deren Identität bzw. Pluralität verschiedene narrative Ich-Agenturen unterscheiden, z.B. ein Ich, Mir und Mein. Dass sich die narrationstheoretischen Verfahren der Therapie nicht aus der klassischen Einzeltherapie, sondern aus der Familien- und Paartherapie entwickelt haben, stellt die hohe theoretische Relevanz der systemischen bzw. gruppenanalytischen Dimension in Therapie und Forschung unter Beweis. Der Mensch ist nicht nur ein Homo Narrator, er interagiert netzwerklogisch, d.h. seine mentalen Erzählinstanzen und -adressaten sind grundsätzlich pluraler Art, wie übrigens auch die meisten seiner realen Interaktionsfelder.

Dies gibt Gelegenheit, auf einen unserem Thema scheinbar entlegenen Band hinzuweisen, an dem sich aber umso besser aufzeigen lässt, wie weit das Paradigma des Homo Narrator greift. Ralf Bohnsack u.a. schreiben über die wissenssoziologische Methode des Gruppendiskussionsverfahrens, mittels dessen Gespräche und Erzählungen in Gruppen erhoben und handlungsanalytisch und wissenssoziologisch ausgewertet werden, mit dem Ziel, die informellen Common Sense-Theorien der Menschen, ihr "teilweise inkorporiertes Handlungswissen", d.h. ihre habitualisierten Interaktionspraktiken und Meinungsbilder zu rekonstruieren. Die Gruppenverfahren kommen in verschiedensten sozialen Bereichen und Milieus zum Einsatz, wie z.B. in der Jugendforschung, wo die freizeit- und berufsweltlichen sowie geschmacklich-ästhetischen Einstellungen der Jugendlichen in ihrer unmittelbaren narrativen Aushandlung in der Gruppe ermittelt werden, auch deren weltanschauliche, eventuell extremistische politisch-religiöse Ansichten, um gegebenenfalls narrative Interventionsmöglichkeiten in sozialtherapeutischer Funktion entwickeln zu können. In der Organisations- und Managementforschung werden die interaktionalen Regeln bestimmter Berufs- und Arbeitsfelder, freizeitweltlicher Handlungsbereiche wie z.B. der Ehrenamtlichkeit oder interkulturelle Sozialgefüge in ihrer ethischen, gedanklichen und handlungsdynamisch-hierarchischen Grammatik eruiert. Ferner können Sondierungen in übergeordnete gesellschaftliche Fragestellungen vorgenommen werden, etwa in die Haltungen und Erfahrungen dahingehend, wie Lebens- und beruflicher Erfolg zu definieren ist, wobei sich in dieser konkreten Frage Befunde zum Verfall des Leistungsprinzips ergaben.

Das Medium dieser Form der Sozialforschung sind die sich ko-narrativ entfaltenden Erzählungen und Interaktionen in Gruppen. Fern jeglicher Psychoanalyse und ohne ausgearbeitete Erzähltheorie nimmt also auch diese qualitative Forschungsmethodologie wie von selbst eine narratologische Gegenstandsbestimmung vor. Denn Bohnsack verweist darauf, was Bourdieu über den Habitus, also das kollektive Geprägt-Sein der Mitglieder eines sozialen Milieus, sagt: dass nämlich Habitus "weder vollkommen unbewusst noch vollkommen bewusst" ist. Bohnsack fasst diesen Sachverhalt mit dem Begriff des impliziten und "atheoretischen Wissens", was durchaus an Sterns prozedurales, proto-narratives Erfahrungswissen erinnert und auch daran, dass in Sterns Buch - von außen nicht leicht erkennbar - ein Unterkapitel über die Intersubjektivität von Gruppen enthalten ist. Und während Stern dort auf Untersuchungen darüber verweist, dass bereits Babys von wenigen Monaten eine psychische Triade gebildet haben und Dreiwege-Interaktionen unterhalten, wendet eine Kollegin Bohnsacks das Gruppenverfahren in der Kinderforschung an. Bohnsack wiederum stellt fest, dass das "atheoretische Wissen" im Habitus und Gruppenzusammenhang "vor allem in Form von Erzählungen vermittelt wird".

Man könnte und sollte sich also gegenseitig besser wahrnehmen. Spätestens wenn einer Beiträgerin des Bands in ihrem Gruppenprojekt die "Korrespondenzen zwischen propositionaler und performativer Ebene" auffallen, womit gemeint ist, dass Gruppenmitglieder auch gleichzeitig performativ inszenieren, worüber sie propositional erzählen, ist eigentlich der psycho- und/oder gruppenanalytische Begriff des Übertragungsagierens aufgerufen. Jedenfalls sollte die beinahe hundertjährige Tradition der psychoanalytischen Gruppenanalyse und Gruppenforschung nicht vollkommen ignoriert bleiben. Denn es ist gar nicht einzusehen, dass die einzige psychoanalytisch informierte Gruppenmethoden, die in den Sozialwissenschaften bekannt zu sein scheint, die tiefenhermeneutische Gruppendiskussion ist, zumal diese die gruppenanalytischen Standards nicht erfüllt und an methodischer Transparenz manchmal zu wünschen übrig lässt.

Wie erfolgreich und maßgeblich der stets so kontrovers verhandelte Erkenntnisbereich der Psychoanalyse ist und wie sehr dabei der Faktor der Narrativität den Ausschlag gibt, stellt sich in der jüngeren empirischen Psychoanalyse-Forschung dar, die Gerald Poscheschniks Band in dankenswert kompakter Form zugänglich macht. Erfreulich für die in beständiger Defensive argumentierenden Vertreter/innen der Profession ist, dass mit Blick auf eine zunehmend große Zahl empirischer Studien inzwischen schlanker Hand festsgestellt werden kann: "Wer nach wie vor die Überlegenheit eines anderen Therapieverfahrens über das psychoanalytische behauptet, muss sich den Vorwurf gefallen lassen, nicht auf dem wissenschaftlichen Stand seiner Zeit zu sein". Und das durfte im Freud-Jahr einmal laut gesagt werden!

Der wissenschaftliche Nachweis dessen ist in den letzten ein, zwei Jahrzehnten auf vielerlei Art geführt worden. Quantitative Erhebungen, die das relative Befinden vor und nach der Therapie erfassen, wie auch Anordnungen der empirisch-messenden Beobachtung, die vor allem in der Kleinkindforschung, aber auch in der Psychotherapieforschung selbst eingesetzt werden, und letztlich vor allem ausführliche und aufwendig ausgearbeitete Fallgeschichten, die den Änderungsprozess narrationsanalytisch aus dem Gesprächsmaterial der Sitzungen rekonstruieren. Ulrich Streecks Beitrag hebt hervor, dass Narrationsanalyse auch das nonverbale, "körperliche und gestische Verhalten" mit berücksichtigen muss, um die narrativen "Mikrowelten" der Psychotherapie angemessen erfassen zu können. Rainer Krause hat das mimische Ausdrucks- und Affektverhalten von Personen mit psychischen Beschwerden untersucht und weist experimentell nach, dass Psychotherapien dann erfolgreich sind, wenn der Therapeut es vermag, in der ko-narrativen Gestaltung des Therapiegesprächs der unwillkürlichen "Gefühlsanpassung" und emotionalen Verstrickung in den Wiederholungszwang des Klienten zu entgehen.

Interdisziplinaritäts-Schwierigkeiten und -Möglichkeiten einer neueren kulturwissenschaftlichen Narratologie

Der Stoff, aus dem die Inhalte und dramatischen Abläufe von Psychotherapiesitzungen sind, oder die narrativen Interviews, die qualitative Sozialforscher mit Menschen aus verschiedenen Lebensbereichen führen, sind natürlich auch der Stoff, aus dem die Literatur und die Künste beschaffen sind. Und gerade auch in Therapiesitzungen führen die Klient/inne mitunter intensivste Auseinandersetzungen mit spezifischen Medien- und Kunsterlebnissen. Umso weniger sollte man es seitens der Kulturwissenschaften mit der so genannten Eigengesetzlichkeit oder Autonomie der Kunst übertreiben. Und umso mehr lässt sich sagen: Die Felder der tiefenpsychologisch versierten und qualitativ-sozialwissenschaftlichen Narrationsforschung als Grundlagenwissenschaft in die literaturwissenschaftliche Erzähltheorie mit einzubeziehen, könnte fruchtbare Impulse zur Weiterentwicklung einer interdisziplinären Narratologie geben.

Freilich steht der institutionellen Umsetzung, wie eingangs angesprochen, häufig immer noch eine nicht immer klar erkennbare, aber doch recht beharrliche geisteswissenschaftliche Verfahrenstradition entgegen, die dem Psychologischen nicht sehr gesonnen ist. Sie mag sich gerade auch dort am relativ vernehmlichsten regen, wo man nachdrücklich bemüht ist, eine neue literaturwissenschaftliche Narratologie aus der Taufe zu heben, deren Interdisziplinarität sich nicht auf den Austausch zwischen philologischen Fächern beschränkt. Hier ist beispielsweise die jüngste Konferenz im Kontext der Hamburger DFG-Forschergruppe Narratologie hervorzuheben, die in verdienstvoller Weise ein wirklich interdisziplinär zusammengesetztes Forum an Beiträger/innen versammelte, wie dies bis dato noch nicht unternommen wurde (vgl. Meister et al. [Hrsg.] 2005). Außerdem zu nennen sind zwei gleichermaßen begrüßenswerte Sammelbände von Ansgar und Vera Nünning, die eine transgenerische, d.h. genre-übergreifende, intermediale und interdisziplinäre Erzähltheorie zu inaugurieren versuchen.

Über diese so ermutigenden Projekte muss gleichwohl gesagt werden, dass das Philologische und das Formal- sowie Historisch-Beschreibende doch deutlich die Überhand behält. Die Beiträge, die jeweils unter dem Stichwort der Narratologie zusammenfinden, stammen ganz überwiegend aus philologischen und kulturgeschichtlichen Disziplinen. Die qualitativ-empirischen Psychologien haben, wo sie mit einbezogen werden, eine eher randständige Position - und sie werden in erster Linie in fach- und begriffsgeschichtlicher Hinsicht, die Narrativitätskonzepte betreffend, angesprochen als in theoretisch-methodologischer. Dabei kommen zumeist kognitionspsychologische Schema-, Skript- oder Identitäts-Begriffe zur Diskussion, die auch in den Psychologien schon geraume Zeit gebräuchlich sind, wobei sich bereits dort erwies, dass sie der komplexen psycho-affektiven Dynamik von menschlichem Interagieren und Erzählen nicht erschöpfend gerecht werden.

Und so überrascht es nicht, dass auch auf einer so außergewöhnlich interdisziplinär intendierten Konferenz, wie Meister et al. sie in Hamburg organisiert haben, letztlich ausschließlich ästhetische und/oder mediale Gegenstände verhandelt wurden. Dies ist zwar als nicht gering zu schätzender Gewinn zu verbuchen, wenn man bedenkt, dass die ältere philologische Narratologie sich mit unbefragter Selbstverständlichkeit überwiegend auf literarische Texte beschränkte. Aber es fehlten doch so bitterlich Theorie, Methodologie und vor allem das empirische Material aus dem weiten Feld des direkten, mündlichen Erzählens von Menschen, das die Psychologien und Sozialwissenschaften so reichhaltig erheben. Der einzige Beiträger, der auf dergleichen zugriff, hatte die angeführte Gruppengesprächsszene einem Kinofilm entnommen.

Es konnte also trotz der guten Absichten letztlich irgendwie doch nicht dazu kommen, dass die hier oben angesprochenen Forschungsbereiche der entwicklungs- und tiefenpsychologisch versierten Narrationstheorie, z.B. der Psychotherapie- und klinischen Bindungsforschung, auch die übrigens der qualitativ-narratologischen Biografieforschung, sich an diesem philologischen Projekt beteiligten. Man wird sich hierfür komplexe Gründe vorstellen müssen, die immer wirksam sind, wenn die angesprochenen Regionen der Forschung einander allzu weit entlegen sind. Genau diese Ressourcen der Forschung über mündliches Erzählen und narratives Interagieren in sozialweltlichen und klinischen Handlungsbereichen sind es jedoch, an denen sich unfehlbar die theoretische und methodologische Auseinandersetzung entzünden würde, die eigentlich angestrebt war. Sie könnte dann in eine Zusammenarbeit der kulturwissenschaftlichen mit den psychologischen und qualitativ-sozialwissenschaftlichen Narratologien einmünden, in der alle Seiten reichhaltig profitieren würden.

Auch die Organisatoren der Konferenz nehmen dieses Desiderat in ihrem Resümee wahr, wenn sie das Ausbleiben einer "methodologischen Metareflexion" beklagen und darin eine "deformation professionelle" der Literaturwissenschaftler/innen vermuten. Bemerkenswerterweise kommen Meister et al. hierzu jedoch zu einer eigentümlich paradoxen Antwort: Denn das eingeräumte Defizit wird gleichzeitig als Aufscheinen eines "Vorzugs" aufgefasst, insofern es, so wird nahe gelegt, letztlich einem "genaueren Begriff von Narrativität" zugute kommen könnte. Und dieser Hoffnungsimpuls scheint dann wie von selbst mehr durch restriktive denn durch interdisziplinär öffnende Intentionen unterminiert zu werden: Wenn nämlich die Herausgeber die Applikation des Begriffs der "Narrativität" grundsätzlich auf "symbolisches Material" oder "materielle Objekte" beschränkt sehen wollen, will dies offensichtlich auch heißen, dass "irgendwelche linguistischen Expressionssachverhalte (im Sinne eines Wittgensteinschen Sprachspiels)" ausdrücklich nicht mit berücksichtigt werden sollen.

Damit ist einerseits eine vielfältig aufgefächerte, aber nur ungefähr umrissene intellektuelle Tradition angesprochen, während andererseits unklar bleibt, welche Ausschlusskriterien beansprucht werden und welche wissenschaftlichen Entwicklungsmöglichkeiten man durch diese Abgrenzung möchte. Schon das ausdrückliche Anliegen, eine "in institutioneller Hinsicht realistische Narratologie" zu begründen, setzt einen Akzent, der jedem couragierten Unternehmen der integrativen und kollaborativen Fächerzusammenführung jenseits der Philologien eher ab- als zuträglich scheint. Läuft doch "institutioneller Realismus" erfahrungsgemäß darauf hinaus, dass die Verfahrensgewohnheiten und Methodenpräferenzen der Geisteswissenschaften gewahrt werden. Nicht unähnlich verhält es sich mit dem Vorsatz zu klären, "wohin die Narratologie gehört" und "zu wem sie gehört", ganz zu schweigen von: "wer was von ihr fordert" - und implizit: wer was fordern darf. Denn auch diese Klärungsabsicht lässt weniger eine vorbehaltlose, interdisziplinär zugewandte Suchbewegung erkennen, als dass sie institutionelle Ausschließungs- und Selbstbegrenzungsimpulse anzeigt.

Von philologischer Seite aus wird man sich also Gedanken machen müssen, ob die so begrüßenswerten Projekte einer medien- und fächerübergreifenden Erzählforschung nicht in typischer Weise in konflikthaften wissenschaftsstrategischen Selbstbegrenzungen befangen sind. Und es fragt sich, ob infolge dessen nicht auch die neuere Narratologie - intermedial zwar - eigentlich doch entschieden innerhalb der Philologien verbleiben will. Und dies heißt, dass sie jenseits der sicherlich nicht einfachen, aber dafür umso ertragreicheren Auseinandersetzung mit den sozial- und psychowissenschaftlichen Theorien und Methoden läge und die so aussichtsreiche und zum Greifen nahe liegende Formierung einer text- und handlungstheoretischen Narratologie verfehlte.

Dergleichen unwillkürliche Selbstbegrenzungsimpulse mögen auch den eigentümlich formalistischen Definitionsvorschlag mit geprägt haben, den Meister et al. machen: Denn Narratologie soll, so wird nahe gelegt, "eine formal definierte Prozedur der Erhellung ihrer Objekte sein, die interdisziplinäre Relevanz besitzt und in ihrem theoretischen System der Kategorie der Narrativität Priorität verleiht". Der heuristische Nutzen dieser Definition ist schwer einzuschätzen, er lässt im Prinzip durchaus die Tür auch zur "Erhellung" von psychologischen und soziologischen Narrations-"Objekten" offen, zumindest wenn bei "Narrativität" nicht implizit eine Beschränkung auf Texttheorie mitgedacht ist. Davon allerdings schien das Gros der Konferenzteilnehmer selbstverständlich auszugehen, was darauf aufmerksam macht, wie sehr jene Definition auch dazu geeignet sein mag, einem geisteswissenschaftlichen Gegenstandsverständnis im älteren Sinn nicht zu nahe zu treten. Eine verworfene Alternativdefinition unterstreicht dies. Denn als ausdrücklich nicht aussichtsreich erachtet man eine Narratologie als "interdisziplinäres Projekt, in dem sich verschiedene Disziplinen permanent induktiv austauschen und neue, gegenstands- und interessenspezifische Definitionen von Narrativität kombiniert werden". Diese Form von Interdisziplinarität, so merken Meister et al. an, wäre "zu willkürlich und zu wenig transparent".

Sicherlich: Explorationen in wissenschaftliches Neuland sind immer mit einem gewissen Maß an Unordnung und Verunsicherung verbunden, und stets erregen sie nicht nur Neugier, sondern auch den Blick verengende Bedrängnisse der Angst und des Ärgers, wie Georges Devereuxs vielzitiertes Buch über "Angst und Methode" schon vor langem deutlich machte. Man sollte dennoch nicht aus dem Blick verlieren, dass die psychologischen und sozialwissenschaftlichen Narratologien nicht nur "induktiv" und "interessenspezifisch", sondern auch deduktiv, theorien-gestützt, systematisch empirisch und sogar experimentell arbeiten; auch könnten die Philologien gerade in Sachen "Transparenz" und Methodenkontrolle durchaus von ihnen profitieren. Viele der Vagheiten und Ungenauigkeiten, die einige philosophische und auch sozialpsychologische Verwendungen des Narrationsbegriffs tatsächlich auszeichnet, ließen sich gerade mit diesen Ressourcen wirksam zurechtrücken.

Es fragt sich also, ob in dergleichen Abgrenzungsgesten nicht allzu vorauseilend ein wertvolles Entwicklungspotenzial für eine narratologische Interdisziplinarität vergeben wird. Jedenfalls scheint es letztlich weniger Enttäuschung als Genugtuung zu sein, wenn mit Volkmar Lehmann ein an der Hamburger Forschergruppe beteiligter Linguist mit gewisser Emphase seine "Konsequenz aus dieser Veranstaltung und nicht nur daraus zum Ausdruck [bringt]": Dass nämlich die "Disziplinen jenseits der Literaturwissenschaft, die sich mit Narrativität beschäftigen, sich nicht unter einen Hut bringen [lassen] mit der Narratologie, die eine literaturwissenschaftliche Teildisziplin ist." Eine Vorstellung also, "dass die so traditionsreiche und theoretisch ausdifferenzierte Disziplin der Narratologie sich anderen Sichtweisen anbequemt, war, wo vorhanden, nicht realistisch".

Von der Schwierigkeit, darüber hinauszugehen, legt aber auch Lehmanns Intervention selbst noch beredtes Zeugnis ab. Denn die psychologischen Forschungsbereiche scheinen in dem sehr weit ausholenden Spektrum seines Urteils gar nicht mehr mitbedacht worden zu sein, wenn Lehmann hinsichtlich jener Bereiche "jenseits der Literaturwissenschaft" lediglich von "allen möglichen geisteswissenschaftlichen Disziplinen" spricht, in denen das Erzählen "als Gegenstand oder auch als wissenschaftlicher Modus fungiert". Überhaupt gewinnt man mancherorts den Eindruck, als würde ein epistemologisches Unbehagen, das sich an konzeptionellen Vagheiten und Anwendungsvermessenheiten von Narrationsbegriffen entzündet, letztendlich den Psychologien angelastet, während es eigentlich in "allen möglichen" philologischen Fächern generiert wurde. Lehmann jedenfalls sucht sich davon abzuheben, indem er von der philologischen Narratologie, die "Erzählungen und andere Texte" betrifft, einen linguistischen Begriff von "Narrativität (Erzählen)" unterscheidet, weshalb es zunächst scheinen muss, als solle eine handlungstheoretische Perspektive eröffnet werden. Dann jedoch skizziert Lehmann eine sprachwissenschaftliche Definition von Narrativität, die zwar der Plausibilität nicht entbehrt, aber rein texttheoretischer und formaler Natur ist. Sie beschränkt sich auf die Satzeben und nimmt sich lediglich vor, einen relativen, quantitativen "Grad von Narrativität" versus von "Deskriptivität" zu bestimmen.

Jenseits von Quantitäten nach den spezifischen Qualitäten sowie psycho-interaktionalen Intentionen und Funktionen von Erzählen zu fragen, liegt Lehmann offensichtlich fern. Und dies schien auch auf der Konferenz ein dominierender klimatischer Faktor zu sein. Dabei wäre diese funktionale und psychodynamische Frage gerade für Lehmann schon allein aus der Tradition der sprachwissenschaftlichen Pragmatik sowie der Psycho- und Gesprächslinguistik heraus durchaus in Reichweite; auch wäre sie wünschenswert und ertragreich, wie nicht zuletzt der oben angeführte Beitrag von Jesch, Richter & Stein, letzterer ein ehemaliges Mitglied der Forschergruppe, auf beeindruckende Weise zeigt.

Ein weiteres Indiz für einen wissenschaftsstrategischen Selbstbegrenzungsimpuls auf eine "institutionell realistische" Narratologie findet sich, wenn Daniel Fulda, ein weiteres Mitglied der Hamburger Forschergruppe, in einer Rezension der Narratologie-Handbücher von Nünning & Nünning angesichts der psychologischen Beiträge resümiert: "Allerdings - das möchte der Rezensent unbeschadet des Erneuerungsenthusiasmus der meisten Beiträger zu bedenken geben - verschiebt eine solche Kognitisierung (der philologischen Narratologie; H.W.) zugleich die disziplinären Zuständigkeitsbereiche". Ferner beklagt Fulda, dass "Modelle der [...] Psychologie auf diese Weise zu Basistheoremen auch der philologischen Narratologie [avancieren]", woraus sich "für Philologen [...] das Problem [erhebt], nicht mehr aus eigener Kompetenz urteilen zu können" (ebd.).

Das ist rein institutionell gedacht und nicht wissenschaftlich. Sollte man nicht vielmehr darum bemüht sein, sich diese psychologischen Kompetenzen in geeigneten Kooperationen zunutze zu machen? Fulda hingegen führt als zusätzliche Begründung seiner Einschätzung ins Feld, dass "innerpsychische Prozesse" sowieso prinzipiell "nicht beobachtbar" seien. Dass dies so nicht gesagt werden kann, ist nicht gleich erkennbar und wird unfehlbar Versuchungen Vorschub leisten, aus akuter Interdisziplinaritäts-Bedrängnis heraus implizit die wissenschaftliche Legitimationsgrundlage jeglicher Psychologie zu bestreiten - und sie jedenfalls von der philologischen Narratologie fern zu halten.

Die wohl größten Interdisziplinaritäts-Bedrängnisse vermag sicherlich nach wie vor die Psychoanalyse hervorzurufen - woran diese selbst freilich aufgrund von eigenen theoretischen und institutionellen Befangenheiten einen nicht geringen Teil der Verantwortung trägt. Das ist misslich, denn genau dort sind, wie oben ausgeführt, die größten Potenziale einer fächerübergreifenden Erzählforschung zu bergen. Wie pauschal und verfehlt jedoch die geisteswissenschaftlichen Einschätzungen der Psychoanalyse mitunter auch heute noch ausfallen, lässt sich vielleicht am besten dem Buch eines philologischen Narratologen entnehmen, der immerhin der kognitiven Psychologie einige Bedeutung beimisst. Fotis Jannidis resümiert kurz und bündig: "Inzwischen sind außerdem alle wesentlichen Annahmen der Psychoanalyse einer grundlegenden Kritik unterzogen worden - mit der Folge, dass sie sich als unhaltbar oder doch sehr unwahrscheinlich erwiesen".

Selbst wenn man unter Psychoanalyse mit Jannidis auch im Jahre 2001 noch lediglich "das Gedankengebäude von Freud und seinen Schülern" im engeren Sinn verstehen wollte, ist dieses Urteil in einem erstaunlichen Maße unsachgemäß. Sind doch zentrale Theoreme selbst der Freud'schen Psychoanalyse, wie z.B. die Übertragung, die Verdrängung/Abspaltung und die Mechanismen der Traumarbeit heute vielfach empirisch belegt, und zwar unabhängig voneinander in ganz verschiedenen Methodenbereichen: erfahrungswissenschaftlich, empirisch-statistisch und letztlich sogar neurowissenschaftlich durch Nachweise per Positronen-Emissions-Tomografie. Um dies zu wissen, hätte Jannidis keineswegs die hier aufgeführte Literatur kennen müssen; es hätte bereits gereicht, den Spiegel der letzten Jahre einzusehen, der aufgrund seiner langen Tradition des Psychoanalyse-Bashing nicht im Verdacht steht, von unziemlichen Sympathien geleitet zu sein. Die Anti-Freud-Literatur jedoch, so wird man hier aus dem oben behandelten Buch des Wissenschaftstheoretikers Gerald Poscheschnik zitieren müssen, besticht auch heute noch "durch völlige Unkenntnis des State of the Art der Psychoanalyse".

Meister et al. jedenfalls haben ihr Möglichstes versucht, dies ist ausdrücklich hervorzuheben. Mehr an Interdisziplinarität scheint in den Philologien keine "institutionell realistische Narratologie" mehr sein zu können - zum gegenwärtigen Zeitpunkt wenigstens. Und der allgemeine Beharrungswille, die bestehenden akademischen "Zuständigkeitsbereiche" und "institutionell realistischen" Fächerzuschnitte zu wahren, scheint groß. "Die Narratologie gehört" nach wie vor den Geisteswissenschaften, und so soll es vorläufig auch bleiben. In dieser Tonlage jedenfalls schallte auch jenes Donnerwort von allerhöchster Seite, das die Ausrichtung der so interdisziplinär intendierten Hamburger Konferenz überschattete. Denn infolge der zeitgleich erfolgenden DFG-Zwischenevaluation sind alle interdisziplinär ausgelegten Projekte der Forschergruppe gestrichen worden - und die DFG scheint gegenüber der auf die Hälfte der Projekte reduzierten Forschergruppe sinngemäß dem Wunsch Ausdruck gebeben zu haben, anstelle der eigentlich vorgesehenen interdisziplinären Öffnung nunmehr verstärkt "den Kernbestand der Narratologie" zu sichern.

Immerhin entsteht in Hamburg unter diesem Vorzeichen ein beeindruckendes "Interdisziplinäres Centrum der Narratologie" und entsprechende BA- und MA-Studiengänge, die als webbasierte, englischsprachige Studienangebote konzipiert sind. Die ausdrückliche Intermedialität, die über die traditionelle Beschränkung auf literarische Texte hinausweist, und vor allem die zeitgemäßen, hoch-modernen Vermittlungsverfahren mittels virtueller Vorlesungen (Streaming Video), Telefonkonferenzen bzw. Online-Tutorien in einem Chat-Raum und Präsenztermine in Form von Kompaktseminaren sind zukunftsweisend, und es ist zu wünschen, dass sie weithin zum Vorbild genommen werden.

Zumal auch eine jugendkultur-nahe Bildschirm-Didaktisierung der Narratologie als animiertes Computer-Lernspiel entwickelt wurde: Hier geraten das Studentenpaar Helen und Paolo in die Fänge von Geheimagenten, weil sie über Erzähltheorie Bescheid wissen und somit Nachrichten entschlüsseln können. Das Paar wird auf den Kontinent Narratologia geschickt, durchläuft dort die drei Länder Handlung, Erzählung und Perspektive. Dabei werden spielerisch drei "Blended Learning Module" umgesetzt, indem Aufgaben gelöst, Experten befragt und Reisepunkte für den übergeordneten Quest des Spiels gesammelt werden.

Gewiss: Neben der medialen Modernität bleibt jenes wissenschaftliche Modernitätsdefizit weiterhin bestehen. Es scheint auf dem Kontinent Philologia kein Land Psychologie geben zu können. Ressourcen der psychologischen Narratologie werden in der Konzeption der Studiengänge nicht ausdrücklich mit einbezogen. Immerhin ist hinsichtlich der "Aktanten" des erzähltheoretischen "Ereignisses", also auf textimmanenter Ebene, von "Motiven" die Rede, und im Modul "Perspektive" werden Fragen der Wahrnehmungssteuerung berührt. Damit ist der psycho-affektiven Dynamik und Funktion von Erzählprozessen noch nicht systematisch Rechnung getragen. Aber dies mag ein Sprungbrett sein, wie auch der hohe Aufwand der Didaktisierung und die große Annäherung an studentische Mediengewohnheiten.

Überhaupt: Vielleicht werden ja die Student/innen richten, wozu die Philologien auch heute noch im ganzen so wenig disponiert scheinen. Denn die Studierenden waren schon immer lebhaft an psychologischen Aspekten interessiert. Vielleicht werden sie sich bald nicht mehr so leicht verwehren lassen, über die psychische Konstitution von fiktionalen Figuren zu spekulieren, vulgo: Figuren zu psychologisieren, also jene Todsünde in den Augen der Philologien zu begehen, die mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit in den ersten Stunden jedes literaturwissenschaftlichen Einführungsseminars begangen wird und der stets der strenge Zeigefinger des Du-sollst-die-Figur-nicht-mit-einer-Person-Verwechseln entgegengehalten wird. Dabei hatte dieser die geisteswissenschaftlichen Konventionen einfordernde Zeigefinger stets übersehen, dass, wie Peter von Matt bereits in den 70er Jahren feststellte, kein Interpret eines literarischen Textes "ohne psychologische Termini auskommt" und "wohl oder übel Psychologie irgendwelcher Art betreiben muss".

Die psychologischen Narratologien könnten dazu beitragen, dieses Wohl-oder-Übel zu einem wirklichen Gewinn an Fächerintegration und wissenschaftlichem Erkenntniszuwachs zu steigern. Daraus wiederum würden sich vielfältige Anwendungsformen und -bereiche für die Narratologie erschließen lassen, die z.B. in den Bereichen der Pädagogik, Didaktik, Kulturvermittlung sowie der - auch berufsweltlich relevanten - Kompetenzbildung liegen und an denen die Philologien ihren wohlverdienten Anteil haben könnten.

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Marius Neukom: Robert Walsers Mikrogramm "Beiden klopfte das Herz...". Eine psychoanalytisch orientierte Erzähltextanalyse.
Psychosozial-Verlag, Gießen 2003.
274 Seiten, 29,90 EUR.
ISBN-10: 3898062503

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Lynne E. Angus / John McLeod (Hg.): The Handbook of Narrative and Psychotherapy: Practice, Theory, and Research.
SAGE Publications, Thousand Oakes; London; New Delhi 2003.
404 Seiten, 76,50 EUR.
ISBN-10: 0761926844

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Gabriele Lucius-Hoene / Arnulf Deppermann: Rekonstruktion narrativer Identität. Ein Arbeitsbuch zur Analyse narrativer Interviews.
VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2004.
360 Seiten, 32,90 EUR.
ISBN-10: 3531334174

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Daniel N. Stern: Der Gegenwartsmoment. Veränderungsprozesse in Psychoanalyse, Psychotherapie und Alltag.
Verlag Brandes & Apsel, Frankfurt a. M. 2005.
285 Seiten, 29,00 EUR.
ISBN-10: 386099817X

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Gerald Poscheschnik (Hg.): Empirische Forschung in der Psychoanalyse. Grundlagen - Anwendungen - Ergebnisse.
Psychosozial-Verlag, Gießen 2005.
376 Seiten, 36,00 EUR.
ISBN-10: 3898064778

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Narratology beyond Literary Criticism. Mediality, Disciplinarity.
Herausgegeben von Jan Christoph Meister in Zusammenarbeit mir Tom Kindt und Wilhelm Schernus.
De Gruyter, Berlin 2005.
296 Seiten, 98,00 EUR.
ISBN-10: 3110183528

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Beschreiben - Erschließen - Erläutern. Psychotherapieforschung als qualitative Wissenschaft.
Herausgegeben von Vera Luif, Gisela Thoma und Brigitte Boothe.
Pabst Science Publishers, Lengerich 2006.
474 Seiten, 25,00 EUR.
ISBN-10: 3899672798

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Ralf Bohnsack / Aglaja Przyborski / Burkhard Schäffer (Hg.): Das Gruppendiskussionsverfahren in der Forschungspraxis.
Verlag Barbara Budrich, Leverkusen 2006.
304 Seiten, 24,90 EUR.
ISBN-10: 3938094419

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