"Ernst Toller und die Weimarer Republik" - herausgegeben von Stefan Neuhaus, Rolf Selbmann u.a.

Toller - Symposium

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Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Die in diesem Band versammelten Beiträge wurden zum überwiegenden Teil beim internationalen Symposium der Ernst-Toller-Gesellschaft zum Thema "Ethos und Pathos. Der Schriftsteller Ernst Toller als politischer Seismograph seiner Epoche vom 24. bis 26. Oktober 1997 in Neuburg an der Donau als Vorträge gehalten. Für den Druck wurden sie leicht überarbeitet. Die interdisziplinären Fragestellungen der Beiträge zeugen von der Vielfalt und der weit über Deutschlands Grenzen hinausreichenden Aktualität des Tollerschen Œuvres, aber auch von den zahlreichen autor- und werkübergreifenden Anknüpfungspunkten, die eine Beschäftigung mit Toller bietet. Die Autoren der Beiträge sind Literaturwissenschaftler, Historiker, Philosophen und Musikwissenschaftler aus Amerika, Großbritannien, Polen und Deutschland. Zugleich ist das vorliegende Buch der erste Band der neuen Schriftenreihe der Ernst-Toller-Gesellschaft. Im Rahmen dieser Reihe sollen in unregelmäßiger Folge neue Forschungsergebnisse zu Ernst Toller und seinem engeren literarischen und historischen Umfeld in Form von Monographien oder Sammelbänden veröffentlicht werden. Vorschläge und Manuskripte können den Herausgebern der Schriftenreihe jederzeit über die Ernst-Toller-Gesellschaft oder über den Verlag zur Prüfung eingereicht werden.

Die Beiträge dieses Sammelbandes sollen hier in ihrer thematisch begründeten Abfolge kurz vorgestellt werden. Im ersten Abschnitt "Biographie und Autobiographie" sind acht Beiträge zusammengestellt, die sich der Erforschung lebensgeschichtlicher Details widmen oder die das Bild der Person Ernst Tollers in rezeptionsgeschichtlichen Dokumenten und in autobiographischen Stilisierungen des Autors in den Blick bringen.

Die überblicksartig angelegte Untersuchung von Carel ter Haar eröffnet diesen Themenkomplex. Ter Haar zeigt, daß sich schon Toller selbst mit Bildern eines Ernst Toller konfrontiert sah, mit denen er sich von Anfang an in seinem dichterischen und in seinem publizistischen Werk auseinandersetzte. Die Rezeption Tollers nach seinem Tod bleibt jeweils auf ein spezifisches Bild bezogen, das mit der historisch-politischen Konstellation vermittelt ist. Ter Haar untersucht Rezeptionsdokumente aus der Zeit des Nationalsozialismus, der DDR und der BRD bis hin zu ganz neuen Proben einer literarischen Rezeption bei Albert Ostermaier.

Die legendär gewordene Beteiligung Tollers an den Münchener Revolutionsereignissen unterzieht Georg Köglmeier auf der Basis historischer Quellen einer genauen Analyse. Es wird deutlich, daß Toller an wesentlichen Entscheidungsprozessen entgegen bisherigen Annahmen nicht mitgewirkt hat und in wichtigen Momenten der Revolution am Ort des Geschehens nicht anwesend war. Verschiedene Details von Tollers eigener Darstellung in "Eine Jugend in Deutschland" werden durch Köglmeiers Quellenstudien stark relativiert.

Bernhard Grau beschäftigt sich mit dem im Kontext der deutschen Jugendbewegung und auch in vielen Schriften Tollers mit großer Emphase verwendeten Begriff 'Jugend'. Graus Erkenntnisinteresse gilt den Gründen der besonderen Ausstrahlung Kurt Eisners bei der jungen Generation und der Funktion der Jugend während der Revolutionsereignisse 1918/19.

Benedikt Spengler untersucht Tollers "Roman 'Eine Jugend in Deutschland' aus der Perspektive von Louis Althussers Ideologietheorie. Präsentiert wird eine Lesart, die den Dreischritt Wahrnehmen - Urteilen - Handeln an aufeinanderfolgenden Erzählphasen nachzeichnet und dabei insbesondere die bei Toller sehr differenziert ausgestaltete Funktion des Hörens herausstellt. Mit diesem Verfahren wird auch die ästhetische Kalkuliertheit dieses in der Regel als Autobiographie gelesenen Texts in einem wichtigen Punkt vorgeführt.

Die eher gängige autobiographische Lesart nicht nur von "Eine Jugend in Deutschland", sondern auch einschlägiger dramatischer und essayistischer Schriften greift demgegenüber Carsten Schapkow auf, der die in Tollers Werken begegnenden Judenbilder untersucht. Dabei wird "jüdischer Selbsthaß" als wiederkehrendes Motiv in vielfältigen Varianten ermittelt, die Schapkow dann auch auf die Person des Autors bezieht.

Paul Hoser stellt in seinem Beitrag zu Tankred Dorsts Drama "Toller" das Quellenmaterial aus der Zeit der Münchener Revolutionsereignisse zusammen und erläutert vor diesem Hintergrund die Akzentuierungen Dorsts. Dabei wird auch deutlich, inwieweit die Studentenbewegung der 60-er Jahre den zweiten historischen Verstehensrahmen für Dorsts Stück bildet.

Ausgehend von seinen ganz persönlichen Erfahrungen mit dem Autor, bei denen mehrfach das Spiel des Zufalls auf frappierende Weise eine Rolle gespielt hat, skizziert und interpretiert Stephen Lamb Tollers unveröffentlichte Erzählung "Begegnung auf der Landstraße", in der ebenfalls dem Zufall eine wichtige Funktion zugewiesen wird. Die Erzählung über einen Autounfall und dessen Folgen nutzt Lamb, um die von Tollers Biographen bisher wenig beachtete Episode mit Lotte Israel zu erhellen.

Anhand einer Vielzahl noch unveröffentlichter Briefe aus den Jahren 1925 bis 1939 informiert Ruben Frankenstein über Ernst Tollers Beziehung zu Betty Frankenstein, die bei einer sich über die Jahre vertiefenden persönlichen Vertrautheit doch stets "eine Beziehung zu einer offiziellen Repräsentantin des Zionismus" blieb. Die hier zitierten Briefe Tollers an Betty machen deutlich, wie sehr ihn in den letzten Lebensjahren neben den eigenen wirtschaftlichen Problemen im Exil und der Sisyphusarbeit seiner Spanienhilfsaktion auch private Sorgen um seine Geschwister quälten, denen er vergeblich die Ausreise aus Nazideutschland zu ermöglichen versuchte. Frankenstein kommt so zu Erkenntnissen, die Tollers Tod in einem neuen Licht erscheinen lassen.

Die acht Beiträge des zweiten Abschnitts "Literaturgeschichte und Interpretation" kreisen um Fragen der literarhistorischen und literaturtheoretischen Einordnung der Werke Tollers oder wenden sich interpretierend unter speziellen Fragestellungen einzelnen Werken zu.

Stefan Neuhaus diskutiert Tollers Verhältnis zur Neuen Sachlichkeit. Ausgehend von einer ausführlichen, kritischen Auseinandersetzung mit der bisherigen Forschung zu diesem umstrittenen Epochenbegriff weist Neuhaus auf neusachliche Themen und Schreibweisen nicht erst in Tollers späteren Werken, sondern bereits in den frühen, häufig dem Expressionismus zugerechneten Dramen hin. Neuhaus plädiert am Beispiel Tollers, dem er eine differenziertere Einordnung in die Literaturgeschichte(n) wünscht, für eine Renaissance des Begriffs der Neuen Sachlichkeit unter positivem Vorzeichen.

Kirsten Reimers untersucht Tollers grundsätzliche Überlegungen zur Kunst. Sie konstatiert einen Wandel von einer Konzeption des Schriftstellers als eines geistigen Führers und Künders ewiger Wahrheiten hin zu einem die jeweilige politische Realität reflektierenden Aufklärer. Es wird einmal mehr deutlich, daß sich Toller weder in produktionsästhetischer noch in rezeptionsästhetischer Hinsicht auf ein expressionistisches Kunstkonzept einengen läßt, wie es jedenfalls in populären Literatur- und Dichterlexika noch gelegentlich tradiert wird.

Einige frühe, bisher unveröffentlichte Kriegsgedichte Tollers untersucht James Jordan. Er zeigt, wie in diesen Gedichten Tollers Entwicklung seiner Einstellung zum Krieg - von Hingabe über Zweifel und Unterdrückungsversuche der Zweifel bis hin zu einer kritischen Umwertung aufgrund seiner persönlichen Erfahrungen - poetischen Ausdruck findet.

Rolf Selbmann überprüft zunächst, ob sich Tollers "Schwalbenbuch" erhellend in die Lyrik der Moderne oder aber in eine motivgeschichtliche "literarische Ornithologie" einordnen läßt. Seine sodann vertretene politische Deutung stützt er durch eine Lesart, die erzählerische Strukturmerkmale des Gedichtzyklus herausstellt.

Mit einem diskursanalytischen Zugriff untersucht Thorsten Unger die Bilder von Erwerbsarbeit in Amerika, die in Tollers Reisebeschreibung "Quer Durch" Eingang gefunden haben. Im Rahmen seiner insgesamt differenzierten und um 'Sachlichkeit' bemühten Beschreibung teile Toller mit anderen kritischen Autoren (zum Beispiel Kisch) den Versuch einer Destruktion des zeitgenössischen Amerikanismus durch alienisierende Verfahrensweisen. Dies wird am Beispiel der Fließbandmetaphorik genauer erläutert.

Dem noch kaum bearbeiteten Gebiet der Bühnenmusik zu den Werken Ernst Tollers wendet sich Georg Brunner zu. Wesentlicher Ertrag, der hier für weitere Forschungen zur Verfügung gestellt wird, ist zunächst eine umfassende, nach Musikarten (Inzidenzmusik, Lieder, zitierte zeitgenössische Stücke, Instrumentalmusik) gegliederte Bestandsaufnahme. Genauer wird die Bühnenmusik zu den in England uraufgeführten Stücken "Draw on Fires" und "No more Peace" untersucht.

Sigurd Rothstein nimmt sich Tollers Hörspiel "Berlin - letzte Ausgabe" vor und weist auf inhaltliche und formale Beziehungen zu Tollers Dramen und zu seinem Artikel "Reichskanzler Hitler" hin. Die aufgegriffenen Zeitthemen (Sport, Film, Berichterstattung der Medien u. a.) rundeten das Hörspiel zu einem "Zeitbild" mit einer gewissen apokalyptischen Konnotation ab, die jedoch am Ende ironisiert werde.

Schließlich berichtet Bozena Choluj in einem eher persönlich gehaltenen Beitrag von der Aktualität, welche die Revolutionsthematik in Tollers Werken für sie während der "Solidarnosc"-Bewegung Anfang der 80er Jahre in Polen gewonnen hat. Dabei wird deutlich, daß Tollers Darstellungen Einsichten in massenpsychologische Mechanismen transportieren, die offenbar eine Zeit und Raum übergreifende Gültigkeit haben.

Die zwei Beiträge des Abschnitts "Kraft zum Traum. Der Ernst-Toller-Preis" zeugen von einer anderen Form der Aktualität Ernst Tollers, die sich bereits mehrfach in einer produktiven literarischen Rezeption manifestiert hat. Die Ernst-Toller-Gesellschaft hat im Rahmen der Tagung in Neuburg an der Donau den ersten Ernst-Toller-Preis verliehen. Er ging an den Schriftsteller Albert Ostermaier, der sich Ernst Toller literarisch genähert hat (dramatisch in "Zwischen zwei Feuern: Tollertopographie" sowie als Mitherausgeber der Autobiographie von Christiane Grautoff, Tollers Ehefrau und Gefährtin im Exil). Die Preisverleihung wird hier durch die beziehungsreiche Laudatio von Klaus Völker und die engagierte Dankesrede des Preisträgers dokumentiert.

Der Schlußabschnitt "Information und Diskussion" enthält zunächst einen Bericht von Monika Burck-Schneider über die Spezialbibliothek zur Toller-Forschung, die von der Ernst-Toller-Gesellschaft in Neuburg auf der Basis der Toller-Sammlung John Spaleks angelegt wird. Es folgen drei Rezensionen; Birgit Schreiber, Jennifer Madler und Ute Meiners besprechen Neuerscheinungen, die für die Toller-Forschung relevant sind.

Titelbild

Stefan Neuhaus (Hg.): Ernst Toller und die Weimarer Republik. Ein Autor im Spannungsfeld von Literatur und Politik.
Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg 1999.
ca. 300, 29,70 EUR.
ISBN-10: 3826015983

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Heinz-Josef Lücking: "Sie konstatiert einen Wandel von einer Konzeption des Schriftstellers als eines geistigen Führers und Künders ewiger Wahrheiten hin zu einem die jeweilige politische Realität reflektierenden ...





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