Die Ungarn kamen aus Tibet

Edward Fox beschreibt sehr kurz das Leben von Alexander Csoma de Körös

Von Georg PatzerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Georg Patzer

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

"Als Jungen konnten wir nie mit ihm mithalten", schrieb sein Vetter Jószef Csoma später, "weil er niemals zufrieden war, wenn er den Gipfel eines Berges erreichte. Immer wollte er wissen, was dahinter war und hinter dem nächsten, und so legte er oft riesige Entfernungen zurück." Ein Wanderer von Gnaden war der Ungar Alexander Csoma de Körös sein ganzes Leben lang und ein neugieriger Mensch. Und sein Kopf voller abstruser Theorien. Er war fleißig, abenteuerlustig, sprachbegabt.

1784 wurde er im Dorf Körös im Bezirk Háromszék im Südosten Transsilvaniens geboren, damals eine Provinz von Ungarn, seit 1920 Teil Rumäniens. Ein einsam gelegenes Dorf mit 300 Einwohnern. Die Szekler, zu denen er gehörte, sind heute berühmt für ihr reines Ungarisch, und sie waren die letzten, die das lateinische Alphabet für ihre Schrift übernahmen und die runenartige Urschrift aufgaben.

Alexander arbeitete sich hoch, ging auf ein Internat, durfte schließlich sogar studieren. Die Sprachen interessierten ihn früh. Er musste Griechisch, Latein und Hebräisch lernen und eignete sich dazu noch freiwillig und mit immensem Fleiß Deutsch, Französisch, Rumänisch und Türkisch an. Normalerweise wäre er wahrscheinlich ein zwar erfolgreicher, aber heute vergessener Uniprofessor geworden. Aber die Frage, die viele Ungarn damals bewegte, als es überall in Europa immer stärkere Nationalbewegungen und damit Rückbesinnungen auf die Geschichte gab, warf ihn aus seiner normalen Bahn: Wo kommt unsere Sprache eigentlich her?

Jeder, der Sprachen studiert hat oder nur einmal in Budapest war, wird gemerkt haben, dass Ungarisch mit keiner Nachbarsprache auch nur im Entferntesten verwandt ist. Die "Polizei" heißt in anderen Sprachen "polis" oder "policia", im Ungarischen jedoch "rendörség". Das Hotel: "szálloda", Straße: "utca", Eingang und Ausgang: "kijárat" und "bejárat". Viele Theorien gingen Anfang des 19. Jahrhunderts um, wo diese Sprache überhaupt ihre Wurzeln hat: in Asien? Waren die Ungarn Nachfahren der Uiguren? Oder der Skyther? Kamen sie vom kaspischen Meer? Oder sind die Ungarn gar mit den Finnen verwandt?

Auch Csoma ließ sich fasziniert anstecken von diesen vielen Theorien, die meistens ein kriegerisches Volk als Ursprung annahmen. Aber anders als viele andere beließ er es nicht bei den Theorien. Um 1820 macht er sich nach Zentralasien auf, um die Vorfahren der Ungarn auch leibhaftig zu finden. Seine Idee war, dass es irgendwo in Zentralasien ein Volk geben müsste, die Reste des Urungarischen sprechen müssten. Über die Türkei und Persien reiste Csoma nach Indien und Tibet, ein damals hermetisch verschlossenes Land, und lernte auch noch Tibetisch. Sechzehn Monate lang ließ er sich mit einem tibetischen Lehrer in einer Höhle nieder, abgeschlossen von der Außenwelt, und schrieb die erste tibetische Grammatik und das erste brauchbare tibetisch-englische Wörterbuch. Ein Wunder selbst für die Einheimischen, die ihn hundert Jahre später offiziell als Bodhisattva, als Erleuchteten, anerkannten. Auch ein schwieriger Charakter, einer, der monatelang schweigen konnte, der von seiner Mission absolut überzeugt war, dem es egal war, unter welchen Umständen er lebte. Einer, der sich später in der normalen Welt überhaupt nicht mehr auskannte und in ihr auch nicht mehr leben konnte.

Der amerikanische Autor Edward Fox hat jetzt in einem schmalen Büchlein dieses spannende Leben nacherzählt. Leider ist das Buch wenig bildhaft und die Übersetzung oft derart gestelzt und umständlich, dass es trotz des aufregenden Inhalts manchmal kaum zu lesen ist. Was hat dieser Mann nicht alles erlebt, was hat er nicht alles angestoßen: Sprachforschungen, neue Studiengebiete, Entdeckungsreisen. Was für ein widersprüchlicher und nicht eben einfacher Charakter muss Csoma gewesen sein. Das alles wird mit mancherlei Anekdoten nacherzählt, manchmal wunderbar trocken, oft aber auch blumig und ein wenig langatmig verdreht. Da denkt man gleich mit Wehmut an die alte Haffmans-Ausgabe von George Borrows Lebenserinnerungen oder an Ilija Trojanows Buch über Richard Burton, auch zwei Sprachgenies. Aber diese Texte sind auch von funkelnder stilistischer Brillanz. Fox' Buch ist nur ein erster Ansatz dazu.


Titelbild

Edward Fox: Der Mann, der zum Himmel ging.
Übersetzt aus dem Englischen von Caroline Einhäupl.
Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2006.
96 Seiten, 13,90 EUR.
ISBN-10: 3803112354

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