"Doch das Lied überm Staub danach / wird uns übersteigen"

Zu Ingeborg Bachmanns 80. Geburtstag

Von Evelyne von BeymeRSS-Newsfeed neuer Artikel von Evelyne von Beyme

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Sie galt als "First Lady" der "Gruppe 47" und der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki bezeichnete sie in seiner Autobiografie rückblickend als "vielleicht eine der bedeutendsten deutschsprachigen Lyrikerinnen unseres Jahrhunderts"

Am 25. Juni diesen Jahres würde Ingeborg Bachmann ihren 80. Geburtstag feiern, wäre sie nicht vor über dreißig Jahren ums Leben gekommen.

Als das älteste von drei Kindern eines Hauptschullehrers kam Ingeborg Bachmann am 25. Juni 1926 im österreichischen Klagenfurt zur Welt. Bereits auf dem Gymnasium verfasst sie ihre ersten Gedichte, Erzählungen sowie auch ein Versdrama. Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg beginnt sie die Fächer Philosophie, Psychologie und Germanistik in Graz, später Wien, zu studieren. An sie schließt sich die aus der Sprachskepsistradition des positivistischen Wiener Kreises heraus argumentierende Dissertation über die "Kritische Aufnahme der Existentialphilosophie Martin Heideggers" an. Es wirkte wie ein Ausbruch aus dem analytischen Diskursstil und sorgte bei den Wissenschaftlern für nicht wenig Irritation, dass die junge Studentin in der Schlusspassage ihres Nachworts plötzlich Baudelaires Sonett "Le Gouffre" und Goyas Gemälde "Kronos verschlingt seine Kinder" als Varianten der Darstellungsweise für das nach Wittgenstein philosophisch Unsagbare im Bereich der Kunst zitiert.

Obgleich schon in den 40er-Jahren die ersten kürzeren Erzählungen von ihr in Zeitschriften erschienen, war es der 1953 publizierte Lyrikband "Die gestundete Zeit", der ihr den literarischen Durchbruch verschaffte und dessen Erfolg sich in der zweiten Lyrikanthologie "Anrufung des Großen Bären" (1956) fortsetzen sollte. Obschon auch ihre Lyrik der Naturbeschreibungen nicht entbehrt, steht sie in keinem Kontinuum zu der mikrokosmischen Naturlyrik der "Lehmann-Schule", die bis in die Zeit vor 1945 wirkte. Die Gedichte zeichnen sich durch ihren hermetischen Charakter aus und lassen sich an der Seite derer Paul Celans verorten, zu dem Bachmann in enger freundschaftlicher Beziehung stand. In sie fließen die Erfahrungen der NS-Diktatur, des Holocausts und des Zweiten Weltkriegs mit ein, die in dem Ringen um eine 'neue', kritisch-reflexive Sprache der "eigenen Bewußtseinslage und dieser veränderten Welt entsprechen" sollten, wie Bachmann 1956 in einem Interview betont. Um Themen wie die des Aufbruchs, der Flucht und der Entfremdung kreisen ihre oft in freier Metrik und reimlos-ungebundenem Stil verfassten Verse und werden insbesondere in der "Gestundeten Zeit" von einem Gedächtnis- und Erinnerungsdiskurs umschlossen.

Auch tragen ihre Hörspiele wie etwa "Die Zikaden" (1954), welche in zeitlicher Nähe zu den Gedichten entstanden, einen stark lyrischen Charakter. Als Bachmann Anfang der 60er-Jahre mit der Publikation ihres lang angekündigten Erzählbands "Das dreißigste Jahr" ostentativ der Lyrik den Rücken zuzukehren gedachte, um in den Gefilden der Prosa weiter zu experimentieren, stieß dieser 'Wechsel' bei der zeitgenössischen Kritik auf wenig Resonanz - sah man Bachmanns Begabung doch nicht in der Prosa, sondern vielmehr in der Lyrik liegen.

Bevor die gebürtige Österreicherin die finanzielle Unabhängigkeit erreichte, sich gänzlich der Schriftstellerei zu widmen, verdiente sie sich ihren Unterhalt über die Arbeit als Redakteurin bei dem Wiener Radiosender Rot-Weiß-Rot. Mit der Einladung auf eine Tagung der "Gruppe 47" im Mai 1952 und der Verleihung des Preises durch diese im folgenden Jahr beginnt die literarische Öffentlichkeit auf die junge Österreicherin aufmerksam zu werden. In diese Lebensphase fallen auch eine Reihe von Essays über literarische, musikalische, philosophische und auch psychologische Themen, zu deren bekanntesten diejenigen über Ludwig Wittgenstein, Robert Musil und Marcel Proust zählen.

Ab 1953 wird Rom für mehrere Jahre zu ihrem Hauptwohnsitz. Neben der Arbeit an dem zweiten Gedichtband, einem Hörspiel und den späteren Erzählungen widmet sich Bachmann dort auch einer Übersetzung der Gedichte des italienischen Lyrikers Guiseppe Ungaretti. Ähnlich wie Theodor W. Adorno verspürte sie eine starke Affinität zur Musik, die nicht nur zu einer engen Zusammenarbeit mit dem Komponisten Hans Werner Henze über das Verfassen einiger Libretti führte, sondern ihren Ausdruck gleichermaßen in den Notenmontagen aus Arnold Schönbergs "Pierrot Lunaire" im "Malina"-Roman findet.

Die Bedeutung der Kunst als die 'andere' Darstellungsform, die schon in der Dissertation einen Raum einnahm, sowie die Frage nach der Rolle, die dem Künstler in der Gesellschaft zukommt, durchziehen in den folgenden Jahren immer wieder ihr literarisches Werk und finden sich auch in den gehaltenen Frankfurter Poetik-Vorlesungen (1959/60), Preisreden und Interviews wieder: Ähnlich wie bei Walter Benjamin, auf den sich Bachmann in einem Interview explizit bezieht, übernimmt für sie der Schriftsteller die Aufgabe der Vermittlung von Erfahrung an den Leser. Dieses gelänge dem Schriftsteller nur, wenn er sich gegenüber der alltäglichen Informationsflut und den zahlreichen, auf ihn einströmenden kurzlebigen Diskursen behauptet: "[...] man muß die Aktualitäten seiner Zeit korrumpieren, man darf sich nicht von den Phrasen, mit denen diese Aktualitäten einem aufgedrängt werden, korrumpieren lassen. Ein Schriftsteller hat die Phrasen zu vernichten, und wenn es Werke auch aus unserer Zeit geben sollte, die standhalten, dann werden es einige ohne Phrasen sein" - vermerkt Bachmann 1971 in ihrer Rede anlässlich zur Verleihung des Anton-Wildgans-Preises. Das Kunstwerk nimmt einen exorbitanten Stellenwert in seiner Bedeutung als ästhetischer Mittler von Erfahrung ein, der den Künstler selbst bei weitem übersteigt und über ihn hinauswirkt - wie es insbesondere die Schlussverse ihres Gedichtzyklus "Lieder auf der Flucht" ausdrücken: "Nur Sinken um uns von Gestirnen. Abglanz und Schweigen. / Doch das Lied überm Staub danach / wird uns übersteigen."

Den Hiatus, der zwischen der Existenzweise des Künstlers und dem Leben klafft, verspürt - wie schon Thomas Mann und Franz Kafka - auch Bachmann. Wie sehr ihr eigenes Leben unter dem harten Duktus der Kunst steht, bezeugen folgende Worte: "Ich bin nichts, wenn ich nicht schreibe [...]. Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran, und nur das Veröffentlichte, die Bücher, werden sozial, assoziierbar, finden einen Weg zu einem Du, mit der verzweifelt gesuchten und manchmal gewonnenen Wirklichkeit."

Ausgehend von dem literarischen Durchbruch mit ihren Gedichtbänden ließe sich Bachmanns Œuvre grob in drei Phasen gliedern: In die Frühphase fallen die Gedichte und Hörspiele, die Anfang der 60er-Jahre von den Erzählungen abgelöst werden und über eine zehnjährige Publikationspause in die Spätphase münden, als deren Hauptbestandteil das als Roman-Zyklus geplante "Todesarten"-Projekt anzusehen ist. Dessen öffentlichen Auftakt sollte der im Jahre 1971 erschienene Erstlingsroman "Malina" bilden. Durch den frühzeitigen Tod der Schriftstellerin blieben die restlichen Romane der "Todesarten" jedoch Fragmente.

Der Einmarsch der deutschen Wehrmachtstruppen in Österreich im Frühjahr 1938 sowie die Ereignisse des Zweiten Weltkriegs und der Nachkriegszeit wurden dabei zu einschneidenden Kindheits- und Jugenderfahrungen, die das Œuvre der späteren Autorin nicht unberührt ließen: Angefangen mit ihren frühen Gedichten - wie etwa "Früher Mittag" - bis hin zu ihrem Spätwerk ist ein Großteil ihrer literarischen Arbeiten geprägt von der Thematisierung faschistischer Elemente in der Gesellschaft, der insbesondere in ihrem unvollendet gebliebenen "Todesarten"-Zyklus neben der Sprach- und Identitätsthematik eine besondere Rolle zukommt. Die Sublimierung des Mordens und das latente Wirken von Gewaltmechanismen, die die österreichische Schriftstellerin bereits in der Sprache begründet sieht, bilden den zentralen Gegenstand des "Todesarten"-Projekts.

Wenn man bedenkt, dass auch in ihrem Spätwerk für den Roman "Malina" sowie für das Romanfragment "Das Buch Franza" zunächst ein männlicher Protagonist vorgesehen war, so äußert sich darin ein entscheidendes narratives Charakteristikum für ihr episches Gesamtwerk, über das die Österreicherin in einem Interview Anfang der 70er-Jahre emphatisch beteuerte, dass sie "nur von einer männlichen Position aus erzählen kann". Der experimentelle Individualstil, der insbesondere im polyphonen Erstlingsroman "Malina" zur vollen Entfaltung gelangt, sich aber schon in dem Erzählband "Das dreißigste Jahr" abzeichnet, ist gekennzeichnet durch das Spiel mit den verschiedenen Genres. Dabei erwies sich der Roman für die Autorin ganz offensichtlich als die am besten geeignete Darstellungsform zur Verhandlung der Sprach- und Identitätsproblematik im Kontext der "Todesarten", da sie den von ihr bevorzugten kompositorischen Aufbau weitaus mehr begünstigt als die Erzählung, und das fiktive Subjekt über die ihm eigene Sprache im Roman eine noch größere Plastizität erlangt. Auch hat sich Bachmann vom Gedicht nicht tatsächlich abgewendet, sondern es vielmehr in ihren Roman montiert, um so die darstellerischen Möglichkeiten nicht nur über die Erzählweise und die Verwendung verschiedener Ich-Formen, sondern auch mittels des Gattungsspiels voll auszuschöpfen.

Ingeborg Bachmann starb am 17. Oktober 1973 im Alter von nur siebenundvierzig Jahren an den Folgen eines Brandunfalls, der sich in ihrer Wohnung in Rom ereignete. Der mysteriöse Tod der Schriftstellerin erregte in der Presse großes Aufsehen. Man vermutete zunächst einen Mord hinter dem Unfall, schien es doch selbst für die italienischen Ärzte unvorstellbar, wie ein Mensch sich eigenständig derartig gravierende Verbrennungen zuziehen kann. Erst ein Jahr später klärte sich ihr Tod durch den starken Alkohol- und Medikamentenkonsum als ein Unfall auf.

In ihren hinterlassenen Werken zeigt sich das erfolgreiche Bestreben, im "Widerspiel des Unmöglichen mit dem Möglichen" die eigenen Optionen zu erweitern nach Art einer stetigen Grenzüberschreitung, wie es sich insbesondere in dem Spiel mit den Gattungen manifestiert. Mit Ingeborg Bachmann starb eine der bedeutendsten deutschsprachigen Schriftstellerinnen des Zwanzigsten Jahrhunderts.


Titelbild

Ingeborg Bachmann: Kritische Schriften.
Herausgegeben von Monika Albrecht und Dirk Göttsche.
Piper Verlag, München 2005.
828 Seiten, 49,90 EUR.
ISBN-10: 3492047076

Weitere Informationen zum Buch

Titelbild

Ingeborg Bachmann: Todesarten. 4 CDs.
Der Hörverlag, München 2006.
300 Minuten, 27,95 EUR.
ISBN-10: 3899403606

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