Alles im Griff

Der kenianische Autor Meja Mwangi hat eine vergnügliche Geschichte geschrieben

Von Ursula HomannRSS-Newsfeed neuer Artikel von Ursula Homann

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Kein Zweifel, Toma Tomei steckt in einer Klemme. Er möchte Chief seines Clans werden und seine Aussichten dafür stehen nicht einmal schlecht. Doch zuvor muss seine Frau Grace einen Sohn gebären. Bisher aber hat sie "nur" neun Töchtern das Leben geschenkt. Nach jeder Geburt hatte sich Toma "weniger als Mann gefühlt", denn im kenianischen Dorf Happy Valley wird nach althergebrachter Sitte ein Mann nur dann als Mann anerkannt, wenn er einen Sohn hat. Als Grace zum zehnten Mal schwanger ist, unternimmt der hoffnungsvolle Vater alles, um die Geburt eines Sohnes sicherzustellen. Er opfert den Geistern Hühner und Ziegen und braut ihnen Honigbier. Und tatsächlich erblickt ein Junge das Licht der Welt. Fatal ist nur, dass er mit seinen grünen Augen und seiner weißen Haut überhaupt keine Ähnlichkeit mit dem Vater hat. Grace bemüht sich, ihren Mann mit dem Hinweis zu beruhigen, dass ihm auch seine anderen Kinder nicht ähnlich sähen. Sie selbst ist zufrieden und glücklich, nachdem sie sich von der schweren Geburt erholt hat. Auch die neun Schwestern des neuen Babys sind begeistert. Sie wundern sich zwar, dass das neue Brüderchen weiß ist, aber sie finden es "süß" und niedlich.

Toma dagegen ist verzweifelt und felsenfest davon überzeugt, wie auch die übrigen Bewohner des Dorfes, dass das Kind verhext sei. Er sucht Rat und Hilfe beim alten Hexenmeister Muti, der mit Fledermäusen, Ratten, Schlangen und Skorpionen in einer Höhle haust. Muti ist allerdings zuallererst auf seinen Vorteil bedacht und arbeitet deshalb nicht nur für Toma Tomei, sondern auch für dessen Widersacher Old Noah, der ebenfalls den Thron des Clanchiefs begehrt. Der Hexer mischt für Toma ein seltsames Gebräu zusammen, durch das sich die Haut des Babys dunkel färben soll, sowie Tropfen, die, wie Muti verspricht, die grasgrünen Augen des Babys in braune Augen verwandeln.

Toma überlässt die Anwendung dieser wundersamen Medizin seiner Frau Grace. Diese missachtet aber die Anweisungen des Zauberers. Als die erhoffte Wirkung ausbleibt, gerät Tomei in eine immer größere Verzweiflung - selbst der Medizinmann Muti glaubt mittlerweile an das Walten böser Geister - und versucht in der "Anderwelt" außerhalb des Happy Valley den dort lebenden Nomaden ein schwarzes männliches Baby abzukaufen. Aber auch das misslingt. Tomas Stimmung wird noch düsterer. Zu guter Letzt vermutet er sogar Ehebruch. Auf diese Weise gerät Pater Giovanni unter Verdacht. Als sich dann aber herausstellt, dass trotz diverser Rituale und Opfergaben das Kind so bleibt, wie es ist, glauben Muti und seine Kunden, dass es das Beste sei, dieses seltsame Baby, das das Böse zu verkörpern scheint, aus dem Weg zu schaffen. Dadurch gerät das Kleine in höchste Gefahr. Es kommt zu allerlei Turbulenzen. Jedoch gelingt es Grace in letzter Minute, den Sohn zu retten.

Natürlich klärt sich am Ende alles auf. In der fraglichen Nacht war nicht nur das angebliche Kind von Toma und Grace geboren worden, sondern auch noch ein zweites Kind von einer weißen Frau, und da das Licht ausgefallen und es im Kreißsaal stockfinster war, kam es zu einer Verwechslung. Nachdem sich herausgestellt hat, dass Tomas zehntes Kind schwarz ist, ist für den Clan alles wieder im rechten Lot. Niemand fragt noch nach dem Geschlecht, über das nur Grace, die weiße Frau und Grace' Schwiegermutter Bescheid wissen. Man vereinbart Stillschweigen. Erst sollen die Männer ihr Fest genießen. Der Clan soll seinen Jubel haben. Wenn die Zeit gekommen ist, so überlegt die alte Frau, Tomas Mutter, wolle sie dem Chief und dem Hohen Rat die Nachricht überbringen, dass der vermeintliche Sohn ein Mädchen ist. Aber dann würde ihr Sohn Tomei schon dem Hohen Rat angehören. "Und wenn sie sich darüber beklagten, dann sollten der Chief und der Hohe Rat erst einmal glaubwürdig erklären, wieso die bloße Tatsache, dass einer ein Mann war, ein besseres Oberhaupt aus ihm machte als eine Frau es sein konnte."

Auch wenn man sich schon vorher beim Lesen seinen Reim darauf gemacht hat, wie das alles wohl zusammenhängt, die Geburten im Krankenhaus und die weiße Hautfarbe eines schwarz sein sollenden Babys, so bleibt diese köstliche Geschichte doch spannend bis zum Schluss, zumal der kenianische Schriftsteller Meja Mwangi uns, die Bewohner der "Anderwelt", auf überaus vergnügliche Weise mit den traditionellen Strukturen in einem afrikanischen Dorf vertraut macht, in dem zwar auch schon die Moderne ihren Einzug gehalten hat, aber vorerst nur sehr unvollkommen funktioniert. Ein beredtes Beispiel hierfür ist das Buschkrankenhaus in Happy Valley, in dem die Ärzte längst das Weite gesucht und zwei Oberschwestern jetzt das Sagen haben. Gelegentlich bedienen sie sich eines Telefons, dessen Kabel schon am Eingangstor endet. Denn jedesmal wenn Patienten klagen, greifen die Schwestern zum Telefonhörer und sprechen mit einem imaginären Doktor Singh in einem anderen Krankenhaus so lange, bis der Patient sich beruhigt hat oder eingeschlafen ist. Auch diese Frauen haben wie Grace und ihre Schwiegermutter alles im Griff. Sie allesamt sind die eigentlichen Helden der Geschichte. Die Männer, töricht und stur, kommen dagegen schlecht weg.

Einfühlsam und detailliert, mit viel Humor und leiser Ironie beschreibt der 1948 in Kenia geborene Meja Mwangi die Menschen seines Landes und dürfte damit viele Leser ansprechen und erfreuen.

Der Autor ist übrigens deutscher Jugendliteraturpreisträger von 1992, nebenbei Drehbuchautor in Kenia, Europa und Westafrika und hat schon mehrere Bücher im Hammer-Verlag veröffentlicht.


Titelbild

Meja Mwangi: Happy Valley.
Übersetzt aus dem Englischen von Thomas Brückner.
Peter Hammer Verlag, Wuppertal 2006.
150 Seiten, 15,90 EUR.
ISBN-10: 3779500515

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