Cremeschnitte mit Sahnehäubchen

Peter Bichsel wird 65 Jahre alt

Von Helge Schmid

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Der schweizer Schriftsteller Peter Bichsel ist ein Phänomen. Seit den 60-er Jahren schreibt er Kolumnen, Kolumnen, die geprägt sind von traurigem Witz und heiterer Melancholie. Durch ein sanftes Oberflächengleiten kommen sie mühelos von David Livingstone auf die längste Cremeschnitte der Welt zu sprechen. Sie kommen ohne zu stolpern vom Hölzchen aufs Stöckchen. Sie lesen sich als tief empfundene Wahrheiten, die für den Tag geschrieben sind, aber über ihn hinausweisen.

Für viele Leser sind diese Texte Lebensbegleiter geworden. Zuerst erscheinen sie in schweizer oder deutschen Zeitungen, anschließend in Buchform. Noch nach Jahren und Jahrzehnten bewahren sie sich die alte Frische. So haltbar sind diese Texte, daß sie immer wieder neu aufgelegt werden. Seit wenigen Jahren erst erscheint Peter Bichsels Werk im Suhrkamp Verlag, und peu à peu werden dort alle seine Bücher wieder lieferbar.

Bichsels autornahe Erzählerfiguren sind typische Beislhocker und verkehren in Kneipen und Spelunken der ganzen westlichen Welt. In der Beiz begegnen sie den Randfiguren der Gesellschaft, den heimlichen Rebellen und skurrilen Käuzen, den Aufschneidern und den Gescheiterten und daher Liebenswerten. Bei Peter Bichsel wird die Abweichung zur Normalität. Seine Saufkumpane lesen nicht, bis auf Paul, der stellt eine Ausnahme dar. Paul, ein Geleisemonteur, liest alles gern, am liebsten Tschechow. Als er in einer Buchhandlung Bukowski kaufen möchte, greift er daneben und landet bei Bulgakow. Ein Glücksgriff, ein Sahnehäubchen für emphatische Leser.

In den 50-er und 60-er Jahren war Peter Bichsel Volksschullehrer - und träumt noch heute davon. 1974 ging er als Freund und persönlicher Berater von Willi Ritschard, einem schweizer Bundesrat, in die Politik. Bichsels Menschenbild, sein Politikverständnis, seine Weltanschauung sind klassisch sozialdemokratisch. In der Rechtschreibreform etwa erkennt er den Willen zur Suppression: "Die Rechtschreibreform dient dazu, daß nicht alle wagen, zu ihrem Recht zu kommen." 1981 zog er sich ernüchtert aus der Politik zurück. Resignation, ja Pessimismus bestimmen auch seine Kolumnen.

Längere Texte, Romane gar, hat er kaum geschrieben, er zählt zu den "Miniaturisten" in der Nachfolge Robert Walsers. 1947 erhielt er in Berlin den Preis der Gruppe 47 für "Skizzen aus einem Zusammenhang" - und viele weitere Preise seither. Seine "Milchmann"-Geschichten (1964) haben Schule gemacht, seine "Kindergeschichten" (1969) sind ein moderner Klassiker.

Seine letzte größere Erzählung heißt "Cherubin Hammer und Cherubin Hammer". Der seltsame Titel erklärt sich leicht, wenn man das Buch aufschlägt. Denn die Geschichte des Cherubin Hammer wird zweimal erzählt, einmal im Haupttext, ein zweites Mal in den Fußnoten. Die erste Variante von Cherubin Hammer ist Lehrer und trägt jeden Tag einen Kieselstein vom Fluß ins Gebirge. Diese Sisyphusarbeit begleitet ihn noch als Rentner, es gibt für sie kein Motiv, keinen Grund, sie wird ähnlich fraglos betrieben wie wir unser Leben leben. Die zweite Variante, der Fußnoten-Cherubin, ist ein unaufhörlicher Säufer und Schwadroneur, eine Figur, wie sie in Bichsels Geschichten häufiger auftreten. Cherubin Hammer zwo geht dem Autor-Erzähler so sehr auf die Nerven, daß er ihn am liebsten ganz aus seinem Buch verbannen würde. Da dies nicht gelingt, hat er seinen Auftritt in den Fußnoten.

Der neueste Band des in Olten geborenen Schweizers heißt "Alles von mir gelernt" und versammelt Kolumnen aus den letzten fünf Jahren des 20. Jahrhunderts. Die Titelgeschichte erzählt vom Clown des Zirkus Pilatus, den Bichsels autornaher Erzähler in seiner Kindheit noch erlebt hat. Der Clown sagte immer nur einen einzigen Satz: "Alles von mir gelernt." Peter Bichsel hat diesen Satz geglaubt: "Es muß ein wunderbarer Zirkus gewesen sein - in seiner Hilflosigkeit." Am 24. März wird Peter Bichsel 65 Jahre alt. Salute!

Titelbild

Peter Bichsel: Die Totaldemokraten. Aufsätze über die Schweiz.
Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 1998.
120 Seiten, 7,60 EUR.
ISBN-10: 3518120875

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch

Titelbild

Peter Bichsel: Geschichten zur falschen Zeit. Kolumnen 1975 - 1978.
Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 1998.
187 Seiten, 7,60 EUR.
ISBN-10: 3518393723

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch

Titelbild

Peter Bichsel: Cherubin Hammer.
Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 1999.
110 Seiten,
ISBN-10: 3518410326

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch

Titelbild

Peter Bichsel: Alles von mir gelernt. Kolumnen 1995 - 1999.
Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2000.
272 Seiten, 19,40 EUR.
ISBN-10: 3518410997

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