Zu Fuß nach Moskau

Ein Gespräch mit Wolfgang Büscher

Von Matthias PrangelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Matthias Prangel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Matthias Prangel: Sie haben für Ihr Buch "Berlin-Moskau" den Kurt-Tucholsky-Preis für literarische Publizistik erhalten, und eben als literarischer Publizist/Journalist werden Sie mit Ihren letzten beiden Büchern auch häufig eingeordnet. An diesem Begriff möchte ich meine erste Frage festmachen. Es eignet dem Begriff ja eine gewisse Spannung, und die wird man, da Journalismus und Literatur letztlich immer die gleiche Sprache verwenden, nicht auf Grund von sprachlichen Differenzen definieren können. Von der Journalistik aber erwarten wir zu Recht, dass ihre Aussagen an textexternen Phänomenen, an realen Gegenständen, Personen, Ereignissen verifizierbar sind. Von der Literatur hingegen erwarten wir genau das nicht. Bei aller häufig sehr großen Nähe zur so genannten Wirklichkeit gestehen wir ihr die Freiheit von dieser Verifikationspflicht zu. Wo würden Sie sich in diesem Spannungsraum, den Literatur und Journalismus umschließen, mit Ihren Büchern verorten? Wie viel also ist in Ihren letzten beiden Büchern exakte Wirklichkeitsbeschreibung, und wie viel ist Stilisierung, Spiegelung, literarische Fiktion, wenn wir etwa an das Minsk-Kapitel im Russlandbuch oder an das Durchschwimmen des Rheins als dem grandiosen Auftakt des Deutschlandbuchs denken?

Wolfgang Büscher: Der Unterschied zwischen Literatur und Journalismus ist für mich ganz klar. Er ist mir auch beim Schreiben ganz klar. Als ich diese Reise nach Moskau machte, wollte ich auf gar keinen Fall als Journalist unterwegs sein. Hätte ich das gewollt, so hätte das bedeutet, dass ich die Reise journalistisch hätte vorbereiten müssen. Das aber habe ich unterlassen. Das heißt, ich habe nicht herumtelefoniert, um Termine zu machen, Verabredungen zu treffen, Leute ausfindig zu machen, interessante Leute zu finden, die ich dann porträtieren konnte usw., was alles man als Journalist natürlich machen muss. Ich hatte nur ein paar Telefonnummern und Adressen, nicht mehr als fünf, sechs, sieben, und auch das hörte schon in Mittelpolen auf. Alles also, was nach Thorun kam, war ein Weg ins Blaue. Ein Journalist jedoch macht keine Reise ins Blaue. Es ist zweitens so, dass ich bei dieser Reise in gewisser Weise für eine Zeit lang regelrecht verloren gegangen bin. Ich hatte ein Handy bei mir, um Kontakt nach Hause zu halten. Aber das Handy hatte natürlich in Weißrussland und Russland kein Netz.

Dieser Reise lag sozusagen ein stiller Vertrag zu Grunde, ein Pakt zwischen mir und diesem Land. Der Pakt lautete ungefähr so: Ich gebe diesem Land mich selbst, liefere mich ihm aus, hier bin ich, du kannst mit mir machen, was du willst, du kannst mich mit Regen peitschen, du kannst mich in der Sonne braten und mich überfallen, du kannst mir den Platz verweigern, wo ich nachts schlafen kann; dafür aber will ich deine Bilder, deine Geheimnisse und deine Geschichten, all das, was in dir steckt. Wenn man diesen Pakt eingeht, dann kann man nicht als Journalist um die Ecke kommen. Dann kann man nicht Leute interviewen wollen usw.

Es liegt schon in der Natur der Sache, dass das ein literarischer Pakt ist, und es findet denn auch eine Literarisierung des Ich-Autors statt, der dann eben nicht mehr als reale Ich-Figur auftritt. Man kann sich im Journalismus sicher auch literarischer Mittel bedienen, etwa Gespräche, Dialoge einbauen. Ich kann eine Reportage so schreiben, als ob es eine Erzählung ist, mit einem richtigen Anfang und Ende und mit einer gewissen Entwicklung und Dramaturgie. All das kann man machen, und doch bleibt es ein journalistischer Text. Und solch ein Text muss über ein Faktum, ein Ereignis, Personen ganz akkurat, faktengetreu berichten, sonst ist es eben kein Journalismus. Alles andere ist etwas anderes. Dieses andere kann zwar eine starke Realität, z.B. eben eine Reise, zur Grundlage haben. Es ist aber in der ganzen Herangehensweise, wie das Autoren-Ich auftritt, wie mit dem Material, das man nach Hause bringt, umgegangen wird, etwas anderes. So sehe ich den Unterschied, und es ist mir immer vollkommen klar, was ich tue. Entweder ich mache Journalismus, oder ich mache so etwas wie die letzten beiden Bücher. Ich will das gar nicht qualifizieren, aber die sind für mich kein Journalismus. Und wenn man etwa dieses In-den-Rhein-springen, dass Sie ansprachen, oder das Kapitel über Minsk nimmt, dann sind das rein erschriebene Texte, eine Spiegelung von Realität und zwar eine sehr subjektive Spiegelung von Realität.

M.P.: Sagen Sie doch bitte, bevor wir weiter zur Sache kommen, etwas über die innere und äußere Motivation, den Anlass, den Anstoß zu der Fußreise nach Moskau.

W.B.: Als ich einmal unmittelbar nach der Wende, als die Mauer gerade gefallen war, mit dem Zug aus Berlin herausfuhr, es war November und die Sonne stand ganz tief und warf lange Schatten und färbte den Himmel rot, da sah ich hinter dem Zugfenster so unglaubliche Bilder, dass ich fand, da musst du einmal durchlaufen. So erinnere ich mich an ein riesiges Feld mit Sonnenblumen, die unabgeerntet waren und schwarz geworden waren. Eine Million schwarzer Sonnenblumen. Ein geradezu apokalyptisches Bild. Oder ich sah ein Stück von einer Brücke, die nicht fertig gebaut worden war, wie sie in den roten Himmel hinein ragte wie eine Himmelsleiter. Von solchen Bildern war die Umgebung Berlins, war der Osten damals voll. Und da kam mir die Idee, ich muss einmal um Berlin herumlaufen, ich will einfach einmal tagelang unterwegs sein, ich will das alles sehen, denn es wird bald verschwunden sein. Und es war ja dann auch bald verschwunden. So ist es zu der ersten Wanderung gekommen. Das waren 180 km, für die ich eine Woche gebraucht habe, über die ich damals auch geschrieben habe. Und aus den 180 km sind dann 1800 km geworden, aus einer Woche drei Monate. Ich saß wieder einmal mit meinem Verleger Alexander Fest bei einem Italiener, und wir haben überlegt, was man so machen könnte, und dann entstand ganz plötzlich dieser Gedanke, von Berlin nach Moskau zu laufen. Fest nämlich kam eines Tages ganz aufgeregt an und sagte, ich habe etwas Irres in der Zeitung gelesen: Die Wölfe kommen wieder nach Deutschland. Es ist tatsächlich wahr, dass es alte Wolfspfade gibt, die zigtausende von Jahren alt sind und über Ostpreußen und Pommern nach Westen verlaufen. Durch die ein halbes Jahrhundert dauernde hermetische Verriegelung der Grenzen zwischen Ost und West war aber nicht nur den Menschen, sondern auch den Wölfen der Weg nach dem Westen versperrt. Als die Grenzen sich dann öffneten, öffneten sie sich also auch für die Wölfe und man sah, obwohl inzwischen Generationen von Wölfen gestorben waren, schon bald wieder die ersten Exemplare in Brandenburg. Das hatte Fest gelesen und meinte: Das ist ja Wahnsinn, du bist ein Läufer, du musst da hin laufen, nach Russland. Und als ich mir die Sache überlegte, war schnell klar: Wenn ich das mache, dann wirklich geradeaus. Man hätte vielleicht auch St. Petersburg und andere eindrucksvolle Städte in die Route aufnehmen können. Doch das wären nur äußere, marketingtechnische Überlegungen gewesen. Ich wollte das nicht und fand, dann eben Berlin-Moskau. Da ist nichts, das ist unbeschriebenes Blatt, allertiefste Provinz, weithin menschenleeres Wald- und Steppenland. Genau das wollte ich. Übrigens habe ich in Russland, bis auf einen ausgestopften, keinen Wolf gesehen. Ich bin ja im Sommer gelaufen, und überhaupt sind Wölfe sehr scheu und zeigen sich nur, wenn sie in Not sind, also Hunger haben.

M.P.: Nun ist eine Fußreise ja genau das, was den meisten Menschen heute als die abwegigste Fortbewegungsart vorkommt, als ein Anachronismus ohnehin. Und in deutschen Landschaften, doch wohl auch sonst, begegnet man heute höchstens noch Spaziergängern, aber kaum mehr Wanderern. Ist eine Fußreise nach Moskau auch so etwas wie ein Gegenkonzept zur Geschwindigkeit unserer Zeit, der Versuch, über die natürlichste aller menschlichen Arten der Fortbewegung noch einmal zur Ruhe zu gelangen durch die ganz intensive Erfahrung der Langsamkeit?

W.B.: Ich will daraus keine große Ideologie machen. Ich hatte einfach das Gefühl, für diese Reise ist das das Richtige. Es muss deswegen noch nicht immer richtig sein. Es gibt ja nach Moskau eine große Straße und man kann also einfach mit dem Auto hinfahren. Und ich habe erlebt, wie da gefahren wird. Es ist eine Rennstrecke, über die teilweise mit 220 km gerast wird. Und da ich selber auch gerne Auto fahre, weiß ich, wäre ich mit dem Auto gefahren, wäre ich auch so gefahren. Ich möchte es so sehen: Diese Landschaft, dieses Land war für mich als nach dem Krieg geborenem Deutschen gewissermaßen doppelt belichtet. Es ist auf der einen Seite ein historisch schwer belastetes Land, und ich wusste recht gut, was alles sich da im Krieg abgespielt hat. Auf der anderen Seite war es, was mein Erfahrungswissen anlangt, ein vollkommen leeres Land für mich. Ich wusste nichts von ihm. Es lag hinter dem Eisernen Vorhang, und ich war noch nie richtig dort. Es war also für mich auf der einen Seite ein von historischem Wissen erfülltes Land, auf der anderen Seite ein von totaler Erfahrungslosigkeit geprägtes Land. Wäre es darum gegangen, nur nach Moskau zu fahren, dann hätte ich das ganz einfach mit dem Auto oder dem Zug erledigen und durchs Fenster nach draußen schauen können. Wenn man aber in dieses Land hinein wollte, dann ging das nur zu Fuß.

M.P.: An dieser Stelle auch gleich noch die Frage, wie Sie sich körperlich auf die Reise vorbereitet haben. Wie schafft man das? Wie hält man die Strapazen aus?

W.B.: Sehr gut. Ich habe mich nicht groß vorbereitet. Es liegt mir vielleicht ein wenig, solche Wanderung zu machen. Natürlich war es ein heißer Sommer. Kontinentalklima und demzufolge Temperaturen bis zu 40°. Überhaupt spielt das Wetter eine große Rolle, weil man mit dem ganz allein ist und der Abstand zwischen den Ortschaften, der bei uns um die drei, vier oder fünf Kilometer liegt, dort immerhin 30, 40 oder 50 Kilometer beträgt. Und man hat ja auch Gepäck. Aber irgendwie ging es. Ich muss allerdings sagen, dass ich einen guten Einstieg hatte, denn in den Wochen durch Ostdeutschland und Polen war es noch relativ komfortabel. Wälder, Alleen mit viel Schatten, sehr geeignet, um erst einmal ein in die Reise hineinzukommen. Erst von der weißrussischen Grenze an wurde es wirklich hart. Aber es ist mir während der gesamten Zeit körperlich ganz hervorragend gegangen, so dass ich problemlos täglich bis zu 38 Kilometern, minimal aber immer noch 15 bis 20 laufen konnte.

M.P.: Es ging Ihnen um Erfahrung, sicher auch um Selbsterfahrung, die man wohl kaum ganz abschalten kann, vor allem aber um Erfahrung des Landes, dass Sie durchreisten. Dabei bauen sich in Ihnen unvermeidlich Stimmungen, Beurteilungen, sogar Verurteilungen auf. Es hat mich sehr beeindruckt, wie Sie sich aber immer wieder den endgültigen Festlegungen verweigern und statt dessen sich von Folgeerfahrungen korrigieren, ja geradezu beschämen lassen. Steht am Ende des Russland-Buches daher trotz allem "Schrott", den sie erlebt haben, dennoch das ja ljublju tebja?

W.B.: Es ist wirklich immer beides da. Was Sie sagen ist absolut richtig. Das ist mir immer wieder so gegangen. Es ist ein Wechselbad der Gefühle gewesen. Man kommt immer wieder in Situationen, die eigentlich furchtbar sind, in denen man mit sehr groben Umgangsformen, mit Besäufnissen, mit groben und schrecklichen Personen konfrontiert wird. Aber eine halbe Stunde später kommt ein Jeep angefahren, hält mitten in der Nacht an der Grenze an und liest einen auf. Das muss man würdigen, das ist nicht wenig. Was wissen die Leute schließlich von mir? Vielleicht habe ich eine Waffe. Vielleicht bin ich ein Gangster. Vielleicht bin ich ein drogensüchtiger Dieb, der vor hat, sie zu überfallen. Das alles kann sein. Aber es ist mir immer wieder passiert, dass man mich irgendwohin mitgenommen hat, von wo ich dann weiterkommen konnte. Deswegen habe ich hinten in das Buch auch einen Dank an einige Engel, die an meinem Weg nach Moskau standen, gesetzt. Diesen Dank nehme ich völlig ernst. Denn ich wäre wirklich nicht in Moskau angekommen, wenn es nicht viele solcher Leute gegeben hätte, die mir geholfen haben.

Das ändert aber nichts daran, dass es auch immer wieder Dinge gab, die furchtbar waren. Die Zerstörung des Landes, nicht nur durch den Krieg, sondern ebenso durch den Stalinismus der Sowjetzeit, ist gigantisch. Als Beispiel nur die Stadt Wjasma auf halbem Wege zwischen Smolensk und Moskau. Wjasma war vor der Revolution eine reiche bürgerliche Stadt, was allein schon daran ersichtlich ist, dass es in dieser relativ kleinen Stadt 27 oder 28 Kathedralen gab. Den Krieg haben all diese Kathedralen überlebt, und anschließend hat Stalin sie in die Luft sprengen lassen. Die Mitte der Stadt ist heute ein leerer Platz, um den ein paar Plattenbauten herumstehen. Man sieht dort 14-Jährige mit Wodka-Flaschen laufen. Auf der Erde sind hier und da Decken ausgebreitet, auf denen ein paar Lebensmittel angeboten werden, alles ungeheuer primitiv, bitter arm. Und doch sah es dort nicht immer so aus, sonder befand sich hier wirklich einmal eine reiche Stadt. Dies nun war die Situation, in der ich da saß und anfing, mich in meine Schrottorgie hineinzuschrauben: Es ist ja alles Schrott hier, Seelenschrott, Herzensschrott, Industrieschrott, Autoschrott, Gedankenschrott, Atomschrott, Sowjetschrott! Was macht ihr nur mit euerem Land! Wie kann man sein eigenes Land so zu Grunde richten! Am anderen Morgen gehe ich dann aus dem Stadtzentrum hinaus und komme zu einem Markt, der nach der Wende einmal ganz klein angefangen hat. Inzwischen aber ist es ein ummauerter Markt mit festen Ständen, wo es wirklich alles gibt, was man braucht. Und die Leute, die durch diesen Markt zu Geld gekommen sind, haben sich an diesem Markt quasi ein Museum gebaut. Es ist dort nämlich ein kleines Villenviertel dieser Neuen Russen entstanden.

Wenn man sich westeuropäische Städte ansieht, wo Anfang des 19. Jahrhunderts die alten Stadtmauern niedergelegt wurden, dann findet man da meistens ein neues Stadtviertel, die sogenannte Neustadt. Dies hier war die Neustadt von Wjasma. Es ist, als ob das Mittelalter gerade beendet ist und die Neuzeit anfängt und das neue Bürgertum, das noch in den Kinderschuhen steckt, sich seine neuen Häuser baut. Die sehen teilweise mit all den Türmchen und anderem Schnickschnack recht kitschig aus, was aber ganz unwichtig ist. Wichtig ist nur, dass es da diese Neustadt Wjasma gibt und es wieder losgeht. Das ist die Chance und gleichzeitig die Härte der Situation in Russland heute. Das Alte, das Sowjetische, das noch übrig ist, geht dabei gnadenlos vor die Hunde. Es bleibt nichts davon. Es ist wie ein Garten nach dem Winter, wenn im März der Schnee taut und durch das alte verfaulende Gras das neue Gras kommt. Alles, was alt ist, vermodert und verfällt, ist rettungslos hinüber, und das Neue wächst einfach darüber hinweg.

M.P.: Im Deutschlandbuch sprechen Sie mit Blick auf den heutigen Reichtum des deutschen Westens und dessen Saturiertheit und mangelnden Spiritualismus von der "Melancholie des Westens". Ist es diese Melancholie, die schon jetzt beginnt, das Neue Russland einzuholen, oder haben wir es hier mit einer zeitlich verschobenen Entwicklung zu tun, die solchen Vergleich nicht zulässt?

W.B.: Nein, worauf ich mit der "Melancholie des Westens" hinaus will, das ist eher ein innerdeutsches Problem oder allenfalls ein Problem Westeuropas. Diese so genannten Neuen Russen, das ist ein ganz harter Menschenschlag. Und es ist ein sehr vitaler Menschenschlag. Die sind nicht von der Melancholie des Westens angekränkelt. Das sind Leute, die ihren Weg gehen wollen und die im Notfall auch über Leichen gegangen sind und gehen. Aber auch der Reichtum des Westens ist einmal über Leichen gegangen. Wenn heute bei uns teilweise ein Stadium der Melancholie erreicht ist, dann muss man sich einmal auf frühere Zeiten besinnen.

Der Reichtum des Westens ist u.a. auch in den Kolonien gemacht worden. Und in den Kolonien sind nicht nur ein paar Leute draufgegangen. Die Entwicklung verläuft nicht überall parallel. Wir leben in verschiedenen Zeiten zur selben Zeit. Russland lebt heute sozusagen in einer frühkapitalistischen Phase. Und wenn wir das heutige Russland aus dem Luxus und der Sicherheit unserer westlichen Länder heraus beurteilen und verurteilen, dann ist das scheinheilig. Es ist gewiss in Ordnung, das man auf die Einhaltung der Menschenrechte achtet und Russland Vorhaltungen wegen deren Nichteinhaltung macht. Aber man muss auch sehen, dass sich da ein Land siebzig Jahre aus der Geschichte ausgeklinkt hatte und in einem anderen Kosmos lebte und jetzt alle Uhren auf null stellt und auf Kapitalismus macht.

Natürlich geht es da am Anfang erst einmal sehr roh und brutal zu. Es ist aber bei uns am Anfang auch roh zugegangen. Das darf man nicht vergessen. Es sind dabei Millionen umgekommen. Eine Geschichte dazu: Ich bin einmal vor ungefähr zehn Jahren die Wolga hoch gefahren und habe dabei in der Stadt Samara einen Prototypen des Neuen Russen kennen gelernt. Der Mann kam aus der Armee, war Kommandeur in Georgien gewesen und hatte den Aufstand in Tiflis niedergeschlagen. Nachdem dieser Mann die Armee verlassen hatte, baute er in Samara innerhalb nur ganz weniger Jahre ein Wirtschaftsimperium auf, mit dem er sehr reich geworden war. Samara war eine recht staubige und ein bisschen sowjetische Stadt. Und dann kam ich in das Büro dieses Mannes, und er zeigte mir seine Firma. Da gelangte ich in eine Welt, die vollkommen sauber war. Alles war geputzt, es bestand Rauchverbot, striktes Trinkverbot, alles war völlig rational organisiert, mit den modernsten westlichen Computern ausgestattet und mit wie im westlichen Geist erzogenen russischen Angestellten besetzt. Und er erzählte mir, er habe sich gerade ein riesiges Grundstück gekauft, auf dem er seine Villa baue und obendrein zehn Villen für seine besten Freunde. Dann führte er mich an einen Schrank, an einen Bücherschrank, und in diesem Schrank standen lauter Gesamtausgaben von Klassikern, Puschkin, Turgenjew, Tolstoi, Dostojewski usw., alte Ausgaben aus der Zeit vor der Revolution. Als er mir das zeigte, wurde mir klar, der Mann wird diesen Schrank nie öffnen, er wird das alles nie lesen, er hat andere Dinge zu tun, doch er ahnt, dass dieses Kämpfen und in kürzester Zeit einen unglaublichen Reichtum anhäufen irgendwann doch nicht alles ist, dass er sich irgendwann auch kultivieren muss. Er steht wie Moses am Rande des gelobten Landes. Aber sein Sohn oder sein Enkel wird diesen Bücherschrank irgendwann aufschließen und vielleicht irgendwann einmal den Puschkin in solch einer alten Prachtausgabe lesen.

Als in Deutschland der Adel schon dekadent und fast entmachtet war, im späten 19. Jahrhundert also, da fingen die Söhne des Adels an, Fürst Pückler etwa, große Parks zu bauen, Konzerthäuser oder wurden Mäzene, weil sie keine politische Aufgabe mehr hatten. Das erleben wir heute mit den Söhnen der großen Industriekapitäne. Herr Reemtsma macht ein großes Institut in Hamburg, Herr Flick macht eine Kunstsammlung in Berlin usw. Das ist ein Dekadenzphänomen. Doch muss man dahin erst einmal kommen. Es ist das Buddenbrooksstadium. Die Russen sind noch längst nicht in diesem Stadium. Sie sind im Stadium des alten Gründervaters der Buddenbrooks, der die Ärmel hochkrempelt und so richtig in den Mist greift und ein Imperium baut. Deswegen geht eine Kritik an Russland vom Dekadenzstadium oder Buddenbrooksstadium her fehl und auch der Vergleich der Neuen Russen mit der "Melancholie des Westens".

M.P.: Ihre Bücher erzählen von so ungefähr allem, was Ihnen auf Ihren Reisen vor die Sinne kommt: Heiterem und Traurigem, verkommenen Herbergen, Einsiedlern und Schmugglern, wunderbaren Liebesgeschichten, mühevoll zu erarbeitenden Landschaften, den Nöten der Befriedigung des Bauches, Schweigsamen und Gesprächigen. Vor allem aber, wenngleich die Bücher weit davon entfernt sind, etwa Kriegsbücher zu sein, immer wieder, leitmotivisch, der Zweite Weltkrieg: die Seelower Höhen, die Belorussischen Wirren des Jeder mit Jedem gegen Jeden, Katyn, tief berührende Rettungsgeschichten in "Berlin Moskau", Emmerich und Helgoland, Peenemünde und Swinemünde, Guben und Görlitz, Flossenbürg, Pforzheim in "Deutschland, eine Reise". Drängt sich das immer noch auf, d.h. drängt die Reise es Ihnen auf oder drängen Sie es eher durch Ihre eigene geistige Bagage der Reise auf?

W.B.: Was ich unbedingt vermeiden wollte war, dass die Geschichte die Macht über den Text übernimmt, dass meine Erlebnisse, meine Abenteuer während etwa dieser drei Monate nach Moskau nur als Vorwand dienten, historisches Wissen auszubreiten. Wenn ich das zugelassen hätte, dann hätte ich gar nicht gehen dürfen, dann hätte ich zu Hause bleiben und mich drei Monate ins Archiv setzen und ein Archivbuch schreiben können. Das wollte ich aber nicht. Andererseits wusste ich, dass diese geschichtlichen Dinge kommen würden, auch wenn ich ihnen keinen großen Raum geben wollte. Man begegnet ihnen unterwegs einfach. Wenn man sich diesem Land überlässt und sich dafür öffnet, sich hineinstürzt, dann kommen sie über einen. Ich habe es dann so gemacht, dass ich die Geschichte in dem Russlandbuch in historische Reservate eingesperrt habe. Das sind diese drei Liebesgeschichten, was überhaupt nicht geplant war, sondern so wie das meiste sich einfach ergeben hat.

M.P.: Im Deutschlandbuch hat mich überrascht, dass Sie quer zu allem Ost-West-Gerede, der gesamten Nachkriegszeit und der neuen Aktualität, die das nach 1989 erhalten hat, nicht so sehr auf diesem Gegensatz, sondern vor allem auf dem zwischen dem deutschen Norden und dem Süden bestehen. Woher solche Querdenkerei?

W.B.: Ja, bei dem Deutschlandbuch ist mir so richtig bewusst geworden, wie sehr es einen unterschiedlichen Norden und Süden gibt. Wenn man vom Norden in den Süden gelangt, kommt man in ein heileres Land. Und es ist also gar kein Wunder, dass die amerikanischen Touristen alle nach Bayern fahren und nicht nach Hannover oder nach Kassel. Die fahren deswegen da hin, weil es da ein heileres Deutschland gibt und die Schlösser von Ludwig II. und weil es in Heidelberg noch das romantische Deutschland des 19. Jahrhunderts gibt. Wir haben uns in den letzten 15 Jahren daran gewöhnt, Deutschland als ein Land zu sehen, das aus Ost und West besteht. Ich glaube nach meiner Deutschlandreise inzwischen, dass das eine viel geringere Rolle spielt als der Nord-Süd-Unterschied. Den halte ich in der Tat für sehr viel wichtiger. Er hat die deutsche Geschichte über zweitausend Jahre geprägt, und Reformation, Gegenreformation, der Dreißigjährige Krieg, das immer noch vorhandene Misstrauen des Südens gegenüber dem preußischen Norden und umgekehrt sind bis heute prägend geblieben. Bei den letzten Bundestagswahlen ist es mir wie Schuppen von den Augen gefallen, als ich abends im Fernsehen diese Karte mit dem völlig homogen schwarzen Süden und dem roten Norden sah.

Als die Zahlen dann im Einzelnen bekannt wurden, relativierte sich das zwar ein bisschen, doch im Prinzip ist es eben so. Dabei hat der Zweite Weltkrieg die ganz alten Gegensätze noch einmal so richtig in den Boden gebrannt, insofern die größten Zerstörungen im Norden und im Osten stattgefunden haben, der Süden hingegen relativ heil davongekommen ist. Es mag Sie verwundern, dass ich als Deutscher es wage, Ihnen in den Niederlanden dies zu erzählen. Sie haben unter der deutschen Besatzung gelitten und furchtbare Zerstörungen erlitten. Aber ich bin nach dem Krieg geboren und in Kassel aufgewachsen, einer Stadt, die weitgehend zerstört wurde. Wir leben heute in Deutschland zum Teil in Städten, die so alt sind wie wir. Köln ist, bis auf den Dom, so alt wie ich und nicht tausend Jahre alt. Hamburg ist auch zum großen Teil so alt wie ich, Hannover, Kleve, Xanten, Emmerich usw. ebenfalls.

Stellen Sie sich vor, Sie leben in lauter Städten, die alle nur 50 oder 60 Jahre alt sind. Als ich zum ersten Mal als Schüler nach Frankreich kam und alte Städte sah, in denen völlig normal gelebt wurde, da ging mir der Unterschied auf. Es ist einfach ein anderes Leben in einer Stadt, die 500 oder 1000 Jahre alt ist, wo die Erinnerung der Generationen noch da ist. Auch wenn man kein intellektueller Mensch ist, der sich großartig mit der Geschichte seiner Stadt beschäftigt hat, ist das doch da und prägt einen. Die alten Tore und Türme, das Rathaus, die Geschäfte, ein Hotel, das 200 Jahre alt ist, ein Gasthaus, das 400 Jahre alt ist. Leute wie ich befinden sich in einer ganz eigenartigen Laborsituation. Wir sind im Labor aufgewachsen. Es ist wirklich wie ein Menschenversuch. 1945 wurde alles auf null gestellt und fing noch einmal von vorne an. Vielleicht kommt daher bei mir auch dieses Interesse an Russland, wo 1990 alles auf null gestellt wurde. Alles Vorherige ist tot, tot, tot. Und solch ein Unternehmer, von dem ich vorhin sprach, rührt mich dann geradezu, wie er kindlich, infantil seine alten Puschkinausgaben kauft und hinstellt und durchblicken lässt, es gibt vielleicht doch auch noch etwas anderes als das Geldmachen. Es zeigt aber auch, was für einen Verlust dieses Land erlitten hat, was für einen Untergang es mitgemacht hat.

M.P.: Wie, wann und wo eigentlich haben Sie Ihre Texte geschrieben? Ich stelle mir vor, dass Lust und Energie zum Schreiben in den Abendstunden nicht eben mehr im Überfluss zur Verfügung stehen, wenn man bereits zehn Stunden Fußmarsch hinter sich hat. Haben Sie nur Notizen gemacht oder gar das meiste aus der Erinnerung geschrieben, als die Reise schon hinter Ihnen lag?

W.B.: Ich hatte natürlich immer meine Notizbücher bei mir. Aber nicht, dass ich mich nun am Abend noch stundenlang hingesetzt habe, um den Tag aufzuschreiben. Das ist nur ganz gelegentlich vorgekommen. Dann nämlich, wenn irgendetwas ganz Besonderes passiert war, etwas, was mich besonders stark beeindruckt hat. Dann habe ich das sofort aufgeschrieben. Gespräche etwa, Dialoge, die ich sonst vergessen hätte, aber auch die Chronologie: wann, wo, welche Strecke bin ich gegangen, welche Dinge habe ich gesehen. Apropos Chronologie und Zeitorientierung: Eine Armbanduhr hatte ich nicht, nur einen ganz flachen, leichten Wecker. Aber das Zeitgefühl wurde nicht von der Uhr, sondern von den Tagen diktiert. Und die verliefen eigentlich immer gleich: aufstehen, losgehen, den ganzen Tag gehen und abends gegen sechs bis sieben Uhr sich umsehen, wo man die Nacht verbringen kann. Ein richtiges Nomadenleben. Aber trotz des immer gleichen Rhythmus war es nie langweilig. Denn draußen war immer etwas los. Das ist der Unterschied.

Wenn ich mit dem Auto nach Moskau fahre, dann läuft hinter der Windschutzscheibe eine Art Stummfilm, eine Folge von Videoclips. Aber wenn ich da durchlaufe, ist immer volles Programm. Immer rauscht der Wind, oder es fallen ein paar Regentropfen, oder es ist da der Auspuff eines alten Sowjetautos, das vorbeifährt, oder es stellt sich mir die Frage, ob ich auf Schotter laufe, was sehr schwer ist, oder auf Gras, was ein wunderbares Laufen ist, oder habe ich Kontakt mit Menschen oder nicht usw. Es gibt immer etwas zu sehen und zu hören und zu entscheiden, und es gibt auch immer irgendwelche Bedürfnisse, die befriedigt werden müssen. Manche Tage sind zwar sehr monoton, auch weil die Landschaft sich über lange Zeit gleich bleibt, aber es ist nicht so, das ich gewissermaßen in die Zeitlosigkeit falle. Ich habe ja Ohren und Augen, habe meine Sinne und merke, was um mich herum los ist, und da ist vieles immer wieder anders.

M.P.: Zum Schluss noch die Frage, die Ihnen sicher häufig gestellt wird, die nämlich nach den Risiken, den Gefahren, besonders denen auf der Russlandreise. Sie waren da drei Monate ganz allein unterwegs und in Weißrussland und Russland ohne irgendeine Verbindung nach draußen praktisch verlorengegangen, wie Sie sagten. Sie für sich und Gott über allen? Hat Ihr Vertrauen auf den guten Ausgang in jedem Moment gehalten?

W.B.: Ja, es gab diese im Buch beschriebene Situation mit dem nächtlichen Ringkampf, die tatsächlich ein bisschen kritisch war. Und es gab auch noch eine weitere. Aber die Reise als Ganzes war überhaupt nicht kritisch. Ich glaubte vorher, wenn ich in Weißrussland Ärger bekomme, dann wird es mit den Behörden sein. Denn das ist gewissermaßen noch ein sowjetisches, diktatorisches Land. Es verschwinden dort regelmäßig Menschen, und in Minsk stehen alte Frauen mit den Fotos ihrer vermissten Söhne in der Hand. Aber das Überraschende war, dass ich in Weißrussland mit nur zwei uniformierten Personen zu tun hatte. Der eine hat mich ins Land rein-, der andere rausgelassen.

Ich habe keine Ahnung, ob irgendein Geheimdienst mich beobachtet hat. Natürlich wusste man, dass ich da durchrenne. Und das allein schon ist ganz und gar ungewöhnlich und etwas, was es wahrscheinlich noch nicht gegeben hatte und auch seitdem nicht wieder gegeben hat. Wir würden zwar meinen, dass von einem einsamen Wanderer doch keine Gefahr ausgeht. Aber es ist eben die Eigenart solcher Regime, dass sie extrem paranoid sind. Ich will auch nur sagen, ich habe nichts gemerkt. Es ist niemand an mich herangetreten und es hat mich niemand verfolgt. Da war nichts, jedenfalls nichts, was ich bemerkt habe. Und in Russland habe ich gedacht, wenn ich da Ärger bekomme, dann wird es eher mit den 'freischaffenden' Kollegen sein. Aber da war auch nichts. Es spielten wohl zwei Dinge eine Rolle. Erstens, dass ich sehr russifiziert aussah, mit ganz kurzen Haaren, hager, mit meinen Militärklamotten am Leibe und dem alten Rucksack auf. Ich war so für Russland eine völlig normale Erscheinung und fiel überhaupt nicht auf. Immer wieder wurde ich auf der Straße von Russen angesprochen, die mich nach dem Weg fragten. Die gingen einfach davon aus, dass ich Russe wie sie war. Das war also der eine Grund. Der andere war der, dass es, wie überall in der Welt, auf dem Land, in der Landschaft einfach fast keine Kriminalität gibt, die mir hätte gefährlich werden können.

M.P.: Und so darf ich mich also freuen, dass Sie mir hier ganz lebendigen Leibes gesund und wohlbehalten gegenübersitzen und mir bereitwilligst Rede und Antwort gestanden haben.

Das Gespräch wurde am 10. 11. 2005 in der Deutschen Bibliothek Den Haag geführt.

Biographische Notiz:

Wolfgang Büscher wurde 1951 bei Kassel geboren und ist in Kassel aufgewachsen. Er wurde Journalist und war viele Jahre als freier Mitarbeiter für die Süddeutsche Zeitung, Geo und die Neue Zürcher Zeitung tätig. Zuletzt arbeitete er als Leiter des Ressorts Reportage bei der Welt und wechselte 2005 ins Dossier der Wochenzeitung Die Zeit. 2002 erhielt er den Theodor-Wolff-Preis, 2005 den Kurt-Tucholsky-Preis für literarische Publizistik.

Titelbild

Wolfgang Büscher: Berlin - Moskau. Eine Reise zu Fuß.
Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2003.
240 Seiten, 17,90 EUR.
ISBN-10: 3498006312

Weitere Informationen zum Buch

Titelbild

Wolfgang Büscher: Drei Stunden Null. Deutsche Abenteuer.
Rowohlt Verlag, Berlin 2003.
208 Seiten, 7,90 EUR.
ISBN-10: 3499236346

Weitere Informationen zum Buch

Titelbild

Wolfgang Büscher: Deutschland, eine Reise.
Rowohlt Berlin Verlag, Berlin 2005.
250 Seiten, 17,90 EUR.
ISBN-10: 3871345296

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