In der Zwischenzeit

Maike Wetzels Versuch über das Glück

Von Heimo Strempfl

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

"Gunnars Welt war fest und klar", heißt es in der Geschichte "Einmal Schweden" in Maike Wetzels erzählerischem Debut "Hochzeiten". Aber die Autorin setzt diesen Auftakt gewissermaßen nur, um dann um so deutlicher zu zeigen, dass in den Beziehungen der modernen Menschen kaum etwas "fest und klar" umrissen ist. Früher festgefügte Bindungen sind locker geworden, Milieus beginnen sich aufzulösen. Die literarischen Figuren leben gleichsam "in der Zwischenzeit" - so der Titel einer weiteren Erzählung aus diesem Band.

Gunnar ist Jules Urlaubsbekanntschaft aus Schweden. Die junge Frau hat Gunnar kennengelernt, nachdem sie ihren Begleiter verlassen hat. Warum: "He annoyed me". Jule hat den Schweden, den sie eigentlich kaum kennt, zu ihrem "Retter" auserkoren. Er vermittelt ihr auch einen Job bei einem Möbelhaus mit vier Buchstaben. Aber Gunnar denkt nicht daran, Frau und Kinder zu verlassen. Jule muß die Idee des "Gerettetwerdens" zuerst wohl oder übel verschieben und später ganz aufgeben.

Ganz andere Figuren, denen Maike Wetzels Interesse gilt, sind Rosalie und ihre Mutter. Die Mutter ist bereits sechzig und arbeitet am Imbissstand in der Kaufhalle. Sie will den Moslem Faisal heiraten, der bis zu diesem Zeitpunkt illegal im Land gelebt hat. Sie kommt der Tochter, was eine Heirat betrifft, gleichsam zuvor. Rosalie hat zwar einen Geliebten, aber der ist leider schon verheiratet. Rosalie wusste, worauf sie sich einläßt, sie bekommt von ihrem Geliebten nur das, was bei diesem auch "auf der Packung" stand. Mehr als das zu Erwartende darf sie von ihm nicht verlangen.

Maike Wetzel beschreibt Szenen aus dem Alltag, filtert die poetischen Momente aus dem scheinbar Banalen heraus. Die Autorin untersucht in ihrem Erzählband, welche Möglichkeiten von Beziehungen sich in der Gegenwart bieten. Die einzelnen Situationen werden von der Autorin gleichsam zu einem Essay über das Glück verknotet, dem verschiedene Fragstellungen zugrunde liegen. Wetzel weiss nicht nur das Milieu der Frau vom Imbiss-Stand genau zu zeichnen, sondern auch jenes der Rave und Hip-Hop-Kids mit der von ihnen bevorzugten "Musik wie von Bestien". Mit ihren Texten kann Wetzel aber auch die Stille eines Ortes am Meer - wie in der Erzählung "Nachsaison" - festhalten.

Es sind selbstständige, selbstbewußte Frauen, die in Wetzels Geschichten im Vordergrund stehen. Da gibt es kaum mehr "Leinwände", welche die Männer "bepinseln" könnten, weil die Frauen das erst gar nicht mehr zulassen. Die Männer andererseits, wollen nicht daran erinnert werden, dass sie es jetzt sind, die manchmal nur "Wegposten" spielen dürfen; für Jana beispielsweise, die mit Mark und Dieter und Stefan schläft und keinem von ihnen ihre Liebe schwört. Auch eine andere junge Frau "will einen und noch einen". Und dann noch einen. Martin kann damit gar nichts anfangen, er will eine Freundin, "die ihr Leben im Griff hat". Aber wer hat sein Leben schon "im Griff"?

Wetzels Buch ist klar und stilsicher geschrieben. "Hochzeiten" wirkt nicht unbedingt wie ein Erstling. Die Autorin hat der Versuchung erfolgreich widerstanden, mit dem ersten Buch gleichsam "alles" sagen zu wollen. Maike Wetzel ist Studentin an der Hochschule für Film und Fernsehen in München. 1997 war sie die jüngste Preisträgerin des Bettina-von-Arnim Preises. Im vorigen Jahr erhielt sie den Literaturpreis der Zeitschrift "Allegra".

Maike Wetzel hat ein schmales Buch vorgelegt, das man wohl mit Fug und Recht als eine Art Auftakt verstehen kann. Tankred Dorst hat die Sprache der Autorin als "lapidar und poetisch" bezeichnet. Dem ist vorläufig nichts hinzuzufügen. Eine beeindruckende Ouverture, man darf auf mehr gespannt sein.

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Meike Wetzel: Hochzeiten. Erzählungen.
Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt 2000.
128 Seiten, 10,20 EUR.
ISBN-10: 3596223989

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