Vom Glück bestürmt

Neue großartige Erzählungen der Kanadierin Alice Munro

Von Maja RettigRSS-Newsfeed neuer Artikel von Maja Rettig

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Carla wohnt in einem mobilen Eigenheim, also Wohnwagen, mit ihrer großen Liebe Clark. Seinetwegen hat sie mit ihren Eltern gebrochen und darauf verzichtet zu studieren. Es regnet, es kriselt, das Reitstundengeschäft läuft schlecht. Carla geht putzen bei ihrer Nachbarin im festen Eigenheim, einer Biologieprofessorin. Deren Mann stirbt. Carla fängt in einer erotischen Laune an, Clark gegenüber zu behaupten, der sterbende Greis habe sie angefasst. Eine Erfindung, das wissen beide. Das erotische Spiel wird wichtig in einer angespannten Zeit. Clark fasst den Plan, es zu Geld zu machen. Carla soll Mrs. Jamieson erpressen.

Und dann: geht Carla zur Nachbarin, bricht in Tränen aus, will ihren Mann verlassen. Mrs. Jamieson, die wiederum Carla schwebend begehrt, hilft ihr pragmatisch, die Flucht wird sofort in die Wege geleitet. Carla sitzt im Bus nach Toronto. Schnitt. Carla ist zurückgekehrt. Clark triumphiert über Mrs. Jamieson.

Die Erzählungen der sehr hoch gehaltenen, mit jedem Buch höher gehaltenen Kanadierin Alice Munro, die im Juli 75 wird, sind handlungsorientiert. Sie handeln von entscheidenden Momenten im Leben ihrer immer weiblichen Hauptfiguren.

"Ausreißer", diese erste Erzählung des neuen Bandes "Tricks", ist schon vordergründig voller unvermuteter Wendungen. Erst die Laune, das Spiel, dann der Erpressungsplan des Mannes, dann der Fluchtversuch der jungen Frau mit Hilfe des vorgesehenen Erpressungsopfers, dann die freiwillige Rückkehr der Ausreißerin. Mehrfach hat man keine Ahnung, wie es weitergeht. Nichts ist vorhersehbar.

Stehen die Zeichen schlecht, wird alles so gut wie nie zu hoffen gewagt. Oder: Die Zeichen stehen gut, und alles mündet in eine brutale Enttäuschung. Jung sind sie, zumindest zu Anfang, Munros Heldinnen, unsicher und stets bereit, das Geschehen zu ihren Ungunsten zu interpretieren.

Sie werden, was sich ergibt, sie verwandeln sich ihren Lebensumständen an. Manchmal sind auch die Folgen der Wegweisermomente noch gezeigt, und es vergehen Jahrzehnte. Juliet ist zuerst glühende Altphilologin, dann die Frau eines Fischers, dann beim Fernsehen. Viel ist Staunen über den Zufall, der vielleicht Schicksal ist. Hätte es nicht auch ganz anders kommen können?

Trotzdem haben sie ein klares Gefühl dafür, was stimmig ist und was nicht - wo der Verrat an sich selbst beginnen würde. Grace merkt, dass der nette Maury, mit dem sie verlobt ist, nichts ist für die Bedingungslosigkeit, die ihr vorschwebt. Sie merkt es daran, dass die Vorstellung von einem Leben mit ihm ihr nicht im Geringsten realistisch vorkommt. In traumartiger Selbstverständlichkeit brennt sie mit seinem alkoholsüchtigen Bruder durch. Was freilich weiter geschieht, wendet sich noch mehrmals.

Bei Alice Munro ist das Überraschende nicht das "originell" Unerwartete, das in Wirklichkeit schon wieder allzu erwartbar ist, literarisches Klischee - so wie im Krimi der Mörder derjenige ist, der zuerst am unschuldigsten wirkt. Solche vorhersehbaren Pointen, basierend auf cool unangepassten Heldinnen, die sich "knallharte" Tatort-Dialoge liefern, passieren gerne in Erzählungen und gerade den Bewunderinnen Alice Munros, derer es auch im deutschen Sprachraum einige gibt. Am deutlichsten hat Judith Herrmann sie sich auf die Fahnen geschrieben.

Munro selbst passiert solch ein Coolnesskitsch nie. Die Momente von Auflehnung, Ausbruch, Selbstbehauptung, die ihre Heldinnen haben, sind davon frei. Die Figuren durchschauen so etwas, auf einer Höhe mit dem Erzähler. Grace durchschaut, wie sie den Alkoholiker-Bruder mit Direktheit zu beeindrucken versucht - und merkt, dass sie dabei auf etwas ganz anderes stößt. Die alt gewordene Nancy hört sich selbst dabei zu, wie sie dem ebenfalls alt gewordenen Ollie sarkastisch von einer Alten-Kreuzfahrt berichtet. Das wird nicht ausgewalzt, und es bleibt dabei nicht stehen. Diese Frauen empfinden und handeln drei Drehungen über der pointigen Klischeeregung. Alice Munro ist unbestechlich gegen Moden aller Art.

Und noch eine Ebene höher als ihre Nachahmerinnen schwingt sie sich. "Ausreißer" enthält, neben den vielen dramatischen Wendungen, noch etwas scheinbar Nebensächliches: das mysteriöse Verschwinden, Wiederauftauchen und Wiederverschwinden einer kleinen weißen Ziege namens Flora. Sie lässt Carla in der Krise im Stich und verschwindet; ihre Wiederkehr könnte für die wundersame Wandlung stehen: Das Wetter wird schlagartig schön und die Ehe ist wieder wie neu. So zumindest deutet Mrs. Jamieson Floras Wiederauftauchen in einem hochherzigen Brief an Carla. Von da an aber hat das neu errungene Glück für Carla einen Stachel. Denn Clark hat ihr nichts von Floras Wiederkehr erzählt, für sie ist sie verschwunden geblieben. Hat Clark sie getötet? Gegen ihren Willen malt Carla sich grausame Szenen aus. "Es war, als stecke irgendwo in ihrer Lunge eine tödliche Nadel, und wenn sie vorsichtig genug atmete, gelang es ihr, sie nicht zu spüren."

Solche Stachel, geschickt am Rand des Geschehens platziert, finden sich immer wieder in Munros Erzählungen - kleine Unbegreiflichkeiten, anhaltende Irritationen, die das Bild vom Selbst oder einer Lage von innen verändern. Sie zeigen das ganze Können Alice Munros.

Mit ihrer hoch entwickelten, auf den Moment orientierten Kunst bricht die Autorin seit Jahrzehnten eine Lanze für die Gattung Erzählung. Dass sie keine Romane schreibt, ist ihr Markenzeichen, nicht ihr Manko. Im vorliegenden Band wird das umso deutlicher, als drei der acht Geschichten dieselbe Hauptfigur haben. Da liegt der Roman nahe, könnte man meinen, und tut es doch gerade nicht: Es handelt sich um völlig unterschiedliche Lebensphasen und Themen. Der große Bogen ist keineswegs verfehlt, er ist nicht gemeint.


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Alice Munro: Tricks. Acht Erzählungen.
Übersetzt aus dem Amerikanischen von Heidi Zerning.
S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2006.
384 Seiten, 19,90 EUR.
ISBN-10: 3100488261

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