Leuchttürme und Irrlichter des Hässlichen

Ein Sammelband sucht ästhetische Alternativen zum Schönen

Von Bernd BlaschkeRSS-Newsfeed neuer Artikel von Bernd Blaschke

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Lange schon ist das Schöne nicht mehr der Leitwert künstlerischer Praktiken und ästhetischer Debatten. Außerhalb kleiner klassizistischer Residuen oder unzeitgemäßer Renaissancen provozieren das Harmonische, Symmetrische, Anmutige oder Vollendete in der Moderne eher Ideologiekritik als Zustimmung. Seit dem Antiklassizismus der Romantik versuchen Philosophien der Kunst (Schlegel, Hegel und Nachfolger) oder der ästhetischen Erfahrung (von Kant bis Jauss und Deleuze) alternative Leitbegriffe zum Schönen zu profilieren. Diese reichen vom Erhabenen über das Charakteristische, Interessante oder Intensive bis zum Hässlichen oder dem Horror. Solch ein Abschied vom Schönen kennzeichnet freilich nur unsere Hochkultur und ästhetische Theoriebildung. Im lebensweltlichen Alltag des Designs oder der Partnerwahl praktiziert man hingegen einen nie dagewesenen Kult der Schönheit.

Ein von Philosophen und Germanisten belieferter Sammelband macht sich nun auf die Suche nach der Ästhetik des Hässlichen in historischen Ansätzen und aktuellen Debatten. Die Ausgangsthese des Buchs lautet, dass die ästhetische Theorie das Hässliche und verwandte Phänomene vernachlässigt habe - trotz des Siegeszugs der "nicht mehr schönen Künste", wie Jauss' treffliche Titel-Formulierung des zum Thema kanonischen "Poetik und Hermeneutik"-Bandes von 1968 lautet. Philosophische Arbeit am Begriff des Hässlichen im engeren Sinn leisten dabei nur etwa die Hälfte der neuen Aufsätze. Der Rest erörtert andere Alternativen zum Schönen: etwa das Doppelgesicht des Horrors in Josef Früchtls Film-Interpretation zum "Schweigen der Lämmer".

Oder Christine Pries' exzellente Darstellung von Ambivalenzen im Kantischen Erhabenen nebst Differenzierung eines (heute wegen politischen Missbrauchs in totalitärer Kunst obsoleten) metaphysischen Erhabenen und eines aktuell anschlussfähigen kritischen Erhabenen. Dieses knüpfe an Kants Mathematisch-Erhabenes an, welches weniger moralistisch vereinnahmbar sei als dessen Dynamisch-Erhabenes. Das Mathematisch-Erhabene mit seinem Problem der Vorstellbarkeit eines (übermäßig großen) Ganzen thematisiere die Wahrnehmung von Formen und sei damit gerade im Kontext neuer Technologien relevant. Die schwierige Frage nach passenden Leitbegriffen für die Gegenwartskünste wird von Pries mit einem Plädoyer für das (kritisch) Erhabene und mit Skepsis gegen das Hässliche beantwortet: "Wenn man überhaupt traditionelle Begriffe zu Hilfe nehmen will, weist das (Mathematisch-)Erhabene in seiner kritischen Form Charakteristika auf, die es zeitgemäßer machen als die anderen traditionellen Kategorien. Weder das Schöne - das in Bezug auf die heutige Kunst zu harmonisch wirkt, jedenfalls in seiner herkömmlichen Form - noch das bloße Häßliche - das keinerlei Anziehung erklärt und in der Tradition zumeist inhaltlich über das dargestellte Sujet konzipiert wurde -, das Angenehme - das wohl kaum der Erfahrung heutiger Kunst entsprechen dürfte - oder das Interessante - das begrifflich immer sehr ungenau blieb - sind komplex genug oder weisen von der thematisierten Gefühlsstruktur das auf, was angesichts heutiger Kunst empfunden wird."

Claudio La Roccas eröffnender (und längster) Beitrag des Bandes widmet sich den 'dunklen Vorstellungen' zwischen Baumgarten und Kant. Dabei war Dunkelheit in den Erkenntnistheorien Wolffs und Baumgartens zwar als Gegenbegriff zur schönen claritas ein (recht kleiner) Teil des Gebietes des Hässlichen; La Roccas gelehrte Rekonstruktion der Umbesetzungen des Dunklen von Wolff über Meier, Baumgarten zu Kant bietet jedoch weniger einen Beitrag zur Erhellung des Hässlichen als vielmehr eine Studie zur Frühgeschichte der erkenntnistheoretischen Aufwertung des Unbewussten. Am Anfang dieser Entwicklung war das Dunkle ästhetisch nur geduldet als schattierendes Gegenmittel gegen die übermäßige, mithin blendende Klarheit. An ihrem Ende steht die Theorie vom produktiven Genie, das ohne rationalen Durchblick mittels der unbewussten, dunklen Tätigkeit seiner Einbildungskraft künstlerisch aktiv ist.

Reinhard Brandt und Paul Guyer widmen sich Kants asymmetrischer Relationierung von Schönem und Hässlichem. Brandt unterstreicht in seinem wunderbar klar argumentierenden Aufsatz, dass Kants "Kritik der Urteilskraft" sich entlang des Dualismus von Schönem und Erhabenem entfalte und das Hässliche dabei nur marginal thematisiere. Es finde sich eher in der Anthropologie Kants. Denn das Hässliche könne nicht Gegenstand eines rein ästhetischen Urteils sein, da ihm dessen Begründung, nämlich das Wohlgefallen am freien Spiel von Einbildungskraft und Verstand, fehle. "Statt Einbildungskraft und Verstand harmonisch zu verbinden, dissoziiert das Häßliche und paralysiert jede mögliche Harmonie und partizipative Mitteilung." Guyer erklärt, dass für Kant das Hässliche folglich Gegenstand eines gemischten ästhetischen Urteils sei. Denn das Hässliche "ist dasjenige, was wir physisch unangenehm oder moralisch verwerflich finden".

Neben Kant wird auch Nietzsches physiologische Ästhetik des Hässlichen von zwei Essays fokussiert. Werner Jung unternimmt den - bei Nietzsche stets problematischen - Versuch, dessen Hässlichkeitsdenken, gespeist aus Vitalismus und Artistenmetaphysik, als kontinuierliches und systematisches vom Frühwerk der Tragödienschrift her zu rekonstruieren. Nützlich ist seine Typologie: "Grosso modo kann man die folgenden Bedeutungen des Häßlichen bei Nietzsche ausmachen: 1. Die Häßlichkeit der Welt in ihrem Sosein, d. i. die häßliche Physiognomie einer kontingenten Welt; 2. Die häßliche Kunst als die Unkunst, die in ihren realistisch naturalistischen Verfahren die häßliche Welt kopiert und mit erklärter Absicht den Reiz am Schrecken anstachelt; schließlich 3. Die wahre und schöne Kunst, die freilich auf dem häßlichen Untergrund, nämlich auf einer durch das Böse, den Irrtum und das Leid gekennzeichneten Welt, aufruht und schließlich entlarvt (Entlarvung = Wahrheit) bzw. durch die Entlarvung gleichzeitig überwindet (Überwindung = Schönheit). Diese Schönheit des Häßlichen soll zum Leben stimulieren, indem sie trotz der Erkenntnis Trost spendet." Konrad Paul Liessmann sieht Nietzsches Ästhetik des Schönen wie des Hässlichen vom Körper, speziell dem Gesicht ausgehend. "Nichts ist schön, nur der Mensch ist schön: auf dieser Naivität ruht alle Ästhetik, sie ist deren erste Wahrheit. Fügen wir sofort noch die zweite hinzu: Nichts ist hässlich als der entartete Mensch - damit ist das Reich des ästhetischen Urteils umgrenzt", so Nietzsches Grundformel seiner anthropomorphistisch-physiognomischen Ästhetik in der "Götzendämmerung".

Die bedeutendste philosophische Studie, die sich direkt dem Hässlichen widmet, ist Karl Rosenkranz' "Ästhetik des Häßlichen" von 1853. Brigitte Scheer stellt dieses Werk des Hegel-Schülers dar, das in einem Lob der Karikatur gipfelt. Hier gehe das Hässliche zum Komischen über, womit freilich der Selbstanspruch des Hässlichen scheitere und seine Abhängigkeit vom Schönen offenbar werde. Dialektisch hebe das Komische das Hässliche auf, das selbst schon eine dynamische Entwicklung aus dem Schönen sei - dessen Selbstvernichtung. Hegel selbst hatte keine solche immanente dialektische Prozesshaftigkeit von Schönem, Hässlichem und Komischem entworfen, wie Marie-Luise Raters' Aufsatz erläutert. Freilich seien Hegels "Vorlesungen über die Ästhetik" keineswegs von einem "durch und durch positiven Begriff des Schönen" geprägt, wie dies Bernhard Bosanquet 1892 behauptete und daraus eine werkgenetisch zu erklärende Spannung zwischen begrifflichem und materialem Teil der Hegel'schen Vorlesungen diagnostizierte. Unstrittig sei, dass die meisten von Hegel explizierten Kunstwerke (speziell die der symbolischen und der romantischen Kunstform im Gegensatz zur klassischen griechischen Kunst) ästhetisch hässlich seien. Raters Unterscheidung von metaphysischer Schönheit und ästhetischer Schönheit in Hegels geschichtsphilosophischer Wahrheitsästhetik erklärt, dass die angemessene Darstellung etwa der Passion Christi notwendig zu ästhetisch hässlichen Bildern oder Klängen führen müsse. "Das metaphysisch-schöne Kunstwerk weist immer über sich hinaus auf nicht-mehr-sinnliche Äußerungen des Wahren, bis es schließlich selbst das sogenannte 'Ende der Kunst' eingeläutet hat." Raters gelingt es, den Vorrang des metaphysisch-schönen Kunstbegriffs, mithin Hegels Wahrheitsästhetik, deutlich zu umreißen. Eine genauere Bestimmung der daraus resultierenden Darstellung einer legitim hässlichen Kunst in Hegels Ästhetik, etwa in Form einer Typologie, Morphologie oder Phänomenologie des Hässlichen, wäre darüber hinaus wünschenswert. Wir erfahren, dass es ästhetisch Hässliches gemäß Hegel geben muss und warum dies (als Epiphänomen der Geschichte des Geistes) so sein muss. Welche Formen aber weist diese hässliche Kunst auf? Wie fühlt sich ihr Erlebnis an? Ihre Ästhetik im eigentlichen Sinne bleibt bei Raters im Schatten (der Geschichtsphilosophie).

Michael Pauen stellt hingegen in seinem systematisch philosophischen Beitrag genau diese psychologischen Fragen. Was fasziniert am Hässlichen in der modernen Kunst? Welches ist der spezifische Unterschied zwischen dem Schrecklichen in der Wirklichkeit, dem wir entfliehen, und dem Schrecklichen in der Kunst, das wir mit Lust oder zumindest mit gemischten Gefühlen betrachten können? Pauen nennt mögliche Gründe für die Attraktivität des Abstoßenden: Von Aristoteles bis Adorno gebe es didaktische Theorien, denen zufolge wir beim Betrachten des Hässlichen etwas über zu vermeidende Handlungen oder den Zustand der Welt lernen können. Diese didaktische Inanspruchnahme des Hässlichen geht Pauen wie seine Funktion als Verstärkerfolie für das so noch strahlendere Schöne aber nicht weit genug. Er möchte das Hässliche als Kategorie eigenen Rechts etablieren. Provokative Lust am Tabubruch sei ein (wegen Trivilisierung schwach gewordener) Grund für Hässlichkeit in der Kunst; das Ausstellen von Virtuosentum in seiner künstlerischen Bewältigung ein weiterer. Hauptgrund der Faszination des Hässlichen für Künstler und Rezipienten ist für Pauen freilich, dass das Hässliche in den Künsten ein reflexives Moment forciere. Seit der Romantik machen die Künstler den Prozess der Darstellung zu ihrem Gegenstand, bei dem der Betrachter als aktiv Beteiligter involviert wird. Aversive Phänomene begünstigen nun dieses reflexive Moment, indem sie gemäß Pauen einerseits Bezüge auf Theorien herstellen - so Poes Maelstrom zu Lukrez' Schiffbruch mit Zuschauer, oder die Bezugnahme auf die Ästhetik des Schönen in Baudelaires "Charogne"-Gedicht. Warum aus dieser Art von intertextueller Bezugnahme eine "reflexive Freiheit" des Betrachters entsteht (die aber keine Distanzierung oder Abmilderung des Schrecklichen sein soll), ist weniger plausibel als Pauens nächste Explikation reflexiver Freiheit. Der Kunstkonsument hat nämlich in der Regel die Freiheit, sich Distanz zum Schrecklichen zu verschaffen. Etwa indem er das (Horror-)Buch zuschlägt. Damit gewinnt der Betrachter des Hässlichen in der Kunst eine Autonomie (nebst Lust), die ihm gegenüber dem Schrecklichen in der Alltagswelt nicht zukommt.

Klaus Vondungs Beitrag zur ambivalenten Faszination des Hässlichen zwischen Fin de siècle und Expressionismus zeigt an Kriegsdarstellungen in Malerei und Dichtung, wie die Funktion des Hässlichen vom Erhabenen (erbaulicher Sublimation) übergeht zum drastisch Grotesken, in dem sich antimetaphysischer Protest artikuliere. Diesem Beitrag kommt das Verdienst zu, am engsten an konkreten, anschaulichen Text- und Bildbeispielen zu argumentieren. Ursula Frankes geschichtlich weit ausholendes Panorama von Theorien des Hässlichen und seiner Beziehung zur Trias von Schönem, Wahren und Guten schließt mit der Diagnose, dass mit der Verabschiedung humanistischer Schönheits-Normen auch die Kategorie des Hässlichen ihre kritisch bewertende Funktion eingebüßt habe. Die Deformation sei nun als eigenständige Formqualität in der Kunst ein wertfreies Mittel.

Freilich erreicht auch Frankes informativer Parforceritt durch Wort-, Ontologie- und Ästhetikgeschichte des Hässlichen keinen einigermaßen vollständigen Überblick über die Geschichte des Hässlichen. Als solcher bleibt Dieter Kilches großer Artikel zum Hässlichen in den "Ästhetischen Grundbegriffen" (herausgegeben von Karlheinz Barck) unersetzlich. An dem besprochenen Sammelband fällt eine gewisse Disproportionalität oder deformitas ins Auge. Die theoretischen Beiträge überwiegen bei Weitem die Darstellungen einzelner Kunstformen (Musik etwa oder Architektur fehlen ganz) oder spezifischer Kunstwerke. Statt der doppelten Beiträge zu Kant und Nietzsche wären Studien zu den in Sachen Hässlichkeit kaum weniger wichtigen Autoren wie Friedrich Schlegel, Victor Hugo oder Baudelaire sowie zum Naturalismus wünschenswert gewesen. Die (hier ausgeklammerte) Vorgeschichte der Ästhetik der Hässlichkeit in der antiken und mittelalterlichen Ontologie bestimmt die "aktuellen Debatten" vermutlich immer noch mit. Die Theorien des Camp und die Aufwertung roher, hässlicher Materialien in Arte Povera oder Pop-Künsten wären wohl bedeutendere Bausteine zur Etablierung einer Ästhetik des Hässlichen als die Studie "Zur Logik ethisch-ästhetischer Wertprädikate bei G. E. Moore" von Heiner F. Klemme.

Trotzdem: eine leicht idiosynkratische, doch lesenswerte Sammlung von philosophischen Perspektiven auf das Andere der Schönheit.


Titelbild

Heiner F. Klemme / Michael Pauen / Marie-Luise Raters (Hg.): Im Schatten des Schönen. Die Ästhetik des Hässlichen in historischen Ansätzen und aktuellen Debatten.
Aisthesis Verlag, Bielefeld 2006.
301 Seiten, 39,80 EUR.
ISBN-10: 3895285609

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