Vom Untergang der Arche

Elisabeth Raabe erzählt ihr „Verlegerinnenleben“

Von Günther FetzerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Günther Fetzer

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Am 31. Dezember 1982 kauften die aus Oldenburg stammende Lektorin Elisabeth Raabe und die Schweizer Buchhändlerin Regina Vitali den Züricher Arche Verlag. Dieser war seit dem Tod seines Gründers Peter Schifferli im Jahr 1980 verlegerisch verwaist gewesen. Am 1. Juli 2008 verkauften die Verlegerinnen den Arche Literatur Verlag an die Hamburger Verlagsgruppe Oetinger. Dazwischen liegen 26 Jahre verlegerischer Arbeit, die Elisabeth Raabe in ihren Erinnerungen Eine Arche ist eine Arche ist eine Arche beschreibt.

Die neuen Inhaberinnen übernahmen einen traditionsreichen Verlag, für den Autoren wie Paul Claudel und Georges Bernanos, Hans Arp und Ezra Pound sowie Adolf Muschg und Friedrich Dürrenmatt standen. In der ersten Zeit zehrte das nun als Arche Verlag AG, Raabe + Vitali firmierende Unternehmen von der Verwertung der reichen Backlist, die Schifferli aufgebaut hatte. Rohbogen der „Sammlung Horizonte“ wurden aufgebunden, Schätze der alten Reihe „Kleine Bücher der Arche“ in der „Neuen Arche Bücherei“ wieder aufgelegt, im Arche-Fundus vorhandene Texte erschienen als preiswerte Paperbacks. Doch: „Ein Neuanfang war in jeder Hinsicht mehr als notwendig. Programmatisch, vertrieblich und wirtschaftlich. Es war ein eingeschlafener Schweizer Kleinverlag mit kostbarem Gepäck, der bei Buchhändlern, Lesern und Kritikern von der Hoch-Zeit seiner Vergangenheit zehrte.“ Vor allem musste der deutsche Markt erschlossen werden, denn die heimische Schweiz hatte damals einen Anteil von 70 Prozent am Gesamtumsatz. Das sollte mit einer neuen Vertretermannschaft und mit der Aufgabe der eigenen Auslieferung und deren Übertragung in professionelle Hände gelingen. Doch das stellte sich als schwieriger als gedacht heraus, denn Ende der 1980er-Jahre war „der Sprung über den Rhein auf den größeren westdeutschen Markt noch immer nicht gelungen“.

Das hing durchaus auch mit dem Programm zusammen. Die Verlagsrechte an Friedrich Dürrenmatt und Friedrich Glauser gingen verloren. Der Versuch, Ezra Pounds und Gertrude Steins Bücher zu neuem Leben zu erwecken und neue Titel zu verlegen, misslang. Die „Arche-Editionen des Expressionismus“, initiiert und herausgegeben von Raabes Bruder Paul Raabe, war „ökonomisch ein Desaster“. Auch neue Autoren wie die Südafrikanerin Wilma Stockenström, die Niederländerin Anna Blamann sowie Barbara Strohschein konnte der Verlag nicht durchsetzen.

Ökonomische Stütze war in dieser Zeit der Arche Literatur Kalender,  der erstmals für das Jahr 1985 erschien und von dem insgesamt nach Angaben des Verlags über eine halbe Million Exemplare verkauft wurden. Später erweiterten die Verlegerinnen mit dem Arche Musik Kalender (1995) und dem Arche Küchen Kalender (2004) die Grundidee zur Produktfamilie. Beim späteren Verkauf des Verlags behielten die Verlegerinnen diesen Teil und führen ihn bis heute fort.

Ermutigt durch den Erfolg des Literaturkalenders wagte der Verlag mit dem Kauf des literarischen Teils des Luchterhand Verlags eine spektakuläre Expansion. Der Hermann Luchterhand Verlag in Neuwied als gemischter Verlag aus dem weitaus größeren juristischen Fachverlag und dem literarischen Verlag war 1987 an den niederländischen Kluwer-Konzern (heute Wolters Kluwer) verkauft worden. Das literarische „Anhängsel“ in Darmstadt war für den Fachbuch- und Wissenschaftsriesen nicht von Interesse, und so konnte Arche noch im selben Jahr den renommierten literarischen Teil mit Autoren wie Günter Grass, Peter Härtling, Gabriele Wohmann, Anna Seghers und Christa Wolf sowie der Taschenbuchreihe „Sammlung Luchterhand“ zu einem vermutlich nicht allzu hohen Preis übernehmen, denn „wir suchten ein Standbein in der Bundesrepublik“. Zu spät musste man feststellen, dass die Taschenbuchrechte für den neuen Roman von Grass, Die Rättin, kurz vor den Verhandlungen mit Kluwer zu einem hohen Vorschuss verkauft worden waren. Zudem stellte sich später heraus, dass die Verluste des literarischen Luchterhand Verlags über die letzten zehn Jahre hinweg nicht in der Bilanz auftauchten, weil man durch kreative Buchführung die Herstellkosten durch die hauseigene Druckerei nicht ausgewiesen hatte.

Die Wiedervereinigung Deutschlands im Jahr 1990 hatte für Luchterhand dramatische Folgen, denn der Verlag lebte in hohem Maß von den Lizenzen, die DDR-Verlage dem westdeutschen „linken“ Verlag Luchterhand übertragen hatten. Auf dem nun gesamtdeutschen Buchmarkt fielen die Rechte in der Regel an den lizenzgebenden DDR-Verlag zurück, allen voran an den Aufbau Verlag mit Christoph Hein, Hermann Kant und Irmtraud Morgner. Im Sommer 1991 siedelte der Verlag nach Hamburg über, weil die finanzielle Situation nach der Kündigung eines Bankkredits schwierig geworden war und der dortige Senat mit zinsgünstigen Krediten lockte: „Der Umsatz war bei gleichbleibenden Fixkosten dramatisch gesunken.“ Weitere Maßnahmen, um den Verlag zu stabilisieren, waren notwendig. Die Vertriebsrechte und das Warenlager der „Sammlung Luchterhand“ wurden an den Deutschen Taschenbuch Verlag in München verkauft, und das operative Geschäft von Arche, die noch immer in Zürich residierte, wurde nach Hamburg verlagert sowie Lektorat und Presse für die beiden Verlage dort zusammengefasst. Doch die Maßnahmen fruchteten nicht, sodass die Verlegerinnen schließlich ihre Anteile zum 1. März 1994 an den Münchner Wirtschaftsanwalt Dietrich von Boetticher verkaufen mussten, um „wenigstens unsere Arche, die kleine ‚Mutter‘, zu retten“. Ein Jahr später wurde auch der mit der Arche übernommene Verlag Sanssouci, „das heitere Beiboot“, an den Carl Hanser Verlag in München verkauft, wo er lange Zeit erfolgreich geführt wurde: „Ich hatte keine Ader für Sanssouci“, merkt Raabe selbstkritisch an.

Die Jahre zwischen 1995 und 2002 bezeichnet die Autorin als „Höhepunkte in unserem Verlegerinnenleben“, und in der Tat erschienen in dieser Zeit wichtige und auch erfolgreiche Bücher, unter anderem von Jürg Amann, Maarten ’t Hart, Stéphane Hessel und Peter Stamm. Doch in allen Fällen „begann das übliche Endspiel“, und die Autoren wechselten zugunsten lukrativer Vorschüsse zu großen Verlagen. Die Jahre bis zum Verkauf des Verlags an die Oetinger Gruppe nehmen nur wenige Zeilen in der „Kleinen Chronologie der verlegerischen Ereignisse“ ein, die das Buch beschließt.

Das Buch ist der nach den jeweiligen Verlagsadressen in Zürich und Hamburg strukturierte Bericht über anspruchsvolle Projekte und Titel, über Misserfolge, über Kooperationen, über Mitarbeiter und Buchhandelsvertreter. Im Zentrum stehen aber die Begegnungen mit Autoren, Übersetzern, Erben, Nachlassverwaltern und Verlegerkollegen. Allerdings reiht sich zu oft Kleinporträt an Kleinporträt. Nur selten wird eine Person wie in dem liebevollen Porträt des Filmkritikers Karsten Witte wirklich plastisch beschrieben. Auch sprachlich rutscht das manchmal in dürre Beschreibungsprosa ab: „Der Autor Dürrenmatt erlebte in den nächsten fünf Jahren bis zu seinem Tod 1990 eine Phase neuer Produktivität und großer literarischer Ehrungen.“ Dazu gehören auch die langen Aufzählungen der Personen, die bei einem Verlagsfest anwesend waren, wie etwa bei der Party anlässlich des 40-jährigen Bestehens des Verlags im Jahr 1984.

Verlagshistorisch interessant wären einige Zahlen zur Ökonomie. Leider bleibt die oben zitierte Verkaufszahl vom „Literaturkalender“ mehr oder weniger die einzige konkrete Angabe. Zwar kann man zu Recht keine Zahlen zu den Übernahmepreisen bei dem Kauf von Luchterhand oder dem Weiterkauf an von Boetticher oder dem Erlös aus dem Sanssouci-Deal mit Hanser erwarten, aber Umsatzzahlen sind heutzutage nicht mehr das Geheimnis, das hier aus ihnen gemacht wird.

Die Frage nach dem ökonomischen Hintergrund des Verlags und dem entsprechenden Engagement von Regina Vitali wird immer wieder charmant abgebogen, doch klar ist, dass Vitali vielleicht nicht „ganze Straßenzüge“ in Zürich besaß (wie in der Branche kolportiert wurde), aber sie doch den Verlag mit zinslosen Darlehen und der sicher kostengünstigen Überlassung eigener Immobilien stützte, bis ihr Vermögen „aufgebraucht“ und der Verlag auf die „großzügige Hilfe einer Hamburger Mäzenin“ angewiesen war. Man hätte es ja nicht so unverblümt-unverschämt ausdrücken müssen, wie Peter Härtling das bei den Verhandlungen über das Luchterhand-Autorenstatut tat. Er fragte Vitali, „ob sie denn noch eine zusätzliche Wiese aus dem Erbe ihrer Mutter habe, wenn die Zeiten schlechter würden“.

Das Buch ist im Eigenverlag Edition Momente erschienen und wurde von dem von Raabe hoch gelobten Max Bartholi gestaltet, der von Anfang als Buchdesigner und Typograf deren verlegerisches Wirken begleitet hat. Leider sind fast alle der rund 120 Schwarz-Weiß-Abbildungen nur wenig mehr als briefmarkengroß und kommen so im ohnehin kleinformatigen Buch nicht zur Geltung; zudem sind sie oft von schlechter Qualität. Die Bildunterschriften fehlen ganz, die Informationen finden sich nur versteckt im Anhang. Neben den beiden Verlegerinnen ist Raabes um elf Jahre älterer Bruder Paul die am häufigsten abgebildete Person. Dies unterstreicht seine wichtige Rolle als Autor und Herausgeber, als Mentor und Ratgeber. Ihm ist, neben dem weiteren Bruder Wilhelm, das Buch gewidmet.

Titelbild

Elisabeth Raabe: Eine Arche ist eine Arche ist eine Arche. Verlegerinnenleben.
Edition Momente Raabe + Vitali, Hamburg 2016.
240 Seiten, 22,00 EUR.
ISBN-13: 9783952443316

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