Des Kaisers neue Uhren

In „Cox oder Der Lauf der Zeit“ erkundet Christoph Ransmayr das Geheimnis der Ewigkeit

Von Dietmar JacobsenRSS-Newsfeed neuer Artikel von Dietmar Jacobsen

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Eine Reise von James Cox – englischer Uhr- und Automatenmacher, Juwelier und Unternehmer – nach China ist historisch nicht verbürgt. Bekannt hingegen ist die Tatsache, dass die Firma Cox & Son in den 1760er-Jahren – vermittelt durch die Britische Ostindien-Kompanie als Inhaberin des Handelsmonopols für Indien und China – begann, ihre in aller Welt begehrten Erzeugnisse auch nach Fernost zu exportieren. Als Geschenke der Kompanie für den chinesischen Kaiser Qiánlóng etwa fertigten die Cox-Werkstätten 1766 zwei Automaten, die dem Beijinger Herrscher so gut gefielen, dass das Reich der Mitte sich bis zum Verbot des Exports von Luxusgütern nach China durch die britische Regierung (1772) zu Cox’ Hauptabsatzmarkt entwickelte.

Basierend auf diesen historischen Fakten lässt Christoph Ransmayr (Jahrgang 1954) seinen neuen Roman – den ersten seit Der fliegende Berg (2006) – in China spielen. Sein Uhrmacher Cox, dem er den Vornamen Alistair gegeben hat, um die Distanz zwischen Realität und Fiktion zu unterstreichen, begegnet darin auf Einladung des kaiserlichen Hofs dem chinesischen Alleinherrscher Qiánlóng und macht sich auf dessen Wunsch mit drei Gehilfen daran, Uhren zu bauen, die ganz unterschiedliche Zeiten zu messen in der Lage sind: eine, deren Tempo dem Zeitgefühl eines Kindes nachempfunden ist, eine, die dem Zeitempfinden eines Sterbenden entsprechen soll und schließlich – als Meisterwerk – einen Automaten, der, völlig unabhängig vom Menschen, der Zeit als abstrakter Kategorie Ausdruck verleihen soll.

„Cox erreichte das chinesische Festland unter schlaffen Segeln am Morgen jenes Oktobertages, an dem Qiánlóng, der mächtigste Mann der Welt und Kaiser von China, siebenundzwanzig Steuerbeamten und Wertpapierhändlern die Nasen abschneiden ließ.“ Mit diesem Satz, der nicht nur den hohen literarischen Ton des Folgenden vorgibt, sondern auch vorwegnimmt, was den aufgeklärten europäischen Intellektuellen am Hofe eines Mannes erwartet, dessen Wünsche Befehle sind und der bereits geringste Vergehen mit grausamsten Strafen ahndet, beginnt der Roman.

Thematisch wird damit ein Gebiet betreten, in dem Ransmayr sich auskennt wie kein zweiter deutschsprachiger Gegenwartsautor. Schon Die Schrecken des Eises und der Finsternis (1984), sein Debütroman, führte seine Leser auf den Spuren der österreichisch-ungarischen Nordpolarexpedition von Julius Payer und Carl Weyprecht (1872–1874) in unbekannt-exotische Weltgegenden, kam als eine Mischung aus Dokumentarbericht und Fiktion daher und arbeitete mit dem Motiv der Grenzüberschreitung. Eine Schiffsreise zu exotischen Gestaden – nach Tomi, dem Verbannungsort des Dichters Ovid – steht auch am Beginn von Ransmayrs bis dato wohl erfolgreichstem Buch Die letzte Welt von 1988. Und in einem jüngeren Stück, Odysseus, Verbrecher. Schauspiel einer Heimkehr (2010), erzählt der Autor, wie der wohl berühmteste Held der Antike, dessen Rückreise vom Kriegsschauplatz Troja in die Heimat zu Frau und Kind sich zu einer 10-jährigen Irrfahrt auswuchs, sich in seinem alten Leben nicht mehr zurechtfindet.

Um eine Fahrt in die Vergangenheit handelt es sich auch bei der siebenmonatigen Reise, die Alistair Cox mit seinen drei Gehilfen nach China führt. Die Reisenden kommen aus einer aufgeklärten Gesellschaft, landen aber in der Verbotenen Stadt inmitten einer feudalen Ordnung, die jedem Menschen seinen Platz zuweist, Zuwiderhandlungen mit Folter oder Tod bestraft und absolute Unterordnung unter einen zentralen, nicht kritisierbaren Willen fordert. Dessen menschliche Inkarnation ist der Kaiser. 42 Jahre alt, ein „beinahe zierlich wirkender Mann“, dessen Gesetze „jede Regung des Lebens, den Lauf eines Flusses, Küstenlinien, selbst das Augenspiel und die geheimsten Gedanken“ jedes seiner Untertanen bestimmen, ist er andererseits aber auch Schöngeist und Verseschmied, hochbegabter Kalligraph, Maler, Kunstsammler sowie -mäzen und in seiner Eigenschaft als „Herr der zehntausend Jahre“ auch Gebieter über die Zeit.

Natürlich ist es diese Disposition, die Qiánlóng (1711–1799), dessen Regierungszeit von knapp 60 Jahren von der Geschichtsschreibung zu einem der „Goldenen Zeitalter“ der chinesischen Zivilisation verklärt wurde, bestimmt, mit Hilfe des englischen Uhrmachers, dessen Ruf an den großen Höfen der Welt ein ganz ausgezeichneter ist, etwas nie Dagewesenes zu schaffen. Mit der perfekten Schöpfung einer Uhr, die, einmal in Gang gesetzt, die Zeit auch dann noch misst, wenn die Welt an ihr Ende gekommen ist, will er sich und seiner Größe ein Denkmal über die eigene Lebenszeit hinaus setzen. Auch wenn er nicht mehr ist, soll „seine“ Zeit noch gemessen werden.

Doch der Perfektionist Alistair Cox braucht zu seinem Meisterstück selbst mehr Zeit als anfänglich veranschlagt. Nach dem tragischen Tod eines seiner drei Gehilfen sind die Uhrmacher nur noch zu dritt. In fremder Umgebung mit einer fremden Sprache – für die ihnen der Kaiser einen eher undurchsichtigen Übersetzer an die Seite gegeben hat – sowie mit fremden Gebräuchen konfrontiert, müssen sie aufpassen, nicht in Fettnäpfchen zu treten, die den Tod bedeuten könnten. Als Cox schließlich auf die Idee kommt, seine Uhr mithilfe eines Antriebs, der, wie in einem Thermometer, Quecksilberbewegungen bei steigendem und sinkendem Luftdruck benutzt, um den Zeitmesser von jeglicher Einflussnahme durch den Menschen zu befreien – er also praktisch an einem Perpetuum Mobile arbeitet – wird im Hofstaat des Kaisers bereits gemurrt. Denn es ist Winter geworden, man hält sich aber immer noch in der von Peking weit entfernten Sommerresidenz auf, weil Cox’ Werk dort zu einem Ende gebracht werden soll.

Mit Cox oder Der Lauf der Zeit hat Christoph Ransmayr einen Roman vorgelegt, der in historischer Kulisse das Verhältnis von Kunst und Macht untersucht. Beide streben nach Vollkommenheit. Kann die unangreifbare Herrschaft des chinesischen Kaisers Qiánlóng aber durch Dekrete verfügt werden, so entziehen sich die Meisterwerke des Alistair Cox jeglichem Erlass. Zwar hat der Kaiser pro forma die Verfügungsgewalt über das Genie seines englischen Gastes, ist aber machtlos, was die Fertigstellung des Wunderwerkes betrifft, das er in Auftrag gegeben hat.

Dass er als Herr über ein perfekt organisiertes Staatswesen allmählich beginnt, in Cox, dem Erbauer einer vollkommenen Apparatur zur Ausmessung der Ewigkeit, einen ihm Ebenbürtigen zu sehen, schließlich sogar das Zeremoniell des eigenen Hofes durchbricht, indem er dem Uhrmacher schutzlos von Angesicht zu Angesicht gegenübertritt und das Wort an ihn richtet, darf als Zeichen dafür angesehen werden, dass ihm, während an etwas gebaut wird, das die Dimension der Zeit hinter sich lassen soll, langsam die Begrenztheit seines eigenen Lebens bewusst wird. Schließlich wird der Zeitmesser, die „Himmelsuhr“, zwar fertig, aber durch den Kaiser selbst niemals in Betrieb genommen.

Titelbild

Christoph Ransmayr: Cox oder Der Lauf der Zeit. Roman.
S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2016.
304 Seiten, 22,00 EUR.
ISBN-13: 9783100829511

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch