Krimi-Erzählung ad absurdum

Für „Babylone“ hat Yasmina Reza den Prix Renaudot erhalten

Von Tanja SchabackerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Tanja Schabacker

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

In ihrer Erzählung Babylone schlägt Yasmina Reza neue Wege ein: Statt den normalen Alltagswahnsinn „ad absurdum“ zu führen, führt ihr Récit den Leser durch einen Totschlag in eine ganz neue Ebene des Absurden ein – und setzt somit die Weichen für eine intensive Auseinandersetzung mit dem menschlichen Sein. Diese andere Art der Reflexion, kombiniert mit einem Totschlag, lässt die schon in vorherigen Werken der Stückeschreiberin und Roman-Autorin stets angespannte Stimmung endgültig eskalieren. Im vergangenen Jahr bescherte dieser Roman der ‚Göttin des Gemetzels‘ den Prix Renaudot.

Die 62-jährige und mit ihrem Leben durchaus unzufriedene Elisabeth beschließt, eine Frühlingsfeier zu veranstalten. Leicht gewinnt man den Eindruck, die Erzählerin sehe keinen Sinn in ihrem Leben: „Aujourd’hui j’ai soixante-deux ans. Je ne pourrais pas dire que j’ai su être heureuse dans la vie, je ne pourrais pas me donner quatorze sur vingt à l’heure de ma mort.“ – „Heute bin ich zweiundsechzig Jahre alt. Ich könnte nicht sagen, dass ich je gewusst hätte, wie man im Leben glücklich sein könnte, zu meinem Todestag könnte ich mir nicht die Note 1,8 geben.“ Obwohl sie in ihrer Jugend noch Träume und einen gewissen Tatendrang hatte, war sie dem Leben schon immer eher negativ gegenübergestellt. Nach langen Reflexionen ihrerseits, in denen es unter anderem um alte bereits verstorbene Freunde wie Joseph Denner, mit dessen Hilfe sie Fotos gleicher Motive aus verschiedensten Perspektiven schießt, ihren mittlerweile erwachsenen Sohn Emmanuel, der später auch ihre Feier besucht, oder einfach nur ihre Angst vor der Organisation und dem Ablauf der Feier geht, verbringen Elisabeth, ihr Ehemann Pierre und die anwesenden Gäste letztendlich einen entspannten und ausschweifenden Abend.

Eine Party, eine Vielzahl angetrunkener Gäste – vor allem ältere Menschen, die zwanghaft versuchen, ihrem Leben irgendwie noch einen Sinn abzugewinnen oder viel zu nostalgisch in alten Zeiten festzustecken scheinen: Auf den ersten Blick wirkt der Ablauf von Babylone wie derjenige eines typischen Reza-Romans oder Stückes.  Seinen Höhepunkt erreicht der Récit jedoch in der Mitte: Nach der Party klingelt einer ihrer Gäste, Jean-Lino, zu dem sie ein ungewöhnliches, aber inniges Verhältnis hegt, an ihrer Tür. Er gesteht, seine Frau Lydie getötet zu haben. Die Gründe sind oberflächlich betrachtet ebenso absurd: Eine eskalierte Diskussion wegen eines Bio-Hühnchens und ein Tritt, den Lydie Jean-Linos Katze verpasste. Doch statt die Polizei zu rufen, entschließt Elisabeth sich letztendlich dazu, Jean-Lino bei der Entsorgung der Leiche zu helfen…

Obwohl der Roman, dessen Ausarbeitung fast schon an einen Kriminalroman erinnert, sich deutlicher auf der Handlungsebene abspielt als Rezas restliche Romane und Stücke, findet der Leser wie gewohnt auch hier die Frage nach dem Sein und den Abgründen des Menschen. Der teilweise ungewohnte Schreibstil in Form einer Krimi-Erzählung weist tatsächlich eine nicht wenig komplexe und nachzuverfolgende Geschichte auf, was man aus ihren restlichen Werken wie etwa dem Theaterstück Der Gott des Gemetzels nicht gewohnt ist. Doch gerade durch das Récit politique kann die Autorin tiefer in die Frage des Seins eintauchen. So sehr einige Passagen in einer Reza-Erzählung auch deplatziert wirken mögen, desto mehr kann sich der Leser mit einer grundlegenden Problematik auseinandersetzen: Welchen Sinn hat eigentlich das Leben und hängt der Sinn, dem ich meinem Leben gebe, nicht von dem Blickwinkel ab, den ich einnehme? Dies wird durch die Bezugnahme der Erzählerin auf das Fotobuch The Americans des Fotografen Robert Frank, das wie ein roter Faden immer wieder im Roman aufgegriffen wird, unterstrichen. Ebenso wären wir durch diese unterschiedlichen Perspektiven wieder bei den obskuren Abgründen eines jeden Menschen, denn paradoxer Weise erhält man den Eindruck, dass Elisabeth ihren neuen Lebenssinn in der Unterstützung Jean-Linos sieht.

 

Insgesamt liefert Babylone ein Dialog- und diesmal auch Handlungsgefecht der 58-jährigen Autorin, was für Rezas Verhältnisse erschreckend leise und teilweise sehr im Kriminalstil geschrieben ist. Das steht der Gesamtaussage des Romans aber nicht entgegen: Der Sinn der menschliche Existenz, die der Unbedeutsamkeit, den Wunden, der Einsamkeit und den Spuren der Zeit ausgeliefert ist, muss – wenn auch mit sonderbaren Maßnahmen – verteidigt werden. Denn letztlich machte in Rezas Werken nie wirklich die Handlung das Absurde aus, sondern vielmehr die laut erscheinenden Reflexionen und die etlichen Gespräche, die uns jeweils in die Abgründe des Menschseins führen. Durch die Einordnung der Erzählung in das Genre récit policier wird dies lediglich untermauert. Und legt die Wahl dieser Protagonistin in ihren Sechzigern nicht die Vermutung nahe, dass Reza durch die Person Elisabeth teilweise ihre eigenen finstersten Gedanken – ihre „babylonischen“ Schattenseiten – ausdrücken und verschriftlichen möchte? Es bleibt offen, ob diese auf den ersten Blick philosophische Reflexion vielleicht autobiographische Züge beinhaltet.

Ein Beitrag aus der Redaktion Gegenwartskulturen der Universität Duisburg-Essen

Titelbild

Yasmina Reza: Babylone.
Editions Flammarion, Paris 2016.
300 Seiten, 21,99 EUR.
ISBN-13: 9782081375994

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