Turning Tables and other Objects

Ein Band aus der Reihe „Beiträge zu einer kulturwissenschaftlichen Mediävistik“ befasst sich mit Dingforschung und dem „Material Turn“

Von Alissa TheißRSS-Newsfeed neuer Artikel von Alissa Theiß

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

„Dinge stehen derzeit hoch im Kurs“ bemerkt die Mediävistin Anna Mühlherr in ihrer Einleitung und greift damit einen allgemein zu beobachtenden Trend auf, der Objekten in Literatur und Kunst einen hohen Stellenwert zumisst. Dinge sind Gegenstand von Tagungen, Einzeluntersuchungen und großen Forschungsprojekten. Der „Material Turn“ lässt sich in nahezu allen Bereichen der Geistes- und Gesellschaftswissenschaften ausmachen. Davon zeugt nicht zuletzt eine ganze Reihe von Handbüchern zum Thema, die in den letzten Jahren vorwiegend in englischer und deutscher Sprache erschienen sind.

Mit Dingkulturen wird nun ein Sammelband vorgelegt, der sich mit Objekten in der Vormoderne beschäftigt, wobei der Schwerpunkt auf dem Mittelalter liegt. Den Herausgebern Anna Mühlherr, Heike Sahm, Monika Schausten und Bruno Quast, die allesamt Professuren für Germanistische Mediävistik innehaben, kommt – so viel sei vorweggenommen – das Verdienst zu, mit ihrem Band die noch junge Disziplin der Dingkulturforschung im mediävistischen Forschungsdiskurs verortet und konturiert zu haben.

Die in Dingkulturen versammelten Beiträge gehen auf das gleichnamige Kolloquium zurück, das im September 2012 in Freudenstadt im Schwarzwald stattgefunden hat. Formuliertes Ziel der Tagung war es, das mediävistische Gespräch über Dinge voranzutreiben und zu vertiefen. Außerdem wurde Anschluss an zentrale Theoreme der internationalen Dingforschung gesucht. Lediglich zwei der Kolloquiumsvorträge finden sich nicht in dem Band, dagegen sind vier weitere Beiträge hinzugekommen, was in der Summe genau 20 macht.

Die Einleitung Mühlherrs, die als programmatische Skizze des Themas verstanden werden möchte, gibt einen Überblick über den Forschungsstand seit den letzten 15 Jahren. Als theoretische Basis der Dingforschung werden hier im Besonderen die Gabentheorie von Marcel Mauss sowie die Akteur-Netzwerk-Theorie Bruno Latours angeführt, die auch für die Mediävististik grundlegend sind. Verwiesen wird zudem auf die Vorreiter einer mediävistischen Dinghermeneutik – beispielsweise Friedrich Ohlys Untersuchung zum vierfachen Schriftsinn – oder zur Sachkulturforschung – namentlich Joachim Bumkes Monografie Höfische Kultur – sowie die in den letzten Jahrzehnten vermehrt in den Blick genommene Rolle von Farben in der mittelalterlichen Literatur. Allein aus dieser Auswahl geht schon deutlich hervor, dass es hier ganz besonders um erzählende Texte des Mittelalters geht. Nur am Rande sei bemerkt, dass eingehende Untersuchungen der Bedeutung von Dingen und Objekten in pragmatischer Literatur noch weitgehend ausstehen. Die Leitfragen, die Mühlherr für den Tagungsband formuliert, beziehen sich dementsprechend auch in erster Linie auf literarische Quellen. Sie lauten „Was lehren uns die Texte über die Dinge?“ und „Was kann eine dingzentrierte Lektüre für ein verbessertes Verständnis der Texte leisten?“. Diesen Fragen nähern sich die einzelnen Beiträge aus ganz unterschiedlichen Richtungen. Zur besseren Handhabung des umfangreichen Bandes wurden sie jeweils einer von fünf Kategorien – Geschichte, Zirkulation, Funktion, Bedeutung und Ästhetik – zugeordnet. Diese Kategorien werden in der Einleitung sehr ausführlich und bereits mit Hinweisen auf die einzelnen, darunter gruppierten Beiträge besprochen. Daran schließt sich eine Zusammenfassung aller Beiträge an, was zu unvermeidbaren Redundanzen führt. Die einzelnen Beiträge, die im Schnitt etwa 20 Seiten umfassen, bauen thematisch aufeinander auf und sind allesamt sehr umsichtig angeordnet.

Es fällt auf, dass zwar in der Einleitung auf den von Elke Brüggen in ihrem Beitrag vorgenommen Überblick über den Stand der Objektforschung hingewiesen wird, dieser allerdings nicht in das Einleitungskapitel aufgenommen wurde. Dabei hat Brüggens umfassende Einführung in die Forschungsgeschichte selbst den Charakter einer monografischen Einleitung und hätte möglicherweise an anderer Stelle eine größere Würdigung erfahren können. In ihrem Beitrag zur gewaltsamen Aneignung von Objekten im Parzival untersucht Brüggen das Wechselspiel zwischen Rücksichtslosigkeit und materiellem Begehren, was ganz besonders an der Episode von der Tötung Ithers und der anschließenden Beraubung des Toten durch Parzival deutlich wird.

Mit dem Parzival beschäftigen sich auch die Beiträge von Bruno Quast und Michael Stolz, die sich dem Ding aller Dinge: dem Gral aus unterschiedlicher Perspektive annähern. Quast stellt fest, dass im Parzival Ding und Kollektiv quasi symbiotisch miteinander verbunden sind und es ohne den Gral auch keine Gralsgemeinschaft gebe. Deswegen plädiert er dafür, Dinge in der Textanalyse als gleichberechtigte Aktanten zu berücksichtigen, um sich so ihrer Bedeutung für die Erzählung gewahr werden zu können.

Stolz betrachtet in seinem Beitrag die Aussagekraft von Dingwiederholungen im Parzival und geht dabei sehr feinsinnig auf die verschiedenen Handschriftenvarianten ein: In der einen Lesart wird gesagt, dass das Ding, um das es geht, Gral heiße, in der anderen, dass das Ding der Gral sei. Indem Stolz beiläufig kommentiert, diese zwei Versionen könnten beinahe an Positionen des hochmittelalterlichen Universalienstreits angebunden werden, eröffnet er dem Leser neue Gedankenräume.

Monika Schausten widmet sich Rüdigers Gaben im Nibelungenlied. Sie sieht die Rüdigerfigur im Kontext gabenökonomischer Praktiken konstruiert und arbeitet plausibel heraus, dass es sich bei Rüdigers Gabenpolitik um mehr als die mittelalterliche Tugend milte handelt. Sie macht deutlich, dass das Schenken im Nibelungenlied in erster Linie als Teil einer aggressiv-agonalen politischen Interaktionsstrategie ausgeführt wird.

Neben literarischen Werken, von denen hier nur eine Auswahl vorgestellt wurde, kommen in den Beiträgen auch konkrete Objekte als Untersuchungsgegenstand vor. So betrachtet Silke Tammen spätmittelalterliche Reliquiare in Tierform, von denen das wohl außergewöhnlichste, der sogenannte Stelzenfisch (ein durch und durch hybrides Gebilde), das Cover des Bandes ziert. Matthias Hardt beschäftigt sich mit der Bedeutung von Tafelgeschirr aus Edelmetall für die frühmittelalterliche Elite, zieht dabei allerdings weniger die Artefakte selbst, als ihre Erwähnung bei Gregor von Tours, in der Fredegar-Chronik oder im Beowulf heran.

Beschäftigen sich die bisher genannten Beiträge mit dem Zeitraum vom frühen bis zum hohen Mittelalter, so verfolgen Christoph Huber und Valentin Christ Dinge von der antiken bis in die mittelalterliche Literatur, wobei sich Huber mit dem Motiv des Zankapfels auseinandersetzt und Christ die Rolle von Pfeilen in der Aeneis und dem Eneasroman untersucht. Zeitlich noch weiter zurück reicht der Beitrag von Patric-Alexander Kreuz und Tobias L. Kienlin, in dem anhand eines früheisenzeitlichen Bronzeobjekts aus Griechenland exemplarisch eine Objektbiographie nachgezeichnet wird. Das Objekt wird dabei in seinen jeweiligen Bedeutungskontext, zum Beispiel als Grabbeigabe, gestellt und mit Schilderungen von Objekten bei Homer verknüpft. Vorangestellt ist dieser Untersuchung eine umfangreiche Einleitung in die Theorie des Objekts. Den Bogen zur Gegenwart schlägt schließlich Justin Vollmann, der die Ästhetik der Crône mit der Kunsttheorie Niklas Luhmanns in Verbindung bringt.

Dingkulturen beschäftigt sich also mit der Rolle von Objekten in einem sowohl räumlich als auch zeitlich interdisziplinär angelegten Koordinatensystem. Dadurch gelingt eine holistische Annährung an die Bedeutung von Objekten in der Vormoderne – mit dem Ergebnis, dass Dinge (verstanden als einzelne, stoffliche, abgrenzbare Objekte) sich in der Hauptsache in einem Spannungsverhältnis zwischen Wirkmächtigkeit und Widerständigkeit konstruieren. Aus der Langlebigkeit der Dinge, die oft viele Menschengenerationen überdauern, resultiert außerdem ihre große Bedeutung für das kulturelle Gedächtnis. Die Wichtigkeit der Sachkulturforschung und Dinghermeneutik für das Verständnis vormoderner Epochen ist nicht zuletzt aus diesem Grund evident.

Mit Dingkulturen haben die vier Herausgeber einen Band publiziert, der grundlegende Beiträge aus dem Bereich der Dingforschung versammelt. Durch seine interdisziplinäre Tiefe ist der Sammelband nicht nur für Mediävsiten unbedingt zu empfehlen.

Ein Beitrag aus der Mittelalter-Redaktion der Universität Marburg

Titelbild

Anna Mühlherr / Heike Sahm / Monika Schausten / Bruno Quast (Hg.): Dingkulturen. Objekte in Literatur, Kunst und Gesellschaft der Vormoderne.
De Gruyter, Berlin 2016.
463 Seiten, 99,95 EUR.
ISBN-13: 9783110448955

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