Schillers andere Hälfte

Eine historisch-kritische Edition bringt mit Charlotte Schillers Schriften literarische Neuigkeiten aus dem Schatten ans Licht

Von Anett KollmannRSS-Newsfeed neuer Artikel von Anett Kollmann

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Wie muss man sich das vorstellen bei den Schillers? Das Genie arbeitet im oberen Stockwerk Tag und Nacht an seinem Ruhm, die züchtige Hausfrau und Mutter der Kinder waltet unten und wimmelt die Besucher ab? Ganz so war es nicht. Manchmal saß der Gatte auch über den literarischen Arbeiten seiner Frau und redigierte sie für eine Veröffentlichung im Journal der Romane oder in der Flora. Wie viel oder wenig Hand er dabei an die Schriften legte, ist nun in der kritischen Edition ihrer Texte nachzulesen.

Neben Erzählungen, von denen mindestens vier in besagten Frauenzimmer-Zeitschriften erschienen sind, umfasst der über eintausendseitige Band Romanentwürfe, Schauspiele, adaptierte Übersetzungen, Gedichte und Autobiografisches. Charlotte Schiller schrieb Gesellschaftsgeschichten nach modernen französischen Vorbildern ebenso wie Dramen und Romanentwürfe, die historische Begebenheiten zur Szenerie machten. In der Lyrik thematisiert sie selten ihr eigenes Befinden, sie widmet sich der Natur, ihrer Ehe oder greift balladenhaft antikisierte Stoffe auf. Die überlieferten Texte zeigen sie als umfassend gebildet und intellektuell auf der Höhe ihrer Zeit. Obwohl sie sich nicht immer eindeutig datieren lassen, wird deutlich, dass die Verfasserin schon vor der Ehe und nach dem Tod ihres berühmten Mannes zur Feder griff. Neben Friedrich Schiller, der sie zu eigenen Geschichten ermunterte und sich zu ihrem Mentor machte, griff auch ihre ältere Schwester Caroline in ihre Texte ein. Aus der Position einer selbstbewussten und professionellen Schriftstellerin überarbeitete Caroline von Wolzogen die biografischen Schriften Charlottes über ihren Mann für die Publikation und hat zu diesem Zweck auch in eines der Gedichte „hinein corrigiert“, das Charlotte anläßlich ihres Hochzeitstages verfasst hatte.

Gaby Pailer, die Herausgeberin der Literarischen Schriften, kommt diesen Korrekturen auf die Spur und ediert mit den Handschriften, die im Goethe-und-Schiller-Archiv Weimar lagern, erstmals zuverlässig die Originale zusammen mit den Bearbeitungen. Worin besteht beispielsweise der Unterschied, wenn Charlotte Schiller „aus der frühern Leidenschaft entreißen“ schreibt, und der versierte Gatte daraus „mir über meine Leidenschaft den Sieg verschaffen“ macht? Der Text bekommt männliche Würze. Solche Eingriffe sind jedoch selten, meist sind sie eher von der Art, wie sie ein guter Lektor an jedem Text vornimmt.

Die Edition ist das Ergebnis eines Forschungsprojektes an der University of British Columbia Vancouver, wo die Herausgeberin als Professorin lehrt, und bildet den zweiten Teil einer Bestandsaufnahme, der 2009 die Monografie Charlotte Schiller. Leben und Schreiben im klassischen Weimar vorausging und die eine Publikation der Korrespondenz abschließen soll.  Pailers literaturwissenschaftliche Arbeit am Thema, die bereits 1996 mit der Wiederentdeckung der Handschriften in Weimar begann und seit 2007 Gestalt annahm, zielt erfreulicherweise jedoch nicht darauf, Charlotte Schiller zu einem verkannten weiblichen Stern der Weimarer Periode zu machen. Pailer leistet mit Akribie und Präzision hervorragende Grundlagenarbeit, die es möglich machen wird, die Schriften von „Schillers anderer Hälfte“ (Pailer) in verschiedenen Kontexten zu erforschen und ihr eigenständiges Talent zu bewerten. Gleichwohl schafft es Pailer mit ihrer editorischen Großtat schon jetzt, mit biografischen Mythen aufzuräumen, die Charlotte vor allem als talentlose, duldsame Gattin ihres hochbegabten Mannes und als biederes Gegenstück ihrer forschen Schwester in die Literaturgeschichte projizieren. Noch heute folgen Biografien blind der Schiller’schen Männerfantasie vom komplementären Schwesternpaar im Leben des Genius. Zumindest in ihrer Selbstdarstellung war auch Charlotte ein lebhaftes Kind, das sich beim neugierigen Umherstreifen in der Natur oft verletzte und die Kleider zerriss. Dass sie sich in die auferlegten Grenzen ihres Geschlechts fügte, heißt nicht, dass sie nicht auch deren Beschränkung empfand: „Wäre ich von ihrem Geschlecht“, schreibt sie männlichen Briefpartnern, würde sie reisen oder „anatomie und medicin studiren, ich thäte es als Mädchen gern, wen es nur ginge“.

Mit der wissenschaftlichen Edition der literarischen Schriften und dem kritischen Kommentar der Archivalien fügt sich ein wichtiger Befund in die Materialien der literaturhistorischen Forschung zur Weimarer Epoche. Sie nur als weitere „Frauenzimmerlichkeit“ (Johann Wolfgang Goethe) unter dem Aspekt marginalisierten weiblichen Schreibens zu analysieren, würde Einsichten affimieren, unterschlüge aber das Erkenntnispotential, das sie beispielsweise als Zeugnisse anspruchsvollen, aber nicht professionellen und nicht publizistischen Schreibens bergen. Indem sie jetzt leichter zugänglich sind, können die Texte helfen, Charlotte Schiller in ihrem Selbstverständnis, ihren Motiven und ihrer Eigenständigkeit als Autorin neu zu beurteilen und ihre Arbeit vom Genius ihres Mannes ebenso zu emanzipieren wie von der Referenz der Schwester. Erste interessante Beobachtungen zur Stoffauswahl, Figurencharakterisierung, Textstruktur und literarischen Einflüssen liefert Gaby Pailer bereits in ihren Kommentaren.

Titelbild

Charlotte Schiller: Literarische Schriften.
Herausgegeben und kommentiert von Gaby Pailer.
WBG Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2016.
1024 Seiten, 99,95 EUR.
ISBN-13: 9783534239122

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