Einen Ort suchen, wo man leben kann, ohne ausgegrenzt zu werden

Interview mit Daniel Schreiber über sein Buch „Zuhause. Die Suche nach dem Ort, an dem wir leben wollen“

Von Gunnar KaiserRSS-Newsfeed neuer Artikel von Gunnar Kaiser

Entwurzelt sind wir, Unbehauste, nicht erst seit gestern. Aber doch scheint das Gefühl einer kollektiven Unsicherheit in der letzten Zeit stärker zu werden. Begriffe wie „Heimat“ und „Identität“ bekommen wieder Konjunktur; auf dem Buchmarkt boomen Titel, die sich die Frage „Was ist deutsch?“ stellen. Ein Zuhause ist uns nicht mehr einfach so in die Wiege gelegt worden, sagt der Schriftsteller Daniel Schreiber. Wir müssen es suchen, es selbst erschaffen.

Zuhause. Die Suche nach dem Ort, an dem wir leben wollen“ hat Daniel Schreiber sein neues Buch genannt, in dem er all diese Fragen mit einem persönlichen Blick verbindet. Wir haben uns in einem Café in Berlin-Neukölln getroffen, wo Schreiber seit acht Jahren wohnt.

Gunnar Kaiser: Sie haben in New York City und London gelebt, nun also Berlin. Aber warum sind Sie ausgerechnet nach Neukölln gezogen?

Daniel Schreiber: Von allen Bezirken Berlins ist Neukölln der durchmischteste. Hier sieht man  Leute aus aller Welt, hört fremde Sprachen: türkisch, arabisch, englisch. Für mich ist das sehr entspannend. Es erinnert mich noch ein wenig an die schmuddeligeren Ecken von Brooklyn. Außerdem waren damals, als ich hierhergezogen bin, die Mieten noch bezahlbar. Das ändert sich aber auch langsam.

Fühlen Sie sich dort am meisten zu Hause, wo sich die Leute am wenigsten dafür interessieren, wie Sie leben?

Es stimmt, durch diese Diversität wird man nicht so schnell verurteilt. Es ist einfach eine größere Offenheit vorhanden.

…oder doch eher Indifferenz?

Sicherlich ist auch Indifferenz dabei, aber die gibt es überall. Es ist Offenheit, wenn man hier eher akzeptiert, dass Leute anders aussehen, anders leben. Wenn ich den Grad an Offenheit hier in Neukölln mit dem an anderen Orten in Deutschland vergleiche, wird mir das sehr deutlich.

Ihr neues Buch trägt den Titel „Zuhause“. Nicht etwa „Heimat“ – ein Begriff, über den wieder öfter gesprochen wird. Wenn Sie auf diesen Begriff verzichten, steckt darin nicht auch ein Verzicht auf etwas, was alle verbindet, die an ein und demselben Ort leben? Während Zuhause etwas sehr Individuelles ist, das sich jeder selbst suchen muss?

Kulturhistorisch hat „Heimat“ ja nie existiert. In seiner romantischen Aufladung, wie wir ihn auch heute wieder verwenden, war der Begriff eine antimoderne Reaktion auf Landflucht und Industrialisierung. Er beschwor damit etwas, was es so nie gegeben hat: einen Sehnsuchtsort. Es ist eine retrospektive Verklärung, die von dem Wunsch nach Aufgehobensein getragen ist. Schon im „Dritten Reich“, aber auch in der DDR und der BRD gab es diese große Beschwörung, zum Beispiel in den Heimatfilmen der 50er-Jahre.
Heute leben wir wieder in einer Zeit, die von einer großen kollektiven Entwurzelung bestimmt ist. Darum habe ich das Buch geschrieben: weil ich sehen wollte, wie sich dieses Gefühl im individuellen Leben äußert. Menschen, die viel über Heimat sprechen, glauben, dass Heimat das Beständige sei. Dass ihnen die kollektive Absicherung, die sie sich durch diesen Begriff erhoffen, einen Halt im Leben geben würde. Sie glauben, dass die private und intime Verortung eben nicht beständig sei.
Mit dem Medienphilosophen Vilém Flusser möchte ich nun aber zeigen, dass genau das Umgekehrte der Fall ist: Das Individuelle ist das Beständige. Wir gehen Beziehungen ein, die oft ein Leben lang halten. Wir werden immer die Möglichkeit haben, uns ein Zuhause zu bauen und uns Menschen zu suchen, mit denen wir zusammenleben wollen. Wir werden immer einen Ort zu suchen, an dem wir uns aufgehoben fühlen können.
Der große kollektive Kontext dagegen ist viel unbeständiger: Grenzen werden schneller verändert, als wir wahrhaben wollen. Politische Gebilde fallen zusammen. Die Rechte von Schwulen, Lesben und Transgender-Menschen etwa werden derzeit in den USA komplett aufgeweicht – womit niemand gerechnet hätte, nachdem Jahrzehnte lang für sie gekämpft wurde. Letztlich ist es ein politischer Akt, sich selbst ein Zuhause zu suchen.

Überpersönliche Aspekte von Heimat wie Sprache oder Kultur bewegen sich aber schwerer in der Zeit, können nicht einfach gewechselt werden wie ein Ort. Kann man sich nicht auch in der Sprache zu Hause fühlen?

Früher wurden Menschen in soziale Kontexte hineingeboren, in Sippen oder Schichten, und denen blieben sie auch gefühlsmäßig verhaftet. Heute ziehen Menschen schneller um, leben nicht mehr an ihrem Geburtsort, und selbst wenn man dort bleibt, ist das eine bewusste Entscheidung. Generell kann man sagen, dass noch ein Zuhause vor 20 Jahren etwas war, das man in der Regel geschenkt bekommen hat – heute ist es etwas, was man sich sucht. Das hat viele positive, aber auch negative Aspekte.
Hinter „Sprache und Kultur“ steckt oft eine monolithische Vorstellung. Es gibt aber nicht nur die eine Sprache, oder die eine Kultur, die man eben hat oder nicht hat – jeder sucht sich da seinen eigenen Ort. Das Absurdeste bei der Flüchtlingsdebatte ist in dieser Hinsicht, dass hier Menschen befohlen wird, sich einer Kultur oder einem Wertesystem zu unterwerfen, von dem niemand weiß, was genau es ist. Dieses „Wertesystem“ ist viel aufgesplitterter und vielschichtiger, als die meisten annehmen. Und „Sprache und Kultur“ ist eine kollektive Ebene der Verortung, die oft impliziert, es gebe diese eine Heimat, das eine Wertesystem.

Man könnte es ja so bestimmen: Das westliche Wertesystem wird bestimmt durch die Werte der Aufklärung: Säkularisierung, Gleichberechtigung der Frau, Rechte von Minderheiten wie zum Beispiel der Homosexuellen. Sie sagen, man solle nicht von anderen fordern, sich dem westlichen Wertesystem zu unterwerfen. Aber wäre es angesichts der genannten Werte nicht geradezu gut, von anderen zu fordern, sich dem anzupassen?

Zum einen: Mein Buch ist nicht politisch in dem Sinne, dass ich für oder gegen bestimmte politische Lager argumentiere. Ich möchte ein Gesprächsangebot machen, eine Möglichkeit bieten, Leute zum Nachdenken über dieses sehr wichtige Thema zu bringen.
Zum anderen: Generell sind die „westlichen Werte“ ja gar nicht so, wie Sie sie darstellen; Rechte für Schwule und Lesben zum Beispiel sind ja sehr neu; noch 1994 hat die WHO Homosexualität als psychische Störung eingestuft. Von der Gleichberechtigung der Frau zu sprechen ist geradezu absurd, wenn Frauen in Deutschland im Durchschnitt 20 Prozent weniger als Männer verdienen – für die gleichen Jobs! Oder wenn es immer noch eine extrem weit verbreitete Laissez-faire-Haltung gibt, was sexuelle Gewalt gegen Frauen angeht.
Diese Werte, die Sie als westliche Werte beschwören, sind natürlich Werte, die ich von ganzem Herzen verteidige und die wir verteidigen müssen. Ich glaube aber, dass es nicht die Flüchtlinge sind, vor denen wir sie verteidigen müssen. Sondern vor denjenigen, die wirklich unseren Diskurs untergraben und das in ihre Parteiprogramme schreiben. Denen, die kulturell für einen so großen Umschwung sorgen, der all diese Werte tatsächlich in Frage stellt.
In den USA haben wir gerade das beste Beispiele dafür, was passiert, wenn bestimmte Gruppen ihren Einfluss geltend machen. Da sind es eben nicht muslimische Immigranten, die das westliche Freiheitsystem bedrohen, da ist es eine politische Klasse.

Aber ein Wert ist doch nicht etwas, was immer schon umgesetzt ist. Allein dass wir merken, dass jetzt etwas falsch läuft, heißt doch, dass wir ein Wertesystem haben, zu dem die Wirklichkeit im Widerspruch steht.

Ja, aber die Flüchtlinge sind die falschen Adressaten für solcherlei Forderungen, sich diesem Wertesystem anzupassen. Die Idee, dass wir Leute irgendwie umerziehen, dass wir sie kollektiv auf den richtigen Dreh bringen müssen, ist auch eine sehr deutsche Idee.
Ich finde es grauenhaft, wenn Menschen homophob oder frauenfeindlich sind. Dabei ist es egal, woher diese Menschen kommen. Aber was wir gerade erleben, ist eine klassische Freud’sche Verschiebung. Diese Werte werden gerade bedroht, und zwar von den 20 Prozent aller Leute, die bestimmte Parteien wählen in diesem Land. In deren Parteiprogrammen wird mit einer unfassbaren Deutlichkeit gegen schwule Mämmer gehetzt, wird ein Frauenbild transportiert, das selbst vor 50 Jahren schon altmodisch gewesen ist. Aus dieser Richtung werden unsere Werte bedroht; nicht von denen, die aus Kriegsgebieten gerade hier ankommen. Das kann man schon rein zahlenmäßig belegen – allein wenn es um Gewalt geht: Rechte Gewalt ist so wahnsinnig angewachsen in den letzten Jahren, darüber reden wir aber nicht wirklich.

Das klingt doch alles sehr politisch, obwohl Sie sagen, „Zuhause“ sei kein politisches Buch.

Es ist politisch in dem Sinne, dass es verdeutlicht, dass das individuelle Leben immer schon politisch ist. Aber es klagt nicht an, schlägt sich nicht auf eine Seite.

Gleichzeitig ist „Zuhause“ auch ein persönliches Buch. Sie erzählen, bisweilen rückhaltlos von Ihrem Leben, um zu verdeutlichen, worum es Ihnen geht. Trotzdem sind Sie auf Lesungen oder in Interviews eher zurückhaltend, was Fragen nach Ihrem Privatleben angeht. Wie kommen Sie mit diesem Gegensatz zurecht?

Das ist überhaupt kein Gegensatz. „Zuhause“ ist ein Essay, also eine literarische Form, die das Persönliche mit philosophischen, psychonanalytischen oder soziologischen Diskursen vermischt. Aber ich erzähle persönliche Dinge nicht um ihrer selbst willen. Ich will mit ihnen verdeutlichen, wie bestimmte Ideen sich in einem Leben manifestieren. Es ist immer ein Versuch, Sachen weniger abstrakt zu machen. Und es ist ein Gesprächsangebot – ich möchte Menschen durch den persönlichen Blick dazu anregen, sich selbst Fragen zu stellen, etwa: Wie ist es denn bei mir, in meinem Leben? Habe ich ein Zuhause? Suche ich es noch?

Gibt es da nicht Momente, in denen Sie Angst haben, mit Ihrem Schreiben den Menschen in Ihrem Leben vor den Kopf zu stoßen? Zu intim zu sein, ihnen zu nahe zu treten?

Ich überlege mir das natürlich genau. Ich beschreibe in einem Teil des Buches meine Kindheit in Mecklenburg-Vorpommern – eine Kindheit, die von sehr unschönen Erfahrungen geprägt war, weil man mir als kleinem Jungen schon ansah, dass ich einmal schwul werden würde. Was in diesem Zweihundert-Seelen-Dorf in den 1980ern auf eine relativ prononcierte Brutalität stießt. Diesen Teil habe ich zuerst meinen Eltern zu lesen gegeben, um zu sehen, wie es sich für sie anfühlt. Und sie fanden es toll und wichtig, dass ich darüber schreibe. Wenn sie aber gesagt hätten, dass es schlimm für sie wäre, was ich schreibe, hätte ich es mir nochmal überlegt.

Von einem Dorf in Mecklenburg-Vorpommern über New York und London nach Berlin – da lassen sich viele Brüche erahnen. Gibt es denn etwas, das Sie aus Ihrer Kindheit mitgenommen haben bis hierher und bis heute? Etwas Beständiges, eine Tradition? Oder ist Ihre Identität „selbstgemacht“? Wie es im Buch heißt: durch neue Menschen, neue Lektüre, den eigenen Willen.

Es ist natürlich immer eine Mischung, bei jedem Menschen. Zu glauben, man könnte sich von Grund auf neu erschaffen, das gelingt einem nur, wenn man noch sehr jung ist. Es ist sehr schwer, aufzufächern, was genau von den Eltern kommt, was vom sozialen Kontext und was von einem selbst. Was stammt aus Romanen und Filmen, was von den Menschen, die man im Laufe seines Lebens trifft? Wer will das sagen?

Im Buch erzählen Sie vo einem Ritual, das Sie sich selbst geschaffen haben: Nach einer längeren Reise als erstes zu Freunden zu gehen, mit ihnen zu essen und zu erzählen. Wie viel an dem, wie Sie jetzt leben, ist bewusst konstruiertes Ritual, wie viel ist übernommene Tradition?

Es ist ja nicht bewusst konstruiert. Es kam einfach irgendwann so und dann war es da, weil es gut tat. Aber genau diese Routinen und Gewohnheiten schaffen die Qualität, die man braucht, um an einem bestimmten Ort gut zu leben. Sie werden immer neu verhandelt und müssen immer neu kalibriert werden.

Gibt es Merkmale an einem Ort, die es Menschen einfacher machen, genau dort ihr Zuhause zu finden? Ganz beliebig wird es ja nicht sein.

Die positivste Entwicklung der Moderne ist, dass für uns die Möglichkeit besteht, uns neue Lebensweisen zu suchen. Wenn man allein an all die Menschen denkt, die an Orten aufgewachsen sind, an denen sie sich nicht aufgehoben fühlen, und die einen Ort suchen, an dem sie ihr Leben leben können, ohne ausgrenzt zu werden. An einem Ort leben, ohne dass über einen gesprochen wird, ohne dass man Gewalt befürchten muss – das kann Zuhause sein.
Man denkt oft, es ginge bei der Suche nach dem richtigen Ort zum Leben nur um nette Cafés in der Nachbarschaft. Das ist schön, aber wichtiger ist: Welche Menschen leben da? Welche Beziehungen kann man an einem Ort eingehen? Welche Arbeitsmöglichkeiten gibt es dort?

Wird das in unserem digitalen Zeitalter nicht immer beliebiger? All diese Fragen können wir doch zunehmend durch technische Möglichkeiten beantworten, ohne mit den Menschen, mit denen wir uns verbinden wollen, an ein und demselben Ort zu sein. Wir haben Smartphones, soziale Netzwerke, Dating-Apps, Skype, können über das Internet ortsungebunden arbeiten. Ist der geographische Ort überhaupt noch von so großer Bedeutung?

Dahinter versteckt sich vielleicht eine gewisse Angst: Alles löst sich auf. Für mich ist das allerdings überhaupt nicht beliebig. Die Ansprüche an den Ort bleiben die gleichen, die Konflikte, die man bearbeiten muss, und auch die Aufgaben, die man hat, bleiben die gleichen.

Meinen Sie damit eine individuelle Aufgabe, dieses Zuhause jeweils für sich selbst zu finden? Oder ist es eine gesellschaftliche Aufgabe, sein Zuhause kollektiv zu schützen vor Gefahren von außen? Oder lässt sich, anders als Heimat, ein Zuhause politisch gar nicht erst bedrohen?

Ich glaube eher, Heimat kann nicht bedroht werden. Weil es sie gar nicht gibt. Ein Zuhause aber kann sehr wohl bedroht werden, und das geschieht in jedem Leben auf die eine oder andere Weise: Wenn Menschen sterben, wird ein Zuhause bedroht, schwierige Veränderungen im Arbeitsleben bedrohen ein Zuhause und vieles mehr. Aber der Gegensatz zu Bedrohung ist nicht Schutz, sondern Weiterentwicklung – eine Auseinandersetzung, eine Adaption, eine Bereitwilligkeit, sich mit neuen Realitäten auseinanderzusetzen.