Klassiker der deutschsprachigen Exilliteratur

Sonja Klein und Sikander Singh legen einen Sammelband mit Interpretation zu kanonischen Autoren vor

Von Jens FlemmingRSS-Newsfeed neuer Artikel von Jens Flemming

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Wie soll der Schriftsteller schreiben, zumal dann, wenn er in den 1930er Jahren in die Emigration genötigt worden ist und – wie viele der Schicksalsgenossen – seine Themen in der Vergangenheit sucht? Eine der möglichen Antworten stammt von Alfred Döblin, nachzulesen in einer Rezension des Bauernkriegromans von Gustav Regler (Die Saat). Abgedruckt im Pariser Tageblatt vom 19. April 1936, lieferte sie zugleich einen Kommentar zu der unter den Kollegen mit einiger Leidenschaft ausgefochtenen Kontroverse über den Historischen Roman, an der er sich im übrigen kurz darauf selbst mit einem programmatischen Aufsatz beteiligte (Der historische Roman und wir, in: Das Wort, Oktober 1936).  Mit „Objektivität“, war Döblin überzeugt, könne man „nichts anfangen“, vielmehr gründeten „Blut, Rückgrat und Gesicht“ allein im „Willen“ und in der „sicheren Einstellung des Autors“. Postulaten nach Vollständigkeit solle man sich ebenso wenig unterwerfen wie solchen nach Gerechtigkeit: „Praktisch bedeutet das in der Regel, seinen ganzen Farbkasten wegzuwerfen.“ Niemand könne dabei von der „Pflicht entbunden“ werden, buchstäblich „alle Figuren vor sein Gericht zu ziehen“. Und das heißt, weiter gedacht: Anders als der Historiker, der sich auf das unparteiische Urteilen zu beschränken hat, soll der Schriftsteller keine Scheu haben, Partei zu ergreifen, zu intervenieren, die Spreu vom Weizen zu scheiden, im Blick auf die politischen und moralischen Erfordernisse der Gegenwart nötigenfalls zu verurteilen.

Man könnte diese Passage den meisten der 16 Interpretationen, mit denen Sonja Klein und Sakander Singh ihren verdienstvollen Sammelband über deutsche Exilliteratur füllen, als Motto voranstellen. Die dieser gewidmeten Bemühungen haben sich, wie einleitend betont wird, im Blick auf Wertung und Perspektive zweifellos verzweigt und differenziert, gewiss nicht völlig von moralpolitischen Betrachtungsweisen gelöst, aber doch in stärkerem Maße historisiert, dabei mehr als zuvor offen für Fragestellungen der jüngeren, ihrerseits in stetem Wandel begriffenen Kulturforschung. Mag sein, dass postkolonialistische, komparatistische, gender- und gedächtnistheoretische Ansätze oder gar die mittlerweile in manchen akademischen Milieus nach vorn gerückten ‚Human-Animal-Studies‘ die bisweilen beschworene Krise der Exilforschung überwinden können – sofern eine solche überhaupt existiert und nicht nur den Profilierungsbedürfnissen einzelner Autoren geschuldet ist. Ob sich mit einer Ausweitung des Untersuchungsfeldes, der zeitlichen wie der räumlichen Begrenzungen tatsächlich Gewinne an Erkenntnis erzielen, womöglich auch Antworten auf „aktuelle gesellschaftliche und politische Fragen“ finden lassen, bleibt abzuwarten. Die Herausgeberin Sonja Klein scheint eher skeptisch zu sein, denn sie warnt vor der Gefahr, dass die Konturen des Forschungsobjekts wie des Forschungsinteresses verschwimmen könnten. Der Neigung, „spezifische Lebens-, Arbeits-, Schreib- oder Leidenserfahrungen zu generalisieren“, gelte es jedenfalls vorzubeugen, denn dergleichen sei „doch in vielerlei Hinsicht“ an bestimmte Zeiträume, Orte und Kontexte gebunden. Damit einher geht ein Plädoyer für einen vorsichtig so bezeichneten „konservativen“ Zugriff, der sich „bewusst“ auf die Jahre zwischen 1933 und 1945 und die „tatsächlich ins Exil gegangenen deutschsprachigen Schriftsteller“ konzentriert.

In diesem nur knapp abgesteckten Rahmen bewegen sich mit genügend individuellem Spielraum die hier versammelten Beiträge. Gleichviel in welchem literarischen Gewand sie daherkommen, ob als Autobiographie, als Historischer oder als Zeitroman, als Prosa oder Lyrik: Der Bezug der besprochenen Werke zur jeweiligen Aktualität des Exils, den damit verknüpften Erfahrungen, Erwartungen und Enttäuschungen ist allgegenwärtig. Den Auftakt macht Miriam Albracht mit Thomas Manns Tetralogie Josef und seine Brüder, deren Betrachtung sich an das anschließt, was der Autor selber im November 1941 notiert hatte. Man müsse, heißt es da, dem „intellectuellen Fascismus den Mythos wegnehmen und ihn ins Humane umfunktionieren“, also, wie Albracht schreibt, dem „irrationalen völkischen Mythos der Nationalsozialisten“ mit der „Idee eines Mythos“ begegnen, der sich „aus unterschiedlichen Kulturkreisen“ speise und sich leiten lasse von der Vision einer universalen „Menschheitsdichtung“. Nelia Dorscheid liest Arnold Zweigs „Erziehung vor Verdun“ als Künstlerroman, was am Motiv des Waldes exemplifiziert wird. Gemeint ist der vor Verdun und der, den der Protagonist Werner Bertin alias Zweig unmittelbar nach dem Krieg auf einem Spaziergang nicht als Element der Natur wahrnimmt, sondern mit den Augen des Soldaten prüft, wo strategisch am günstigsten ein Maschinengewehr oder anderes Schießgerät disloziert werden könnte. Seine Frau Lenore, die ihn begleitet, lässt ihn gewähren, überzeugt, dass die Rückkehr in die bürgerliche Existenz eines Schriftstellers, für die er vor 1914 den Grund gelegt hatte, dauern werde. Der Wald figuriert zum einen als Ausdruck der Dissoziation, zum andern als Element der Hoffnung, diese in nicht allzu ferner Zeit wieder aufheben zu können.

Heinrich Manns Henri Quatre deutet Sikander Singh als Gegenbild, als „komplementäre Figur zu Adolf Hitler“: dort der gute König, tolerant und dem Wohl der Franzosen verpflichtet, hier der monströse Tyrann, ideologisch verbohrt und den Errungenschaften der europäischen Aufklärung Hohn sprechend. Sascha Kirchner lenkt das Augenmerk auf Bruno Franks Reisepaß, ein Zeit- und Entwicklungsroman, in dem die Hauptperson, der Prinz Ludwig von Sachsen Camberg, in Opposition zum NS-Regime gerät, äußerlich ein Repräsentant des Hochadels, tatsächlich ein solcher konservativ aristokratischer Geistigkeit, dessen Stationen von Deutschland über Prag nach London als Prozess politischer Reifung beschrieben wird. Der Lesesaal des Britischen Museums wird ihm zum Sinnbild einer weltumspannenden Gemeinschaft der Intellektuellen, dem die Ablehnung des nationalsozialistischen Rassenantisemitismus eingezeichnet ist: „Hier vermischt sich“, notiert Frank, „in einer stummen, dauernden Hochzeit jederlei Blut mit jederlei Geist.“ Alfred Döblin wiederum – entschiedener, zudem näher an der ‚Realhistorie‘ argumentierend als jener – hält den in seinen Augen missglückten Anfang der Weimarer Republik für den „Keim der Hitler-Diktatur“: so die Formulierung von Hermann Gätje, der sich dem zwischen 1939 und 1950 veröffentlichten vierbändigen Romanzyklus über die Revolution des Novembers 1918 zuwendet. Dieser war Mehrfaches in einem: teils minutiöse Rekonstruktion des Geschehens, teils damit verwobene Schilderung fiktiver Einzelschicksale, teils kritischer, ja sarkastischer Kommentar zu einer neuralgischen Epoche der deutschen Geschichte, insgesamt ein Versuch, diese vor dem Vergessen zu bewahren, zugleich eine Konkretisierung der eingangs zitierten Maxime.

Ein Zeitroman mit stark autobiographisch eingefärbten Zügen ist Johannes R. Bechers Abschied. Einer deutschen Tragödie erster Teil, dessen Fortsetzung der Autor, der in der DDR zum gravitätischen Staatsschriftsteller mutierte, nicht wirklich in Angriff nahm. 1940 in Moskau und 1945 im Berliner Aufbau Verlag erschienen, wird darin von einem Heranwachsenden namens Hans Gastl erzählt, hinter dem unschwer Becher zu erkennen ist. Gastl sei, konstatiert Claas Morgenroth, weder Held, noch Sieger, noch Vorbild. Thema ist die allmähliche Lösung eines jungen Menschen aus seinem bürgerlichen Herkunftsmilieu. „Von uns selbst nehmen wir Abschied in langen schmerzlichen Abschiedsstunden“, charakterisiert der Dichter gleich zu Beginn den in den folgenden Abschnitten geschilderten Prozess. Und weiter: „Von dem Vergangenen scheidend, muß auch von den Vergangenen in uns selbst geschieden sein.“ Vorgeführt werden die Umrisse einer untergegangenen Epoche, in der sich der Sohn eines die obrigkeitsstaatlichen Ordnungen verbürgenden Richters in einen Marxisten verwandelt, was indes, wie Morgenroth in Anlehnung an Michael Rohrwasser hervorhebt, im Roman nur „eine Vorahnung, ein Versprechen, ein Gespenst“ bleibt. Ohne das hier vorwaltende Zukunftspathos  kommt hingegen der Lebensbericht Klaus Manns daher, ohne völlig auf fiktionale Umhüllungen zu verzichten. In den USA 1940 als The Turning Point, in Deutschland nach Übersetzung und Bearbeitung 1952 als Der Wendepunkt publiziert, handelt es sich, wie der Autor das Ziel seiner Arbeit umreißt, um die „Geschichte eines Schriftstellers, dessen primäre Interessen in der ästhetisch-religiös-erotischen Sphäre liegen, der aber unter dem Druck der Verhältnisse zu einer politisch verantwortungsbewußten, sogar kämpferischen Position gelangt.“ Moritz Wagner konstatiert, daß sich Klaus Mann vor allem in den Schlusskapiteln von konventioneller Autobiographik entfernt und stattdessen eine für die Moderne „typische hybride Textgestalt“ wählt. Charakteristisch ist nicht das als Kontinuum dargebotene Leben, sondern der Zweifel, der von „tiefgreifender Identitätsproblematik“ und Prozessen der „Ich-Dissoziation“ kündet.

Umstürzend neue Einsichten bieten die von Sonja Kraus und Sikander Singh zusammengestellten Beiträge kaum. Allesamt sind sie den Klassikern der deutschsprachigen Exilliteratur gewidmet, verlassen also den gängigen Kanon der für berücksichtigenswert erachteten Autoren nicht. Die Essays sind durchweg knapp gefasst, überschreiten selten die Länge von zehn Seiten, zeichnen sich in der Regel durch Lesbarkeit sowie gebündelte und nachvollziehbare Argumentation aus. Sie laden zu erneuter Lektüre der besprochenen Werke ein, bieten einführende Orientierung, vertiefende Kontextualisierung und Forschungsdiskussion. Das gilt in gleicher Weise für die hier nicht gesondert erwähnten Aufsätze, die unter anderem Licht werfen auf René Schickeles Flaschenpost (Alina Gierke), Oskar Maria Grafs Leben meiner Mutter (Jennifer Tharr), auf Gustav Reglers Roman über den spanischen Bürgerkrieg (Das große Beispiel, Ralph Schock), Lion Feuchtwangers Brüder Lautensack (Andreas Stuhlmann) oder Anna Seghers Transit (Jörg Schuster).

Titelbild

Sikander Singh / Sonja Klein (Hg.): Die deutsche Exil-Literatur 1933 bis 1945. Perspektiven und Deutungen.
WBG Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2015.
220 Seiten, 49,95 EUR.
ISBN-13: 9783534266302

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