Amerikanisches Idyll

Mit „Born to Run“ legt Bruce Springsteen seine Memoiren vor

Von Sascha SeilerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Sascha Seiler

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Zum Einstieg ein Satz:

Ich spürte, dass das Land an einem Scheideweg stand. Wenn dem Durchschnittsbürger derart großer Schaden zugefügt werden kann, ohne dass jemand dafür ernstlich zur Verantwortung gezogen wird, dann ist das Spiel aus. Der dünne Schleier der Demokratie entpuppt sich als genau das, was er in Wahrheit ist: eine dürftige Tarnung für die zunehmende Plutokratie, in der wir jetzt und auch in Zukunft leben.

Und noch ein Satz:

[Etwas] was ich über Jahre hinweg aufbauen und kontinuierlich weiterverfolgen konnte und was Menschen half, die am härtesten von systematischer gesellschaftlicher Ignoranz und Ungerechtigkeit betroffen waren. Das waren die Familien, die Amerika mit aufgebaut hatten und die auf einmal entbehrlich geworden zu sein scheinen […] diejenigen Bürger, die an den äußersten Rand der amerikanischen Gesellschaft gedrängt worden waren.

Worte, die – abgesehen von der eloquenteren Wortwahl – auch aus einer Wahlkampfrede Donald Trumps stammen könnten. Tatsächlich aber stammen sie von Bruce Springsteen, einem Musiker, der, wie er selbst beschreibt, Zeit seines Lebens danach strebte, einen Beitrag zu leisten, „die Kluft zwischen dem American Dream und der amerikanischen Realität zu vermessen“.

Viel wird dieser Tage über den Grund für Trumps Wahlsieg geschrieben, im Kern scheinen sich amerikanische und europäische Kommentatoren darüber einig zu sein, dass das politische Establishment in Washington die stetig weiter verarmende Landbevölkerung während der vergangenen Jahre einfach aus den Augen verloren hat. Und so absurd es scheint, dass gerade ein der Welt enthobener New Yorker Milliardär nun diesen Abgehängten eine Stimme geben will, umso absurder ist es noch, dass dessen Aussagen wie ein Echo eines linksliberalen Millionärs aus New Jersey klingen, der sich seit über 40 Jahren als Stimme der Entrechteten versteht.

Dies ist in Born To Run, der Autobiographie, die Bruce Springsteen nun im Alter von 68 Jahren vorlegt, nur ein – wenn auch mit Hinblick auf die Spaltung der amerikanischen Gesellschaft äußerst wichtiger – Randaspekt, doch klingen Springsteens Worte wie eine dunkle Prophezeiung, die viel früher und mit umso größerer Vehemenz eingetroffen ist als erwartet. Außerdem deuten diese Passagen bereits an, was die Kraft und die Bedeutung nicht nur von Springsteens Musik, sondern auch seiner öffentlichen Persona in den vergangenen Jahrzehnten ausmacht. Er ist ein moralisierender Geschichtenerzähler, der dem (wie man so schön sagt) ‚einfachen Mann von der Straße’ eine Stimme gibt. Seine Figuren taumeln durch karge Landschaften, ständig auf der Flucht: vor der Armut, den gesellschaftlichen Zwängen, dem erdrückenden Kleinstadtleben, und auch vor der Liebe, die stets nur ein falsches Versprechen sein kann, wenn ihr das Leben in die Quere kommt. Interessanterweise wächst dieses Personal mit ihrem Schöpfer: Auf den ersten beiden Alben begegnen wir lebenslustigen Kleinstadt-Desperados, die auf den „Boardwalks“ abhängen und den vorbeiziehenden Provinzschönheiten nachpfeifen. Seine dritte Platte Born To Run beschriebt, wie diese Figuren nun älter werden und aus ihrem tristen Alltag fliehen wollen; es ist ein Album voller jugendlicher Euphorie, ein optimistischer Blick in die persönliche Zukunft inmitten einer bereits wahrnehmbaren amerikanischen Ödnis. Auf dem Nachfolger Darkness On The Edge Of Town schließlich sind die Charaktere gescheitert und fristen ein tristes Dasein in jenen Provinzstädten, die sie niemals verlassen haben. Das Album ist die Blaupause für den Storyteller Springsteen – auch er bekennt im vorliegenden Buch, es sei wohl seine wichtigste Platte gewesen –, aber auch die Quelle für die Missverständnisse, die folgen sollten. So fühlt er sich auch nach über 30 Jahren immer noch verpflichtet, die wahre Botschaft des durch Ronal Reagans Wahlpropaganda verschleierten Hits Born in the USA zu erklären: der kraftstrotzende Refrain ein zynischer Kommentar zur verbitterten Strophe, die niemand je wahrnimmt und in der die Geschichte eines demoralisierten Vietnam-Veteranen erzählt wird.

Lange Zeit war Springsteen dennoch ein unterschätzter Chronist der amerikanischen Gegenwart. In den vergangenen Jahren hat sich das geändert, auch dank zahlreicher junger, literarisch ebenso ambitionierter Songwriter, die ihn zum Vorbild erklärten. Dass so jemand, in der Rockmusikbranche mehr als unüblich, seine Autobiographie (scheinbar) ohne Ghostwriter schreibt, ist Ehrensache.

Ein Problem dabei ist leider, dass er trotz der Länge von fast 700 Seiten viel zu wenig von seiner Musik und erst recht von seinen Texten erzählt. Ihm geht es um etwas ganz anderes: Springsteen möchte eine Beichte ablegen, sein öffentliches Image dekonstruieren und ein Bild von einem zerrissenen, aber stets gutmütigen Mann zeichnen. Der, wie man heute so schön sagt, Unique Selling Point dieser Autobiographie war dabei das Geständnis des Künstlers, seit Jahren an klinischen Depressionen zu leiden. Wie gewünscht wurde auch genau dieser Punkt dankend von den Medien aufgegriffen und immer wieder als Zentrum des Buches ausgemacht, Auch das ist, glücklicherweise, Unsinn. Springsteen redet offen über depressive Phasen, doch dies geschieht meist am Rande; als sei es notwendig, darüber zu schreiben, er aber nun keine große Sache daraus machen wolle. Das ist wiederum eine der Stärken des Buches.

Negativer fällt da schon eher das Selbstbild auf, das der durchaus narzisstische Künstler konstruiert. In Peter Ames Carlins 2013 erschienener und etwas zu Unrecht gefeierter Biographie Springsteens kommen dessen negative Seiten praktisch nicht zur Geltung, und wenn, dann nur, weil der Gefeierte das wohl so wollte. Auch wenn die Anbiederung an den Star seitens seines Biographen zuweilen unerträglich ist, ist Carlins Buch, was die Auseinandersetzung mit Springsteens Musik und seinen Texten angeht, ein wesentliches interessanteres Buch als Born To Run,. Und leider behält Springsteen in Born to Run die Selbstbeweihräucherung bei. Die größte Kritik, die seit vielen Jahren immer wieder an ihm aufkommt, ist sein angeblicher Geiz und seine Kontrollsucht hinsichtlicht der Struktur und der Hierarchien seiner E-Street-Band. Dass er innerhalb eines Bandgefüges lieber den (in seinen Augen natürlich sanften) Diktator gibt, gesteht er ein, doch Geld, so betont er auffallend oft, sei ihm niemals wichtig gewesen. Tatsächlich wird gefühlt jeder Haus- oder Autokauf geschildert, immer begleitet vom fürchterlich schrecklichen Gewissen, dass der reiche Rockstar bei der Transaktion gehabt habe. Stattdessen beschwert er sich aber ziemlich oft (immerhin ohne Namen zu nennen) über geldgierige Bandmitglieder. Trotzdem, oder vielleicht gerade deswegen, konstruiert Springsteen aus seiner Band auch eine heile Welt: Alle haben sich lieb, man ist ja auch seelenverwandt, und wenn er die Band zwischendurch mal jahrelang links liegen ließ, um mit beliebigen Studiomusikern zu musizieren, dann vergeben sie ihm dies nach anfänglicher Enttäuschung recht bald.

Dass Springsteen sich durchweg in ein allzu gutes Licht rücken möchte, wird auch deutlich, wenn man die Geschichten zu seinen einzelnen Alben näher ins Auge fasst. In seiner Karriere hat er zwei fürchterliche Platten (Human Touch und Lucky Town aus dem Jahr 1992, eigentlich ein Doppelalbum, doch wurden die Platten einzeln verkauft) und ein zumindest unterdurchschnittliches (Working On A Dream, 2009) veröffentlicht, aber gerade über die verliert er kein Wort – er erzählt allenfalls einige Anekdoten zu den jeweiligen Tourneen. Dabei hätte Springsteen-Fans besonders die Geschichte interessiert, warum gerade er, der zuvor mit der großartigsten Band der Welt musiziert hat, plötzlich mit technisch zwar perfekten, aber absolut seelenlosen Musikern 1992 besagte Alben aufnahm. Was war das für eine Erfahrung? Hat er es bereut? Und wie war das genau mit Working On A Dream, jenem Album, das er für Barack Obama geschrieben hat und das daher auch am Tag von dessen Amtseinführung erschien, und auf dem er sich in zahlreichen Songs aus seiner Komfortzone herausbewegt und etwas völlig Neues ausprobiert hat? Auch hier: Schweigen.

Tatsächlich lernt man nach diesen 700 Seiten den Menschen Bruce Springsteen besser kennen; aber teilweise wohl nicht so, wie dieser sich das vorgestellt hat. Der Boss, wie er ja allgemein genannt wird, inszeniert sich als gutmütiges Arbeitstier, das einfach nur auf der Bühne stehen,  seine Lieder singen und dabei auch noch etwas für die Zusammenführung der amerikanischen Gesellschaft tun will. Seine dunklen Seiten blendet er zwar nicht aus, inszeniert sie aber so, dass sie ihn noch sympathischer, weil menschlicher, fragiler machen sollen. Und genau das funktioniert nicht. Man ahnt in jeder Zeile den Kontrollfreak, der dem Leser seine Version der Dinge aufdrängen will. So liest sich Born to Run nicht zuletzt auch wie eine große Rechtfertigungsschrift. Und das ist sehr schade. Denn wie viel hätte man über diese großartige Musik, die Texte, auch die Ikonographie, die von der öffentlichen Figur Springsteen ausgeht, schreiben können. Dazu kommt, dass die vergangenen rund 25 Jahre wie im Zeitraffer behandelt werden (nicht unüblich bei Erinnerungen von Rockstars, deren prägende Zeit naturgemäß am Anfang ihrer Karriere liegt) und auf den letzten rund 100 Seiten den Eindruck erweckt wird, als habe der Autor oder Lektor keine Lust mehr gehabt. Anders als im erstaunlich gut strukturierten ersten Teil des Buchs kann man den Gedankensprüngen Springsteens nun nicht mehr folgen.

Von einer vertanen Chance zu sprechen, wäre trotzdem übertrieben. Millionen Fans auf der ganzen Welt haben auf dieses Buch gewartet – was man an den Verkaufszahlen ablesen kann – und in Teilen gibt der Boss ihnen auch, was sie wollen. Und doch hätte dieses Buch viel größer, interessanter, ja, inspirierender sein können.

Ein Beitrag aus der Komparatistik-Redaktion der Universität Mainz

Titelbild

Bruce Springsteen: Born to run. Die Autobiografie.
Übersetzt aus dem amerikanischen Englischen von T. Schwaner, D. Müller, A. Wagner, U. Hofstetter.
Wilhelm Heyne Verlag, München 2016.
671 Seiten, 27,99 EUR.
ISBN-13: 9783453201316

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch