„Wasser ist zum Waschen da…“

In einem prominent herausgegeben Band werden Gebrauch, Wahrnehmung und Symbolik des Wassers in der mittelalterlichen Kultur dargestellt

Von Jörg FüllgrabeRSS-Newsfeed neuer Artikel von Jörg Füllgrabe

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Auch wenn ein Karnevalsschlager womöglich nicht als die passende Einleitung für ein so fundamentales Thema angesehen werden mag, eignet er sich vielleicht dennoch dafür, unsere gegenwärtige Positionierung zu dieser lebenswichtigen Komponente zu beschreiben. Wer Cola (oder Bier) trinkt, braucht ebensowenig Wasser, so scheint es, wie Regen unter der Kategorie des ‚guten Wetters‘ zu subsumieren ist. Die Achtlosigkeit, mit der insbesondere in unseren ‚zivilisierten Breiten‘ mit Wasser umgegangen wird, wäre gegenwärtig an anderen Stellen des Planeten nicht fassbar – und war es wohl auch kaum in der europäischen Vergangenheit.

Beschreibt der Band demnach also ein ‚Paradise lost‘? Wohl kaum, denn auch wenn die Bedeutung des lebensspendenden Nass‘ unmittelbarer erfahren und vermutlich grundsätzlich auch höher wertgeschätzt wurde, ist das Mittelalter keine Phase der ökologischen Seligkeit gewesen. Dies wird anhand einiger der Beiträge dieses Sammelbandes deutlich, der unter der Flagge der ‚Beihefte‘ zur renommierten Zeitschrift ‚Das Mittelalter‘ erschienen ist und dessen Beiträge auf den Vorträgen des 16. Symposiums des Mediävistenverbandes im März 2015 in Bern beruhen.

Wie die beiden Herausgeber in ihrer lesenswerten Hinführung betonen, wurde mit dem Thema der Tagung und des daraus hervorgegangenen Bandes einem Desiderat der Forschung Rechnung getragen, in dem offenkundig eine zentrale und zusammenfassende Verdichtung des Themenbereichs bislang nicht oder doch nur unzureichend stattgefunden hatte. Die Tagung und der daraus resultierende Band schicken sich an, dies zu ändern.

Mit der Einführung sind es 47 Beiträge, die dem Thema ‚Wasser im Mittelalter‘ auf der Spur sind, und jeder davon ist lesenswert, wenngleich je nach Interessenschwerpunkten der jeweiligen Leserin/des jeweiligen Lesers unterschiedliche Beiträge Bevorzugung finden werden.

Es erscheint mir angesichts des Umstandes, dass so viele Beiträgerinnen und Beiträger in vorliegendem Band vertreten sind, problematisch, einzelne Aufsätze herauszugreifen ohne eine – angesichts der durchgängig hohen Qualität ungerecht(fertig)te – Hervorhebung zu Papier zu bringen. Andererseits ist es natürlich schwer, beim Rezensieren auf einer abstrakten Meta-Ebene zu verbleiben. Dennoch möchte ich genau dies versuchen, nicht zuletzt auch deshalb, weil die Paraphrasierung von fast 50 Beiträgen definitiv den Rahmen einer solchen Rezension sprengen würde.

Um es auf einen wesentlichen Punkt zu bringen: ‚Wasser in der mittelalterlichen Kultur‘ sprengt, vermutlich wie ‚echtes‘ Wasser auch, jegliche Dimensionen. Thematisiert sind sowohl kleinräumige Nutzungsphänomene, die bereits für das Mittelalter nachweisen, in welch hohem Maße ökologische Probleme auftraten, benannt und unter Strafe gestellt wurden – und dennoch durch Täuschung und aktive Umweltkriminalität nicht aus der Welt geräumt werden konnten. Dies sind Aspekte, die einen validen Bezug zur gegenwärtigen Umweltproblematik aufweisen und deutlich machen, dass sich in vieler Hinsicht recht wenig bis gar nichts am Verhalten bestimmter Personengruppen geändert hat. ‚Business first‘ galt also auch schon im Mittelalter.

Wesentlich exotischer wird es, wenn Wasser in seinem symbolischen und theologisch-religiösen Bezug thematisiert wird. Das sind in der Tat Themenfelder, die den meisten postmodernen Menschen weitgehend fremd sind, auch wenn sich bei genauerer Lektüre erweisen mag, dass die eine oder andere der entsprechenden Vorstellungen und Bilder subkutan auch gegenwärtig noch vorhanden ist. Wenn dann an anderer Stelle die ‚Reden des personifizierten Wassers‘ zum Beitragsthema gemacht werden, sind freilich die Bezugspunkte zur gegenwärtigen Postmoderne kaum noch gegeben. Und dass zu den in einem eigenen Abschnitt thematisierten ‚Wassertieren‘ auch ‚Seedrachen‘ gehören, ist zwar einerseits ein Beleg für die Fantasie mittelalterlicher Berichterstatter und ihres staunenden Publikums, wirkt aber unter dem Blickwinkel, dass auch gegenwärtig Enthusiasten darauf hoffen, dass die berühmte ‚Nessie‘ nicht bloß ein Fabelwesen sei, nicht mehr ganz so weit hergeholt.

Wenn die ganze Bedeutung vorliegender Publikation gewürdigt werden soll, sei nochmals darauf verwiesen, in welchem thematisch weiten Umfang sich die Beiträge bewegen. In ganz großem Stil wird etwa die Bedeutung des Wassers in der mittelalterlichen Kosmographie des Morgen- und Abendlandes untersucht; im Detail reicht dies bis zur Symbolträchtigkeit der Aquamanilen. Die Felder dazwischen sind bereits angedeutet worden, es finden sich selbstverständlich aber auch fiktive und tatsächliche Reiseberichte sowie profane Aspekte, etwa juristische Fragen im Zusammenhang mit der Wassernutzung durch Mühlenbetreiber.

Auch nach mehrfachem Stöbern im Band gibt es demnach immer wieder Neues zu entdecken, das in ansprechender Weise dargeboten wird. Allein schon der Umstand, dass es zu nahezu jedem Beitrag Abbildungen oder Tabellen gibt, ist angesichts des Themas grundsätzlich positiv zu vermerken. Auch wenn das Register mit achtzehn Seiten nicht so breit ausfällt, wie es einem schnellen ‚Querzugriff‘ zupass käme, ist es ein brauchbares Hilfsmittel. Irritierend allerdings, dass die im Untertitel angedeutete Binnenthemenreihung ‚Gebrauch, Wahrnehmung und Symbolik‘ im Band selbst verändert wurde. Hier reihen sich Wahrnehmung, Gebrauch und Symbolik aneinander. Das wäre sicherlich keine große Sache, zumal auch die letztlich durchgeführte Reihung eine innere Logik besitzt, gleichwohl scheint das Lektorat hier nicht ganz genau hingeschaut zu haben.

Wirklich verwunderlich ist jedoch, dass es weitere explizit ausgewiesene Subschwerpunkte gibt (‚Philologisch-literarische Annäherungen‘, ‚Wassertiere in der Literatur‘ sowie ‚Wasser in Architektur, Kunst und Kunsthandwerk‘), und die Beiträge von Ruedi Imbach (‚De Aqua. Philosophische und theologische Diskussionen über das Wasser im Mittelalter‘) sowie Ortun Riha (‚Das Wasser in der mittelalterlichen Naturkunde und Medizin‘) den drei Hauptabschnitten vorangestellt sind. Beide passen, ungeachtet des Umstandes, dass sie auf dem Berner Symposium als Plenarvorträge gehalten wurden, doch wunderbar in den jeweiligen Bereich, so dass die gegenüber der Untertitelung überraschend vermehrten Großabschnitte und eben die Separierung der beiden Beiträge einen ‚holperigen‘ Eindruck hinterlassen.

Sei es drum, wer im Großen nichts zu bekritteln findet, flüchtet sich in Details, aber auch dies kann und wird selbstverständlich den Wert des vorliegenden Bandes keinesfalls schmälern, der eben gerade durch das Thema ‚Wasser‘ zumindest in einigen der Beiträge einen erkennbar höheren Aktualitätsgrad hat als andere mediävistische Schwerpunkte. Wasser ist eben eine unabdingbare Komponente, und das Verhältnis der Menschen zu diesem Grundelement unseres Lebens sagt natürlich einiges aus – und gewinnt spätestens durch den Vergleich mit heutigen Verhaltensmustern an Tiefe. Es gilt: Der Band wird als Ratgeber und Arbeitshilfe für den Themenblock ‚Wasser im Mittelalter‘auf lange Sicht hin unverzichtbar sein. Die Vielfalt der einzelnen Themen und die damit verbundene Diversität der Beiträge mögen womöglich zunächst ‚abschreckend‘ wirken, aber, das sei nochmals angesprochen, gerade diese Diversität trägt zum Reiz des Buches bei.

Der Band sei allen ans Herz gelegt, die sich mit der Rolle des Wassers beziehungsweise seiner Wahrnehmung in der mittelalterlichen Kultur beschäftigen oder ein starkes Interesse dafür aufbringen. Allerdings könnte der nicht unerhebliche Anschaffungspreis eine Hürde darstellen, was angesichts der Vielfalt des vorliegenden Bandes sehr bedauerlich ist, zumal wie bereits angesprochen, die Prognose nicht zu gewagt sein dürfte, dieses Buch als Grundlagenwerk über die nächsten Jahre benutzen zu können. Vielleicht ließe sich, auch das ist ja ein nicht zu gering zu veranschlagender Posten, die eine oder andere Kinokarte einsparen – oder auf das Jahresende hoffen und ‚Wasser in der mittelalterlichen Kultur‘ auf den großen Weihnachtswunschzettel setzen. Ansonsten bleibt nur der Gang in die Bibliotheken, denen der Erwerb des Buches ein Obligo sein sollte.

Ein Beitrag aus der Mittelalter-Redaktion der Universität Marburg

Titelbild

Gerlinde Huber-Rebenich / Christian Rohr / Michael Stolz (Hg.): Wasser in der mittelalterlichen Kultur / Water in Medieval Culture. Gebrauch – Wahrnehmung – Symbolik / Uses, Perceptions, and Symbolism.
De Gruyter, Berlin 2017.
649 Seiten, 119,95 EUR.
ISBN-13: 9783110442861

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