Alles hat seine Zeit, alles braucht seine Zeit

Ein Sammelband stellt literaturwissenschaftliche Perspektiven auf die „polychrone Moderne“ vor

Von Torsten MergenRSS-Newsfeed neuer Artikel von Torsten Mergen

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Moderne Zeiten, verschränkte Zeiten, chaotische Zeiten – auf diese Formel könnte man die Vielfalt der Zeit-Paradigmen in der Gegenwartsliteratur bringen und verdeutlichen, warum aus wissenschaftlicher Perspektive ein neuer „Zeitroman“ entdeckt und beschrieben wird. Unter der Leitung von Tanja van Hoorn fand zu der genannten Problematik im Sommersemester 2014 ein Forschungskolloquium am Deutschen Seminar der Leibniz Universität Hannover statt. Sieben ausgearbeitete Beiträge dieser Veranstaltung liegen nun unter der Herausgeberschaft van Hoorns in einem Sammelband mit dem Titel Zeit, Stillstellung und Geschichte im deutschsprachigen Gegenwartsroman vor.

In einer knappen Einleitung beleuchtet die Herausgeberin verschiedene Forschungsinteressen mit Fokus auf die narrativen Darstellungsweisen von Zeit, Zeiterfahrung beziehungsweise Zeitgeschichte. Sie konstatiert für diesen Kontext, dass sich innerhalb der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur vier Tendenzen im Umgang mit dem Zeit-Motiv respektive -Thema abzeichneten: Historiographische Romane fokussieren ein realgeschichtliches Ereignis und setzen sich „mit der strukturellen Vorherrschaft des Visuellen“ auseinander. Zeit-Wissens-Romane rezipieren und gestalten moderne Zeitdiskurse und artikulieren ein spezifisches Zeitwissen. Zeit-Erfahrungs-Romane inszenieren, so Tanja van Hoorn, subjektive Zeiterfahrung, besonders ein durch Traumatisierung gestörtes Zeitempfinden. Schließlich verdient die Gruppe der Erzählzeit-Experimente besondere Aufmerksamkeit, da darin Zeit still gestellt, Chronologien zerstört beziehungsweise die Konstruktivität des Zeit-Verhaltens herausgestellt werde. Leitfrage des Sammelbandes ist daher, „wie aktuelle deutschsprachige Romane welche Zeit bearbeiten und ob und wenn ja wie sie die artifizielle Zeithaftigkeit des Erzählens und des Erzählten ausstellen.“

Die Beiträge des Sammelbandes beleuchten nun diese Facetten an ausgewählten Texten der Gegenwartsliteratur. Michael Gamper widmet sich in seinem Beitrag der fiktionalen „Exploration eines Möglichkeitsraums […], der durch die Relativitätstheorie eröffnet“ wurde, indem er am Beispiel von Thomas Lehrs Roman 42 erläutert, welche ästhetischen Veränderungen die modernen Naturwissenschaften und deren Zeitmodelle evoziert haben.

Der Dresdner Literaturwissenschaftler Johannes Pause fokussiert unter der Überschrift „Eiserne Ketten, verzweigte Pfade. Zur Phantastik des Erzählens in klassischer Moderne und Gegenwart“ die Erzählung Hatz auf den Mond (1915) von Leo Perutz, die Erzählung J. H. Obereits Besuch bei den Zeitegeln (1916) von Gustav Meyrink sowie den Roman UC (2003) von Helmut Krausser. Er zeigt die „Pluralisierung der Narrative und der Zeit“.

Der Basler Germanist Alexander Honold analysiert Brigitte Kronauers Gewäsch und Gewimmel (2013) auf das sogenannte Quotidiane, das „Tagtägliche“ und bestimmt „Zeitmuster und Erzählformen des Tagtäglichen“. Er konstatiert nach einer eingehenden Musterung: „Alltäglich, unbedeutend, zusammenhanglos: solcher Art sind die kleinen Lebenssplitter und Alltags-Episoden […]. Zuletzt aber ergibt sich aus dieser Gestaltungsweise, dass die Zeit selbst keinen Inhalt hat, sondern uns primär als ein Formungs- und Gliederungsprinzip ereilt.“

Jochen Vogts Beitrag untersucht zwei Romane Uta-Maria Heims (Feierabend von 2011 und Wem sonst als Dir von 2014), die tendenziell dem Genre des Kriminalromans zugeschrieben werden. Vogt zeigt anhand des Tempusgebrauchs, der Redeformen, der Intertextualität und der Erzähltechnik die Hybridität der Texte auf.

Dem zeitgeschichtlichen Familien- und Gesellschaftsroman gewidmet ist der Beitrag von Katharina Gerstenberger, Professorin an der University of Utah. In mehreren Analyseschritten versucht sie eine Annäherung an die „Zeit-Geschichte in Eugen Ruges In Zeiten des abnehmenden Lichts“. Dieser Roman über das Schicksal von vier Generationen einer Familie und dem Entstehen, der Entwicklung und dem Scheitern der DDR beleuchtet zugleich das komplexe „Verhältnis von Historie und Fiktion“. Bereits der Titel signalisiere eine „zyklische, an die Jahreszeiten gebundene Zeitvorstellung“, was der Text so nicht einlöse durch eine gebrochene Chronologie und eine multiperspektivische Erzählweise.

Die italienische Wissenschaftlerin Ute Weidenhiller reflektiert die „Gegenwart der Vergangenheit im Werk von Kathrin Schmidt“, deren magischer Familienroman Die Gunnar-Lennefsen-Expedition (2000), ferner Koenigs Kinder (2005), Seebachs schwarze Katzen (2007) und Du stirbst nicht (2009) ausgewertet werden. Das Fazit: „Ausgehend von einer ähnlichen Grundstruktur […] berührt die Autorin in allen ihren Romanen wichtige Erkenntnisse gedächtnistheoretischer Überlegungen“, die mit den Begriffen Verdrängen, Erinnern und Fragilität bestimmt werden.

Die Herausgeberin Tanja van Hoorn beleuchtet im abschließenden Beitrag des Bandes den besonderen „Augenblick in Jenny Erpenbecks Roman Aller Tage Abend“, der auf der Aporie von Jetzt und Zeit beruhe: Als Zeitroman gelesen werde hierbei deutlich, wie der Jetztpunkt als Todesmoment temporal und narrativ ausgestaltet sein kann: „Erstens wird die Narration des Todes auf der Ebene der Figuren mit einer Zeitkrise […] verknüpft. Zweitens wird der Tod als einschneidendes Erlebnis […] durch ein […] temporaldeiktisches Jetzt sprachlich-phonetisch markiert.“

Zusammenfassend belegt der Sammelband die Bedeutsamkeit exemplarischer Studien zu literarischen Zeitgestaltungskonzepten. Zeit ist eine beachtliche ontologische Konstante moderner Gesellschaften und Kulturen, deren Knappheit, Mangel oder Fluidität bis in den Alltag hinein beklagt beziehungsweise beobachtet wird. Es gelingt dem Sammelband, das polyphone Spektrum des narrativ-konstruktiven Umgangs von Gegenwartsliteratur mit dem Zeit-Phänomen zu verdeutlichen und exemplarisch an prominenten Einzeltexten sowohl kenntnis- als auch methodenreich zu analysieren.

Titelbild

Tanja van Hoorn (Hg.): Zeit, Stillstellung und Geschichte im deutschsprachigen Gegenwartsroman.
Wehrhahn Verlag, Hannover 2016.
159 Seiten, 18,00 EUR.
ISBN-13: 9783865255419

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