Hat der Frieden zwischen Israelis und Palästinensern heute noch eine Chance?

Moshe Zuckermann analysiert mit Marx und Freud die Geschichte eines Jahrhundertkonflikts – und sucht nach Wegen, die in die Zukunft weisen könnten

Von Bernd NitzschkeRSS-Newsfeed neuer Artikel von Bernd Nitzschke

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Jungle World, eine im ‚linken‘ Spektrum angesiedelte Wochenzeitung, wurde von Jürgen R. Elsässer mit gegründet, als der noch gegen Antisemitismus zu Felde zog. Inzwischen ist er Chefredakteur des rechtslastigen Monatsmagazins Compact und tritt als Redner bei fremdenfeindlichen Kundgebungen auf. Gestern noch links und heute rechts außen? Ja, die Zeiten sind schnelllebig. Man verliert leicht den Überblick. Und doch bleibt der eine oder andere dem Zeitgeist immer dicht auf den Fersen. Deniz Yücel, zum Beispiel, der Mitherausgeber von Jungle World, war von 2007 bis 2015 Redakteur der taz; danach ging er für Die Welt in die Türkei und berichtete von dort als Korrespondent, bis er nach dem ‚Putschversuch‘ – wie viele andere Journalisten und Wissenschaftler – als ‚Terrorist‘ gebrandmarkt und ohne Anklage eingesperrt wurde. Im April 2017 erhielt er deshalb den eigens zu diesem Zweck kreierten Theodor-Wolff-Sonderpreis. Damit sollte ein Zeichen für Presse- und Meinungsfreiheit gesetzt werden. Ein Zeichen setzen – das wollte Deniz Yücel auch, wenngleich nicht für Presse- und Meinungsfreiheit, als er am 30. Juli 2014 in der taz einen Beitrag mit der Überschrift Nein, du darfst nicht veröffentlichte, in dem es hieß: „Es gibt kein Menschenrecht auf Israelkritik. Und schon gar nicht für dich. Nicht als Nachkomme jener Leute, die die Vernichtung der Juden von Europa geplant und durchgeführt haben. … Dieser moralische Imperativ gilt auch, wenn dein Opa nicht in der Wehrmacht dazu beitrug, dass hinter der Front die Gaskammern laufen konnten. Es gibt nämlich kein Deutschland ohne Auschwitz …Unerheblich ist dabei, dass es in Israel Leute gibt, die die eigene Regierung kritisieren. Dass sie es tun, zeigt, was Israel von allen anderen Staaten der Region unterscheidet. … Aber dass linke Israelis oder jüdische Linke außerhalb Israels das können, heißt noch lange nicht, dass du das auch darfst. Diese Trennung ist scharf und für dich … ungewohnt. Aber diese Schärfe entspricht der Schärfe der Trennung zwischen jenen, die selektiert wurden, und jenen, die selektiert haben.“ Und doch – es gibt immer wieder „Nachkommen“, die diesem Ukas (so nannte man den Erlass eines russischen Zaren) nicht gehorchen, beziehungsweise vor dem von Deniz Yücel formulierten „moralischen Imperativ“ nicht in die Knie gehen.

Jakob Augstein, zum Beispiel. Er kam auf die vom Simon Wiesenthal Center geführte Liste der Top Ten der antisemitischen und antiisraelischen Beschimpfungen, wofür er sich bei Henryk M. Broder bedanken durfte, der eine ‚israelkritische‘ Kolumne Augsteins entsprechend bewertet hatte. „Das, was man sich mit der Einstufung von Jakob Augstein als einen Antisemiten geleistet hat, ist dermaßen idiotisch, dass man darüber eigentlich nur noch – freilich angewidert – lachen kann. Es hat aber sein Gutes, was geschehen ist. Es wurde höchste Zeit, dass das miese Unwesen, das diverse Diffamierer im deutschen Diskurs mit dem Antisemitismus-Vorwurf betreiben, endlich als das vorgeführt wird, was es ist: als perfide ideologische Praxis zur Abfertigung und Zurichtung politischer Feinde.“ Soweit die Einschätzung Moshe Zuckermanns, der als Sohn von Holocaust-Überlebenden 1949 in Tel Aviv geboren wurde und – wie Uri Avnery, der mit dem Lew-Kopelew-Preis für Frieden und Menschenrechte ausgezeichnet wurde, oder Amos Oz, der den Friedenspreis des deutschen Buchhandels erhielt – zu den prominenten Stimmen in Israel gehört, die noch immer für Frieden mit den Palästinensern auf der Basis der Zweit-Staaten-Lösung eintreten. (https://www.hintergrund.de/feuilleton/zeitfragen/moshe-zuckermann-die-vorwuerfe-gegen-augstein-sind-idiotisch/ – Aufruf 23.06.2017) Doch halt! Warum stellen ausgerechnet „renommierte Zeitungen“ in Deutschland Zuckermann eine Plattform für Kritik an der Regierungspolitik des Landes zur Verfügung, in dem er lebt und arbeitet? Liefert er damit nicht wohlfeile Argumente für als ‚Israelkritiker‘ verkleidete Antisemiten? So steht es auf einer (von vielen) rechtslastigen und islamophoben Internetseiten geschrieben: „Das eigentliche Rätsel von Moshe Zuckermanns Texten ist nicht, warum er sie schreibt, sondern warum renommierte Zeitungen sich befleißigt sehen, sie zu drucken. Zuckermann insistiert … auf einer Täter-Opferumkehr, die charakteristisch für den Antisemitismus nach und wegen Auschwitz ist“ (http://nichtidentisches.de/2015/02/taeter-israel-die-opferumkehr-bei-moshe-zuckermann/ Aufruf 23.06.2017).

Die zitierte Aussage ist Teil der Fake-News-Kampagne, mit der rechte Fanatiker jeden zu diskreditieren versuchen, der sich ihrer politischen Zielsetzung – Stichwort ‚Groß-Israel‘ – widersetzt. Sie mögen Zuckermann angreifen, doch er kann mit der Kompetenz, die ihn als Hochschullehrer für Geschichte und Philosophie an der Universität Tel Aviv und wissenschaftlicher Leiter der Sigmund-Freud-Privatstiftung in Wien auszeichnet, den Propagandasalven Paroli bieten, die von allen Seiten abgefeuerten werden, sobald der Schauplatz des Kampfes betreten wird, der im ‚Gelobten‘ beziehungsweise ‚Heiligen‘ Land unter Berufung auf göttliche Gesetze seit nunmehr über hundert Jahren ausgefochten wird. Dabei geht es immer auch um das Existenzrecht, beziehungsweise darum, dem jeweils ‚Anderen‘ dieses Recht abzusprechen. Für Zuckermann steht das Existenzrecht Israels außer Frage, wohl aber fragt er nach den Wurzeln des Unrechts, das die Herren des Landes – so der Titel eines Buches von Idith Zertal und Akiva Eldar (2004) – seit 1967 in der Westbank ausüben, indem sie das Land Stück für Stück besetzen. Das heißt, sie schaffen ‚Fakten‘ (sprich: Siedlungen) und versuchen auf diese Weise, die Verhandlungen über die Zuteilung des Landes so schwer wie möglich, wenn nicht gar unmöglich zu machen. Und wenn es dennoch einer wagt, das ‚Land der Urväter‘ zur Verhandlungssache zu machen, bezahlt er einen hohen Preis: Er bezahlt, wie Jitzchak Rabin, der am 4. November 1995 von einem rechtsextremen jüdischen Fundamentalisten bei einer Friedenskundgebung ermordet wurde – mit seinem Leben (https://www.welt.de/geschichte/article148340137/Der-Moerder-Yitzhak-Rabins-betete-um-sein-Leben.html – Aufruf 17.07.2017).

Frieden ja, aber nur zu unseren Bedingungen. Das war (und ist) der Standpunkt der rechtsgerichteten jüdischen Siedlerbewegung, die ganz Palästina als jüdisches Gebiet beansprucht. Vor der Staatsgründung waren es die von Ze‘ev Jabotinsky angeführten Revisionisten, die die Teilung des Mandatsgebietes, die die Briten vorgeschlagen hatten (das westliche Gebiet Palästinas für die Juden, das östliche für die Araber), nicht akzeptieren konnten. Sie wollten diese Grenzziehung revidieren (daher der Name „Revisionisten“). Die militärischen Organisationen der Revisionisten versuchten, ihrem Ziel mit terroristischen Aktionen, die sich gegen Briten wie gegen Araber richteten, Nachdruck zu verleihen. Deshalb waren auch die späteren israelischen Ministerpräsidenten Jitzhak Schamir und Menachem Begin in früheren Zeiten „Terroristen“ – und nicht nur der spätere Palästinenserpräsident Jassir Arafat, der als Vorsitzender der PLO für zahlreiche Attentate verantwortlich war. Menachem Begin war Mitglied der Terrororganisation „Irgun“, die 1941 „dem Neuen Deutschland“ (gemeint war: Hitler-Deutschland) ein Bündnis gegen die Briten vorgeschlagen hatte. Das „erneuerte, voelkisch-nationale Hebraertum“, das die „Errichtung des historischen Judenstaates auf nationaler und totalitaerer Grundlage“ anstrebe, könne ein „Vertragsverhaeltnis mit dem Deutschen Reiche“ eingehen und so zur „Wahrung und Staerkung der zukuenftigen deutschen Machtpositionen im Nahen Orient“ beitragen, hieß es in einer Erklärung dieser Gruppe. Man wies ausdrücklich auf die in Palästina ausgeführten „Terroraktionen“ gegen die Briten hin und empfahl sich mit dem Hinweis, die Irgun sei der „Weltanschauung und Struktur nach mit den totalitaeren Bewegungen Europas eng verwandt“ (Originaltext –http://www.marxists.de/middleast/ironwall/irgunazi.htm – Aufruf 21.07.2017). Nachdem das Land nach dem Ende des Krieges von 1947/48 dann aber doch geteilt wurde, und zwar entlang der Waffenstillstandslinien (die Grenzen Israels, die bis heute völkerrechtlich anerkannt sind), kam Graf Folke Bernadotte nach Jerusalem, um als Vertreter der Vereinten Nationen mit der israelischen Regierung darüber zu sprechen, wie die während des Krieges vertriebenen Araber in ihre Heimat zurückkehren könnten. Bernadotte hatte während des Zweiten Weltkrieges als Rotkreuz-Vertreter mit Himmler erfolgreich über die Freilassung Tausender KZ-Häftlinge verhandelt – darunter viele Juden, weshalb einer der Busse, in denen die Häftlinge in die Freiheit gelangten, heute in der Gedenkstätte Yad Vashem steht. Am 17. September 1948 fiel Graf Folk Bernadotte einem Attentat der jüdischen Terrorgruppe „Lechi“ zum Opfer (der Name setzt sich aus den hebräischen Anfangsbuchstaben für „Kämpfer für die Freiheit Israels“ zusammen). Der spätere Israelische Ministerpräsident Schamir gehörte dieser Gruppe an. Bernadottes Mörder entgingen der Bestrafung, denn die israelische Regierung hatte eine Generalamnestie erlassen. So wurden Schamir und Begin in Israel geachtete Staatsmänner – doch Arafat blieb für die israelische Rechte, was er sein sollte: „Terrorist“. Reuven Rivlin, damals israelischer Minister für Kommunikation, ging 2002 in einem mit einer deutschen Zeitung geführten Interview noch einen Schritt weiter. Unwidersprochen verglich er Arafat mit einem Tier, dem in der biblischen Metaphorik ein besonderer Platz zukommt: der „Schlange“. Rabin ließ sich von dieser „Schlange“ verführen, das Oslo-Abkommen zu unterzeichnen. Hätte er Rivlin zu Rate gezogen, wäre er noch am Leben, denn Rivlin wusste es besser: „Eine Schlange … kann sich nicht verändern“ (das Interview erschien unter der Überschrift „Schlange bleibt Schlange” in Rheinische Post am 01. 06. 2002).

Im Kapitel Rabins Ermordung weist Zuckermann darauf hin, dass der Mörder Rabins zwar de facto ein Einzeltäter war, dass die Gesinnung, die seiner Tat zugrunde lag, aber von allzu vielen geteilt wurde (und wird). Zuckermann beschreibt die Hetzkampagne, die dem Mord vorausging: In „den Wochen vor dem Attentat“ wurde Rabin „als ‚Verräter des Zionismus‘ und – was in religiösem Verständnis noch schlimmer ist – als ‚mosser‘, was ‚Auslieferer‘ bedeutet und im orthodoxen Judentum die Auslieferung eines Juden an Nichtjuden meint, attackiert und verflucht … Gewissen halachischen Interpretationen zufolge darf (und soll) der ‚mosser‘ getötet werden. Einen entsprechenden rabbinischen Schiedsspruch gegen Rabin hat es in der Tat gegeben. So besehen galt Rabins Ermordung der Verhinderung eines politischen Prozesses, der zum ‚Verrat am Zionismus‘ hätte führen können“. Das heißt: Er hätte zum Friedensschluss mit den Palästinensern unter der Voraussetzung des Verzichts auf ‚biblisches‘ Land führen können.

Der Zionismus entstand in Europa als säkulare jüdische Nationalbewegung, die sich dezidiert gegen das in religiösen Traditionen wurzelnde Judentum der Diaspora richtete. Wie es religiösen Fundamentalisten dennoch gelingen konnte, sich den Zionismus anzueignen und damit dessen ursprüngliche Zielsetzung, einen Staat auf dem Fundament der Werte der europäischen Aufklärung zu begründen, ins Gegenteil zu verkehren, ist eines der Themen, mit denen sich Moshe Zuckermann in seinem Buch Freud und das Politische. Psychoanalyse, Emanzipation und Israel auseinandersetzt. Mit Rückgriff auf profundes historisches Wissen redet er dabei all jenen ins Gewissen, die unter Berufung auf ‚höhere‘ Mächte der Vernunft das Recht streitig machen wollen, nach Kompromisslösungen zu suchen, durch die das Zusammenleben der Menschen in der irdischen Welt möglich werden könnte. Zuckermanns Kritik ist dabei keineswegs ein-seitig. Er meint die Fanatiker aller Seiten, die Gott an ihrer Seite zu wissen glauben, wenn sie Recht nach ihren Regeln formen: „Religiöser Fundamentalismus feiert wieder Urständ in allen Weltreligionen, infiltriert das Politische und nährt die Ideologisierung zunehmender sozialer Verelendung der Welt. … Falscher Trost samt Vertröstung auf den Himmel darf nicht in neuem ideologischem Gewand expandieren. Von Gott ist nach wie vor nichts zu erwarten. Der Mensch muss wieder wahres Subjekt der Geschichte werden wollen.“

Dieses Plädoyer für ein Gemeinwesen, in dem die Gesetze nicht von Gott, sondern von Menschen unter Berücksichtigung der Interessen aller gemacht werden, steht in der Tradition Sigmund Freuds, der als Anhänger der Aufklärung den Wunsch nach religiösem Trost (oder gar Erlösung) zwar verstehen konnte – und dennoch (oder gerade deshalb?) den Versuchen der Wunscherfüllung nach Maßgabe göttlicher Verheißungen entschieden widersprach und die von Vernunft geleitete Einsicht in die Grenzen der Wunscherfüllung (sprich: den Triebverzicht als Voraussetzung von Kultur) verteidigte: „… die Stimme des Intellekts ist leise, aber sie ruht nicht, ehe sie sich Gehör geschafft hat. Am Ende, nach unzählig oft wiederholten Abweisungen, findet sie es doch“ (Freud 1927). Einem Zionismus, der sich mit den Werten der Aufklärung – Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – verbinden ließ, stand Freud aufgeschlossen gegenüber. Diese Version des Zionismus vertraten damals zum Beispiel Judah Leon Magnes, der Präsident der Hebräischen Universität in Jerusalem, oder auch Martin Buber, der Religionsphilosoph. Sie traten dafür ein, auf dem von der britischen Kolonialmacht verwalteten Mandatsgebiet Palästina einen bi-nationalen Staat zu gründen, in dem Juden mit muslimischen und christlichen Palästinenser gleichberechtigt leben sollten.

Das war schon damals eine Vorstellung, die den Fanatikern beider Seiten nicht gefiel. Nach einer Provokation an der Klagemauer kam es 1929 zu Unruhen im ganzen Land. Martin Buber verurteilte das Verhalten beider Seiten, als er enttäuscht schrieb: „Wären wir zu einem wirklichen Miteinander bereit gewesen, wären die letzten Ereignisse nicht möglich gewesen. … Aus dem Neben ist ein Gegen gemacht worden, und wir sind nicht unschuldig daran, daß dieses Gegen in der Form religiöser Fanatisierung Ausdruck fand. … Ich habe … in den letzten Monaten nicht nur eine Entweihung der Klagemauer durch arabischen Mob erlebt, sondern auch eine Entweihung dadurch, daß sie von einem irre geleiteten Teil unserer eigenen Jugend [die Betar-Jugend; ich komme darauf zurück – B. N.] zu einem Objekt nationalistischer Propaganda und Demonstration gemacht worden ist. … Und wenn um die Klagemauer herum eine Front gebildet worden ist des Nationalismus, so ist das eine falsche und entheiligende Front“ (1929). Diese Einschätzung Bubers entspricht der Antwort, die Sigmund Freud einem Vertreter der Jewish Agency gab, der ihn nach den Unruhen von 1929 gebeten hatte, eine Petition zu unterschreiben, in der u. a. freier Zugang zu dem von Muslimen verwalteten Tempelbezirk einschließlich der Klagemauer gefordert wurde. In Freuds Antwortbrief vom 26. Februar 1930 an Chaim Koffler heißt es: „Auch gebe ich mit Bedauern zu, daß der wirklichkeitsfremde Fanatismus unserer Volksgenossen sein Stück Schuld trägt an der Erweckung des Mißtrauens der Araber. Gar keine Sympathie kann ich für die mißgeleitete Pietät aufbringen, die aus einem Stück Mauer des Herodes eine nationale Reliquie macht und ihretwegen die Gefühle der Einheimischen herausfordert“ (siehe dazu ausführlich: Bernd Nitzschke: Der Platz des Exilanten. Sigmund Freuds transkulturelles Erbe. In: Kronauer, M., Ranc, J., Klärner, A. (Hg.): Grenzgänge. Reflexionen zu einem barbarischen Jahrhundert. Für Helmut Dahmer. Frankfurt a. M. (Humanities Online) 2006, S. 147-161). Der Vollständigkeit halber sei angemerkt: Sigmund Freud hat die Petition nicht unterschrieben.

Anderthalb Jahrzehnte später warnte Hannah Arendt vor den Folgen einer Politik, die ohne Rücksicht auf den ‚Anderen’ ein Ziel zu erreichen versucht, das nur durch Gespräche zwischen Gleichgeachteten und Gleichberechtigten zu erreichen ist: Sicherheit. Sie bezog sich dabei auf die bei einer Versammlung amerikanischer Zionisten in Atlantic City 1944 verabschiedeten Beschlüsse über die künftige Besiedelung Palästinas. Die Verwirklichung dieser Beschlüsse, so meinte Hannah Arendt schon damals (vor der Staatsgründung Israels), ließe den Palästinensern nur noch die Wahl „zwischen freiwilliger Emigration und einer Existenz als Bürger zweiter Klasse“ im projektierten jüdischen Staat. „Die Zionisten haben dadurch, daß sie […] ihre Zielsetzung so unverhohlen formulierten, jede Chance von Gesprächen mit den Arabern für lange Zeit verwirkt, da man ihnen, was auch immer sie anbieten mögen, nicht trauen wird. […] Damit haben die Zionisten tatsächlich alles getan, um jenen ‚tragischen Konflikt’ entstehen zu lassen, der nur durch das Zerschlagen des gordischen Knotens beendet werden kann“ (H. Arendt, 1945: Der Zionismus aus heutiger Sicht. In: J. Bunzl, (Hg.): Der Nahostkonflikt. Analysen und Dokumente. Wien 1981, S. 8f.).

Moshe Zuckermann steht den Einschätzungen Freuds, Bubers oder Hannah Arendts nahe. „Wie Kant ist auch Freud Anhänger der Aufklärung, auch er ist um den ‚Ausgang des Menschen aus seiner Unmündigkeit‘ bemüht, mithin um die Bewältigung der infantilen Reste seiner psychischen Bedürfnisse“, schreibt er in dem Kapitel seines Buches, das mit Kants Religionsschrift, Freud und die Moderne überschrieben ist. Da Zuckermann in der Tradition der Frankfurter Schule denkt, berücksichtigt er bei seinen Analysen nicht nur Freud (und die Freudomarxisten Wilhelm Reich, Erich Fromm und Herbert Marcuse), sondern auch Max Horkheimers und Theodor W. Adornos Dialektik der Aufklärung, die dem plumpen Zukunftsoptimismus spätestens im 20. Jahrhundert den Weg versperrte. Zuckermann spricht denn auch die „Ideologie der Moderne par excellence“, die „ersatzreligiöse Funktion des modernen Nationalismus“ an, die als Anleitung für ethnische Säuberungen und als Begründung für Mord und Totschlag diente. In einem Vortrag, den Freud 1915 – also im Ersten Weltkrieg, in dem seine drei Söhne an der Front standen – vor der jüdischen Loge B’nai B’rith hielt, der er angehörte, äußerte er: „Nein, lassen wir uns nicht irre machen. Es gibt bei uns keinen instinktiven Abscheu vor dem Blutvergießen. Wir sind die Nachkommen einer unendlich langen Generationsreihe von Mördern. Die Mordlust steckt uns im Blute.“

Ob sie nun „im Blute“ stecken mag oder in der auf Herrschaft des Menschen über den Menschen beruhenden Gesellschaftsordnung ihren Ausgangspunkt hat: in jedem Fall erreichte die Unheilsgeschichte in Auschwitz ihren (vorläufigen?) Höhepunkt. Bei Zuckermann heißt es dazu: „In ihrer realen historischen Ausbildung mag sich die Monstrosität von Auschwitz als Ausnahmezustand ausnehmen, nicht jedoch als Potential der Realgeschichte.“ Das heißt für Zuckermann, das, wofür ‚Auschwitz‘ steht, kann sich wiederholen, solange die soziopolitischen Bedingungen weiter bestehen, die der Herrichtung autoritärer Persönlichkeiten dienen. „Führer befiehl, wir folgen dir!“ Das ist das Credo des autoritären Charakters, der einem Führer folgt, der im Namen Gottes (oder auch nur der ‚Vorsehung‘) befiehlt und in dessen Namen sich die Geführten selbst erhöhen und andere erniedrigen können. „Als eine für den in diesem Band verhandelten Zusammenhang zentrale Kategorie der klassischen Kritischen Theorie darf [daher] wohl die des autoritären Charakters gelten“, schreibt Zuckermann in der Einleitung seines Buches. Das Gewissen des autoritären Charakters ist immer rein – solange er dem Führer gehorcht. Für Wilhelm Reich und Erich Fromm war der autoritäre Charakter deshalb die menschliche Grundlage des Faschismus – wie auch dessen Erziehungsergebnis. Wie derzeit allseits zu beobachten ist, rechtfertigen Autokraten verschiedener Spielart mit Berufung auf Nation und/oder Religion eben solche Bedingungen, die für die Aufrechterhaltung autoritärer Herrschaftsstrukturen notwendig sind.

‚Auschwitz‘ sollte aber nicht als Metapher benutzt werden, mit der man die eigenen Überzeugungen und Zielsetzungen gegen Angriffe zu immunisieren versucht – wie das, zum Beispiel, Joschka Fischer getan hat, der den Holocaust instrumentalisierte, um mit Berufung auf ‚Auschwitz‘ den Einsatz deutscher Soldaten im Kosovokrieg zu legitimieren. Das gilt auch für die ‚sechs Millionen‘. Auch sie werden als Geiseln benutzt, um politische Zielsetzungen durchzusetzen. So veröffentlichte, zum Beispiel, die „Weltführung“ der Betar-Bewegung 1999 in einer israelischen Zeitung eine Anzeige, in der sie sich mit diesen Worten an den „Ministerpräsidenten des Staates Israel, Benjamin Netanjahu“ wandte: „Der Deutsche Botschafter“ habe dem israelischen Außenministerium mitgeteilt, Jerusalem sei „nicht die Hauptstadt Israels“. „Das ist eine Kriegserklärung! Als Juden, als Bürger Israels … fordern wir die Ausweisung des Deutschen Botschafters … Es gibt kein neues Deutschland! Die Wurzeln des Dritten Reiches waren schon 1000 Jahre vor dessen Gründung tief in den Herzen der Deutschen verankert … Herr Ministerpräsident – Sie sind heute der höchste Vertreter des jüdischen Volkes. Halten Sie sich unsere sechs Millionen ermordeter Brüder vor Augen, und handeln Sie nach ihrem Gewissen“. Abgesehen davon, dass hier nur an die ‚Brüder‘ und nicht an die ‚Schwestern‘ erinnert wird: der deutsche Botschafter sprach als Gesandter der Europäischen Union nur das aus, was in der Resolution 478 des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen vorgegeben wurde: Die Annexion des arabischen Teils von Jerusalem ist mit dem Völkerrecht nicht vereinbar – und deshalb kann das ‚ungeteilte‘ Jerusalem auch nicht die Hauptstadt Israels sein. Zuckermann zitiert die Betar-Anzeige (deren gesamter Text in seiner Übersetzung im hier besprochenen Buch nachzulesen ist), aber nicht deshalb, weil darin Deutschland für den Rest der Welt an den Pranger gestellt wird, sondern deshalb, weil er in dieser Anzeige „gewisse Motive“ erkennt, die seiner Ansicht nach „als indikativ für die allgemeine Holocaust-Rezeption in Israel gelten“.

Bevor ich auf Zuckermanns Analyse dieser Motive näher eingehe, seien einige Bemerkungen zur Betar-Bewegung vorausgeschickt. Der Name bezieht sich auf die Festung Betar, eine jüdische Bastion, die während des Bar-Kochba-Aufstands fiel (132-135 v. u. Z.). Heute trägt eine Siedlung im Westjordanland den Namen Betar Illit. Auch der Namen des Fußballvereins Betar Jerusalem, dessen Anhänger für rassistische Ausfälle bekannt sind, soll an die Zeit erinnern, in der die Juden gegen die Römer kämpften. Ze‘ev Jabotinsky, der Repräsentant des rechtsgerichteten Flügels der zionistischen Bewegung, der das ‚ganze‘ Land vom Mittelmeer bis zum Jordan als jüdisches Siedlungsgebiet beanspruchte, war der Initiator der Betar-Jugend, die nach dem Vorbild der Mussolini-Jugend eingekleidet wurde – „Uniform samt braunen Hemden“ – und Flugblätter „in nationalistischem, parafaschistischem Ton“ verfasste (so der Historiker Tom Segev 1995 in seinem Buch Die siebte Million. Der Holocaust und Israels Politik der Erinnerung). Die Betar-Jugend war auch für die bereits erwähnte Provokation an der Klagemauer verantwortlich, die 1929 die Unruhen auslöste, durch die 116 Araber und 133 Juden, darunter viele Juden aus Hebron, den Tod fanden. Die meisten Hebroner Juden hatten damals bei ihren arabischen Nachbarn Schutz gefunden. „In den zionistischen Archiven lagern Listen von Hebroner Juden, die von Arabern gerettet wurden; eine Liste enthält 435 Namen. Mehr als zwei Drittel der jüdischen Gemeinde fanden demnach Unterschlupf bei 28 arabischen Familien, von denen manche Duzende von Juden bei sich aufnahmen. […] Es gibt in der jüdischen Geschichte nicht viele Beispiele einer solchen Massenrettung“ (Tom Segev, 2005: Es war einmal ein Palästina. Juden und Araber vor der Staatsgründung Israels).

Jabotinsky hatte nicht nur Verständnis für Führerfiguren wie Mussolini, er hatte auch Verständnis für die Palästinenser. In einem Aufsatz, den er 1923 in russischer Sprache veröffentlichte (die englische Übersetzung erschien 1937 unter dem Titel The Iron Wall in Südafrika), verglich er die Situation der Araber in Palästina mit der Situation der Indianer zur Zeit der Kolonisation Amerikas. Jabotinsky war historisch geschult: Wie dort und damals so seien die Einheimischen auch hier und heute nicht dazu bereit, freiwillig auf das Land zu verzichten, in dem sie seit Jahrhunderten lebten. Deshalb gebe es nur diese Alternative: „Zionist colonization, even the most restricted, must either be terminated or carried out in defiance of the will of the native population. This colonization can, therefore, continue and develop only under the protection of a force independent of the local population – an iron wall which the native population cannot break through. This is, in toto, our policy towards the Arabs. To formulate it any other way would only be hypocrisy” (1937). Man muss es dem Autor hoch anrechnen, dass er – anders als dies heute in der Regel der Fall ist, wenn Landnahme begründet wird – auf heuchlerische Rechtfertigung verzichtete, als er seinen Text verfasste.

Im Kapitel Zweierlei Schuld bezieht sich Zuckermann zum einen auf die Schuld der Zionisten, die den Diaspora-Juden abwerteten, der ihnen als das negative Gegenbild des ‚Neuen Juden‘ galt, der jetzt als ‚Muskeljude‘ durch harte Arbeit die angeblich brachliegende Sumpf- und Wüstenlandschaft in einen neuen Garten Eden verwandelte. Und zum anderen geht es Zuckermann in dem Kapitel, in dem er den Motiven nachgeht, die zur oben zitierten Betar-Anzeige führten, um die abgewehrte Schuld der Zionisten an den Palästinensern, die ihr Land angeblich freiwillig verließen – und nach dem Ende des ‚Unabhängigkeitskriegs‘ mit Waffengewalt daran gehindert wurden, wieder in ihre Dörfer zurückzukehren. Die ‚verlassenen‘ Häuser und Ländereien wurden enteignet. Um noch einmal Jabotinskys Analogie aufzugreifen: Ja, die Indianer skalpierten fromme christliche Siedler und quälten sie am Marterpfahl. Und was machen die Palästinenser? Sie greifen fromme jüdische Siedler mit Steinen, Messern, Bomben und Raketen an, die sich deshalb wehren müssen. Doch die Palästinenser selbst sprechen von einer Katastrophe (‚Nakbah‘). Denn sie „sahen, wie sie das Land allmählich verloren. Sie erkannten mit der Zeit, daß sie Fremde im eigenen Land wurden.“ Als Moshe Sharett, der unter Ben Gurion Außenminister war und später Israels Ministerpräsidenten wurde, das vor Jahrzehnten schrieb, war die Spirale der Gewalt noch ganz am Anfang. Inzwischen hat sie sich vielfach gedreht – und die Schuldzuweisungen sind endlos.

Bei Moshe Zuckermann heißt es dazu: „Bedenkt man …, mit welcher Selbstverständlichkeit palästinensische Freischärler in Israels politischer Alltagsrhetorik zu ‚zweibeinigen Tieren‘ mutieren konnten; wie es dazu kommen konnte, dass der ehemalige Ministerpräsident Menachem Begin in der Gestalt des im Beiruter Bunker eingekesselten Jassir Arafat den im Berliner Bunker gefangenen Adolf Hitler gestellt zu haben wähnte; wie überhaupt die durch Israel zu Opfern gewordenen Palästinenser gerade in diesem Land zu ‚Nachfolgern der Nazis‘ avancieren konnten – so scheint es, als handle es sich hier um etwas übers gängige Feindbild, über die normale Konfliktrhetorik weit Hinausgehendes: um die totale Dämonisierung dessen, an dem man fundamental schuldig geworden ist, mithin um die Abwendung der eigenen kaum erträglichen Schuld und ihre Projektion auf die Quelle des Schuldgefühls, die Opfer.“ Ja, Zuckermanns Thesen provozieren – sie provozieren im besten Sinne des Wortes: zum Nach-Denken auch darüber, was der Begriff ‚Israelkritik‘ bedeuten soll? Wenn damit Beiträge gemeint sind, die sich auf die Politik der israelischen Regierung oder auf Aktionen militanter rechter Siedlerorganisationen beziehen, dann ist die Benutzung dieses Begriffs genauso idiotisch, wie es die an Musiker gerichteten Appelle sind, sie sollten nicht in Tel Aviv vor ihren Anhängern auftreten, weil sie damit die Regierung Israels oder gar die Politik der Siedler gutheißen würden. Das müssen die Philo- und Antisemiten erst noch lernen: „Die“ Juden, von denen sie schwärmen oder vor denen sie warnen, gibt es nicht. Wohl aber gibt es auf beiden Seiten noch immer leise Stimmen der Vernunft, die für Frieden eintreten. Doch sie finden kaum noch Gehör. Im Nachtrag des Buches heißt es, Ehud Barak, der israelische Ministerpräsident, der in Camp David 2000 die Friedensgespräche mit Jassir Arafat führte, habe „jüngst von ‚Blüten des Faschismus‘“ gesprochen, „die Israels Politik infiltriert hätten“. Die Vertreter der Idee eines Ausgleichs mit den Palästinensern würden deshalb heute nicht nur seitens der Regierung Netanjahu, dessen Vater Benzion Netanjahu ein Anhänger der ultranationalistischen Ideologie war, die „Großisrael“ (vom Mittelmeer bis zum Jordan) propagierte, sondern auch „in den sozialen Netzwerken verleumdet, hetzerisch niedergemacht und gegebenenfalls verfolgt“.

Die in dem hier besprochenen Buch veröffentlichten Beiträge sind geeignet, das gefährliche Potential derartiger Hirngespinste zu erkennen. Es handelt sich um Texte, die in den letzten dreißig Jahren fast alle bereits in Fachzeitschriften oder (akademischen) Sammelbänden erschienen sind. Thematisch geordnet und überarbeitet wurde daraus ein Buch, das aktueller nicht sein könnte – oder, um es in den Worten des Autors zu sagen, ein Buch, das als „das Resümee eines den Verfasser sein gesamtes akademisches wie öffentliches Leben hindurch umtreibenden Themenkomplexes angesehen werden [kann]. Es geht also nicht nur um eine ideen-, sondern gewiss auch um eine lebensgeschichtliche Rückschau“. Ja, es geht um den Versuch, der Geschichte nicht nur eine Vergangenheit, sondern auch noch eine Zukunft zuzuschreiben.

Titelbild

Moshe Zuckermann: Freud und das Politische. Psychoanalyse, Emanzipation und Israel.
Promedia Verlag, Wien 2016.
221 Seiten, 19,90 EUR.
ISBN-13: 9783853714119

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