„Abenteuer Interdisziplinarität“ in der Emotionsforschung

Zu der August-Ausgabe 2017 von literaturkritik.de und ihrem Themenschwerpunkt

Von Thomas AnzRSS-Newsfeed neuer Artikel von Thomas Anz

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

„Abenteuer Interdisziplinarität“ lautet der Titel eines wissenschaftsgeschichtlichen Beitrags in der August-Ausgabe 2017 von literaturkritik.de. Zusammen mit einem anderen erinnert er an die 1963 gegründete Forschungsgruppe „Poetik und Hermeneutik“, der die Literatur- und Kulturwissenschaften bis in die 1990er Jahre hinein vielfältige Anregungen verdankten. Die von ihr ausgehenden Impulse zur interdisziplinären Arbeit blieben erhalten. Nicht zuletzt die literaturwissenschaftliche Emotionsforschung der letzten Jahrzehnte ist davon geprägt, sogar noch viel stärker als zuvor, insofern für sie ein intensiver Austausch nicht nur mit anderen Kultur- und Sozialwissenschaften, sondern auch mit den Naturwissenschaften kennzeichnend ist. Einen kompakten und zugleich ungemein breit gefächerten Überblick „für interdisziplinär interessierte Forscherinnen und Forscher“ sowie für ein breiteres Lesepublikum vermittelt das 2014 erschienene Studienbuch Emotionsforschung der Literatur- und Kommunikationswissenschaftlerin Gesine Lenore Schiewer. Es umfasst nicht nur Emotionen in Sprache, Literatur, Bildender Kunst und Musik, sondern auch in Religion, Wirtschaft, Recht, Politik, Pädagogik und sogar in der medizinisch-therapeutischen Gesprächsführung, in der Computertechnik und Robotik sowie der interkulturellen Kommunikation. Zumindest kurz geht das Studienbuch auch auf die „Geschichte der Emotionsforschung“ ein, deren Kenntnis bislang allerdings weitgehend auf die Traditionen des westlichen Denkens über Emotionen seit der Antike beschränkt sei.

Dass der für die Forschergruppe „Poetik und Hermeneutik“ zunächst programmatische Begriff der „Hermeneutik“ einer geisteswissenschaftlichen Tradition verbunden ist, in der Emotionen eine erhebliche Bedeutung hatten, und dass die neuere Emotionsforschung zum Teil auf sie zurückgreift, hat Eva Weber-Guskar in ihrer 2009 erschienenen Dissertation mit dem Untertitel „Was es heißt, Emotionen zu verstehen“ hervorgehoben. Ein einleitendes Kapitel ordnet Untersuchungen zum Verstehen von Emotionen dem „Projekt einer allgemeinen Hermeneutik“ zu und bezeichnet die eigenen Untersuchungen im Schlusskapitel als Beitrag zu einer „Spezialhermeneutik“. Dem entspricht ein Beitrag Jutta Müller-Tamms zu dem 2016 veröffentlichten Handbuch Literatur & Emotionen mit dem bezeichnenden Titel „Einfühlungslehre und Hermeneutik“. Wie Eva Weber-Guskar geht sie ausführlicher auf die Hermeneutik Wilhelm Diltheys ein. Dieser habe das emotionale „Erlebnis“ zu einer „die Produktion und Rezeption von Literatur verbindende Kategorie“ erklärt und das „gefühlsmäßige Nacherleben des dichterischen Erlebnisses“ als Voraussetzung für „das geisteswissenschaftliche Verstehen“ begriffen.

In der Einleitung zu dem Handbuch erklären die beiden Herausgeber Martin von Koppenfels und Cornelia Zumbusch mit einigem Recht: „Wer die jüngere Geschichte der Literaturwissenschaft überblickt, kann nicht umhin, den vermeintlichen ,emotional turn’“ (von dem in einem der mittlerweile zahlreichen Themenschwerpunkte unserer Zeitschrift zur Emotionsforschung zuerst 2006 die Rede war, allerdings mit einem Fragezeichen dahinter) „als ,return’ zu begreifen.“ Die Einleitung erinnert an „die beiden antiken Urahnen der Literaturwissenschaft“, nämlich die „Rhetorik und Poetik“, die schon immer an den emotionalen Wirkungen von Texten interessiert waren, sowie an „die Hermeneutik und die Einfühlungsästhetik des langen 19. Jahrhunderts“, die „selbstverständlich nach emotionalen Gehalten fragten“. Dagegen stelle „die jahrzehntelange Ausblendung der Emotionen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die eigentliche Anomalie dar“. Ganz ähnlich konstatieren die Herausgeberinnen des ebenfalls 2016 erschienenen Bandes Ästhetische Emotion, Susanne Knaller und Rita Rieger, in ihrer Einleitung:

Aufgrund der seit den 1990er Jahren erstarkten Erforschung von kulturell, medial und ästhetisch generierten und dargestellten Emotionen als interdisziplinärer Wissenschaftsbereich wird auch von einem „emotional turn“ gesprochen. Allerdings kann das aktuelle große Interesse am Thema auch als „affektive (re)turn“ [Suzanne Keen 2011] gewertet werden, ist doch die die Auseinandersetzung mit Emotionen in jeweils unterschiedlichen Verwendungsweisen seit der Antike immer wieder geführt worden und insbesondere in ästhetischen Fragestellungen des frühen 20. Jahrhunderts wieder aufgenommen worden.

Die Konzepte beider Sammelbände sind darum bemüht, an die historischen Traditionen des seit zwei Jahrzehnten expandierenden Interesses an der Emotionsforschung zu erinnern. Die „Rhetorik und Poetik der Antike“ ist Gegenstand gleich des ersten Beitrags (von Dietmar Till) im Handbuch Literatur & Emotionen. Einen Überblick darüber, was die Philosophische Ästhetik schon in der Antike und dann vor allem im 18. und 19. Jahrhundert zu einer Theorie der Gefühle beigetragen hat, gibt Birgit Recki. Dominic Angeloch erinnert an den Beitrag, den die Psychoanalyse im 20. Jahrhundert zu einer Literaturtheorie der Emotionen geleistet hat. Das Theorie-Kapitel des Handbuchs schließt Katja Mellmann mit einem Überblick zur jüngeren „Empirischen Rezeptionsforschung“ ab, die „Emotionen nicht nur in ihrer Eigenschaft als sprachliche Konstrukte in Texten“ untersucht, sondern „primär in ihrer Eigenschaft als psychische Realitäten“, die „im Zusammenhang mit literarischen Texten erlebt werden“ und sich nicht grundsätzlich unterscheiden vom emotionalen „Erleben in außerliterarischen Kontexten“. Die weiteren Kapitel des Handbuchs befassen sich mit exemplarischen Modellen, Begriffen und Texten von der Antike bis zur Gegenwart.

Doch wie der Band Ästhetische Emotion, der sich auf Emotionskonzepte in „Medien und Gattungen“ des Zeitraums zwischen 1880 und 1939 konzentriert, sind die rückblickenden Beiträge des Handbuchs meist nicht nur von historischem Interesse, sondern bereichern die gegenwärtige systematische und interdisziplinäre Emotionsforschung vielfach durch die Aktualisierung alter, wichtiger, doch zum Teil vergessener Fragestellungen, begrifflicher Differenzierungen und Theorien. Wenn etwa Nicola Gess im Glossar der Emotionsbegriffe, mit dem das Handbuch abschließt, und in dem anderen Band mit einem Aufsatz über Bertolt Brecht, Viktor Šklovskij und Walter Benjamin dem Begriff und den Poetiken des „Staunens“ nachgeht, so erinnert sie an Emotionsphänomene und -konzepte, die in der Begrifflichkeit einschlägiger Handbücher zur Emotionspsychologie des 21. Jahrhunderts (von Jürgen H. Otto u.a. 2000, Gerhard Stemmler 2009 oder Wilhelm Janke u.a. 2008) nicht oder nur ganz beiläufig präsent sind. Vom „Staunen“ ist hier zumindest explizit nur einmal die Rede – bei einem Hinweis auf sieben „primäre Emotionen“, die der Psychologe William McDougall 1908 aufgelistet hatte. Das ist lange her. Und die Reflexionen über das Staunen sind noch viel älter, wie Nicola Gess mit Rückblicken bis zur Antike zeigt.

Die Rede von einem „emotional return“ in der Wissenschaftsgeschichte der letzten Jahrzehnte könnte allerdings nahelagen, dass es sich dabei lediglich um Rückgriffe auf Theorien handelt, die vorüberergehend ignoriert oder vergessen wurden, und nicht um deren Weiterentwicklungen mit partiell innovativem Erkenntniszuwachs. Das „Abenteuer Interdisziplinarität“ ist zumindest von der forcierten Anstrengung und dem Anspruch geprägt, einen Erkenntnisfortschritt zu erzielen. Nicht zuletzt im Bereich der Rezeptionsästhetik bzw. Wirkungsästhetik, die in der Forschungsgruppe „Poetik und Hermeneutik“ eine für die Literaturwissenschaft dominante Bedeutung erhielt, sind die damaligen Ansätze durch kognitions- und emotionspsychologische Konzepte erheblich präzisiert worden.

Die im Feld der gegenwärtigen Emotionsforschung vielfach gesuchte Kooperation zwischen ganz unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen lässt gewiss noch viele Wünsche offen und sie ist mit zum Teil heftigen Kontroversen verbunden. Der Historiker Jan Plamper hat sich mit ihnen eingehend und zum Teil polemisch in seinem 2012 erschienenen, nicht nur für ein fachwissenschaftliches Publikum geschriebenen Buch Geschichte und Gefühle auseinandergesetzt. Von einer „interdisziplinären“ Emotionsforschung könne, wo sich Geisteswissenschaftler und Neurowissenschaftler im 21. Jahrhundert auf Tagungen begegnen, kaum die Rede sein, nur von einer „multidisziplinären“. Es sind nach dieser Einschätzung viele wissenschaftliche Disziplinen intensiv mit Emotionen befasst, aber zu einer fundierten Kooperation fehlen bislang weitgehend noch die Voraussetzungen. Besonders den „Literatur- und Bildwissenschaften“ bescheinigt Plamper oft allzu „leichtfertige Anleihen“ bei den Neurowissenschaften. Eine Kooperation zwischen den Wissenschaften sei zwar wünschenswert, setze aber einen „gewissen Alphabetisierungsgrad“ in den anderen Disziplinen voraus. In dem Handbuch Literatur & Emotionen gehen vor allem Schamma Schadat und Johannes F. Lehmann, wiederholt mit Berufungen auf Plamper, kenntnisreich, klar und konstruktiv darauf ein. Das betrifft unter anderem die Differenzen zwischen „universalistischen“ Emotionstheorien, die Gefühle als anthropologische Konstanten begreifen und gegenwärtig vor allem durch die neurowissenschaftliche Hirnforschung repräsentiert werden, und „kulturalistischen“ oder „sozialkonstruktivistischen“ Emotionstheorien, wie sie in der Soziologie, der Ethnologie und in den Geschichtswissenschaften dominieren. „Nature or nurture, das ist die große Frage, an der sich die Erforschung der Gefühle abarbeitet: Sind Emotionen angeboren oder sind sie sozial konstruiert?“ (Schadat)

Wie Plamper legen Schadat und Lehmann eine Überwindung derartiger Dichotomien nahe. Und gegenwärtig werden in unterschiedlichenen Institutionen Projekte weiterentwickelt, die eine Kooperation von Natur- und Geisteswissenschaften vorantreiben. Das 2013 in Frankfurt am Main gegründete Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik wird derzeit von dem Literaturwissenschaftler Winfried Menninghaus, der Musikwissenschaftlerin Melanie Wald-Fuhrmann und dem Neurobiologe David Poeppel geleitet, ein experimenteller Psychologe als vierter Leiter noch gesucht. Was die Website des Instituts der „Abteilung Musik“ zuschreibt, dürfte auch für die anderen Abteilungen gelten: Ihr „Schwerpunkt“ liege „auf der Entwicklung multi-methodischer, dezidiert interdisziplinärer Forschungsdesigns im Schnittpunkt von Geistes- und Naturwissenschaften, um neue Antworten auf alte Fragen zu finden“.

Zusammen mit der Suche nach neuen Antworten zu „alten Fragen“ hat die Interdisziplinarität auch zur Revitalisierung alter, scheinbar obsolet gewordener Begriffe beigetragen. In dem Handbuch Literatur & Emotionen konstatiert Burkhard Meyer-Sickendiek: „Kaum eine Kategorie aus der Tradition der Lyrik ist in der poetologischen Theoriebildung so kritisiert worden wie der Begriff der Stimmung.“ Doch inzwischen vollziehe sich „eine Renaissance“ der Kategorie. Das gilt ähnlich auch für „Heimat-Gefühle“, die wie „Stimmungen“ im Umfeld der literarischen Moderne dem Kitsch-Verdikt ausgesetzt waren. Beides findet im Themenschwerpunkt der August-Ausgabe Beachtung. Ebenso der in der Literaturwissenschaft lange Zeit tabuisierte Begriff „Einfühlung“. In der psychologischen Ästhetik um 1900 war er ungemein beliebt, wurde 1909 von dem amerikanischen Psychologen E.B. Titchener mit dem Neologismus „empathy“ ins Englische übertragen und behielt mit dieser Übersetzung in anderen Disziplinen viel von seinem Prestige. In der Literaturwisssenschaft wurde er erst durch die Aufsehen erregende, inzwischen umstrittene Entdeckung von „Spiegelneuronen“ in den 1990er Jahren mit umfassenden Revisionen und Differenzierungen zumindest partiell rehabilitiert. In die Dialoge mit der Emotionspsychologie und Neurologie sind inzwischen aber nicht nur die Geistes- und Sozialwissenschaften eingebunden, sondern, wie die August-Ausgabe von literaturkritik.de zeigt, sogar buddhistische Mönche. 2009 erschienen unter dem Titel Gefühl und Mitgefühl die in ein Buch verwandelten Gespräche zwischen dem gegenwärtigen Dalai Lama und Friedensnobelpreisträger Tendzin Gyatsho und Paul Ekman, einem der renommiertesten Emotionspsychologen, 2017 die, so der Untertitel, „Dialoge zwischen einem Hirnforscher (Wolf Joachim Singer) und einem buddhistischen Mönch“ (Matthieu Ricard).

Neben den Beiträgen dazu in dieser Ausgabe, die im Laufe des Urlaubsmonats August noch vervollständigt und durch weitere ergänzt werden, stehen Auseinandersetzungen mit Emotionen im Film bzw. im Kino und in anderen Medien – bis hin zu Liebesbriefen in sozialen Netzwerken der Gegenwart. Ein neuer, vielbeachteter „Kriegsfilm“, Christopher Nolans Dunkirk, war Anlass für zwei Kritiken mit unterschiedlichen Perspektiven, die eines Literatur- und Medienwissenschaftlers und die eines Fachmanns für Ethik und Geschichte der Medizin. Die Interdisziplinarität ist Kennzeichen nicht nur der Emotionsforschung, sondern gehört zum Profil unserer Zeitschrift, auch in den Beiträgen außerhalb des Schwerpunktes.

Wir wünschen unseren Leserinnen und Lesern eine anregende Lektüre.

Titelbild

Eva Weber-Guskar: Die Klarheit der Gefühle. Was es heißt, Emotionen zu verstehen.
De Gruyter, Berlin 2009.
296 Seiten, 49,95 EUR.
ISBN-13: 9783110204636

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch

Titelbild

Jan Plamper: Geschichte und Gefühl. Grundlagen der Emotionsgeschichte.
Siedler Verlag, München 2012.
480 Seiten, 29,99 EUR.
ISBN-13: 9783886809141

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch

Titelbild

Gesine Lenore Schiewer: Studienbuch Emotionsforschung. Theorien – Anwendungsfelder – Perspektiven.
WBG Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2014.
216 Seiten, 29,95 EUR.
ISBN-13: 9783534264940

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch

Titelbild

Susanne Knaller / Rita Rieger (Hg.): Ästhetische Emotion. Formen und Figurationen zur Zeit des Umbruchs der Medien und Gattungen (1880-1939).
Universitätsverlag Winter, Heidelberg 2016.
370 Seiten, 45,00 EUR.
ISBN-13: 9783825365561

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Titelbild

Martin von Koppenfels / Cornelia Zumbusch (Hg.): Handbuch Literatur & Emotionen.
De Gruyter, Berlin 2016.
640 Seiten, 159,95 EUR.
ISBN-13: 9783110303148

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