Zwei Emigranten aus Deutschland

Hannah Arendt und Karl Jaspers

Von Dieter LampingRSS-Newsfeed neuer Artikel von Dieter Lamping

1.

Scherenschnitt von Simone FrielingHannah Arendt und Karl Jaspers haben beide Deutschland verlassen, allerdings zu verschiedenen Zeiten und auf unterschiedliche Art. Ihre Flucht 1933 und seine Auswanderung 1948 scheinen deshalb auf den ersten Blick unvergleichlich. Gemeinsam ist ihnen aber schon, dass sie jeweils nicht nur für die deutschen Verhältnisse der Zeit typisch sind, auch nicht nur für das 20. Jahrhundert.

Flucht und Auswanderung haben sich bis heute nicht erledigt. Deutschland ist zwar inzwischen nicht mehr ein Land, aus dem man flieht, sondern eines, in das man flieht. Migration bleibt aber gerade deshalb ein Problem, das weiterhin zu bedenken ist. Dabei können historische Fälle wie die von Arendt und Jaspers, wie besonders sie auch in manchem sein mögen, als Modelle dienen. Beide haben ihre Wanderungen politisch analysiert und theoretisch reflektiert. Dabei haben sie Schlussfolgerungen gezogen, zum Teil sogar die gleichen, die über ihre Erfahrungen hinausgehen. Selbst dem, der von Migration nicht betroffen ist, können ihre Berichte und Überlegungen eine Vorstellung davon geben, wie Flucht und Auswanderung zustande kommen, was sie bedeuten, vor allem politisch und existentiell, und wie sie literarisch kommuniziert werden.

2.

Hannah Arendt ist geflüchtet. Nachdem sie im Frühjahr 1933 acht Tage in Berliner Gestapo-Haft gewesen war, verließ sie nach ihrer Freilassung Deutschland über die grüne Grenze des Erzgebirges. Über Prag und Genf reiste sie nach Paris, wo sie die nächsten Jahre blieb. Als sie 1940 im Lager Gurs interniert wurde, gelang ihr unter glücklichen Umständen abermals die Flucht. 1941 floh sie schließlich über Lissabon nach New York. Jahre später erwähnte sie in ihrem Essay We Refugees Juden, die „mehrmals gerettet werden“ mussten. Sie gehörte zu denen, die sich mehrmals selbst retteten.

Scherenschnitt von Simone FrielingKarl Jaspers ist ausgewandert. 1947 erhielt er einen Ruf nach Basel. Schon 1941 hatte es Bemühungen gegeben, ihn an die Universität zu Vorlesungen einzuladen, mit der Aussicht auf eine spätere Berufung. Jaspers hatte die Einladung jedoch nicht annehmen können, weil ihm die Ausreise verweigert wurde. Als die Einladung im folgenden Jahr erneuert wurde, wurde ihm zwar gestattet, Deutschland zu verlassen, aber nicht seiner Frau. So blieb er in Heidelberg. Nach langen Überlegungen entschloss er sich im Februar 1948, den Ruf nach Basel anzunehmen. Ende März siedelte er mit seiner Frau in die Schweiz über. Er lebte dort bis zu seinem Tod 1969.

3.

Hannah Arendts Emigration war die Flucht einer vor allem rassisch verfolgten deutschen Jüdin. Sie selbst hat sich, im Unterschied zu anderen Juden, ausdrücklich einen Flüchtling genannt. Sie war 18 Jahre staatenlos, dabei allen Einschränkungen unterworfen, die mit diesem Status der Rechtlosigkeit verbunden sind. Gleich zweimal war sie gezwungen, sich in anderen Ländern und Kulturen einzurichten. Sie tat das mit außerordentlicher Energie.

Karl Jaspers’ Übersiedelung in die Schweiz war auf den ersten Blick nur ein Fall von Arbeitsmigration, wie sie in der akademischen Welt durchaus üblich ist. Er selbst hat sich sogar dagegen gewehrt, von Emigration zu sprechen. Er bleibe, so ließ er seinen Heidelberger Rektor wissen, „im großen deutschen Raum, der kein politischer, sondern ein Sprach- und Kulturraum seit dem Mittelalter sei“. In jedem anderen Sinn war sein Weggang nach Basel allerdings eine Emigration, die mit der Annahme der Schweizer Staatsangehörigkeit 1967 schließlich besiegelt wurde. Erst zwei Jahre zuvor hatte er sich in seinem Radio-Vortrag Was ist deutsch? auch öffentlich als einen Emigranten bezeichnet: als einen „Emigranten aus unserem bisherigen politischen Dasein“.

4.

Hannah Arendt brauchte nicht zu begründen, warum sie Deutschland illegal verlassen hat. Sie musste um ihr Leben fürchten und um das ihrer Mutter. In Deutschland hätte sie, die damals mit einem Juden, Günther Stern, verheiratet war, höchstwahrscheinlich den Krieg nicht überlebt. Durch ihre Flucht aus Gurs entging sie letztlich abermals der Deportation, auch wenn die nicht unmittelbar bevorstand. In welcher Gefahr sie schwebte, verrät aber das Schicksal ihres Freundes Walter Benjamin, der ihr in Südfrankreich, vor seiner letztlich gescheiterten Flucht, noch Manuskripte übergab.

Anders als Hannah Arendt 1933 war Karl Jaspers 1948 nicht gezwungen, Deutschland zu verlassen. Seine Emigration erscheint weniger selbstverständlich, darum erklärungsbedürftiger. Sein Wechsel an die Universität Basel sorgte seinerzeit nicht nur in Heidelberg für Aufsehen. Er war keineswegs so gewöhnlich, wie er es vor dem Krieg gewesen wäre oder es heute wäre. Nach 1945 war es Deutschen zunächst verwehrt, ins Ausland zu wechseln. Jaspers brauchte dafür eine Sondergenehmigung der amerikanischen Besatzungsbehörden. Die Stadt Heidelberg und die Universität, zumindest ihre offiziellen Repräsentanten, versuchten ihn ebenso zum Bleiben zu bewegen wie das Ministerium in Karlsruhe.

Jaspers war einer der wenigen Professoren, die unbelastet durch die Zeit des Nationalsozialismus gekommen waren. Gleich 1933 hatte sich die Ruprecht-Karls-Universität zur nationalsozialistischen Hochschule erklärt. Im selben Jahr wurde Jaspers von der Mitwirkung an der akademischen Selbstverwaltung ausgeschlossen. Vier Jahre später wurde er unter Verlust seiner akademischen Rechte vorzeitig in den Ruhestand versetzt. Ab 1938 war es ihm faktisch nicht mehr möglich zu publizieren. Seit 1943 hatte er offiziell Publikationsverbot. Der Grund für alle diese Maßregelungen war seine Ehe mit einer jüdischen Frau, die er nicht bereit war aufzulösen. Durch sie geriet er am Ende selbst in Lebensgefahr. Hatte er anfangs gezögert, Deutschland zu verlassen, war es ihm schon bald nicht mehr möglich. Am Ende des Krieges war das Ehepaar Jaspers zur Deportation vorgesehen. Es entging ihr nur durch den vorzeitigen Einmarsch der Amerikaner in Heidelberg.

1945 gehörte Jaspers dann zu einer Gruppe von 13 politisch unbelasteten Hochschullehrern, die auf eigene Initiative hin den Wiederaufbau der Universität vorbereiten wollten. Aufgrund seiner Krankheit konnte er aber kein leitendes Amt übernehmen. Noch 1945 von den Amerikanern wieder als Professor eingesetzt, wurde er Senator und Ehrensenator. Als im Wintersemester 1945/46 der Lehrbetrieb mit medizinischen Veranstaltungen aufgenommen wurde, hielt der promovierte Mediziner die Festrede, die unter dem Titel Erneuerung der Universität bald gedruckt wurde. In rascher Folge veröffentlichte er danach programmatische Aufsätze wie Vom lebendigen Geist der Universität, gleichfalls zuerst als akademische Rede 1946 gehalten, Die Wissenschaft im Hitlerstaat im selben Jahr, schließlich 1947 Volk und Universität.

Noch 1945 trat Jaspers in das Herausgebergremium einer neu gegründeten Zeitschrift ein, die sich programmatisch Die Wandlung nannte. Das „Geleitwort“ für die erste Ausgabe verfasste er. In der Neuen Zeitung veröffentlichte er im selben Jahr eine Antwort auf Sigrid Undset, die mit der großen Resonanz, die Worte einer Nobelpreisträgerin finden, Zweifel an der Umerziehbarkeit der Deutschen geäußert hatte. Innerhalb kurzer Zeit war Jaspers ein Repräsentant eines anderen Deutschland geworden, der für eine geistige, aber nicht nur geistige Erneuerung stand. Als er 1947 den Goethepreis der Stadt Frankfurt erhielt, war er auf dem Gipfel des Ruhms. 

Dennoch hatte er gute Gründe, Heidelberg zu verlassen. Mit seiner neuen Rolle als öffentlicher Person hatte sich der kranke Jaspers offenbar übernommen. Zunehmend zweifelte er daran, wirklich eine Erneuerung der Universität bewirken zu können. Bei verschiedenen Gelegenheiten fühlte er sich allein gelassen. Der Egoismus seiner Kollegen, die zunächst auf ihren Status bedacht waren, und ihre „zünftige ‚Solidarität’“ schienen ihm größer als ihr Mut zur Erneuerung. Er argwöhnte, dass man seinen Namen nur benutzte, um davon abzulenken. Dass er annahm, die Regierung misstraue ihm, kam hinzu. Schließlich vermisste er Anteilnahme an dem Leid seiner Frau, deren seelische Bedrängnisse durch die anhaltenden Enthüllungen über das ganze Ausmaß der Judenverfolgung wuchsen. Kollegen versicherten ihm zwar, dass sie beide nun in Deutschland sicher seien. Jaspers kamen daran aber umso mehr Zweifel, je weniger Willen zur Veränderung er wahrnahm, dazu auch eine „Gleichgültigkeit“ gegenüber dem „Judenmassenmord“ bemerkte, die ihn tief bedrückte. Das galt für die Universität wie für das ganze Land.

Am Ende war es nicht ein Grund, der ihn bewegte, Heidelberg zu verlassen. Es war ein ganzer Komplex von Gründen:

Was uns forttrieb, war klar: Das Ausbleiben der Konsequenzen des Massenmords an Juden – der radikale Abstand vom totalen Verbrecherstaat – meine Isolierung in den Universitätsbestrebungen – die Feindseligkeit der Regierung – eine Überbeanspruchung durch vergebliche Bemühungen – eine Minderung der Kraft meines philosophischen Arbeitens.

5.

Hannah Arendt hat in den Jahren, in denen sie auf der Flucht war, nicht mehr publiziert. Irgendwann hat sie auch aufgehört, an ihrer Habilitationsschrift über Rahel Varnhagen zu arbeiten. Außer Briefen an Freunde ist aus diesen Jahren, die, neben der Sorge um das eigene Überleben, von der Arbeit für jüdische Hilfsorganisationen angefüllt waren, nur wenig überliefert. Zu schreiben und zu veröffentlichen begann sie erst wieder, als sie in den USA angekommen war und Ruhe zur intellektuellen Arbeit fand.

Anfangs publizierte sie ausschließlich in der wichtigsten Zeitung der deutschsprachigen Juden in Amerika, dem „Aufbau“, durchweg über jüdische Themen und noch auf deutsch. Schon 1942 begann sie auch auf englisch zu schreiben und zu veröffentlichen. 1951 erschien ihr erstes Buch seit 22 Jahren und ihr erstes auf englisch: The Origins of Totalitarism. Damit war sie vollends eine amerikanische Schriftstellerin geworden. Fortan musste das meiste, was sie schrieb, ins Deutsche übersetzt werden.

Zu einer akademischen Karriere, die sich ihr bald wieder eröffnete, konnte sie sich letztlich nicht entschließen. Sie bevorzugte es, Gast an Universitäten zu sein und ansonsten zu publizieren. „Seitdem ich in Amerika bin“, schrieb sie schon 1945 Karl Jaspers, „bin ich eine Art freier Schriftsteller geworden, irgend etwas zwischen einem Historiker und einem politischen Publizisten“. Sie erwarb sich mit den Jahren einen Ruf als politische Theoretikerin und als Philosophin, selbst wenn sie den Ausdruck für sich nicht in Anspruch nehmen wollte. Spätestens 1963, mit dem Erscheinen von Eichmann in Jerusalem, war sie auch eine berühmte Autorin, allerdings zunächst eine vor allem von jüdischer Seite wegen ihrer These von der ‚Banalität des Bösen’ heftig angefeindete.

Karl Jaspers hatte, als er den Ruf nach Basel erhielt, Jahre des Publikationsverbots hinter sich. Erst allmählich hatte er, in der allgemeinen Not, daran denken können, eine Neuauflage seiner Allgemeinen Psychopathologie auf den Weg zu bringen und den ersten Teil seiner ‚Philosophischen Logik’, Von der Wahrheit, drucken zu lassen. Beide erschienen noch, 1946 und 1947, vor seinem Umzug. In der Schweiz entfaltete Jaspers schnell eine beispiellose Produktivität. Über hundert Reden und Aufsätze erschienen bis zu seinem Tod, dazu mehr als 25 Bücher, das erste bereits 1948, Der philosophische Glaube, schon in Basel entstanden. Vor allem mit den Büchern wurde Jaspers einer der meistgelesenen Philosophen seiner Zeit.

Anders als bei manchen anderen führte die Emigration weder bei Hannah Arendt noch bei Karl Jaspers zu einer dauerhaften Hemmung der schriftstellerischen Arbeit. Sie hob vielmehr bei beiden neu an, bei ihr allerdings durch die Umstände verzögert. Das Leben in einem anderen Land, einmal gesichert, wurde die Grundlage für eine öffentliche Wirksamkeit, die beide vorher in derselben Weise nicht entfaltet hatten. Die Migration setzte Kräfte frei, die sowohl dem Land ihrer Herkunft wie dem Land ihrer Auswanderung zugute kamen.

6.

Hannah Arendt hat früh damit begonnen, über ihre Erfahrungen als Flüchtling zu schreiben. Den Anfang machte sie mit dem erst spät ins Deutsche übersetzten Essay We Refugees, im Januar 1943 im Menorah Journal erschienen. In ihm hat sie die Weigerung vieler Juden analysiert, sich als Flüchtlinge zu bezeichnen. Den Grund für diese Haltung sah sie darin, dass diese Juden einem Begriff von Flucht verhaftet waren, der durch sie selber seine Geltung verloren hatte:

Als Flüchtling hatte bislang gegolten, wer aufgrund seiner Taten oder seiner politischen Anschauungen gezwungen war, Zuflucht zu suchen. Es stimmt, auch wir mussten Zuflucht suchen, aber wir hatten vorher nichts begangen, und die meisten unter uns hegten nicht einmal im Traum irgendwelche radikalen politischen Auffassungen. Mit uns hat sich die Bedeutung des Begriffs „Flüchtling“ gewandelt.

Dass viele Juden sich weigerten, sich als Flüchtlinge zu bezeichnen, war für Hannah Arendt in deren fehlender jüdischer Identität begründet: „wir wollen keine Flüchtlinge sein, da wir keine Juden sein wollen“. Deshalb bemühten sie sich unter allen Umständen um Anpassung, bis zum Verlust der eigenen Identität. „Unsere Identität wechselt so häufig, dass keiner herausfinden kann, wer wir eigentlich sind“.

Gegen diese „hoffnungslose Traurigkeit von Assimilanten“ stellte Hannah Arendt das Bekenntnis zum Judentum, allerdings einem nicht-religiösen. Zwar setze es Juden der Gefahr der Rechtlosigkeit aus, weil sie „keinerlei rechtlichen Status in dieser Welt besitzen“. Die Assimilation ebenso wie der Zionismus waren aber für Hannah Arendt keine Lösung des jüdischen Flüchtlings-Problems. Die konnte aus ihrer Sicht nur eine humanitäre sein:

Wenn wir damit anfingen, die Wahrheit zu sagen, nämlich dass wir nichts als Juden sind, dann würden wir uns dem Schicksal bloßen Menschseins aussetzen; wir wären dann, von keinem spezifischen Gesetz und keiner politischen Konvention geschützt, nichts weiter als menschliche Wesen.

Was Hannah Arendt mit diesen Sätzen einfordert, ist das Menschenrecht der Flüchtlinge. Nicht wegen Taten oder Ansichten verfolgt, sind sie „nichts weiter als Menschen“, die Zuflucht suchen müssen, da ihr Staat sie ihrer Rechte beraubt hat. Weil die Juden das im 20. Jahrhundert als erste traf, sind sie für Hannah Arendt das Paradigma der modernen Flüchtlinge. Ihr Schicksal ist nicht nur ein jüdisches. Es ist ein Menschenschicksal. Die Juden wurden zum „Modell einer unerhörten Not für unschuldige Menschen“, wie es in Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft heißt. Diese Willkür der Entrechtung von Menschen war Hannah Arendt ein Ausdruck totaler Herrschaft. Dagegen setzte sie das „Recht, Rechte zu haben“.

7.

Die Verfolgung durch den nationalsozialistischen ‚Verbrecherstaat’ veranlasste Jaspers dazu, sich mit seiner deutschen Identität auseinanderzusetzen. Für ihn und seine Frau, schrieb er 1957 in seiner Philosophischen Autobiographie, wurde nach 1933 das bis dahin fraglose „deutsche Selbstbewußtsein“ zur „Frage“. Die von Bismarck betriebene deutsche Einigung beurteilte er schon früh kritisch, weil sie auf Kosten der Freiheit gegangen sei. Im Unterschied zu vielen anderen seiner Kollegen verfiel er deshalb 1914 auch nicht in eine Kriegsbegeisterung. Seine „völlige Distanzierung zum Deutschen Reich seit 1933“ führte dann zur Distanzierung auch von jeder deutschen Staatlichkeit. Das „Politische“, die jeweilige staatliche Verfasstheit, erschien ihm nun als „nur eine Dimension“ des Deutschen, „und zwar als eine unglückselige, von Katastrophe zu Katastrophe gehende Geschichte“. Davon unterschied er ein Deutsches, das er, ähnlich wie das Europäische, als einen ‚Geist‘ betrachtete, als eine historische Kultur:

Was deutsch ist, das lebt in dem großen geistigen Raum, geistig schaffend und kämpfend, braucht sich nicht deutsch zu nennen, hat keine deutschen Absichten und keinen deutschen Stolz, sondern lebt geistig von den Sachen, den Ideen, der weltweiten Kommunikation.

Dieser Begriff von einem deutschen Geist dürfte Jaspers die Auswanderung in die Schweiz nicht nur erleichtert haben. Sie mag sogar ein weiterer Grund für sie gewesen sein. Er wollte einen deutschen Staat verlassen, dem er letztlich nicht vertraute, doch das Deutsche als „großen geistigen Raum“ nicht aufgeben. Dafür war Basel aus seiner Sicht der richtige Ort. Was die Emigration für seine deutsche Identität letztlich bedeutete, politisch und existentiell, hat Jaspers, in Anspielung auf ein Wort des Wahl-Baselers Nietzsche, dann fast zwanzig Jahre nach seiner Auswanderung, 1965 beschrieben:

Wir sind Emigranten. Das will sagen: Dem Deutschen ist auferlegt: wenn seine deutsche Umwelt zu versagen scheint, muß er sein eigenes Deutschsein finden.

[…]

Wir Deutschen brauchen dabei nicht unseren existentiellen Boden zu verlieren. Unser Deutschsein ist zwar an zweite Stelle gerückt, aber nicht preisgegeben. Wir gelangen in einen übergeordneten Raum.

Dieser ‚übergeordnete Raum’ war das kosmopolitische Denken. In seiner Philosophischen Autobiographie hat sich Jaspers zum „Weltbürgertum“ bekannt. Bezeichnenderweise ist Hannah Arendt die erste gewesen, die ihn als „Citizen of the World“ charakterisiert hat. 

8.

Jaspers hat als Konsequenz aus seiner Erfahrung des Nationalsozialismus ein grundsätzliches Misstrauen gegen den Nationalstaat, nicht nur den deutschen, entwickelt: „Wie sehnsüchtig“, schreibt er in seiner Philosophischen Autobiographie,

suchte ich eine Instanz über den Völkern, ein Recht, das über den Staaten dem Einzelnen, der von seinem Staat rechtlos vergewaltigt wird, rechtlich helfen kann! Wo unmenschliches Unrecht geschieht, da sollte es, so dachte ich, einen Schutz gegen den Staat geben, der das Verbrechen begeht. Die Solidarität aller Staaten allein könnte diese übergeordnete Instanz sein.

In den massenhaften Fluchtbewegungen, den „Völkerwanderungen“ zwischen den beiden Weltkriegen, hat Hannah Arendt den „Niedergang des Nationalstaates“ erkannt, das Ende „der alten Dreieinigkeit von Volk-Territorium-Staat, auf der die Nation geruht hatte“. Durch totale Herrschaft ist für Jaspers der Nationalstaat sogar vollends zum „Unheil der Welt“ geworden, das er noch in den „vom Kolonialismus befreiten Völkern“ am Werk sah. Für Arendt wie für Jaspers verlangte die Krise des Nationalstaates nach einer neuen internationalen Ordnung. Jaspers hat sie gelegentlich, wie in seinem Vortrag Vom europäischen Geist, als „Weltordnung“ mit „bedingungsloser Geltung der Rechtsidee“ oder in Freiheit und Wiedervereinigung als „Verwirklichung der Freiheit im Gesamtleben konföderierter Staaten“ umschrieben.

9.

Die Essays, die Hannah Arendt und Karl Jaspers über ihre Wanderung, die große und die kleine, veröffentlicht haben, sind Innenansichten der Emigration. Das Gleiche gilt für viele Schriften von anderen Emigranten. Was Arendt und Jaspers über Migration schrieben, ist aber nicht nur als Versuch bemerkenswert, sich über die eigene Situation auszusprechen.

Hannah Arendt ist in ihrem Essay eine lakonisch-prägnante Darstellung des Unglücks von Flüchtlingen gelungen, der sich auch ein von ihrem Schicksal nicht Betroffener kaum entziehen kann:

Wir haben unser Zuhause und damit die Vertrautheit des Alltags verloren. Wir haben unseren Beruf verloren und damit das Vertrauen eingebüßt, in dieser Welt irgendwie von Nutzen zu sein. Wir haben unsere Sprache verloren und mit ihr die Natürlichkeit unserer Reaktionen, die Einfachheit unserer Gebärden und den ungezwungenen Ausdruck unserer Gefühle. Wir haben unsere Verwandten in den polnischen Ghettos zurückgelassen, unsere besten Freunde sind in den Konzentrationslagern umgebracht worden, und das bedeutet den Zusammenbruch unserer privaten Welt.

Mit diesen wenigen Zeilen dürfte das Wesentliche über das Elend jedes Flüchtlings-Lebens gesagt sein.

10.

Mit dem Bericht über seinen Weggang aus Deutschland hat Karl Jaspers etwas getan, was in seinem Werk selten ist: Er hat als Philosoph erzählt.

Die Frage, warum wir 1948 nach Basel gingen, kann ich mit Gründen nicht zureichend beantworten. Aber ich kann erzählen, was uns bewegte, wie es herging und wie es entschieden wurde.

Das ist für einen Philosophen, der seine eigene Tätigkeit von der eines Dichters klar unterschied, eine bemerkenswerte Aussage. Sie reklamiert als Äußerung dessen, was sich begrifflich letztlich nicht fassen lässt, das Erzählen. Es dient aber nicht nur der Klärung von schwer entwirrbaren Vorgängen und Entscheidungen, die leichter zu berichten als zu bedenken sind. Vor allem ist solches Erzählen Mitteilung, die es einem Leser möglich macht, nachzuvollziehen, was er sonst bloß zur Kenntnis nehmen könnte. Durch die Erzählung wird nicht nur die Entscheidung, sondern auch der verwickelte und bewegende Prozeß, der zu ihr führte, offengelegt. Dadurch wird der Leser in die Lage versetzt, besser zu verstehen, und zu einer Teilnahme eingeladen, die nicht Zustimmung einschließen muss. Das ist es, was Jaspers unter anderem unter Kommunikation verstand.

Hannah Arendt hat in ihrer kurzen Darstellung des Flüchtlings-Unglücks das Gleiche wie Jaspers im Bericht über seinen Weggang aus Deutschland getan, ohne dies ausdrücklich zu sagen. Auch ihre Skizze besteht aus Erzähl-Sätzen, die von Erfahrungen handeln und dabei ebenso sachlich sind wie die Jaspers’schen. Dass es beiden gelungen ist, von ihren Nöten ohne falsches oder übertriebenes Gefühl zu sprechen, dürfte sich auch der geistigen Stärke dieser philosophischen Schriftsteller verdanken, die sich noch geltend macht, wo sie sich nicht mehr auf ihrem vertrauten Gebiet bewegen.

11.

Schon 1945 setzte die Korrespondenz zwischen Hannah Arendt und Karl Jaspers nach einer Unterbrechung von sieben Jahren neu sein. Rasch verwandelte sich das alte Verhältnis zwischen der Doktorandin und ihrem Professor in eine Freundschaft. In ihren Briefen wurden die wichtigsten Fragen erörtert, die sie beide beschäftigten. Seit 1949, als Arendt das erste Mal nach Basel kam, trafen sie sich nicht regelmäßig, aber häufig. Bei der Trauerfeier für Jaspers hielt sie 1969 wie selbstverständlich die Gedenkrede.

Die Freundschaft zwischen ihnen war zugleich eine Arbeitsgemeinschaft. Als sie begann, war Hannah Arendt bereits eine amerikanische Schriftstellerin, die im Hauptberuf noch Lektorin des Schocken Verlags war. Sie vermittelte Reden und Aufsätze ihres alten Lehrers an amerikanische Zeitschriften und bemühte sich um die Übersetzungen seiner Arbeiten ins Englische; die Rechte für sie übertrug er ihr. Niemand dürfte für die amerikanische Rezeption der Jaspers’schen Philosophie so viel getan haben wie Hannah Arendt. Den ersten großen Auswahlband aus seinem Werk, The Philosophy of Karl Jaspers von 1957, begleitete sie mit dem Essay über den Weltbürger Jaspers.

Jaspers gab ihr umgekehrt die Möglichkeit, wieder in Deutschland zu veröffentlichen, und zwar in der von ihm mitherausgegebenen Zeitschrift Die Wandlung. In deren Schriftenreihe erschien auch ihr erstes Buch nach dem Krieg auf Deutsch: Die verborgene Tradition. Es ist ihm gewidmet. Schon in seiner Rede zur Eröffnung der Heidelberg Universität 1946 erwähnte und zitierte er seine „frühere Schülerin“. Für ihr Buch Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft schrieb er ein Geleitwort. Auch für Eichmann in Jerusalem sprach er sich 1965 öffentlich in einem Interview mit Studio Basel aus, nicht ohne Arendts „Unabhängigkeit“ zu rühmen.

Das sinnfälligste Ergebnis der Zusammenarbeit zwischen Jaspers und Arendt ist das schmale Büchlein, das 1958 im Piper Verlag zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels erschien, mit seiner Dankrede und ihrer Laudatio: ein in München erschienener Band eines in die Schweiz ausgewanderten deutschen Professors und einer aus Deutschland geflohenen Jüdin, die in New York als Schriftstellerin lebte.

Was Hannah Arendt und Karl Jaspers nach 1945 einander und insbesondere was sie übereinander schrieben, darf man im Sinn Goethes als Weltliteratur bezeichnen – so wie er sie 1828 in seiner Grußadresse für Die Versammlungen deutscher Naturforscher und Ärzte beschrieben hat: als literarische Zusammenarbeit von Autoren verschiedener Nationen, die „durch Neigung und Gemeinsinn sich veranlaßt finden gesellschaftlich zu wirken“. Arendt und Jaspers haben zwar nicht als ästhetische, wohl aber als philosophische Schriftsteller das ganze Spektrum solcher Kooperationen ausgeschöpft – in Briefen und Begegnungen, in Vermittlungen und Übersetzungen, öffentlichen Würdigungen und Verteidigungen. Ihre Zusammenarbeit verdankte sich dabei wesentlich beider Wanderungen unter den besonderen Verhältnissen des 20. Jahrhunderts. Sie ist internationale Literatur zweier Emigranten aus Deutschland.

Literaturhinweise

Hannah Arendt: Karl Jaspers: Bürger der Welt. In: Dies.: Menschen in finsteren Zeiten. Hg. von Ursula Lutz. München, Zürich 1989,  S. 99-112.

Hannah Arendt, Karl Jaspers: Briefwechsel 1926-1969. Hgg. von Lotte Köhler und Hans Saner München, Zürich 2. Aufl. 2001.

Hannah Arendt: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. Antisemitismus, Imperialismus, totale Herrschaft. München, Zürich 12. Aufl. 2008

Hannah Arendt: Wir Flüchtlinge. Aus dem Englischen übers. von Eike Geisel. Mit einem Essay von Thomas Meyer. Stuttgart 4. Aufl. 2016.

 

Karl Jaspers: Wahrheit, Freiheit und Friede. Hannah Arendt: ‚Karl Jaspers’. Reden zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 1958. München 1958.

Karl Jaspers: Rechenschaft und Ausblick. Reden und Aufsätze. 2. Aufl. München 1958.

Karl Jaspers: Hoffnung und Sorge. Schriften zur deutschen Politik 1945-1965. München 1965.

Karl Jaspers: Von Heidelberg nach Basel. In: Ders.: Schicksal und Wille. Autobiographische Schriften. Hg. von Hans Saner. München 1967, S. 164-183.

Karl Jaspers: Provokationen. Gespräche und Interviews. Hg. von Hans Saner. München 1969.

Karl Jaspers: Philosophische Autobiographie. Erweiterte Neuausgabe. München 1977.

 

Elisabeth Young-Bruehl: Hannah Arendt. Leben, Werk und Zeit. Aus dem Amerikanischen von Hans Günter Höll. Frankfurt a.M. 4. Aufl. 2015.

Hans Saner: Karl Jaspers in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Reinbek bei Hamburg  1976.

 

Dieter Lamping: Die Idee der Weltliteratur. Ein Konzept Goethes und seine Karriere. Stuttgart 2010.

Dieter Lamping: Internationale Literatur. Eine Einführung in das Arbeitsgebiet der Komparatistik. Göttingen 2013.

 

Der Essay ist die gekürzte Vorveröffentlichung eines Beitrags, der voraussichtlich im Mai 2017 in dem von Frank Zipfel herausgegebenen Band „Fremde Ähnlichkeiten. Die ‚Große Wanderung’ als Herausforderung der Komparatistik“ im Verlag J.B. Metzler erscheinen wird.

 

Ein Beitrag aus der Komparatistik-Redaktion der Universität Mainz