Verdichtete Geschichte

Die „Sternstunden der Menschheit“ bilden den Auftakt zu einer neuen Salzburger Stefan-Zweig-Ausgabe

Von Stephan ReschRSS-Newsfeed neuer Artikel von Stephan Resch

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

„Es lohnt sich, die Zweig’schen Texte nicht nur en gros zu behandeln, sondern auch en detail“ – von dieser Prämisse ausgehend erscheint zurzeit eine neue Salzburger Ausgabe des erzählerischen Werks von Stefan Zweig im Zsolnay Verlag. Der erste Band dieser Studienausgabe, Zweigs Sternstunden der Menschheit, liegt nun vor.

Das Vorhaben, Zweigs Erzählungen und Romane auf Grundlage eines kritisch durchgesehenen Textes neu herauszugeben, ist verdienstvoll und notwendig. Der ab 1981 im S. Fischer Verlag erschienenen Ausgabe Gesammelte Werke in Einzelbänden gelang es erstmals, einen Großteil von Zweigs Texten aus Zeitschriften und Archiven in der ganzen Welt zusammenzutragen und damit die enorme Bandbreite seiner literarischen und essayistischen Tätigkeit einer größeren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Philologisch interessierten Lesern bot diese Ausgabe jedoch nur ein schmales Nachwort des Herausgebers. Zudem sind seit dem Erscheinen der Fischer-Ausgabe etwa 30 Jahre vergangen, ein Zeitraum, in dem sich gerade in der Zweig-Forschung viel getan hat. Neben neu veröffentlichten Texten und biografischen Dokumenten lässt sich auch ein erneutes wissenschaftliches Interesse an einem Autor feststellen, zu dem besonders die deutschsprachige Literaturwissenschaft ein oft schwieriges Verhältnis hatte. Galina Hristeva spricht mit Blick auf die mannigfaltigen Forschungsansätze der vergangenen Jahre von einem „Ende der Missachtung“.

Die kommentierte Studienausgabe in sechs Bänden, gemeinsam herausgegeben vom Stefan Zweig Centre Salzburg (Klemens Renoldner) und der Germanistik der Universität Salzburg (Werner Michler), nimmt dieses Wiedererstarken der Zweig-Forschung zum Anlass, neben dem gesicherten Text einen umfangreichen Anhang zu Überlieferung und Entstehung sowie Hinweise zu Quellen und einen Stellenkommentar zu liefern. Eine historisch-kritische Ausgabe sei dagegen „weder intendiert, noch […] zum gegenwärtigen Zeitpunkt sinnvoll.“ Auftakt der Ausgabe bildet der von Werner Michler und Martina Wörgötter herausgegebene Band zu Zweigs erfolgreichstem Werk, den in mehr als einer Million Exemplaren gedruckten Sternstunden der Menschheit.

Die Sternstunden, auch heute noch als Schullektüre populär, waren keineswegs das Resultat eines linearen, in sich geschlossenen Schreibprozesses. Vielmehr sind sie, das dokumentiert die vorliegende Ausgabe sehr anschaulich, eine höchst hybride Zusammenstellung von bereits veröffentlichten Texten (journalistische Aufsätze, Feuilletons, Lyrik, Dramolett und anderem) aus verschiedenen Stationen in Zweigs Schaffen. Die Sujets jener Texte sind auch nicht notwendigerweise, wie der Titel vermuten ließe, die wirklich großen Momente der Weltgeschichte. Zweig widmet sich eher „den Zufällen, den Kontingenzen, den Auslösern, die dann geschichtsmächtig werden, wenn eine historische Situation reif und überdeterminiert ist.“ Zweigs Interesse an der Geschichte ist gleichzeitig von psychologischen und literarischen Überlegungen geprägt. Ihn interessieren weniger die heldenhaften Gestalten, als die mittleren Charaktere (vgl. Grouchy, Scott), die durch einen Zufall in den Mittelpunkten des historischen Geschehens gerückt werden. Dabei greift Zweig gerne zur dramatischen Zuspitzung und Verdichtung von Ereignissen zurück, oft auch zur „Steigerung mit Blick auf den Superlativ.“ In der Kompositionstechnik lassen sich also durchaus Verbindungslinien zum überaus erfolgreichen Novellenautor Zweig ziehen.

Der kritische Apparat zu jeder einzelnen Sternstunde ist knapp gehalten und gibt Hinweise zur Überlieferung durch die Auflistung veröffentlichter und unveröffentlichter Textversionen. Die Entstehung wird mithilfe von Tagebucheintragungen, Briefen und biografischen Belegen dokumentiert und bisweilen kurz kommentiert. Zur Dokumentation von Zweigs Quellen werden gleichermaßen Hinweise des Autors aus Tagebüchern und der Korrespondenz herangezogen und mit Verweisen auf zeitgenössische Standardwerke ergänzt. Die Stellenkommentare beschränken sich zumeist auf fremdsprachliche, historische und fachsprachliche Begriffe, die dem modernen Leser die Lektüre vereinfachen. Das Nachwort vermittelt Einblicke in die werkbiografische Bedeutung des Textes, gibt Hinweise zu Zweigs Arbeitsweise und kontextualisiert manche stilistischen Eigenheiten von seinen Texten: „Dass sich heute das Deklamatorische und Pathetische an Zweigs Stil manchmal überdeutlich bemerkbar macht, muss nicht immer an den Texten liegen, es lässt sich auch auf den Verlust des Sensoriums für die traditionelle Rhetorik zurückführen, die hinter Zweigs Prosa steht. Zweigs Texte wollen auch gehört, nicht nur gelesen werden.“

Darüber hinaus dokumentiert die Studienausgabe Abweichungen in den einzelnen Textstufen und gibt, je nach Umfang der Abweichungen, bisweilen auch komplette Textversionen wieder. Der Nutzen dieser Vorgehensweise für die Forschung lässt sich etwa am Beispiel der Weltminute von Waterloo erläutern. Während dieser Text in die Erstauflage der Sternstunden von 1927 aufgenommen wurde und erst dadurch größere Bekanntheit erlangte, findet sich der Erstdruck eines wohl als Grundlage dienenden Textes im Januar 1912 mit dem Namen Grouchy in der Neuen Freien Presse. In jenen 15 Jahren lässt sich in Zweigs Werk ein wichtiger Paradigmenwechsel feststellen. Bis ins erste Jahr des Krieges war Zweig in Stil und Themenwahl von der vitalistischen Literaturauffassung seines Mentors Emile Verhaeren beeinflusst. Die emphatische, übermäßig enthusiastische Ausdrucksweise, die Zweig etwa zur Beschreibung des technischen Fortschritts benutzt (vgl. die Aufsätze Die Stunde zwischen zwei Ozeanen. Der Panamakanal oder Die gefangenen Dinge. Gedanken über die Brüsseler Weltausstellung), überträgt sich bisweilen auch auf Beschreibungen des Zeitgeschehens und trägt zu Zweigs anfänglich unkritischer Haltung gegenüber dem Krieg bei. In der frühen Version Grouchy heißt es daher nicht ohne Pathos: „Sie werden die Helden rühmen, Ney, den großen Marschall, Kellermann, Cambronne und die Namenlosen der alten Garde, Helden sie alle, aber Helden eines großen Augenblickes vom Sieg oder vom Tode erst feurig getauft, erhoben vom Unglück, gesegnet von der eigenen Verzweiflung.“ 15 Jahre später war Zweig durch die Erfahrung des Krieges und die Enttäuschung nach den Friedensverträgen von Versailles zum geläuterten Pazifisten und Europäer geworden. Dementsprechend lautet der erste Satz der Sternstunden weitaus nüchterner: „Das Schicksal drängt zu den Gewaltigen und Gewalttätigen.“ Zweig, der seinem vor dem Krieg entstandenen Werk äußerst kritisch gegenüberstand, konnte 1927 offenbar mit der ehrerbietigen Beschreibung der Kriegsherren nichts mehr anfangen. Hier lassen sich Verschiebungen und Brüche im Werk des Autors feststellen, die von der Forschung zweifellos aufgegriffen werden.

Die Herausgeber des Bandes bezeichnen die editorische Ausgangslage zu Zweigs Werk als ausgesprochen heikel. Insofern ist es ein Verdienst dieses Bandes, auf Grundlage der neuesten Forschung eine verlässliche kritische Auseinandersetzung mit dem Text zu ermöglichen. Durch die gewissenhafte editionsphilologische Arbeit, die an diesem Band geleistet wurde, ist davon auszugehen, dass die Salzburger Stefan-Zweig-Ausgabe bei ihrem vollständigen Erscheinen zum Referenzpunkt für jede weitere Beschäftigung mit dem erzählerischen Werks des Autors werden wird.

Titelbild

Stefan Zweig: Sternstunden der Menschheit. Historische Miniaturen.
Herausgegeben und kommentiert von Werner Michler und Martina Wörgötter.
Paul Zsolnay Verlag, Wien 2017.
448 Seiten, 26,00 EUR.
ISBN-13: 9783552058583

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