Zwiespältige Formen des Mitgefühls

Was deutschsprachige Germanisten, die sich mit dem Holocaust auseinandersetzen, von der nordamerikanischen Empathieforschung lernen können

Von Jan SüselbeckRSS-Newsfeed neuer Artikel von Jan Süselbeck

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Navid Kermani und die Zukunft der Shoah-Erinnerung

Neulich druckte die Frankfurter Allgemeine Zeitung Navid Kermanis Rede zum zwanzigjährigen Bestehen des Lehrstuhls für jüdische Geschichte und Kultur an der Ludwig-Maximilians-Universität München ab. Der Autor sprach über das Thema „Auschwitz morgen – Die Zukunft der Erinnerung“. Kermani rekapituliert in seinem Essay die Geschichte des Holocaust-Gedenkens in der Bundesrepublik Deutschland und fragt, inwiefern die Shoah auch für Deutsche mit Migrationshintergrund zu einem unausweichlichen Bezugspunkt und zu einer Verpflichtung zu historischer Verantwortung werden müsse. Zugleich prophezeiht Kermani, dass die Debatte um die von Revisionisten wie Martin Walser in seiner skandalösen – und zugleich mit Standing Ovations bedachten – Paulskirchenrede von 1998 geforderte ,Normalisierung‘ der deutschen Nation gegen eine „Dauerrepräsentation unserer Schande“ (Walser) in Zukunft kaum abreißen, sondern sich sogar eher zuspitzen dürfe, da die letzten Überlebenden von Auschwitz bald nicht mehr leben werden: „Die Auseinandersetzung wird vermutlich in den nächsten Jahren und Jahrzehnten in eher kürzeren Abständen wiederkehren, und sie wird an Schärfe oder vielleicht nicht an Schärfe, sondern folgenreicher noch: an Arglosigkeit gewinnen. Nicht mehr die Ewiggestrigen werden leugnen, sondern ganz normale, junge Leute werden nicht mehr verstehen, was Hitler mit ihnen zu tun haben soll.“

In der sogenannten Binnengermanistik, also jenem hehren deutschsprachigen Denkbezirk literaturwissenschaftlicher Lehre und Forschung, in dem man sich oft noch immer der „Auslandsgermanistik“ überlegen fühlt, wird über derartige Probleme jedoch eher selten nachgedacht. Selbst empirische Erhebungen zur Rezeption von Holocaust-Literatur im Schulunterricht scheinen in Deutschland nach wie vor auf erbarmungswürdige Weise im Dunkeln zu tappen, wie eine neuere Publikation zum Thema zeigt.

Jedenfalls wird hierzulande kaum zur Kenntnis genommen, auf welcher Höhe didaktischen Verantwortungsbewusstseins man sich im anglophonen Raum seit vielen Jahren darüber den Kopf zerbricht, was bei der historischen und der literarischen Vermittlung der Geschichte der Shoah an der Universität alles schiefgehen könnte. Was Kermani in seiner Rede als mahnende deutsche Zukunftsvision skizziert, ist in den Vereinigten Staaten von Amerika und in Kanada in vielen Seminaren schlicht die Grundsituation, in der man junge Leute, die je nach Herkunft keine persönliche historische Verbindung zum Holocaust (mehr) sehen können, gewissermaßen vom Nullpunkt aus dazu motivieren muss, sich mit dem Thema zu beschäftigen.

Damit sind nicht nur diejenigen Studierenden gemeint, die in Familien geboren wurden, die seit Jahrzehnten oder länger in Nordamerika ansässig sind. Während Bundeskanzlerin Angela Merkel vor nicht allzulanger Zeit noch behauptete, die multikulturelle Gesellschaft sei in Deutschland gescheitert, befindet man sich in den USA und in Kanada in dezidierten Einwanderungsländern, in denen so gut wie jeder, den man auf der Straße oder im Seminarraum trifft, irgendeinen sogenannten Migrationshintergrund hat. Man muss an der Universität also z.B. auch mit Fällen rechnen, in denen Studierende, die in ihrer Jugend nicht das lokale Bildungssystem durchlaufen haben, tatsächlich noch nie von Auschwitz gehört haben.

Deshalb gibt es zum Thema Teaching the Holocaust auch so viele Bücher mit bedenkenswerten didaktischen und ethischen Reflexionen zur Rolle des Lehrenden und seiner eigenen Herkunft, zur Vermittlung historischer Kontexte und zur Auswahl von kanonischen Werken aus der Literatur- und Filmgeschichte nach 1945 – jedenfalls mehr als in deutscher Sprache. Viele der in solchen Bänden vorgestellten Materialien dürften deutsche Germanistik-Dozenten, die sich in der Lehre meist eher auf Werke in ihrer Landessprache konzentrieren, womöglich noch nie zur Kenntnis genommen haben. In deutschen Instituten für Literaturwissenschaft kann es einem schließlich immer noch passieren, dass einem KollegInnen auf die Erwähnung von Claude Lanzmanns Shoah hin irritiert antworten: „Was ist das? Ein Film?“

In Nordamerika jedoch ist kaum ein universitäres Semesterprogramm denkbar, in dem nicht in irgendeinem Seminar Lanzmanns Shoah (zumindest in Auszügen) verhandelt wird. Die Analyse der filmischen und cineastischen Vermittlung der Geschichte des Holocaust hat in Übersee seit Langem einen mindestens ebenso großen Stellenwert wie die literarische. Diesen Schwerpunkten in der Lehre steht selbstverständlich auch eine entsprechende rege Forschungstätigkeit gegenüber, die auf den großen Tagungen des Kontinents präsentiert und diskutiert wird. Kurz: Eine der jährlichen Konferenzen der German Studies Association (GSA) ohne das Thema Holocaust wäre wohl ebensowenig denkbar wie ein Deutscher Germanistentag ohne Goethe.

Die in Texas lehrende Holocaust- und Gender-Forscherin Pascale R. Bos skizziert in einem 2014 erschienenen Aufsatz den seit etwa 15 Jahren beobachtbaren Trend an US-amerikanischen Colleges und Universitäten, dezidiert Holocaust-Studies-Programme zu entwickeln und bereits im Bereich der Undergraduate-Seminare einen oder sogar mehrere Kurse zum Holocaust-Thema in Geschichte‚ Soziologie‚ Literatur- oder anderen Geisteswissenschaften anzubieten. Angesichts der Herausforderung der damit verbundenen didaktischen Aufgaben stellt Bos gleich zu Beginn ihres Beitrages einen ganzen Katalog von Fragen:

How does one teach a history or literature of the Holocaust when the extreme events push the limits of what can be represented and understood about it? How does one convey the horror of these crimes and the severity of the trauma endured by its victims without causing students to experience a kind of „crisis“ that may resemble secondary trauma? What pedagogical methods are most effective? And how does one make the Holocaust culturally and politically relevant today without making facile comparisons, and without enabling an oversimplistic identification with the victims?

Selbst Tochter einer Holocaust-Überlebenden und in Europa aufgewachsen, stellte sich Bos in den USA an der Uni exakt diejenigen Fragen, die auch Kermani in seinem zitierten Artikel aufwirft:

I found myself increasingly curious about what it means to teach students who grew up in a nation far removed from the events, both geographically and temporally (most of my undergraduate students are born after 1990), and who usually have no familial or ethnic connection to the Holocaust? How relevant is this history and literature to them? And moreover, how relevant should it be – and how does an instructor make it so?

In der skurrilen Debatte über den Sinn und Zweck der Germanistik, die in den vergangenen Monaten in den deutschen Medien geführt wurde, nachdem Martin Doerry einen polemischen Artikel im Spiegel veröffentlicht hatte, kam bezeichnenderweise kaum vor, wieviel deutschsprachige LiteraturwissenschaftlerInnen für ihre eigene Forschungs- und Lehrpraxis von den Früchten der an Herausforderungen reichen Arbeit lernen können, welche die German Studies in einem der international relevantesten und zukunftsträchtigsten Themenbereiche ihres eigenen Faches leisten – der Beschäftigung mit Kunst und Kultur nach Auschwitz.

Schließlich deutet nicht nur Kermanis zitierte Rede darauf hin, dass vieles von dem, was an nordamerikanischen Universitäten seit jeher Alltag ist, sich auch in Deutschland ankündigt, bald Eingang in die Lehrpläne wird finden müssen oder teils bereits schon längst akut geworden ist, ohne dass man sich mit dem Problem ernsthaft auseinandergesetzt hätte. Das Problem ist eben nicht bloß, dass deutsche StudienanfängerInnen oft nicht mehr wissen, wer Heinrich Heine war, wie Doerry in seinem Artikel aus dem Munde zweier Studentinnen kolportiert („irgenso’n Toter“), sondern dass derartige Spüche in Zukunft auch über die Opfer des Holocaust geklopft werden könnten, ohne dass dem während des gesamten kurzen Bachelor-Studiums von Seiten der Lehrenden widersprochen würde.

Damit ist nicht zuletzt das heikle Problem manifester antisemitischer Weltbilder berührt, an dem SchülerInnen und Studierende aus muslimischen Gesellschaften und Familien in Deutschland offenbar massiv laborieren und das im deutschen Bildungssystem bereits zu untolerierbaren Zuständen geführt hat, denen oftmals schlicht mit einer Vermeidung des Themas im Unterricht (und womöglich demnächst auch an der Universität) begegnet wird.

Nicht von Ungefähr warnte zuletzt der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung eindringlich vor diesen besorgniserregenden Zuständen: „Sowohl in Schulen als auch auf Sportplätzen wird ‚Jude‘ als Schimpfwort verwendet“, so Schuster. Da vor allem unter muslimischen Schülern antisemitische Vorurteile nachweislich weit verbreitet seien, sei es dem Zentralrat besonders „wichtig, dass im Schulunterricht mehr Wissen über das Judentum vermittelt wird, um diesen Vorurteilen entgegenzuwirken“.

Mit anderen Worten: Insbesondere auch Literaturwissenschaftler täten gut daran, diese Entwicklungen aufmerksam zu beobachten und sich mit didaktischen Konzepten zur Vermittlung des Holocaust-Themas an der Universität auseinanderzusetzen, anstatt die Köpfe in den Sand zu stecken und sich stattdessen weiterhin prioritär damit aufzuhalten, Ernst Jüngers kalten Ästhetizismus des Tötens als Gipfel moderner Kunst zu verteidigen.

Empathie muss in der Auseinandersetzung mit der Shoah neu definiert werden

Was also kann in Seminaren über literarische oder filmische Repräsentationen des Holocaust falsch laufen? Die Beschäftigung mit dem Holocaust kann von Studierenden nicht nur mit einer erschreckenden Gleichgültigkeit abgewehrt werden. Sie evoziert zu allererst heftige Emotionen bei denjenigen, die sich bereitwillig auf das Thema einlassen. Dabei muss es sich jedoch keineswegs nur um Gefühle wie Angst, Trauer oder gar depressive Affekte handeln, die heute viele Studierende fürchten, wenn sie sich fragen, ob sie ein Seminar über die Shoah belegen sollen. Das Hauptproblem ist vielmehr, dass der Holocaust für viele zu einem schlichten Repertoire unterhaltender Geschichten geworden ist. Die Literaturwissenschaftlerin und Auschwitz-Überlebende Ruth Klüger berichtet konsterniert, dass ihr einmal eine amerikanische Studentin, die sich Klügers Autobiographie weiter leben nach einer Lesung von ihr signieren lassen wollte, freudestrahlend mitteilte: „I love the Holocaust!“

Längst sind literarische, zeichnerische und filmische Repräsentationen der Shoah für viele Menschen zu einem besonders bewegenden und somit genießbaren Genre geworden, das im Kopf als diffuses Surrogat für bestimmte anregende Gefühlsmodulierungen abgespeichert ist, irgendwo zwischen so unterschiedlichen massenwirksamen und oftmals ohne jedwede historische Kontextualisierung konsumierten Werken wie dem Tagebuch der Anne Frank, Steven Spielbergs Schindlers Liste, Quentin Tarantinos Inglourious Basterds und Bernhard Schlinks Roman Der Vorleser.

In den German Studies wird deshalb bereits seit geraumer Zeit Rat bei der Emotionswissenschaft gesucht, um beschreiben und definieren zu können, welche Formen von Empathie klassische Texte des Genres autobiographischer Holocaust-Erinnerungen eigentlich auslösen können oder sollen. Gefragt wird dabei u.a. auch, welche emotionalen Wirkungen mit dem Trend verbunden sein könnten, die Judenvernichtung aus der Perspektive von Täterfiguren wie Max Aue in Jonathan Littells kontrovers diskutiertem Roman Die Wohlgesinnten darzustellen.

Die an der Washington University St. Louis lehrende Professorin für German and Jewish Studies Erin McGlothlin etwa, eine der Mitorganisatorinnen eines Seminars zum Thema Affect and Cognition in Holocaust Culture bei der kommenden Konferenz der German Studies Association in Atlanta, Georgia, USA (Oktober 2017), hat zu letzterer Frage einen Beitrag veröffentlicht, in dem es u.a. auch um Martin Amis’ umstrittenen Auschwitz-Roman The Zone of Interest geht, in dem das Vernichtungslager teils aus der Alltagssicht ‚ganz normaler deutscher Männer‘ beschrieben wird. Die Autorin greift in ihrem Beitrag auf den zuletzt eher marginalisierten Begriff der Identifikation zurück, um die komplexen und vor allem ethisch relevanten Prozesse zu analysieren, die im Leser ablaufen mögen, der sich Auschwitz durch die Perspektive von Tätern nähert und dabei mit humanen Wiedererkennungseffekten ringen muss, die ihm Charaktere nahe bringen, die am größten Verbrechen der Menschheitsgeschichte teilgenommen haben. McGlothlin verurteilt Amis’ und Littells Romane deshalb jedoch keineswegs, sondern beginnt darüber nachzudenken, welche produktiven kognitiven, affektiven und ethischen Auseinandersetzungen mit der Shoah durch die von ihr entworfene Taxonomie verschiedener in Frage kommender Identifikationsformen beim Leser angestoßen werden können.

Besonders wichtig für den aktuellen Stand der Diskussion sind dabei die – auch von McGlothlin berücksichtigten – neueren Erkenntnisse der literaturwissenschaftlichen Empathieforschung. Dabei sind Fritz Breithaupts u.a. in seinem neuesten Suhrkamp-Band über Die dunklen Seiten der Empathie entwickelten Analysen von Belang. Der an der Indiana Unversity in Bloomington lehrende Literaturwissenschaftler Breithaupt hat seit Jahren immer wieder darauf hingewiesen, dass die Empathie nicht nur jenes positive Gefühl sei, das gerne mit Identifikation und emotionaler Anteilnahme gleichgesetzt werde, sondern dass die Empathie u.a. auch mit voyeuristischen Genüssen gekoppelt werden könne, die keinerlei Mitleid mit den beobachteten Opfern implizierten.

In der Tat ist dies eine Rezeptionshaltung, die auch bei der Beschäftigung mit Dokumentationen oder literarischen Repräsentationen des Holocaust eine Rolle spielen kann und bei der Vermittlung des Themas in Schulen oder Universitäten mit bedacht werden muss. Zu beachten ist dabei jene negative Form von empathischer Aversion, die Psychologen als „personal distress“ bezeichnen. Damit ist eine verkürzte Form des Mitgefühls gemeint, die traumatische Geschehnisse auf egoistische und selbstbezogene Weise identifikatorisch herunterbricht und damit eine sogenannte „self-other differenciation“ negiert, also ein grundlegendes Verständnis der schieren Unmöglichkeit einer auf eigenen Leidenserfahrungen basierenden Identifikation mit einem Holocaust-Opfer. Die literaturwissenschaftliche Empathie-Forscherin Suzanne Keen gibt in ihrem Artikel aus dem „living handbook of narratology“ zu bedenken, dass diese emotionalen Lektürewirkungen sogar gezielt zu propagandistischen Zwecken eingesetzt werden können: „Even so, empathy may be strategically employed in narrative for purposes of ideological manipulation.“

Empathie kann, so Breithaupt in einem englischsprachigen Beitrag zum Thema, als emotionales Antizipationsinstrument bei der Betrachtung der Gefühle realer oder auch fiktiver Personen auf geradezu sadistische Weise genossen werden, ohne dass dabei Mitleid mit dem Anderen entsteht. Empathie sei vielmehr ein Gefühl, das Lust im Betrachter erzeugen könne. Dabei müsse keinesfalls das Bedürfnis auftreten, Mitleid mit dem Schmerz des Gegenüber zu entwickeln. Breithaupt geht sogar soweit, die Empathie (und Gewissensbisse) als potenziellen Auslöser krimineller Verbrechen zu definieren: „Empathy (and indeed remorse) cannot be viewed as a mitigating factor in relation to violent crimes such aus torture, rape, and abduction. Instead, it should be seen as a potential cause.“

Unabhängig davon, ob man diese verblüffende Sicht der Dinge teilen mag: Die Frage ist, welche konkreten Formen von Empathie ein Text mit seinen spezifischen narratologischen Mitteln und Emotionalisierungsstrategien für (fiktive) Holocaust-Opferfiguren aufzubauen imstande sein könnte und wie diese genau zu beschreiben sind. Zugleich muss klar sein, dass man einschlägige Texte nicht stets einfach nach einem Schwarz-Weiß-Modus als Trigger für „personal distress“ bezeichnen kann.

In der amerikanischen Forschungsdebatte der letzten Jahre tauchten jedenfalls immer wieder Überlegungen zum Umgang mit den genannten unterkomplexen Formen der Empathie mit fiktiven oder realen Opferfiguren der Shoah auf, die zu bemerkenswerten Neubewertungen kanonisierter Texte geführt haben. Beispielhaft zu nennen wäre hier N. Ann Riders instruktiver Beitrag zu den Perils of Empathy: Holocaust Narratives, Cognitive Studies and the Politics of Sentiment. Auch Rider arbeitet heraus, das eine durch subjektive Irritationen bei der Lektüre ausgelöste situative Empathie dazu neigt, unangenehm wirkende Informationen mit sogenannten trace memories, also persönlichen, vermeintlich ähnlichen Erfahrungen der LeserInnen gleichzusetzen und damit der tatsächlich inkommensurablen beschriebenen Leiderfahrung der Shoah emotional auszuweichen. Wie angedeutet, unterdrücken derartige empathische Identifikationen die in der Auseinandersetzung mit Holocaust-Texten zum historischen Verständnis unabdingbare Differenzierung zwischen dem LeserInnen-Ich und den beschriebenen traumatischen Erfahrungen der Opfer. Es handelt sich mithin um eine aneignende Form der Empathie, welche die amerikanischen Literaturwissenschaftlerinnen Marianne Hirsch und Irene Kacandes in ihrem 2004 erschienenen Buch Teaching the Representation of the Holocaust als appropriative empathy beschrieben haben.

Rider definiert demgegenüber cognitive empathy als eine eher indirekt wirksame Form des Mitleids, die das Bewusstsein einer unüberbrückbaren Trennung zwischen der Leiderfahrung der Holocaust-Opfer und eigenen Erinnerungen an Traurigkeit, Müdigkeit, Kälte, Hunger oder Durst aufrecht erhält und eine bewusste und kritische Durcharbeitung des beschriebenen beispiellosen historischen Verbrechens ermöglicht. In Riders Analyse schneidet dabei Elie Wiesels in den USA seit Jahrzehnten als Schullektüre kanonisiertes Debüt Night, eine extrem verdichtete und verknappte Fiktionalisierung der Erlebnisse des Auschwitzüberlebenden und Friedensnobelpreisträgers Wiesel aus der Sicht seiner Alter-Ego-Protagonisten Eliezer, eher schlecht ab. Wiesels Text arbeitet mit einer Vielzahl extrem emotionalisierender Schlüsselszenen, die die Holocausterfahrung durch den Einsatz religiöser und prophetischer Motive als Theodizee und als Glaubensverlust mit Transzendenzfragen aufladen und in den 1950er Jahren auch für Christen erfreulich anschlussfähig aussehen lassen konnte. Kritisch gelesen, ist Wiesels Roman unabhängig von möglicherweise gegenläufigen Intentionen des Autors voller Angebote an die LeserInnen, den Holocaust mittels trace memories zu banalisieren und als erhebende, kirchentagstaugliche Allegorie verzweifelter Gottsuche zu lesen.

Dies muss jedoch nicht gegen den weiteren Einsatz von Wiesels Text in Seminaren sprechen, die sich mit Holocaust-Literatur auseinandersetzen: Gerade der reflektierte Vergleich der Funktionsweisen solcher längst zu Mustertexten des ‚Holocaust-Genres‘ gewordener Werke wie Night mit denen anderer Bücher wie etwa Imre Kertész’ Roman eines Schiksallosen oder Ruth Klügers weiter leben funktioniert in Lehrveranstaltungen sogar besonders gut. Noch radikaler als der mit dem Literaturnobelpreis gewürdigte Roman von Kertész tritt Klügers Erzählerin wohlfeilen Identifikationen der LeserInnen mit der Autorin entgegen. Klüger adressiert das Publikum nicht zuletzt als Literaturwissenschaftlerin, die sich seit Jahrzehnten kritisch mit der Holocaust-Literatur auseinandergesetzt hat. So kommt es, dass ihr Text eine hochgradig selbstreflexive Rhetorik der Selbskritik und der offenen (insbesondere gegen männliche Leser gerichteten) Publikumsbeschimpfung mit einschließt, um sich Herabstufungen der Leidensgeschichte der Autorin zu einer von den LeserInnen mittels aneignender Empathie leicht zu konsumierenden Erfolgsgeschichte inklusive vorhersehbarem Happy End barsch zu verbieten. Klügers in Deutschland dennoch schnell zu einem Bestseller gewordener Roman eignet sich nicht zuletzt deshalb besonders gut zum Einsatz in englischsprachigen Seminaren, weil Klüger mit großem zeitlichen Abstand eine eigene Übersetzung aus dem Deutschen vorgelegt hat, die teilweise erheblich vom Original abweicht und in den besagten Addressierungen des Publikums auf die besonderen Gegebenheiten der amerikanischen Holocaust-Erinnerungskultur hin umgeschrieben wurde.

Pathosszenen und ‚paradigm scenarios‘ als fokussierbare Ausgangspunkte für kritische Lektüren

In der Emotionsforschung besteht Einigkeit darüber, dass literarische Texte Emotionen im Rezipienten auslösen können, die denen in der realen Lebenswelt gleichen. Es muss also wiedererkennbare Paradigmen im Text geben, welche derartige bekannte Lesergefühle evozieren, wie Susanne Knaller in einem einführenden Beitrag zum Thema rekapituliert, der in dem soeben neu erschienenen Sammelband Writing Emotions. Theoretical Concepts and Selected Case Studies in Literature erschienen ist: „there must be paradigms for generating fear, love, hatred, envy, guilt etc. and/or to make these recognisable“.

Der kanadische Philosoph und Emotionsforscher Ronald de Sousa nennt diese formalen Objekte der Emotionsgenerierung, die Gefühle in Texten kognitiv vermitteln können, „paradigm scenarios“. Derartige Scripts oder auch Pathosszenen, wie sie Hermann Kappelhoff in einer Modifizierung des Aby Warburg’schen Terminus der „Pathosformel“ genannt hat, bilden gewissermaßen das Vokabular der Emotionalisierung bzw. verhelfen dem Rezipienten dazu, die Sprache der Gefühle zu lesen und zu verstehen. Mit Knallers Worten: „They enable us to understand how emotions are classified and assessed and how they function; i.e., they essentially allow us to comprehend emotions as such, to put them into practice and to reproduce them.“

Die Künste beobachten solche Emotionskulturen aber nicht nur, sie sind auch von den Regeln ihrer eigenen spezifischen Medialität abhängig, die wiederum zu besonderen ästhetischen Paradigmen der Emotionalisierung führen. Vera Nünning macht in einem weiteren emotionswissenschaftlichen Forschungsüberblick in dem Band Writing Emotions darauf aufmerksam, dass Emotionen von uns generell kognitiv mit Geschichten verknüpft werden: „Our emotions are regulated by the story we attach to the stimulus which provoked them.“ Und weiter: „Due to their narrative structure, emotions are often embedded in and remembered as ‚emotion scripts‘. Stimuli and emotions are not assessed and evaluated seperatedly, but as part of narrative patterns, in which different slots can be filled by different types of agents and places. Such scripts resemble series of scenes following preordained plotlines.“

Auf diesem Wege reagiert die Literatur aber nicht nur auf existierende Formen der Emotionalisierung, sondern schafft diese in der kreativen Auseinandersetzung mit existierenden Paradigmen selbst neu, erklärt Nünning: „Literature is therefore based on general patterns of emotion and also acts as a singular trigger for those patterns. The specific trait of artistic texts is hence that they not only reproduce or repeat their underlying criteria or make them repeatable, but also shape, contradict and/or change them.“ Die Rezipienten lernen also durch ihre Lektüren neue Varianten des Fühlens kennen: „If the brain is a cultural, embedded organ shaped by the cognitive processes activated in the niches in which human being lives, then the emotions raised by reading fiction can leave traces and shape reader’s affective responses in their daily life.“

Methodische Brücken zur Erforschung des literarischen Antisemitismus

Was folgt nun aus diesen Erkenntnissen für die Lehr- und Deutungspraxis? Wichtig ist hier zunächst die erwähnte Einsicht, dass keineswegs alle empathischen Gefühle, die auf diesem Wege durch Dokumente, Autobiographien oder fiktive Texte zum Thema Holocaust evoziert werden, unbedingt dem angenommenen Ziel dienen müssen, zu einem historischen und ethischen Durchdringen des Faktums der Vernichtung der europäischen Juden während des Zweiten Weltkrieges zu führen. Wenn Vera Nünning in ihrem Beitrag ganz allgemein die positiven Wirkungen emotionalisierender bzw. emphatischer Leserfahrungen herausstreicht, so ist damit noch nicht der spezifische Fall der heiklen Rezeption von Holocaust-Literatur oder auch stereotyper Hervorbringungen der kulturindustriellen Aneignung des ‚Shoah-Genres‘ berührt, die sich – siehe etwa Bernhard Schlinks „Vorleser“ – sogar mit Fällen des literarischen Antisemitismus überschneiden können.

Erin McGlothlins taxonomische Überlegungen zur potenziellen identifikatorischen Wirkungsweise verschiedener Täterfiguren in dem Roman The Zone of Interest etwa ist von abwägenden methodologischen Überlegungen der bisherigen Erforschung des literarischen Antisemitismus so weit nicht entfernt, die schließlich ebenfalls um die Frage kreisen, inwiefern bestimmte stereotype Judenfiguren oder diskriminierend anmutende Erzählmuster tatsächlich negative Wirkungen auf die LeserInnen haben oder nicht doch differenzierter gelesen werden könnten.

Kurz: Nünnings gewiss richtige, im Folgenden zitierten Feststellungen berücksichtigen noch nicht den bedenkenswerten Fall einer möglicherweise problematischen Identifikation mit – wie auch immer repräsentierten – Erfahrungen von Holocaust-Opfern, die zur Verharmlosung und damit zu einem verfehlten Verständnis der Shoah führen würde:

By presenting a wide range of emotions and possible stories in which these can be embedded, fiction can enlarge readers’ knowledge of ways of narrativising and coping with emotions. Fictional stories provide patterns of how to deal with ,unstoried emotions‘ and can then help readers to create stories that provide meaning to such feelings. They can help readers to identify the emotion they feel and to integrate such feelings in a meaningful narrative. […] Fictional stories can thus broaden our emotional horizon and expand the range of emotions which we can identify and understand. They can enable readers to emphatically share feelings they have not experienced in their own lives and would not be able to identify in interactive encounters.

Letzteres ist jedoch genau jener Fall, der bei der wissenschaftlichen Vermittlung von Holocaust-Lektüren an der Universität gerade als problematische Form der Aneignung durchschaut und verhindert werden muss: Es ist eben nicht möglich, selbst nicht erfahrene Emotionen eines Holocaust-Überlebenden zu ‚teilen‘ und wie in einem netten Selbsterfahrungszirkel zwecks erhöhter sozialer Kompetenz emphatisch ‚nachzufühlen‘, um danach erfrischt zur Tagesordnung überzugehen.

Die vielfältigen literaturwissenschaftlichen und didaktischen Anwendungsfelder der hier skizzierten Emotionstheorien auch über das Thema der Vermittlung der Geschichte der Shoah hinaus liegen auf der Hand. Es ist deshalb an der Zeit, die seit Langem bestehende Kluft zwischen der englisch- und der deutschsprachigen Literaturwissenschaft zu überwinden. Wenn die Germanistik, die man aus historischen Gründen so lieber gar nicht mehr nennen sollte, ernsthaft nach einer neuen Daseinsberechtigung suchen sollte – hier wäre eine.

Literatur

Thomas Anz: Regeln der Sympathielenkung. Normative und deskriptive Poetiken emotionalisierender Figurendarstellung. In: Claudia Hillebrandt / Elisabeth Kampmann (Hrsg.): Sympathie und Literatur. Zur Relevanz des Sympathiekonzeptes für die Literaturwissenschaft. Berlin: Erich Schmidt Verlag 2016, S. 153-167.

Pascale R. Bos: Empathy, Sympathy, Simulation? Resisting a Holocaust Pedagogy of Identification. In: Review of Education, Pedagogy, and Cultural Studies. 36:5 (2014), S. 403-421.

Fritz Breithaupt: Die dunklen Seiten der Empathie. Berlin: Suhrkamp Verlag 2017.

Fritz Breithaupt: Why Empathy is not the Best Basis for Humanitarianism. With Commentaries by Frank Adloff and Christine Unrau. In: Global Research Papers 9. Duisburg: Käte Hamburger Kolleg / Central for Global Cooperation Research 2015.  

Erin McGlothlin: Empathetic Identification and the Mind of the Holocaust Perpetrator in Fiction: A Proposed Taxonomy of Response. In: Narrative, vol. 24, no. 3, 2016, S. 251–276.

Marianne Hirsch / Irene Kacandes (Hrsg.): Teaching the Representation of the Holocaust. The New York: Modern Language Association of America 2004.

Suzanne Keen: Narrative Empathy. In: Peter Hühn et al. (Hrsg.): the living habdbook of narratology. Hamburg: Hamburg University Press. Online abrufbar unter: http://wikis.sub.uni-hamburg.de/lhn/index.php/Narrative_Empathy.

Susanne Knaller: Emotions and the Process of Writing. In: Ingeborg Jandl / Susanne Knaller / Sabine Schönfellner / Gudrun Tockner (Hrsg.): Writing Emotions. Theoretical Concepts and Selected Case Studies in Literature. Bielefeld: transcript verlag 2017, S. 18-28.

Vera Nünning: The Affect Value of Fiction. Presenting and Evoking Emotions. In: Ingeborg Jandl / Susanne Knaller / Sabine Schönfellner / Gudrun Tockner (Hrsg.): Writing Emotions. Theoretical Concepts and Selected Case Studies in Literature. Bielefeld: transcript verlag 2017, S. 29-54.

Anne N. Rider: ‚The Perils of Empathy: Holocaust Narratives, Cognitive Studies and the Politics of Sentiment‘, in: Holocaust Studies, 19:3, Winter 2013, S. 43–72.

Titelbild

Ingeborg Jandl / Susanne Knaller / Sabine Schönfellner / Gundrun Tockner (Hg.): Writing Emotions. Theoretical Concepts and Selected Case Studies in Literature.
Transcript Verlag, Bielefeld 2017.
382 Seiten, 39,99 EUR.
ISBN-13: 9783837637939

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