Zwischen inszeniertem Wohlstand und existentem Elend

In „Das Gastmahl auf Dubrowitza“ illustriert Marta Karlweis die Inspektionsreise Katharinas der Großen und die Maskerade der Potemkinschen Dörfer

Von Caroline LissRSS-Newsfeed neuer Artikel von Caroline Liss

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Potemkin zahlte für jedes transportierte Dorf. Gut. Aber, Achtung Phalajew, zahlt er dafür, daß so und so viele Dörfer transportiert werden, oder zahlt er dafür, daß so und so viele der Kaiserin auf ihrem Weg gezeigt werden? Zweifellos für das Zeigen, Phalajew!

In Marta Karlweis’ historischem Roman Das Gastmahl auf Dubrowitza begleitet der Leser die russische Zarin Katharina II auf ihrer Inspektionsreise 1787 auf die Krim. Dabei werden Günstlingswirtschaft, Täuschung und Arglist überdeutlich, wenn Katharina auf ihrer Fahrt durch die Potemkinschen Dörfer über das existierende Elend und die Not ihres eigenen Volkes hinweggetäuscht wird. Kapitelweise wechselnd folgt der Leser Katharina der Großen und ihrem Gefolge sowie der ihr hinterherreisenden Feldmarschallin Tschernitscheff, deren ursprüngliche Absicht es war, die Kaiserin zu bitten, ihr das in der Nähe von Moskau gelegene Gut Dubrowitza abzukaufen. Sie erhofft sich davon die nötigen Mittel, um das Gut in Tschertschersk wiederaufzubauen, welches von drei deutschen Offizieren unabsichtlich in Brand gesteckt wurde.

Während die Zarin mit ihrem Anhang an prachtvollen Fassadendörfern vorbeifährt, aufgebaut durch die Hand des Antagonisten Phalajew (im Auftrag des Günstlings Potemkin), erblickt die Marschallin – zu Fuß oder auf einem Bauernwagen hinterherreisend – die wahren Zustände des Russischen Kaiserreiches; darunter unsägliches, durchaus vermeidbares Elend. Sie beschließt, der Kaiserin bei ihrer Zusammenkunft die Wahrheit über die Potemkinschen Dörfer zu berichten, Phalajews hinterlistiges Treiben zu beenden und ihn somit als geldgierigen Betrüger zu entlarven. Im dramatischen Showdown des Romans, dem Zusammentreffen Tschernitscheffs und Katharinas II, schafft es die Marschallin im Angesicht der Kaiserin jedoch nicht, ihr vom betrügerischen Blendwerk Phalajews zu berichten. Dies übernimmt schließlich Graf Alexis Orloff. Um die Zarin vor Spott und Häme zu schützen, entgegnet die Marschallin dem Grafen, die Kaiserin habe bereits von allem gewusst.

Marta Karlweis’ historischer Roman sitzt der heutzutage vielfach widerlegten Mär von den Potemkinschen Dörfern und der Naivität Katharinas der Großen auf. Die Figur der Marschallin, welche auf ihrer Reise eben jene Seiten des Reiches zu Gesicht bekommt, die der Kaiserin verborgen bleiben sollen, wird zur eigentlichen Protagonistin der – sehr unsteten – Narration und ist schließlich mit ihrem Wissen über die wahren Zustände des Reiches der Zarin diamentral entgegengesetzt. So wird die zentrale Frage nach einer Erkenntnis der Wahrheit und ihrer Trübung durch etwaige Täuschungsmanöver anhand beider Figuren durchgespielt, wobei das Ergebnis jeweils unterschiedlich ausfällt. Daneben beeindruckt der Roman insbesondere mit den apokalyptisch anmutenden Sequenzen der demaskierten Dörfer. Diese literarische Konstruktion einer Ästhetik des Verfalls sowie kontrastierender Bilder von üppiger Verschwendung und zynischer Vergeudung jedweder Ressourcen vonseiten der Herrschenden beherrscht Marta Karlweis ausgezeichnet.

Ihr gelingt mittels drastischer Bilder ein weitestgehend authentisch anmutendes Portrait Katharinas der Großen und ihrer Reise; wobei jedoch die sprunghafte Erzählweise die Lektüre stellenweise recht mühsam werden lässt. Nichtsdestoweniger lohnt sich die Lektüre ihres einzigen und bereits 1921 erschienenen historischen Romans allemal, auch aufgrund Johann Sonnleitners Nachwort, in dem er das Verhältnis von Historizität und Fiktionalität der Geschichte detailliert nachzeichnet.

Ein Beitrag aus der Komparatistik-Redaktion der Universität Mainz

Titelbild

Marta Karlweis: Das Gastmahl auf Dubrowitza. Roman.
Mit einem Nachwort herausgegeben von Johann Sonnleitner.
DVB Verlag, Wien 2017.
211 Seiten, 22,00 EUR.
ISBN-13: 9783950415872

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