Was sagen (uns) die Bäume und wie viele Sprachen sprechen sie?

Usama Al Shahmani verwebt in seinem Debütroman Fragen der kulturellen Differenz sowie des individuellen und kollektiven Leids mit der Magie von Naturbegegnungen und dem Prinzip Hoffnung

Von Frederike MiddelhoffRSS-Newsfeed neuer Artikel von Frederike Middelhoff

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

„Wer möchte leben ohne den Trost der Bäume!“, konstatiert die sprechende Instanz zu Beginn  von Günter Eichs ikonischem Gedicht Ende eines Sommers, das die affektiven Wirkungen von und interaktiven Austauschprozesse mit pflanzlichen Lebensformen auf eindrückliche Weise mit der Wirkungsästhetik von Sprache, der menschlichen Vergänglichkeit und den verschiedenen Dimensionen zeitlicher Wahrnehmungen verschränkt. Usama Al Shahmani hat mit In der Fremde sprechen die Bäume arabisch nun einen kompakten Roman verfasst, der nicht nur an die Reflexionen und Innerlichkeitstopoi moderner Naturlyrik anschließt, sondern vor allem die Beziehungen und Begegnungen mit verschiedenen Bäumen und Naturräumen zum poetologischen Textprinzip erhebt: Bäume strukturieren den Roman sowohl auf einer formalen als auch auf einer inhaltlichen Ebene. Sie gruppieren die sieben Kapitel des Textes und sie durchdringen das Geschehen der Erzählung. Usama Al Shahmani gelingt es dabei, den reflexiven Umgang mit Eigenem und Fremdem, arabischem und deutschem Idiom, Trauer und Zuversicht sprachlich so zu verdichten, dass seine Prosa sich immer wieder zu lyrischer Bildlichkeit mit ausgeprägter Klangqualität verdichtet.

In der Rückblende durchschreitet der autodiegetische Erzähler Usama tagebuchartig verschiedene Phasen seiner Flucht aus dem Irak und der Ankunft in der Schweiz, der Verhandlung von immer wieder manifest werdenden kulturellen Unterschieden sowie der permanenten Arbeit an den Projekten ‚Heimischwerden‘ und ‚Heimweh-Verkraften‘. Maßgeblich ist dabei die Auseinandersetzung mit dem Verschwinden von Usamas jüngerem Bruder Ali in Bagdad, wovon Usama im April 2006 „in der Fremde“ erfährt. Was mit Ali geschehen ist, bleibt bis zuletzt ungeklärt; dass der junge Student zwischen die Fronten des Bürgerkriegs geraten ist und ermordet wurde, gilt letztlich als wahrscheinlich.

Alle haben Angst vor allen: Schiiten vor Sunniten, Christen vor Muslimen, Muslime vor Liberalen, die ehemalige Regierungspartei vor Rache, Araber vor Iranern, Kurden vor Arabern und alle vor den alliierten Truppen. […] Jeden Morgen, wenn ich den Tigris von der rechten auf die linke Seite überquere, schaue ich den Fluss genau an. Es ist normal geworden, dass man eine Leiche hinuntertreiben sieht,

schreibt Ali in seinem letzten Brief an Usama, der auf den 11.11.2005 datiert ist. In der Fremde sprechen die Bäume arabisch spürt den letzten Lebenszeichen Alis und den neuen Lebensumständen Usamas nach und verbindet auf diese Weise die Lebens- und Schicksalsgeschichte zweier Brüder mit den Ereignissen der irakischen Geschichte des späten 20. und frühen 21. Jahrhunderts, von den Golfkriegen über die amerikanische Besetzung bis in die unmittelbare Gegenwart.

Von Beginn an umkreist der Text die verschiedenen Formen des Umgangs mit Fluchterfahrungen. Wie ankommen, wenn weder mit der Vergangenheit abgeschlossen werden kann, noch die Gegenwart aufschlussreich oder die Zukunft aussichtsreich erscheint? Wie lässt sich angesichts dieser Schrecken und Bedrängnisse, die die eigene Biografie betreffen, aber gleichzeitig zahlreiche andere Lebensgeschichten berühren, „die absolute Hoffnung“, wie Al Shahmani schreibt, aufrechterhalten? „Warum sehne ich mich nach einem Land des Schmerzes?“ ist eine der zentralen Fragen, die den Erzähler des Textes buchstäblich nicht loslassen. Die irakische Heimat hält ihn umfangen, gleichzeitig kann er von ihr auch nicht lassen. Immer wieder sucht ihn die Vergangenheit heim, immer wieder sucht er die Vergangenheit in der Erinnerung auf.

Das Wandern im nicht-urbanen Raum und die Beschäftigung mit pflanzlicher Materie – sei sie das gedruckte Papier, das die Basis von Usamas Texten konstituiert, oder die erinnerten und rekonfigurierten Kontakte mit Arborealen, die im Text zum Tragen kommen – werden für Usama nicht nur zu Strategien der Selbstfindung und der Verarbeitung psychischer Erschütterungen. Sie eröffnen vielmehr auch neue Sichtweisen und geben Impulse für poetische Kreativität und optimistische Haltungen. Kontakte in und mit Naturräumen können somit einerseits zu Schlüsselmomenten der Verarbeitung von Verlusterfahrungen werden: „Die Flucht in die Natur ist meine zweite, nach der Flucht aus dem Irak. Sie hilft mir, in der Bahn zu bleiben.“ Auf diese Weise kann der Sehnsuchtsraum Irak und die schmerzliche Erinnerung an Ali zu einer nach wie vor präsenten, aber nicht mehr präsentisch überwältigenden Größe werden: „Nach jeder Wanderung kehre ich beruhigt und gestärkt nach Hause zurück und lege die Sehnsucht ab, wie ein Baum seine gelben Blätter dem Wind und der Erde überlässt.“ Andererseits entspricht das Wandern einer prozesshaften Annäherung an spezifische Kulturräume und -praktiken, die die Fremde allmählig zu einer neuen Heimat werden lassen. „Im Irak war ich nie im Wald“, stellt der Erzähler gleich zu Beginn des Textes fest: „Die Bilder von Bäumen und Wäldern in meinem Kopf stammen aus Geschichten, die mir meine Großmutter erzählte.“ Mit dem Wandern erschließt sich die Figur Usama demnach nicht nur einen fremden Lebensraum, sondern auch die Möglichkeit, das eigene mit dem Leben fremder Lebensformen in ein Verhältnis zu setzen, das für die eigene Lebensgeschichte zentral wird. Bäume werden in diesem Zuge zu materiell-semiotischen Instanzen. Mal erscheinen sie als Metaphern für die eigene Ver- und Entwurzelung, mal als Projektions- und Identifikationsobjekte, mal als Zeichen der Liebe oder des Todes, mal als Ideal einer sozialen Gemeinschaft. An anderen Stellen vermag ihre bloße Anwesenheit beziehungsweise Ansicht von anderen Zeiten und ihren ganz anderen Eigenzeiten zu erzählen oder den Erzähler in bestimmte – nicht zuletzt poetisch anmutende – Stimmungen zu versetzen. Die Bäume werden auf diese Weise als magische, wirkmächtige Entitäten erkennbar, die den Erzähler im übertragenen Sinne ansprechen und zu denen er im konkreten Sinne spricht: „Hub – semah – schagar – Das arabische Echo kam anders aus dem Wald zurück; es hörte sich schlanker an, schärfer. Es war ein schönes Gefühl, Arabisch zu hören im Wald.“

Darüber hinaus profiliert der Text Bäume als Medien eines Kulturvergleichs, aber auch als Vermittler im Hinblick auf die eigenen Identitäten und Ambivalenzen. Das ist eine der Konstellationen, die uns bereits aus dem Gedicht Gingo biloba vertraut ist, das 1819 in Johann Wolfgang von Goethes unter anderem durch die Texte des persischen Dichters Hafis inspirierten Gedichtband West-östlicher Divan erschien. Auch hier nimmt der Sprecher die Fremdheit der nicht-einheimischen Bäume als Ausgangspunkt der Frage nach Identitäts- und Alteritätszusammenhängen, die sowohl im Individuum selbst als auch im kulturellen Kontext verortet sind: „Dieses Baums Blatt, der von Osten/ Meinem Garten anvertraut/ Gibt geheimen Sinn zu kosten […] Ist es Ein lebendig Wesen/ Das sich in sich selbst getrennt? […] Fühlst du nicht an meinen Liedern/ Daß ich Eins und doppelt bin.“

Die Bezüge zu Goethe und der (Welt-)Literaturgeschichte sind auch insofern alles andere als abwegig, weil In der Fremde sprechen die Bäume arabisch Literatur und Sprache als fundamentale Kategorien der Welt- und Selbsterfassung präsentiert: „Ich versuchte, mir einen Reim zu machen auf Alis bitteren Tod und die Suche nach ihm. Es schien mir wie Dantes ‚göttliche Komödie‘: begreiflich, aber unfassbar.“ Dass Al Shahmani selbst studierter Literaturwissenschaftler ist, erscheint in dieser Hinsicht eher nebensächlich. Signifikanter ist der Stellenwert, der dem Arrangement von sprachlichen Elementen, insbesondere in den reflexiven Passagen des Textes, und der Bedeutung der Geschichten, Sinnsprüche und Aphorismen aus der irakischen Heimat zugesprochen wird. Denn Betrachtungen, Erzählungen und Gedankensplitter aus der Heimat (über-)leben in der Fremde und sichern dort das eigene (Über-)Leben.

Jedes Mal, wenn mich in den Asylunterkünften die Verzweiflung übermannte, schwieg ich einen Moment, versuchte mich zu beruhigen und erinnerte mich an das arabische Sprichwort: ‚Wer Honig gewinnen will, muss mit Bienenstichen rechnen.‘ Oft lache ich innerlich und hoffe, dass dieser Stich der letzte sein möge. Und tröste mich, dass ich mit jedem Stich stärker wurde.

Mit In der Fremde sprechen die Bäume arabisch hat Usama Al Shahmani einen hochgradig literarischen Schlüsselroman vorgelegt, der über die Bedeutung kultureller Aushandlungsprozesse, interkultureller Naturerfahrungen und Umweltzusammenhänge ebenso nachdenken lässt, wie über die Maxime, die Ernst Bloch seiner im nordamerikanischen Exil verfassten Studie Das Prinzip Hoffnung vorangestellt hat. „Es kommt darauf an, das Hoffen zu lernen. Seine Arbeit entsagt nicht, sie ist ins Gelingen verliebt statt ins Scheitern.“ Al Shahmanis Debütroman gibt Aufschluss darüber, wie viele Berge Hoffnung versetzen kann – jenseits metaphorischer Tendenzen, jenseits nationalistischer Sentenzen, jenseits kultureller Differenzen.

Titelbild

Usama Al Shamani: In der Fremde sprechen die Bäume arabisch. Roman.
Limmat Verlag, Zürich 2018.
190 Seiten, 25,00 EUR.
ISBN-13: 9783857918599

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