Revolutionäre im Hühnerstall

Fernando Aramburus Roman „Fabula“ kann nicht vollends überzeugen

Von Peter MohrRSS-Newsfeed neuer Artikel von Peter Mohr

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

„Ich kenne Freunde, die sich nicht mehr begrüßen. Familien, die sich zerstritten haben aus politischen Gründen. Das ist wirklich sehr schade“, bekannte Fernando Aramburu über die Zeit, in der sein Anfang diesen Jahres veröffentlichter Roman Fabula spielt. Wir befinden uns im Jahr 2011, das Jahr, in dem die ETA ihren blutigen Kampf für ein unabhängiges Baskenland nach mehr als fünfzig Jahren eingestellt hat.

Obwohl der Schriftsteller Fernando Aramburu seit mehr als vierzig Jahren in der Nähe von Hannover lebt, gilt er als bedeutendster zeitgenössischer baskischer Schriftsteller. Sein verfilmter Bestseller-Roman Patria (2018), der um das ureigene baskische Lebensgefühl kreist und sich mit dem organisierten Terror der Euskadi ta Askatasuna (kurz ETA, auf Deutsch ungefähr „Baskenland zur Freiheit“) auseinandersetzt, wurde in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt und mehr als 800.000 Mal verkauft. In den begleitenden, kommentierenden Notaten seines Romans Langsame Jahre (2019) schrieb Aramburu, dass er „zuerst Literatur und dann, wenn möglich, die Wahrheit“ anstrebe. Auch in seinem vergleichsweise schmalen Roman Der Junge (2025) ging es zuletzt um eine Mischung aus „Dichtung und Wahrheit“.

Die beiden männlichen Protagonisten in Fabula (beide Anfang zwanzig) wollen es nicht akzeptieren, dass der Kampf der ETA (in ihrem Denken ein Kampf für eine bessere Welt) beendet ist. Asier und Joseba sind aus ihrem kleinen baskischen Dorf Hals über Kopf nach Frankreich geflüchtet, weil sie sich von der Polizei verfolgt wähnten. Sie fühlen sich – in einer Mischung aus Naivität und Größenwahn – zu Helden berufen. Auf einem Bauernhof in der Nähe von Toulouse bekommen sie Unterschlupf, leben nahezu isoliert und können sich mit ihren Rettern nicht verständigen. Im Hühnerstall warten die Revolutionäre auf Anweisungen aus der Heimat. Aufgeben ist für Asier und Joseba keine Option. Mit Besenstielen simulieren sie Schießübungen. Das wirkt ein wenig wie politische Folklore mit einer großen Portion Klamauk.

Die beiden wollen sogar eine neue Befreiungsorganisation gründen. Joseba kämpft mit seinem Übergewicht und den daraus resultierenden Mobilitätseinschränkungen. Außerdem muss er oft an seine Freundin denken, die er schwanger im Heimatdorf zurückgelassen hat. „Frauen sind gut für fünf Minuten dann und wann. Danach musst du sofort die Biege machen. Sonst sind sie dein Untergang“, erklärt ihm Parade-Macho Asier, der sich zum intellektuellen Leader berufen fühlt.

Als sie sich über die Pyrenäen zurück in ihre Heimat begeben, sind sie froh, wenn sie für die Nächte ein Dach über dem Kopf finden. Dabei werden ihnen allerdings auch noch die wenigen Habseligkeiten gestohlen. Die von Autor Aramburu übertrieben tollpatschig gezeichneten Protagonisten können bei der Lektüre keinerlei Sympathiepunkte sammeln. Durch ihre Einfältigkeit erregen sie allenfalls Mitgefühl beim Leser. Aramburu hatte mit seiner Geschichte um die beiden Bonsai-Revolutionäre wahrscheinlich eine Art Schelmenroman im Sinn. Doch die krassen Gegensätze zwischen ihren Träumen von revolutionären Heldentaten und ihrem regelmäßigen Versagen im Alltag wirken bisweilen an den Haaren herbeigezogen. Die eingefügten klassenkämpferischen Gedanken von Asier kommen wie Sprechblasen aus einem marxistischen Comic daher. “Glücksgefühle machen die Menschen dumm. Sie vergessen zu kämpfen. Sie werden faul. Die Glücklichen denken nur an Konsum und Swimmingpools“, lässt Aramburu Asier sagen.

Am Schluss lernt das Duo die junge spanische Kommunistin María Cristina kennen, die mit ihrem streng konservativen Vater, einem hohen Offizier aus der spanischen Armee, gebrochen hat. Sie organisiert für Asier und Joseba den Weg zurück nach Spanien. Eine Rückkehr von zwei gestrandeten, verblendeten jungen Männern in eine für sie fremd gewordenen Heimat.

Aramburus künstlerisch ambitionierter Versuch, sich mit dem großen baskischen Sujet ETA auf humorvolle Weise auseinanderzusetzen, kann nicht vollends überzeugen. Durch die überaus einfältig gezeichneten Figuren birgt das Buch sogar die Gefahr, dass die ETA und ihre Kämpfer verharmlost und veralbert werden. Das war ganz gewiss nicht die Intention des Autors.

Titelbild

Fernando Aramburu: Fabula.
Aus dem Spanischen von Willi Zurbrüggen.
Rowohlt Verlag, Hamburg 2026.
304 Seiten, 24,00 EUR.
ISBN-13: 9783498003968

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