Bis heute ist sie die unbestritten populärste Autorin der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur

Anlässlich des 100. Geburtstags von Ingeborg Bachmann erscheinen mehrere Publikationen

Von Manfred OrlickRSS-Newsfeed neuer Artikel von Manfred Orlick

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Ingeborg Bachmann zählt zu den bedeutendsten Schriftstellerinnen der deutschsprachigen Literatur des 20. Jahrhunderts. Mit ihrer Lyrik, ihren Erzählungen, Hörspielen und Romanen hat sie die Nachkriegsliteratur nachhaltig geprägt. Anlässlich ihres hundertsten Geburtstags am 25. Juni 2026 erscheinen gleich mehrere Bücher, die ihrem Leben und ihrem Schaffen gewidmet sind.

Im C.H. Beck Verlag ist die vielschichtige Biografie Dieses unruhige Ich: Ingeborg Bachmann des Germanisten Dieter Burdorf erschienen. Bereits in seiner Einleitung stellt der Autor klar, dass nicht nur die berufliche Seite ihres Lebens unruhig war, auch ihr privates Leben war unstet, das „von überhastet eingegangenen Liebschaften, häufigem Zusammen- und wieder Auseinanderziehen, kaum vorbereiteten Orts- und Länderwechseln“. Oft suchte sie auch Zuflucht in ihrer Kärntner Heimat.

Burdorf rekapituliert Bachmanns Leben anhand der von ihm akribisch ausgewerteten Korrespondenzen die jeweiligen Beziehungen, darunter auch die neuesten Editionen ihres Briefwechsels, die noch einmal neue Einblicke in Bachmanns Leben und in ihr Verständnis des Berufs einer Schriftstellerin werfen. Besonders aussagekräftige Textstellen, einschließlich ganzer Briefe, werden deshalb einer eingehenden Untersuchung unterzogen. Die überlieferten Briefwechsel von Bachmann erstrecken sich über einen Zeitraum von etwa zwanzig Jahren. Ihren Anfang nehmen die bedeutsamsten Korrespondenzen mit Paul Celan im Jahr 1948 sowie Ilse Aichinger 1949, und sie enden schließlich mit Hans Magnus Enzensberger im Jahr 1968.

Die umfangreiche Biografie ist in zwölf Kapitel gegliedert, wobei die beiden Anfangskapitel der Kindheit und Jugend im Schatten des Nationalismus sowie ihrer Ankunft und dem Studium in Wien gewidmet sind, während sich die beiden abschließenden Kapitel auf ihr letztes Lebensjahrzehnt konzentrieren. Diese vier Abschnitte bilden den Rahmen für die acht zentralen Kapitel, in denen die bedeutendsten Korrespondenzen thematisiert werden.

Nach der Freundschaft mit Aichinger ist es vor allem die Beziehung zu dem jüdischen Dichter Celan, die neben dem poetischen Austausch die schmerzhafteste Liebe ihres Lebens war. Die Leidenschaft, der zwei Kapitel gewidmet sind, scheiterte schließlich an unüberwindbaren Gegensätzen. Der erhaltene Briefwechsel zeugt eindrucksvoll von der innigen Verbindung und dem schrittweisen Prozess der Entfremdung. In den Freundschaften und Briefwechseln mit Heinrich Böll, Siegfried Unseld oder Hans Werner Henze spielten erotische Aspekte so gut wie keine Rolle. Diese Beziehungen waren vielmehr von gegenseitiger literarischer Wertschätzung, kollegialer Distanz oder kreativer Seelenverwandtschaft geprägt.

In einem Kapitel werden die Beziehungen zu Nelly Sachs, Marie Luise Kaschnitz und Hilde Domin behandelt. Die ältere und erfahrene Kaschnitz lernte Bachmann bereits 1953/1954 in Rom kennen, die sie in den Anfangsjahren finanziell unterstützte und die zu einer wichtigen Mentorin wurde. Nelly Sachs übersetzte Bachmanns Gedichte ins Schwedische, ehe beide in Kontakt traten. Durch die ästhetischen und künstlerischen Unterschiede blieb die Beziehung zwischen Bachmann und Domin eher distanziert und beschränkte sich auf eine pragmatische Zusammenarbeit. Eine bekanntere Verbindung war die zwischen Ingeborg Bachmann und Max Frisch, die beide von 1958 bis 1962 ein prominentes Literatenpaar bildeten, deren Beziehung jedoch von einer zerstörerischen Dynamik geprägt war. Im Gegensatz dazu entwickelte sich aus der Liaison mit Hans Magnus Enzensberger eine langjährige intellektuelle Brieffreundschaft.

Burdorf verzichtet bewusst darauf, die bekannten kanonischen Werke von Bachmann zu analysieren. Stattdessen richtet er seinen Fokus auf ausgewählte, besonders aussagekräftige Briefe und Briefpassagen, die größtenteils in der sogenannten Salzburger Ausgabe ediert und veröffentlicht wurden. Bachmanns „unruhiges Ich“ fand seinen Ausdruck in unterschiedlichen Beziehungen von existenzieller Intensität – von tief emotionalen Liebesbeziehungen bis hin zu nüchternen Arbeitsverhältnissen. Diese Korrespondenzen gewähren nicht nur beeindruckende Einblicke in Bachmanns Gedankenwelt, sondern werfen auch ein Schlaglicht auf den deutschen Literaturbetrieb der Nachkriegszeit.

Unter dem Titel Wir müssen wahre Sätze finden hat der Kampa Verlag eine Sammlung von neun Gesprächen veröffentlicht, die Ingeborg Bachmann in den 1950er-, 1960er- und 1970er-Jahren mit verschiedenen Interviewpartnern führte. Die Gespräche, von denen einige bereits 1983 beim Piper Verlag erschienen sind, zeigen sie überwiegend als eine nachdenkliche Schriftstellerin, die sich ihrer Persönlichkeit und ihres künstlerischen Schaffens bewusst ist. Den Anfang der Sammlung macht das Interview mit dem Journalisten Joachim von Bernstorff vom 26. März 1956, in dem Bachmann ihre poetologische Grundhaltung formulierte: „Wir müssen wahre Sätze finden, die unserer eigenen Bewußtseinslage und dieser veränderten Welt entsprechen.“

Auf die Frage, was ihr am wichtigsten sei, Lyrik, Hörspiele oder Prosa, antwortete Bachmann in einem Interview von 1963 mit dem Schweizer Schriftsteller Kuno Raeber: „Die sind mir alle eins, Angriffe und Expeditionen in die eine Richtung, von verschiedenen Seiten aus, mit verschiedenen Mitteln.“ Zwei Jahre später, am 15. September 1965, sprach sie mit dem DDR-Journalisten Josef-Hermann Sauter in einem Interview, das vor allem dazu gedacht war, sie dem Leserpublikum der DDR näherzubringen. Dennoch ließ sich die Schriftstellerin dabei nicht kulturpolitisch vereinnahmen.

In einigen Gesprächen äußerte sich Bachmann explizit über ihr Schreiben, wobei die Musik eine zentrale Bedeutung einnahm, sowie über ihr Selbstverständnis als Schriftstellerin. In dem vielbeachteten Interview (23. März 1971) mit dem Journalisten Veit Mölter betonte sie: „Ein Schriftsteller kann sich der Sprache überhaupt nicht bedienen, sondern […] er muss sie zerschreiben.“ Das Gespräch, das unter dem Titel Liebe führt in die Einsamkeit veröffentlicht wurde, drehte sich intensiv um den Schreibprozess und die Herausforderung, die passenden Worte zu finden.

Bachmanns Frankfurter Poetikvorlesungen, bekannt durch die prägnante Aussage „Keine neue Welt ohne neue Sprache“, gehören wohl zu den tiefgreifendsten Auseinandersetzungen mit der Krise der zeitgenössischen Literatur und Gesellschaft. Besonders aufschlussreich sind die beiden Interviews mit Ilse Heim (3. Mai 1971) und Andrea Schiffner, die tiefere Einblicke in den Entstehungsprozess ihres Romans Malina (1971) ermöglichen.

Den Schlusspunkt der Publikation setzt das Filmporträt der ORF-Mitarbeiterin Gerda Haller, die Bachmann wenige Monate vor ihrem plötzlichen Tod im Juni 1973 in Rom traf. Ergänzend zu den Gesprächen hatte Bachmann einige Texte eingesprochen, die in der Neuerscheinung transkribiert wiedergegeben werden. Gemeinsam mit der Regisseurin besucht sie ihre Lieblingsorte in der italienischen Hauptstadt. Abschluss des Porträts bildet die Lesung ihres Gedichts „Böhmen liegt am Meer“, eines ihrer letzten Gedichte, das auf ein Motiv von Shakespeares Komödie Ein Wintermärchen zurückgeht.Im Mai 2026 erschien im Mailänder Verlag Adelphi die Erinnerungen Gli ultimi giorni die Ingeborg der schweizerischen und italienischsprachigen Schriftstellerin Fleur Jaeggy, die pünktlich zum Bachmann-Jubiläum in deutscher Übersetzung unter dem Titel Die letzten Tage von Ingeborg vom Suhrkamp Verlag herausgegeben wurde. Zunächst schildert Jaeggy in dem fragmentarischen Text Das Salzwasserhaus einige Momentaufnahmen ihrer freundschaftlichen Beziehungen. So verbrachten die beiden Frauen 1971 einen Monat gemeinsam mit einem roten Alfa Romeo an der toskanischen Küste. Sie verbrachten unbeschwerte Sommertage in einem Haus am Meer und führten hier ein zurückgezogenes Leben wie Einsiedlerinnen. Ingeborg Bachmann wollte damals nur „Weg von Rom, an nichts denken, keine Briefe, keine Telefonate, kein Antwortenmüssen“. Mit einfühlsam gewählten Sätzen zeichnet Jaeggy ein sensibles Porträt ihrer Freundin, wobei sie insbesondere deren Zurückhaltung und den Hang zum Schweigen hervorhebt.

Die Auszeit in der Toskana war aber nur eine „geflügelte Heiterkeit über Abgründen“, wie Jaeggy diese Wochen mit einer Gedichtzeile von Bachmann beschreibt. Den Abschluss des schmalen Bandes bildet die titelgebende Erzählung mit den Erinnerungen an die letzten Tage ihrer langjährigen Freundin, die bei einem Brand in ihrer römischen Wohnung schwere Verletzungen erlitt. Wahrscheinlich versehentlich ausgelöst durch die Glut ihrer eigenen Zigarette. Jaeggy war in den letzten Tagen an ihrer Seite.

Die Hoffnung schwindet. Sie war ohnehin gering. Von Anfang an. […] Ingeborg wirkte fast entspannt. In ihrem Gesicht war etwas Verschleiertes, wie ein Licht, das ihre Züge verklärte. „Wir haben es gut gehabt.“ Es war ein Abschied. Sie wusste es.

Jaeggy besuchte ihre Weggefährtin häufig im Krankenhaus Sant’Eugenio, in das Bachmann eingeliefert worden war und dort knapp drei Wochen später, am 17. Oktober 1973, an den Folgen ihrer schweren Verbrennungen verstarb. Bewegende Szenen lassen diese schmerzhafte Zeit für Jaeggy lebendig werden – sie schufen ein intimes Denkmal für ihre enge Freundin.

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Dieter Burdorf: Dieses unruhige Ich. Ingeborg Bachmann. Eine Biographie. Zum 100. Geburtstag der Dichterin.
Verlag C.H.Beck, München 2026.
764 Seiten, 32,00 EUR.
ISBN-13: 9783406844843

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Ingeborg Bachmann: Wir müssen wahre Sätze finden. Gespräche in Rom und anderswo.
Kampa Verlag, Zürich 2025.
112 Seiten , 22,00 EUR.
ISBN-13: 9783311140559

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Fleur Jaeggy: Die letzten Tage von Ingeborg. Ingeborg Bachmann aus nächster Nähe – bewegende Szenen einer Freundschaft.
Aus dem Italienischen von Barbara Schaden.
Suhrkamp Verlag, Berlin 2026.
44 Seiten , 16,00 EUR.
ISBN-13: 9783518433294

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