Robert Walser wandert wieder

Über Percy Adlons Film-Porträt „Der Vormund und sein Dichter“

Von Marc ReichweinRSS-Newsfeed neuer Artikel von Marc Reichwein

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Endlich! Das ist der erste Gedanke zu dieser Filmedition. Wer das 1978 für den Bayerischen Rundfunk entstandene Porträt jemals sah, konnte lange nur vergeblich auf die Fernseh-Wiederholung hoffen – die letzte Ausstrahlung (2003 bei 3sat) liegt immerhin auch schon eine Weile zurück. Umso erfreulicher, dass dieses Meisterwerk der Annäherung an einen Dichter jetzt doch noch DVD-lizenzwürdig und somit verfügbar geworden ist: Robert Walsers Hausverlag bringt das Werk in seiner „filmedition suhrkamp“ heraus.

Percy Adlon, der Regisseur und Drehbuchautor, hat mit „Der Vormund und sein Dichter“ ein ebenso sehenswertes wie sonderbares Stück Literaturgeschichte verfilmt. Es basiert auf Carl Seeligs Buch „Wanderungen mit Robert Walser“ von 1957. Seelig, ein wohlhabender Publizist und Mäzen aus Zürich, kümmerte sich um Walser (1878-1956). Er besuchte den Schriftsteller, der während seiner letzten Lebensjahrzehnte verstummt, vergessen und verarmt in der psychiatrischen Heilanstalt von Herisau lebte, regelmäßig zu ausgedehnten Spaziergängen; seit 1944 fungierte er auch als Walsers amtlicher Vormund.

Adlon ist ein Ausnahme-Fernsehfilm gelungen, der 1978 zu Recht mit zwei Grimme-Preisen (für Drehbuch/Regie und den Walser-Darsteller) ausgezeichnet wurde. Lobenswert an dieser Suhrkamp-Edition ist auch das knapp 50-seitige Booklet zum Film. Es enthält nicht nur Auszüge aus Seeligs Buch, nach denen gedreht wurde; es besticht auch durch einen bisher unveröffentlichten Aufsatz von Percy Adlon zur Entstehungsgeschichte des Films.

Darin legt Adlon dar, dass er „kein übliches Porträt machen wollte“. Vielmehr arbeitete er sich durch Seeligs Buch und entdeckte für sich, „daß es sich hier um zwei Männer handelt, die sich nichts zu sagen haben. Walser wollte laufen und möglichst oft essen. Seelig wollte der alleinige Robert-Walser-Vertraute, Experte und Verwalter werden.“

Aus dieser ungleichen Konstellation der beiden Wanderer kreiert Adlon einen vordergründig dokumentarischen Film, in dem die beiden Darsteller aber nicht nur Walsers und Seeligs Dialoge, so wie sie Seeligs Buch der Nachwelt überliefert hat, szenisch nachsprechen, sondern auch aus ihren Rollen heraustreten – indem sie sich an den Zuschauer direkt wenden. „Ich glaube, daß Walser das gemocht hätte. Er mochte Rollenspiele. Er ‚foppte‘ den Leser gern“, notiert Adlon im Booklet.

Rolf Illig spielt Robert Walser, so mutmaßlich walserisch, dass man alle Elemente, die man als Leser aus Walsers Prosa kennt, in schierer Mimik und Gestik wiederzuerkennen glaubt. Am verwegensten vielleicht in der Szene mit den Blutorangen am Bahngleis. Seelig steigt nach einem erfüllten Wandertag in den Zug nach Zürich, und Illigs Walser spielt Schlussleuchte.

Dass Illig die Rolle seines Lebens beinahe abgelehnt hätte, weil er anfangs glaubte, er könne Walsers Regenschirm nicht richtig halten, gehört zu den Begleit-Anekdoten dieses Films, in dem auch die Appenzeller Landschaft kongenial mitspielt: Mit ihren Hügeln und Zäunen spiegelt sie ein „Poetenleben“, das an seiner eigenen finanziellen Unstetigkeit zerbrach, in seiner Sehnsucht nach verlässlichen Linien und Banden wieder.

Wer Seeligs Buch und Adlons Film kennt, mag früher oder später unbedingt mal selbst nach Herisau fahren. Er kann auf dem offiziellen „Robert-Walser-Pfad“ oder anderen Wegen „herumzigeunern“ (Seelig). Und er wird die Wirtshäuser suchen, in denen Seelig und Walser einkehrten. Über die Umgebung der Heilanstalt, die ihren Patienten während seiner 23-jährigen ‚Mitgliedschaft’ so geräuschlos in sich aufgenommen hat, kann man nur staunen. Ein Schriftsteller, der von Autoren wie Franz Kafka bis Ernst Cassirer hochgelobt wurde, zieht sich ins geregelte Anstaltsleben zurück. Ihm genügt es, wenn er dann und wann auswandern und gut einkehren darf. Leiser und tragikomischer hätte ein Prosastück von Walser das auch nicht erfinden können.

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Percy Adlon: Der Vormund und sein Dichter. DVD 5.
Suhrkamp Verlag, Berlin 2013.
90 Minuten, 19,90 EUR.
ISBN-13: 9783518135358

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